Monatsarchiv: September 2010

18. Wandertag

Sonntagmorgen. Der letzte Tag ist angebrochen. Ich weiß genau, er wird besonders schön. 5Uhr klingt die iPhone-Melodie. Vor der Tür steht ein Beutel: 2 Teeflaschen und 2 Dosen mit Wurst- und Käsebroten, Salz, Pfeffer, Marmelade, Apfel, ein Ei. Mein Überlebenspaket für einen gewollt langen Tag.

6:30 raus zur Hintertuer, alles pennt ruhig weiter. Es wird gerade hell. Diesen Tag will ich noch voll nutzen.

Morgennebel, der sich als Niederschlag an den Spinnennetzen zeigt; die schemenhaften Kulissen werden immer heller, gelblicher, durchsichtiger. Rechts strömt mir die Werra sehr schnell entgegen, aber auch ich komme flott voran und schon dringe ich unbemerkt in Falken ein…

…In Falken dringt jetzt die Sonne durch die Schwaden des Nebels. Außerhalb dringt mein Lunchpaket ins Bewusstsein. Ein schöner Platz an der Werra, ein Brot genehmige ich mir, schnell will ich weiter.

Steil, fast senkrecht steigen jetzt linker Hand die Felswände empor. Dann die Felsenkanzel, von der aus Thomas Münzer die Bauern von Falken zum Widerstand aufgerufen hatte.

Bald hinter Probsteizella ist im Tal Platz für Pferdekoppeln. Eines der Rösser, so sah es aus, schien mich um die große Koppel, die ich hatte, zu beneiden.

Ich finde, das schönste Stück des Wertatales ist das zwischen Falken und Ebenshausen. Dorthin komme ich zur Mittagsrast in weiten Talschleifen ueber Frankenroda.

Eine Fussgängerbrücke, der nächste Werrabogen wird abgekürzt, und schon ist die Brücke bei Mihla erreicht.

Wie komme ich zurück,besonders, wenn ich heute versuchen will, meinen persönlichen Tagesrekord zu brechen? Der liegt bei 21,0 km, aufgestellt am 31.12.2009. Bis zum Ufer der Werra in Mihla habe ich erst 14,5 km erreicht.

Ich suche gezielt hilfreiche Leute. Und es ergibt sich, dass der Mann vom neuen Partyboot schon mal ne halbe Stunde wegkoennte. Mit seinem alten Chrysler startet er, laesst alle Partyanwärter im Stich, erstmal zum Tanken in Creuzburg…

…In Schnellmannshausen stoppe ich ihn schnell. Auf der Wanderkarte habe ich einen Radweg entdeckt. Und der bringt mich nach Treffurt zurueck.

Reicht das fuer einen Rekord zum Abschluss der 20 Tage? Vorsichtshalber mache ich noch ne  Schleife zusaetzlich. Am alten Bahnhof vorbei. Noch ein Besuch bei den vielen Ortsschildern, die mir als Anregung fuer kuenftige Wanderungen dienen. Noch vorbei am Fachwerkrathaus. Dann erst hinauf in die Zielgerade auf der Strasse mit dem originellen Namen: Heidewickchen.

Gegen 18:45 ist das Ziel erreicht, nach einem reichhaltigen Tag -über 21 km und ungewöhnlichen 3 Wochen.

Ich fühle mich super! Nicht muede oder gar ausgepumpt. Ich weiß, morgen bin ich genau so gut regeneriert wie nach den vergangenen Tagen. Es wäre schoen, wenn dieses Erlebnis der Energiegewinnung und – umsetzung auch anderen Amputierten möglich werden koennte. Doch morgen ist dann besser Zeit für ein Fazit. Erst mal ausschlafen!

