Monatsarchiv: Mai 2011

Etappe 11 / Thüringer Wald, Mittlerer Rennsteig

Tag 55 Samstag, 14. Mai 2011

Heute werde ich am Ende der Wanderung einen Abstecher in ein Tal nordöstlich des Rennsteigs machen.
In Stützerbach, einem kleineren Ort ähnlich wie Oberhof oder Gehlberg, habe ich mein nächstes Quartier.

Straße und Rennsteig am Mordloch

Ziemlich angenehmes Wetter. Die Weste und die Jacke packe ich bald auf den Rucksack.
Am Mordloch ist’s fast zu kühl. Aber es steigt ja an, das gibt neue Wärme von innen.

Die Alternative über den Großen Finsterberg hat einige Tücken

Am Alternativ-Rennsteig über den Großen Finsterberg mit Aussicht auf Aussicht nehme ich diesen.
Das steigt schon gewaltig an. Je höher, desto kühler. Oben bei den Bänken merke ich, dass die
Frösteleinheiten trotz der Jacken bleiben. Meine Erinnerung reicht, dass ich schon am Abend gefröstelt
hatte und mein Darm mir vermutlich schon was sagen wollte.

Auf dem Finsterbergturm

Den Aussichtsturm ersteige ich, viel mehr als Wald sieht man nicht, also wieder runter vom Berg.

Dieses Gefühl passt mir nicht. Ich entscheide mich für die Boxen. Das heißt, ich breche heute spontan wieder ab.
Ich treffe an der Straße eine Bushaltestelle. Nach 10 Minuten ein Bus, eine Station bis zum Bahnhof Rennsteig.

Anhalter mit Prothese, funktioniert das? Bei mir nicht. Ich laufe mit gestrecktem Daumen, wenn hinten
das Fahrgeräusch kommt. Ist die Prothese denn unsichtbar? Nach über 1km Asphalt rufe ich das Quartier an.
Dort lege ich mich nach gesamt nur 6,5 km gleich flach und will mal morgen abwarten.
R.

SOLL 526km / IST 543km

Tag 56 Sonntag, 15. Mai 2011

Ich nehme heute vorsorglich einen „Zwangs“-Ruhetag. Mein Darmproblem möchte ich so schnell wie möglich abschaffen.
Die Waffen dagegen habe ich dabei und sie wirken auch schon. Ich stelle mich darauf ein, daß Tag 57 normal verläuft.

Gestern hatte ich eine ruhige Pension am Waldrand. Ich legte mich sofort hin, machte 21 Uhr eine
Schlafpause für eine Fleischbrühe. Gegessen habe ich sonst nur die zwei Brötchen der Marschverpflegung.

Die Massermühle

Heute früh wollten die freundlichen Wirtsleute noch einen Eintrag ins Gästebuch. Ich zeichnete die
Route und eine Skizze vom Rennsteig. Dann erklärte ich mich selbst zum Gepäckstück und wurde
gemeinsam mit den anderen Stücken zum nächsten Quartier befördert.

Auch hier legte ich mich gleich wieder hin, schaute anschließend das DTM Rennen an.

Morgen haben wir auf dem Rückweg wenig Autoverkehr zu erwarten

Der saubere Bach neben mir murmelt mich an. Mal sehen, wie die Baustelle aussieht.
Etwa ein Kilometer unterhalb der Massermühle wird eine neue ICE-Strecke das Tal queren.
Ziemlich hoch wird die Verbindung zwischen den Tunneln gespannt.

Die Wolke sagt mir: … doch so schlimm, wie es vermutet
Kehre um … werden kann, wird es selten

Auf dem Rückweg treffe ich die für morgen angemeldeten Mitwanderer.
Wir setzen uns noch zur Vorbesprechung zusammmen.
R.

Tag 57 Montag, 16. Mai 2011

Noch vor dem Wecker bin ich wach und fühle mich sofort super. Mein bestellter probiotischer
Joghurt steht bereit, ich lasse die Teeflaschen füllen, nehme noch Essbares mit und kann 8:30
meinen heutigen Mitläufern sagen, ich bin unterwegs.