RZ

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17. Wandertag

Ich sollte mal den Sitz der Prothese verbessern. Auch sollte ich ein Pflaster anbringen. Etwas weiter rechts steht ein Verkehrsschild am Waldweg. Links daneben, wie es sich gehört, ein Graben. Eine tolle Gelegenheit, dass mir mein Material, die Gehhilfen oder der Liner reinrutschen. Tun sie aber nicht. Der Boden ist nicht eben, 4 mal muss ich die Prothese neu anziehen, dann mache ich mich an den Anstieg…

Nun wird es aber Zeit! Gut durchtränkt und steil geht es empor. Gern würde ich den Wiesenberg (330m) und den Marienhof erreichen, schon wegen der zu erwarteten Aussicht. Kaum erkennbar eine Gabelung; von den Fahrspuren geht rechts ein grasiger Pfad neben der engen Talrinne ab. Ich vertraue aber mehr den Spuren. Weiter oben: Ende und kein Weg mehr. Nur steiler Waldboden, die offeneren Stellen dicht zugewachsen.
Zurueck also, das werde ich ja so langsam gewöhnt.

Ein matschiger, sehr abschüssiger Abstieg. Die Schuhe sind an der Rutschgrenze! Jeden einzelnen Schritt genau überlegen! Wo kann man sich besser einstemmen, wo finden die Gehhilfen einen Widerstand. Nie schräg aufsetzen, immer senkrecht zur Bodenneigung. Zusätzlich liegen sperrige Zweige und klobige Prügel kreuz und quer. Ich brauche nur auf einen querliegenden Ast mit einem Fuss draufzutreten, zumeist geht dann das andere Ende des Astes in die Höhe,  damit der andere Fuss hängen bleibt. Doch keine Angst, auch hier gilt die Tatsache: Je dicker der Matsch, umso genussvoller die Landung! Nun reicht es zeitlich nicht mehr, den grünen, feuchten Pfad auszutesten. Ich gelange rutschend wieder unten auf die Waldstrasse und wende mich rechts, wieder auf Grossburschla zu.

RZ

16 Wandertag

…Durch Felder naehere ich mich Heldra. In den Waeldern waere ich noch laenger aufgehalten worden. Ich suche den Weg an der Werra entlang.
Im Ort frage ich zwei Mal nach der Blauen Bruecke. Geradeaus, dann links, Sie werden es sehen, wird mir zwei Mal geantwortet.
Weite Felder, einige Schilder des Naturschutzgebietes darauf verteilt, ich gehe links, doch in die gewuenschte Richtung geht weiter kein Weg.
Aber ein Feld mit Maisstoppeln direkt vor der Prothese. Na ja, besser als durch Maiskolben oder ein zu weiter Umweg. Die Stoppeln sollen mich nicht stoppen. Danach doch kein weiterer Weg, dafuer eine hochgrasige Wiese. Immer entlang an den Erlen und Weiden der Werraaue.
Bei der Blauen Bruecke, die dann doch in Sicht kommt, ueberquere ich das Gruene Band. Hier erreiche ich Thueringen.

Und mit dem Werraweg komme ich dann nach Treffurt und zum Quartier.
Die Strecke des 2. halben Wandertages war 8 km.

RZ

15. Wandertag

Guten-Morgen-Grüße aus dem CANTUS von Melsungen nach Bebra.
Von dort geht’s zur Fuldabrücke und linksseitig bis Rotenburg

Gerade habe ich per Mail von zehn Regentropfen pro Stunde berichtet, da sind es plötzlich 30 pro Sekunde gewesen, eine volle Minute lang. Von meiner Rastbank aus sehe ich bereits die ersten Häuser von Rotenburg. Der Weg hierher lässt sich am besten mit ein paar Bildern beschreiben. Ein geteerter Weg, auf dem heute mal keine weiteren Abenteuer zu erwarten sind.

Ein Autofahrer kurbelt die Scheibe runter: „…das war aber ein langes Brötchen!“ Sicher kam er schon einmal an dieser Bank vorbei. Aber ich habe doch nicht nur gegessen. Er wusste eben nicht, dass ich soeben ein Date mit einer jungen Redakteurin verabredet habe, dann wäre seine Bemerkung bestimmt völlig anders ausgefallen.

Von hier an war die Tallandschaft viel offener. Ich hielt mich weiter an der Fulda entlang. Kurz vor der Stadt kam mir Frau H. mit einer Kollegin entgegen. Es war ein sehr ausführliches Gespräch; auf diesen Zeitungsartikel bin ich sehr gespannt –  falls er erscheint.

In leichtem Regen geht es zum Bahnhof, eine Stunde früher als geplant, den Talweg heute habe ich doch recht flott abgelaufen. Umso besser, denn ich muss heute ja noch alles packen für den Transport morgen früh.