Schieferumkleidete Häuser in Masserberg

Gleich neben dem Haus habe ich die Auswahl: 3,5km bequem oder 2km viel zu steil! – nach Masserberg.
Letzterer ist viel schöner, mit Gras bewachsen.

Die Wetterfrösche sagten vorhin, im mittleren Deutschland trocken! Die Realität sind Nieseltränen
über diesen Wetterbericht. Auch Frösche können sich mal verquaken.

Oben in der Hauptstraße treffe ich Maria und Friedemann wieder. Sie hatten dort ihr Wohnmobilquartier.
Gemeinsam wollen wir nun die Rundwanderung über Goldisthal versuchen.

Man muss heute die Jacken richtig zuziehen, es waren mal wieder nur 6 Grad hier oben.
Doch bald schirmt uns der Wald gegen den kalten Wind ab.

Ja, es ist wirklich wahr, heute laufen hier ZWEI C-Legs den steilen Berg hinab!
Aber Friedemann ist ohne Gehhilfen schneller als ich.

Schaukelrast nach Gemsentraining Abwärts im Rehbachtal

Nun treffen wir auf die andere Baustelle der ICE-Trasse. Hier im Rehbachtal hat wohl keiner an
Wanderer gedacht. Der schöne Wald-Talweg entpuppt sich als Baustellen-Zubringer. Ein Haufen
Erd- und Gesteinsschutt genau in der Trassenschneise will uns doch tatsächlich aufhalten.
Doch keiner ahnte, wie gemsengleich C-Legs Hindernisse überwinden. Ein Rutschpfad hinunter zur
Talsohle, ein Kletterhang wieder hinauf, und schon denkt man nur noch ans Essen. Auf federnden
Baumstämmen genießen wir stolz die erste Rast.

Goldisthal Am Wasserrad im Schwarzatal machen wir nochmal Rast

Stämme oder Zweighaufen zu übersteigen, solchen Kleinkram müssen wir gar nicht erwähnen.
Unten münden wir ins bekannte Schwarzatal ein, einen Kilometer unterhalb der Talsperre Goldisthal.
Doch nun beginnt uns der Weg zu enttäuschen. Wir müssen, nach einer weiteren kurzen Rast, die Straße
benutzen, denn der angegebene Wanderweg auf der anderen Talseite scheint keine Verbindung zu unserem Ziel zu haben.

Schließlich sind wir noch unten durch

Die Straße im Massertal hat fast keine Fahrzeuge zu bieten, der Vorteil aus der Baustelle.
Das riesige Brückenfragment unterwandern wir, machen noch eine Besprechungsrast wegen morgen.
Für mich ist die Runde nach 11,5km zu Ende. Für die beiden aber steht nach der bisherigen Anstrengung
im Rehbachtal und der weiteren Wegstrecke noch das Steilstück nach Masserberg bevor.
Ich selbst hatte mich in 2008 langsam, und deshalb problemlos, an 10km Tagesleistung herangearbeitet.
Diese Leistung von Friedemann halte ich deshalb für sehr beachtlich.
R.

Tag 58 Dienstag, 17. Mai 2011

Rennsteigblick bei Masserberg Ein langer Anstieg

Prothesenlauf auf dem Rennsteig! Maria und Friedemann sind wieder dabei. Ab dem Parkplatz Triniusbaude
kommen die C-Legs in Aktion. Und zwar gleich lange steil. Man bekommt den Eindruck, daß sich alle Steine
auf unserem Weg versammelt haben. Zur Aufmunterung natürlich auch Wurzeln. Zur Aufheiterung richtig schön hohe Stufen.
Alles was zum echten Rennsteig gehört.