Inklusive der zwei Melsunger Kilometer waren es heute 11,5 km.

RZ

14. Wandertag

Meine neue Planung für heute: Ich laufe nicht nach Cornberg, sondern direkter auf Melsungen zu. Es geht zuerst über den Hof Hübenthal, und bei Heyerode biege ich nördlich ab zum Höhlerberg, am dessen Südhang ich einen Holzstapel entdecke.

Auf den schmalen Wirtschaftsstraßen geht das Laufen ganz zügig. Ich denke an die Jahre in Leipzig, 1952 bis 1955, als unsere Jungengruppe, alle so um die 15 Lenze, immer wieder solche Wege gewandert sind. Ich rufe den Hans an, jetzt etwa 78. Als er hört, dass ich 2011 den Rennsteig machen will, den wir 1952 schon gemeinsam bewältigt haben, stimmt er mir zu, dass diese Bewegung gut für mich ist und vor allem mit Vergnügen zu tun hat.

Eigentlich sollte heute ein Ruhetag sein. Vier Wandertage waren es jetzt wieder am Stück. Aber ich will wissen, was passiert, wenn ich 25 Prozent drauflege…

…Straßengrabenrast!
Grade habe ich alles Restliche weggeputzt! Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, wie gut die Wurst- und Käsebrötchen schmecken, wenn die Beine bequem im Graben ausgestreckt sind, natürlich alles im Trockenen, die Mütze als Sitzunterlage im Gras. Die Berieselungsanlage des Wettergottes ist eingeschaltet, nur ich habe ein dichtes, schützendes Blätterdach über mir. Ringsum das beruhigende Getröpfel, weiter hinten leises Traktorengeräusch, nur bei mir selbst das leichte Klappern meines lockeren Backenzahnes, ansonsten herrliche Ruhe!

Vorhin entdeckte ich die ersten Herbstzeitlosen. Ein Wiesenweg sollte mir Aussicht und Abkürzung bringen. Doch über Stacheldrahtzäune wollte ich heute nicht mehr springen. Also sahen mich die Kühe am Getränkewagen eben noch mal aus der anderen Richtung kommend.

Mein Tagesziel heißt Eltmannsee. Dort oder auf der Straße vorher wird mich nachher ein netter Mensch auflesen und zu meinem übrigen Gepäck packen. Dann geht’s nach Melsungen…

…Der See in Eltmannsee kam in Sicht, da werde ich schon angeblinkt:
„Das ist aber ein gutes Timing!“ Ich setze mich zu meinem Gepäck, und nach einer geruhsamen Fahrt gelange ich so in die „Alte Scheune“ in der Fachwerkstadt Melsungen an der Fulda.

…Was ist passiert nach 5 Tagen Wandern ohne Ruhetag? Nichts, ich habe keinerlei Probleme. Ich prüfe nur noch auf der Wanderkarte nach, ob ich die geplanten 12 km erreicht habe. Die Idee mit fünf anstatt vier Wandertagen am Stück war übrigens nicht neu, sondern von Anfang an eingeplant. Der Test war also erfolgreich!

RZ

13. Wandertag

7:45 Uhr: Blauer Himmel pur! Herrlich ist die noch frische Luft. Mit Anorak bekleidet steige ich östlich in einem Seitental der Sontra den Wäldern entgegen. Ein Tag zum Genießen, der schönste bisher. Alle Sinne einschalten! Am steilen Waldweg atme ich Sauerstoff aus frischester Photosynthese des Waldes, wie Milch direkt von der Kuh.

Eine Bank am Waldrand, ein Angebot; aber noch zu früh zum Rasten, doch ich schlage es nicht aus und meine restlichen Zähne beißen in die ersten beiden Brötchen, während ich die Aussicht genieße.

Und genau das ist ja das Besondere am Wandern: Dass du Herausforderungen und kleine Abenteuer mit Genuss verbinden kannst. Wo hast du das sonst noch?

Eine Weile ging es an Waldrändern entlang mit immer wieder weiten Ausblicken. Dann stieg der Weg kräftig an, zum Zwischenziel, dem Hollstein. An einer Bank war genau die Höhe des Sitzes angegeben. Ein längerer Abstieg bis zur zweiten Rast folgte.