Bei dem kühlen Wetter muss … oder kuscheln
man sich warm anziehen …

Und der ist heute echt echt. 11 Kilometer bis Friedrichshöhe, mal schwierig, mal einfach, aber immer schön und
ursprünglich. Zum Rasten immer wieder Bänke mit Tischen. Wir nutzen das einmal gründlich, und dann gehen da zwei
Wege weiter, der schmale Pfad und der bequemere Begleitweg, die ja gleich wieder zusammentreffen werden, so denken wir.

Der Weg nach Wilhelmshöhe Geschnittene Schieferschichten als Wegoberfläche

Für Friedemann ist der breite Weg gerade richtig. Also kann ich nur vom schmalen berichten, und der ist der
Rennsteig. Bald stelle ich fest, erst kurz vor Wilhelmshöhe können wir uns treffen. Das Besondere aber an
meinem Weg ist der ansteigende Hohlweg mit senkrechten Schichtungen der dünnen Schieferplatten, die an der
Pfadoberfläche wie angenagt aussehen. Am Hang der Pechleite verläuft der lange Bleßbergtunnel unter mir,
dann treffe ich die beiden noch zu einer gemeinsamen Rast. Der 16-Uhr-Bus bringt sie zum Auto zurück.

Der Dreistromstein Hier endet mein Teil des Rennsteigs Ab hier rennt der Steig links weiter,
ich wende mich jetzt nach Süden

Nach einem Bogen um Friedrichshöhe geht es eben weiter. Einmalig für Deutschland ist der Dreistromstein. In diesem
engen Bereich senken sich die Wasser hinunter zur Saale und Elbe, zum Main und Rhein sowie zur Werra und Weser

Noch eine weite Kurve, dann ein kurzer Hohlweg, der Rennsteig ist hier für mich erstmal zu Ende.
Eine 5-Minuten-Apfelrast, danach treffe ich bald am Ziel in Siegmundsburg ein. Das Gepäck ist schon da,
von der Massermühle wurde diese Fahrt gesponsert. Herzlichen Dank!
R.

SOLL 563km / IST 570,5km

Tag 59 Mittwoch, 18. Mai 2011

Guter Dinge beim Start: Inge und Dieter

Gestern Abend: „Ich möchte mich für morgen anmelden, eventuell kommt noch jemand mit!“
Heute Morgen: Nach meiner Konfrontation mit dem reichhaltigen Frühstücksangebot, das für
eine Wandergruppe ausgereicht hätte, standen vor der Tür Inge aus Sonneberg und Dieter aus Suhl.

Schnell sind wir auf gleicher Ebene und ziehen guter Dinge los. Hinauf zum Waldrand, es ist 7:45
und oben scheint herrlich die Morgensonne. Der Tau liegt noch auf dem grasverwurzelten Weg.

Wie wollen wir laufen? Fest steht, ich werde 14 Uhr in Saargrund vom Sanitätshaus Waletzko abgeholt.
Eigentlich ist der Weg zu kurz. Machen wir doch einen Bogen! Also los, auf einem bezeichneten Rundweg,
der ist ja meistens gebogen.

Waldrand bei Siegmundsburg

In Friedrichshöhe entsteht ein Grund, ein Lokal aufzusuchen. Dieter entdeckt erfreulicherweise
Mohnkuchen, der letzte reicht gerade für uns. Ein dreistimmiges Hmmm!!!

Die Straße durch den attraktiven Ort gehen wir zurück. Dann beginnt der Weg hinunter ins Saartal,
Nebenbach der jungen Werra. Der Weg ist grob aufgeschüttet und jeder Schritt erfordert Konzentration.
Inge fragt nach der Geländegängigkeit des C-Legs. Rechts geht eine Böschung runter auf die Wiese,
da kann ich das gleich demonstrieren. Doch diese Wiese federt, sie erscheint mir wie ein Hochmoor. Bevor
sie mich an den noch zu kurzen Stoppeln aus der Versenkung rausziehen müssen, erklimme ich wieder den festen Weg.