Der Rückweg wartete auf mich. Zunächst ein kleines Seitental. Hier entstand seit langem einmal der Eindruck von schläfriger Nachmittagshitze; der Wind war zwischen den Bergen völlig abgeschottet. Von links hinten brannte die Sonne auf den Rucksack; dieser gab die Wärme an mich weiter und allmählich sickerte sie auch am Beinstumpf hinab, der ja in dieser Richtung im Schatten wanderte. Bevor es wieder hinauf ging, hieß es deshalb wieder: Einmal Waschen, Trocknen und Fönen (dies übernahm wieder der frische Wind) und Ölen bitte. Der Stumpf war zufrieden! Trotz der beginnenden Entzündung heute früh konnte ich diesen Tag vollständig durchlaufen. Gleichzeitig die 2. Rast.

Ich habe heute eine neue Erkenntnis getestet, bisher erfolgreich: Sobald sich die Prothese nach einer Weile nach links dreht, beginnt der Schaftrand im Schritt zu drücken. Als ich heute in diesem Falle die Prothese neu anzog, ging es problemlos weiter…

…also auch der nächste Anstieg; ich musste ja ins andere Tal. Es ging einen Waldweg, halb zugewachsen, steil hinab. Auf Betonwegen und den Straßen von Sontra erreichte ich nach 13 km völlig zufrieden mein heutiges Quartier.

RZ

12. Wandertag

Die ersten 1-2 Stunden sind heute vollends vom Herbst erobert. Kühl und neblig, da nehme ich dann doch kein Wasserlinsenbad in dem Stauweiher bei der Feengrotte.

Doch die Stimmung hier im Wald ist herrlich. Auch andere Dinge tun gut. Der Start morgens, so wie heute 8:15 Uhr, endlich loszugehen. Die Ruhe, gelegentlich höre ich weit unten mal das Geräusch eines Zuges, sonst nur meine Schritte auf der steinigen Waldstrasse. Das Gefühl, wie die Prothese mich den Berg hochschiebt. Auch das Bewusstsein der verlässlichen Eigenschaften des C-Leg. Wenn die ersten Sonnenflecken zwischen den Bäumen auftauchen. Wenn das erste Hungergefühl entsteht und das Gewicht des zweiten Frühstücks auf die Schultern drückt. Und wenn so ein toller Rastplatz in Sicht kommt.

Fürs erste beschließe ich satt zu sein. Weiter geht’s…

…eine breite, sehr lange Lichtung, zwei graue Metallkabel schweben ein paar Zentimeter über dem kurzen Gras. Ein alter Daimler ohne Kennzeichen mit einem jünger wirkenden Fahrer brummt die Bergwiese hoch, ich winke, er lenkt rüber. „Sie können mit hoch fahren zu unserer stationären Winde, ich lasse gleich zwei steigen, schauen Sie doch mal zu.“

Prima, das gibt ein paar Bilder von Segelfliegern, freue ich mich. Von seiner erhöhten Kabine aus gelingt mir ein Schnappschuss mit meiner Lumix durch die Dachluke. Mit dem iPhone wird so ein Flieger zu winzig. Und zu schnell für mich ist er auch. Unten am Start war es schon leichter…

…Durch den Wald geht es nun wieder abwärts. Am Waldrand, an einer Hütte, bestens geeignet für meine zweite Rast. Doch es weht so kühl, dass ich doch die Jacke anziehe. Unten geht es in ein enges Tal. Hier weht es weniger und es ist angenehm warm. Also zieh ich die Jacke wieder aus. Aber die Anzeichen des baldigen Herbstes werden häufiger. Noch einmal gehe ich auf eine Anhöhe, der Weg wäre sonst zu kurz. Der Blick zurück zu dem Berg, auf dem ich vorhin war, wird dadurch möglich.

Durch die Stadt marschiere ich zum Quartier in Sontra und erreiche es nach 13,5 km.

RZ

11. Wandertag

Heute ist der Tag mit der spontanen Wanderung. Da es gestern wider jede Erwartung später wurde als geplant, gehe ich heute erst 8:15 Uhr zum Frühstück. Das Reservegepäck ist abholbereit. Spontan gehe ich 9:30 Uhr los, grob in Richtung Sontra, dem nächsten Quartier. Zunächst regnete es kurz, doch bei meiner ersten Rast am Hof Vogelsburg hatte ich bestes Wetter.