Inge braucht ein Bild von uns Unser Abschlussbild

Von links mündet ein weiteres Seitental herein, und da scheint die Sonne auf ein einladendes Wiesenstück,
was uns dreien zum Rasten gefällt. Die Bank da drüben im Schatten soll ruhig ungestört verrotten.
Hier können wir den Tag besser genießen!

Von hier aus noch ein Stück abwärts und wir sind gegen 12 Uhr, nach nur 7,5km, an meinem heutigen
geänderten Wanderziel in Saargrund angelangt. Inge und Dieter verabschieden sich, um zurückzuwandern.

Warten bei den Talerblumen

14 Uhr: Herr Waletzko senior holt mich ab nach Suhl. Um 17 Uhr haben wir zwei an einer SHG-Gründung
interessierte Gäste des Nachmittags. Als ich gegen 20:30 Uhr wieder zum Studentenwerk Thüringen
zurückgebracht bin, steht mein Abendessen freundlichst im Zimmer.
R.

SOLL 575km / IST 578km

Tag 60 Donnerstag, 19. Mai 2011

Die Werra gibt sich alle Mühe Am Flößteich

Die Herberge verlasse ich entlang der Hauptdurchgangsstraße. Brummies düsen dicht an mir vorbei.
Zuerst bergauf, denn ich brauche den richtigen Talanschluss. Da ist das Schild: Schalkau über Werraquelle.
Es ist praktisch, wenn es zwei Werraquellen gibt. So habe ich heute Gelegenheit, den fingerdicken Strahi
zu bewundern, den die Werra aus dem umliegenden Erdreich herauspresst, um die Weser dick zu machen.
Das ist also der Fluss, den ich schon so oft begleitet habe!

Nur etwa 500m weiter ist ein neues Quellbecken, wie eine Viehtränke gestaltet. Völlig trocken.
Erst weiter unter beginnt es neben mir zu rieseln. Die Karte sagt mir, das sind die Truckenthaler Wasser,
Zufluss zur Ilz, also Rheineinzugsgebiet.

Große Brocken sind freigelegt Was für eine Farbe!

Immer steil südlich abwärts. Der Himmel vor mir sieht aus wie ein V. So tief hat sich der Bach schon
eingefressen. Und was für riesige Brocken er bewegen konnte! Riesenkies!

Als aus dem V ein U wird, mache ich auf einem sauberen Baumstamm Rast. Als ich zufällig die Rückseite
des C-Leg-Gelenkes berühre, autsch! Enorm heiß durch die vier Kilometer steilen Abstieg! Auch mein Tee
ist noch heiß, und ich gönne mir drei Tassen zu den zwei Brötchen.

Beginn des Blessbergtunnels Blick zurück zum Blessberg

Auf dem Tunnelbeginn dieses längsten deutschen Bahntunnels überblicke ich eine große Baustelle. Doch die
Blicke zurück zu den hohen Bergen des Thüringer Waldes, den ich nun verlasse, sind schöner.

Am Südrand des Thüringer Waldes Laden die mich etwa zum Saufen ein?

Kurz vor Schalkau raste ich wieder, gehe dann durch den Ort und komme zu dem Schild: Schaumburgweg. Das kann
ja nur richtig sein. Der Weg wird zum Pfad, schlängelt sich um jeden möglichen Taleinschnitt im Wald und macht
aus den etwa 700 Meter Luftlinie geschickt etwa 3 Kilometer. Zuletzt an Kühen vorbei der Blick zum Gipfel.
Dann ist der Hof der Domäne Schaumburg erreicht.
R.

SOLL 588kn / IST 593,5km

Tag 61 Freitag, 20. Mai 2011

Thüringer Wald vom Zug aus

Meinen Ruhetag nutze ich für einen wichtigen Privattermin. Zusammen mit dem Wochenende, das eine „Auszeit“ ist.
Am Montag, dem Tag 62, geht es dann hinein nach Franken.
R.

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Etappe 10 / Thüringer Wald, Westlicher Rennsteig

Tag 51 Dienstag, 10.Mai 2011

Startfertig! So kann´s auch gehen!