Der Anstieg zur Blauen Kuppe ist sehr steil. Ein prächtiger Schmetterling begleitet mich kurz. Am Rundweg um die Kuppe wird dieser Weg von einem netten Ehepaar wärmstens empfohlen, also mache ich ihn.

Das harte vulkanische Gestein der Kuppe blieb von der Abtragung unberührt…

…ich jedoch nicht vom wachsenden Hunger. An der Südseite des Berges finde ich die erhoffte Bank.

Da fällt mir ein: Seit gestern habe ich „Neuland“ betreten. Bisher war ich bei Stuttgart nur bis zu neun Tagen auf Prothesenwanderung. Jetzt bin ich neugierig, wie die folgenden Tage verlaufen.

Zuerst wollte ich über Langenhain und Datterode laufen. Einen weiteren Berganstieg brauchte ich heute aber nicht unbedingt, deshalb schlug ich den Weg nach Reichensachsen ein. So kam ich flüssiger voran.

Ein zufälliger Blick nach rechts. Wolkenfetzen der dunklen Sorte und Regenschlieren ziehen auf das Wehretal zu, wohin ich ja auch will. Der Hohe Meißner vor mir ist völlig zugezogen. Da steht unter Kiefern noch eine Bank. Gleich wird’s losgehen. Also schnell die vorgesehene Plastiktüte ums C-Leg, die Regenjacke an, die Mütze auf und die blaue Haut um den Rucksack, und es kann weitergehen. Die Regenhose habe ich nicht dabei, aber meine Zipp-Off-Hose trocknet schnell.

Einige Kilometer möchte ich noch schaffen. Die folgende Berieselung hält nur kurz an, blaue Stellen folgen den Wolken schon nach; noch vor Ort packe ich die Regensachen wieder weg.

An der Wehre entlang, die Sonne scheint inzwischen wieder, komme ich noch 20 Minuten vor 18 Uhr in Ötmannshausen an, nach 12,5 km. Das bestellte Gepäcktaxi sammelt mich auf und bringt mich im nächsten Quartier nach Sontra.

RZ

10. Wandertag

Um 7:45 Uhr bin ich schon aufgebrochen. Mit dem Kompass des iPhone fand ich leicht die Richtung aus der Stadt heraus.

 

Mittlerweile bin ich auf dem Sattel des Schlierbachswalds angelangt. Eine Baumlagerstätte gibt mir eine Sitzgelegenheit zum Rasten. Mein erstes Brötchen, mein zweites Frühstücksei. Ein Schlag auf den Hinterkopf, doch der noch halbflüssige Dotter ist drin geblieben. Hoffentlich ist das ein gutes Zeichen dafür, dass auch die Bewölkung weiter an sich hält.

 

Es folgt ein schöner Weg, der später dann aber nur mit viel Phantasie in der Karte eingetragen steht. Ich komme dadurch zu weit nach rechts, zwei unnötige Kilometer auf der L3300 sind die Folge. Doch clever und Gelände ausgleichend wie die Karte ist, verhindert sie in diesem Falle, dass ich noch durch drei zusätzliche Talsenken hindurch muss.

Noch ein Käsebrötchen, und weiter geht es jetzt mit dem Hessenweg auf Waldwegen in Richtung Wanfried…

 

…Abenteuer Kartografie! Die frischen Kartographen sollten eine Wanderprüfung ablegen müssen mit Hilfe der Machwerke ihrer älteren Kollegen. Wege richtig einzutragen wäre verantwortungsvoller und auch nicht viel schwieriger. Mir kostete das heute etwa 1:45 Stunden (zusätzliche 3,5 km), weil ich mich an Karte und Wegweiser gehalten habe und dreimal umkehren musste. Diese Wegzeichen sind mal sichtbar und mal nicht.

 

Wie es bis zum Auer Blick weiterging, zeigen einige Bilder. Mit Wasser abgefüllte Wege. Ausweichen am Rande unter tief hängendem Gezweig. Danach immer eiliges Kribbeln auf

meiner Rasenfrisur. Oder Spinnfäden quer über die Nase von einem Ohr zum anderen.

 

Die Moraststellen hatten es in sich. Fast rutschten die Schuhe nach hinten weg, denn ich kam nur seitwärts tastend an ihnen vorbei. Die Gehhilfen versanken tief; mit einem saugenden Plopp kamen sie schmatzend wieder frei.

 

Eine spezielle Aufgabe war ein Wiesenweg mit tiefen Regenwasserfurchen. Attraktive mannshohe Brennnesseln standen im einzigen für die Füße erreichbaren Bereich. Zuerst ein riesiger Schritt zum rechten Ufer, wobei der Prothesenschuh allerdings etwas Wasser schluckte. Ich fand das nicht mal nass. Nun wurden die Gehhilfen zu Macheten. Alle Brennnesselzweige wurden erbarmungslos gekappt oder sie verhakten sich mit Ihresgleichen. Der Weg war frei, ein Schritt nach links zur trockenen Wegmitte, und die Prothese war von dem Sog locker. Wie hingezaubert stand zehn Meter weiter der richtige Baum zum Anlehnen.

 

Bis zum Auer Blick zog sich deshalb der Weg anscheinend endlos lang hin. Immer wieder musste ich auch seitlich Bogen durch den Wald schlagen. Mit zwei Stunden Verspätung kam ich endlich dort an und nahm mir für die Rast nur 15 Minuten Zeit…

 

…das sollten noch nicht alle Attraktionen gewesen sein, die mir auf diesem Bergweg geboten wurden. 4 km noch! Zuerst ging es ganz einfach. Das letzte Brötchen gegessen, Energie nachgetankt, einige Nüsse, und den ersten Anstieg flott hinauf. Doch bald wurde ich wieder ausgebremst.

Sämtliches Schwarzwild schien es dauernd nur auf diesen Weg abgesehen zu haben. Tiefe Wühlspuren teils in der gesamten Wegbreite. Auch hier die Böschung hinauf, durchs Unterholz die beste Umleitung gesucht und zurück in den Schlamm.

 

Zweimal noch Stämme quer über den Weg. Dann endlich ein „anständiger“ Weg. Dafür der Verlust der Wegmarkierung. Ich musste abwärts, denn das Werratal war nicht mehr weit. Ein Querweg, aber kein Hinweis nach Wanfried. Rechts wieder bergauf? Oder links bergab? Also links! Doch bald stimmte diese Richtung nicht und es ging auch wieder hoch. Unten im Tal die Straßengeräusche gar nicht weit. Und wieder mal zurück. Der Bergaufweg war gabelte sich schließlich doch, führte aus dem Wald hinaus und steil zur Brücke der Werra.

 

Der Bus war vor 2 Std. auf und davon. Das Taxi war der Ausgleich. 13 km wären es gewesen, durch die Fehlleitungen wurden es nun 16,5 km.

Morgen dann bitte etwas später!

 

Auf den heutigen Zeitungsartikel hat sich leider niemand gemeldet.

 

RZ

Zwischenbericht

Ein kurzer Zwischenbericht

Das war also etwa die Hälfte der Tour. Deshalb hier ein paar Rückblicke.

KILOMETER Bisher habe ich nicht ganz das schaffen können, was ich wollte.

ENTZÜNDUNGEN Die anfänglichen Hautreizungen sind trotz der Lauferei weitgehend reduziert worden. Meine neue Methode scheint sich zu bewähren.

SCHAFT Manchmal muss ich den Sitz einfach korrigieren. Das ist noch zu oft. Zuerst sitzt der Schaft super, doch nach einiger Zeit verändert sich der Sitz. Dann muss ich möglichst schnell eine Sitzfläche oder einen senkrechten Halt finden. Ich hoffe, dass der neue Schaft am oberen Rand nicht so viel Reibung bzw. Druck erzeugt.

WETTER Alles OK! Wenn man Bewegung hat, empfindet man die kühle Witterung als angenehm. Bewegung hilft halt!