Gleich am ersten Berg wird gearbeitet. Vermessungsingenieure prüfen den Stand der Grenzsteine.
Offenbar muss einer ein paar Zentimeter versetzt werden. Direkt am Rennsteig! Der hier nur zum
Wandern genutzt wird. Wieviel Wanderer diese maßlose Schlamperei an einer innerdeutschen Grenze
in der Vergangenheit wohl schon beanstandet haben mögen?

Oben auf der Kuppe steht ein Zelt. Ein kleiner ebener, wiesiger Platz, nach allen Seiten fällt
der Berg ab. Daneben eine hölzerne Sitzgruppe und eine Schutzhütte. Ein Ehepaar und zwei Hunde
haben hier nach langer Wanderung einen idealen Platz gefunden. Ich denke natürlich an unsere
Zelttour 1952, vielleicht hatten wir damals ebenfalls hier gezeltet?

Rast am Rennsteig Rennsteigstimmung

Am Heuberghaus kreuzt die L1026 den Rennsteig. Gleich darauf setzt wieder der Hunger vorzeitig ein.
Auf der Böschung neben dem Weg habe ich einen bequemen Platz im Halbschatten. Doch der kommt nicht
nur von den Bäumen. Da zeigen sich am Himmel auch schleierhafte „Beziehungen“. Als die Ameisen sich
zunehmend für meinen und meines Rucksackes Verbleib interessieren, beginne ich die Fluchtvorbereitungen

Baumdekoration Drei Veteranen

Die vertikalen Verkrümmungen des Rennsteigs sind jetzt recht zahm, es geht ab der Heideschänke in
leichten Wellen weiter. Wichtig ist einfach, es ist ein sehr schöner Weg und auch leicht zu laufen.
Das meinen auch andere, für einen Dienstag sind doch recht viele Leute unterwegs.

Durchblick nach Süden Am Ziel Ebertswiese

Zuletzt wird der Pfad noch interessant, er schlängelt sich verwurzelt durch junge Buchen, bis eine große,
aufsteigende Lichtung erscheint, die Ebertswiese. Das Berghotel kommt auch in Sicht und ich bin froh,
heute gegen 16 Uhr bereits am Ziel zu sein. Bereits 2km nach dem Start hatte ich heute morgen die 500km-Marke erreicht.

Wieder alleine gewandert. Wer mitwandern will, kann sich anmelden. Wir machen dann die Einzelheiten aus.
Ich bin nur langsamer als alle anderen. Von daher ist es für niemanden ein Problem.
Auf dieser Internet-Seite ist nachzulesen, was zu beachten wäre. Ich würde mich sehr darüber freuen!
R.

Tag 52 Mittwoch, 11. Mai 2011

„Wie weit ist es bis zur Schanzenbaude?“, fragte ich gestern abend. „18km“. –
Da muss ich also zeitiger weg! Und wer weiß, wie das Wetter hält. Bis 19 Uhr will ich dort sein.

Zuerst geht es über den Splitterbach Wetter und Weg hervorragend

Erste Rast bei der Schutzhütte Sperrhügel. Die Sonne scheint immer noch.

Die Vorbereitung verlief diesmal anders. Das Frühstück samt Lunchpaket und Wasserkocher kam gestern
abend schon aufs Zimmer. Im Rucksack die Regenhose. 5:20 Uhr klingelt der Wecker. Duschen schon abends.

Laufen will ich 3x 5,5km plus den Rest mit 3 Pausen. 7:15 Uhr gehe ich los. Das Frühstück im Wald war
etwas zu mager, bald merkte ich das. Also warf ich noch eine halbe Dose Nußmischung hinterher.

Systematisch steigt der Weg auf Die beiden meinten schon –
über 800 m an wären wir doch den anderen Weg gefahren

Jetzt, nach der ersten Rast, ist der Weg sehr einfach. Nach der Bergwachtstation kommt ein langer Anstieg,
zuerst steil, dann noch weit hinauf bis über 800m NN.