GRÜNES BAND Schade, dass es zuwächst! In ein bis drei Jahren ist es teilweise von Dornen und Büschen erobert (Stürzlieder Berg Richtung Winterberg). Schade, dass es bei Nässe an den steilsten Hängen für Wanderer nicht begehbar ist (Sielmann-Weg, Hang östlich von Gerblingerode). Die Schuhe haben an den bemoosten Platten keinen Halt. Ebenso schade ist, dass das Grüne Band manchmal nicht als Wanderweg erkennbar ist. An Wegkreuzungen und -gabelungen gibt es keine zweifelsfreien Wegmarkierungen. Auch durch landwirtschaftliche Nutzung unterbrochene Bereiche erkennt man zu spät, wenn man bereits wieder umkehren muss.

Ich empfinde das Grüne Band als große Chance und wertvolle Attraktion. Wenn es von Wanderern genutzt werden soll, wenn man seinen Sinn verstehen soll, wenn die sich wandelnde Natur erlebbar sein soll, muss man ihn auch finden und begehen können. Vielleicht gibt es einmal einen Verein Grünes Band oder weitere Arbeitsgruppen. Das Potential der erforderlichen Experten und ehrenamtlichen Helfer gibt es bereits. Im Deutschen Wanderverband gibt es für fast jede(s) deutsche Mittelgebirge/ Landschaft einen Wanderverein, in dem kompetent zertifizierte Wanderwege erstellt oder Landschafts- und Naturschutz und pflege geleistet werden. Vielleicht müssten der Präsident und die betreffenden Mitglieder dieses Verbandes nur dazu motiviert werden, das Grüne Band als neue und wichtige Aufgabe zu begreifen.

RZ

9. Wandertag

Um 7:45 Uhr bin ich schon aufgebrochen. Mit dem Kompass des iPhone fand ich leicht die Richtung aus der Stadt heraus.

Mittlerweile bin ich auf dem Sattel des Schlierbachswalds angelangt. Eine Baumlagerstätte gibt mir eine Sitzgelegenheit zum Rasten. Mein erstes Brötchen, mein zweites Frühstücksei. Ein Schlag auf den Hinterkopf, doch der noch halbflüssige Dotter ist drin geblieben. Hoffentlich ist das ein gutes Zeichen dafür, dass auch die Bewölkung weiter an sich hält.

Es folgt ein schöner Weg, der später dann aber nur mit viel Phantasie in der Karte eingetragen steht. Ich komme dadurch zu weit nach rechts, zwei unnötige Kilometer auf der L3300 sind die Folge. Doch clever und Gelände ausgleichend wie die Karte ist, verhindert sie in diesem Falle, dass ich noch durch drei zusätzliche Talsenken hindurch muss.

Noch ein Käsebrötchen, und weiter geht es jetzt mit dem Hessenweg auf Waldwegen in Richtung Wanfried…

…Abenteuer Kartografie! Die frischen Kartographen sollten eine Wanderprüfung ablegen müssen mit Hilfe der Machwerke ihrer älteren Kollegen. Wege richtig einzutragen wäre verantwortungsvoller und auch nicht viel schwieriger. Mir kostete das heute etwa 1:45 Stunden (zusätzliche 3,5 km), weil ich mich an Karte und Wegweiser gehalten habe und dreimal umkehren musste. Diese Wegzeichen sind mal sichtbar und mal nicht.

Wie es bis zum Auer Blick weiterging, zeigen einige Bilder. Mit Wasser abgefüllte Wege. Ausweichen am Rande unter tief hängendem Gezweig. Danach immer eiliges Kribbeln auf

meiner Rasenfrisur. Oder Spinnfäden quer über die Nase von einem Ohr zum anderen.

Die Moraststellen hatten es in sich. Fast rutschten die Schuhe nach hinten weg, denn ich kam nur seitwärts tastend an ihnen vorbei. Die Gehhilfen versanken tief; mit einem saugenden Plopp kamen sie schmatzend wieder frei.

Eine spezielle Aufgabe war ein Wiesenweg mit tiefen Regenwasserfurchen. Attraktive mannshohe Brennnesseln standen im einzigen für die Füße erreichbaren Bereich. Zuerst ein riesiger Schritt zum rechten Ufer, wobei der Prothesenschuh allerdings etwas Wasser schluckte. Ich fand das nicht mal nass. Nun wurden die Gehhilfen zu Macheten. Alle Brennnesselzweige wurden erbarmungslos gekappt oder sie verhakten sich mit Ihresgleichen. Der Weg war frei, ein Schritt nach links zur trockenen Wegmitte, und die Prothese war von dem Sog locker. Wie hingezaubert stand zehn Meter weiter der richtige Baum zum Anlehnen.

Bis zum Auer Blick zog sich deshalb der Weg anscheinend endlos lang hin. Immer wieder musste ich auch seitlich Bogen durch den Wald schlagen. Mit zwei Stunden Verspätung kam ich endlich dort an und nahm mir für die Rast nur 15 Minuten Zeit…

…das sollten noch nicht alle Attraktionen gewesen sein, die mir auf diesem Bergweg geboten wurden. 4 km noch! Zuerst ging es ganz einfach. Das letzte Brötchen gegessen, Energie nachgetankt, einige Nüsse, und den ersten Anstieg flott hinauf. Doch bald wurde ich wieder ausgebremst.

Sämtliches Schwarzwild schien es dauernd nur auf diesen Weg abgesehen zu haben. Tiefe Wühlspuren teils in der gesamten Wegbreite. Auch hier die Böschung hinauf, durchs Unterholz die beste Umleitung gesucht und zurück in den Schlamm.

Zweimal noch Stämme quer über den Weg. Dann endlich ein „anständiger“ Weg. Dafür der Verlust der Wegmarkierung. Ich musste abwärts, denn das Werratal war nicht mehr weit. Ein Querweg, aber kein Hinweis nach Wanfried. Rechts wieder bergauf? Oder links bergab? Also links! Doch bald stimmte diese Richtung nicht und es ging auch wieder hoch. Unten im Tal die Straßengeräusche gar nicht weit. Und wieder mal zurück. Der Bergaufweg war gabelte sich schließlich doch, führte aus dem Wald hinaus und steil zur Brücke der Werra.

Der Bus war vor 2 Std. auf und davon. Das Taxi war der Ausgleich. 13 km wären es gewesen, durch die Fehlleitungen wurden es nun 16,5 km.

Morgen dann bitte etwas später!

Auf den heutigen Zeitungsartikel hat sich leider niemand gemeldet.

RZ

8. Wandertag

Soeben mache ich die 2. Rast.
Nach einem etwas längeren Frühstück brachen wir, Frau Welsch von der Redaktion Orthopädie Technik und ich, kurz vor 10 Uhr auf. Sie begleitete mich bis Kleinvach; von dort nahm sie ein Taxi und fuhr mit ihrem Auto zurück nach Dortmund.

Gestern Abend noch saßen wir mit Rüdiger Herzog zusammen und besprachen einige Aspekte der Themen Bewegung, Selbsthilfegruppen und Herausforderungen für Menschen mit Handicap. Frau Welsch hatte eine Fragenliste und ein Aufnahmegerät dabei, um einen Artikel für ihre Fachzeitschrift vorbereiten zu können.

Der Weg führte uns heute bei bedecktem Himmel das Werratal hinauf.
Keine Straße, sondern nur ruhige Wege immer in Flussnähe. Die erste Rast machten wir noch gemeinsam.

Es ist auch heute ein schöner Augusttag wie aus der Kühltruhe. Da kommt schnell das Bedürfnis nach einer Bank zum Sitzen und einer warmen Jacke auf. Aber kaum ein Mini-Wolkenloch, und schon ist es beim Laufen zu warm…

…ab der zweiten Rast verzogen sich die dicken Brummer am Himmel für eine Weile. Es ging immer am Fluss entlang über einen schmalen, wenig benutzten Fahrweg. Ab der Fußgängerbrücke nach Albungen ging es weiter über Wiesenwege und unter Bäumen am Waldrand und Wacholderheiden entlang.

Es folgte noch eine Rast am Steinbruch. Wie zu erwarten: Eine neue Wolkenbank zog auf und verdrängte die wärmenden Strahlen, aber ich wollte sowieso weiter.

In Jestädt war es bereits 18:00 Uhr, zu spät für weitere 6 km. Also ließ ich mich abholen.
Das geplante Ziel Jestädt ist somit erreicht. Insgesamt waren es heute 13 km.

RZ