An einer Schutzhütte unter dichten Bäumen treffe ich die Zelter mit den zwölf Beinen wieder.
Der große Hund knurrt, er traut meinem Bein nicht. Sie haben noch nicht zusammengepackt,
ich gehe nach kurzer Unterhaltung weiter. Später treffen wir uns noch drei mal, bei Überholungen.

Selten sind solche weiten Blicke Bei meiner zweiten Rast

Die zweite Rast. Niedrige Bäume geben die Sicht nach Südwesten frei. Fichten jeden Alters mit ihren
hellen Spitzen. Heidekraut. Blaubeerkraut. Ich sitze im Gras und genieße diese Stimmung. Der Wind tönt
in den Wipfeln. Ein einzelnes Flugzeug erinnert an Donner. Die Wolken allerdings werden jetzt auch dichter.

Schnell die Regenhose raus!

Nach 500m drehe ich mich um, eine schwarze Wolke. Hier steht auch eine Hütte. Rechtzeitig kann ich mich
vor dem Regenschauer umziehen. Fertig. Der erste Tropfen. Mindestens 25 weitere folgen! Ich bin echt enttäuscht.
Weder auf den Wetterbericht noch auf die Wolken kann man sich noch verlassen.

So habe ich heute den vierten Tropfentag von 52 Tagen der Tour.

Bei der dritten Rast mache ich das Umziehen einfach wieder rückgängig. So hat das Knie endlich nochmal Frischluft.
Von hier aus ist Oberhof nicht mehr weit. Am Grenzadler, bekannt als Olympiastützpunkt, 845m NN, sehe ich nach
18 Wanderkilometern am Waldrand mein Quartier. Damit ist die erste Hälfte der Gesamtwanderung bei insgesamt
ungewöhnlich gutem Wetter, ohne Probleme und bestem Wohlbefinden geschafft.

Wanderkilometer: SOLL 500 km / IST 527km R.

Tag 53 Donnerstag, 12. Mai 2011

Verabschiedung an der Schanzenbaude

Wetterfrosch-Prognose: Schwere Gewitter, Sturmböen, Hagelschauer…
Im iPhone sieht man übergreifend fast nur Tropfensymbolik – na, mal sehen.
Zur Zeit jedenfalls sind noch Sonnenschimmer auf dem Wald.

Das Gepäck wird etwas umgeschichet. Warmwetterkleidung nur als Reserve.
Gleich die Regenhose und die Stiefel.

Sollte die zweite Hälfte die Regenhälfte sein? Die bisherige Erfahrung bestätigt sich
soeben: du brauchst nur die Regensachen anzuhaben, schwupps, findet die Sonne eine Lücke.
Grad sitze ich in der Schutzhütte Sommerwiese, nach wenigen Gewohnheitstropfen, da scheint sie!

Unter mir Grenzweg

Ich bin vorhin im Bereich Oberhof auf gepflegten und neu gestylten Wegen bis zum Rondell gewandert.
Dort quert die B247 den Rennsteig. Die Infotafeln hier sind häufig, sehr informativ zu Natur,
Geschichte, Angeboten. Von dort am Punkt der Tunnelquerungen (Bahn, A71) vorbei.

Ich habe gegessen, gewartet, was das Wetter will. Jetzt wartet das Wetter offenbar ebenfalls,
was ich mache. Also, was denn sonst als weitergehen?

Wurzeln sind oft hilfreich. Ein großer Teil des mittleren Thüringer Waldes
Sie bieten mir Stufen wird durch das Biosphärenreservat Vessertal geschützt

Die Wege heute sind sehr ausgewaschen in den Schräglagen. Steine aller Größen bis zum Format
junger Felsen sammeln sich in den Rinnen, zwischen verbogenen Wurzelstufen, und versuchen mir
ständig Beine zu stellen. Auf dem Großen Beerberg habe ich von einem Holzgerüst aus eine weite
Sicht über Suhl. Hinter mir das Hochmoor der Beerberges.

Schon vor meiner zweiten Rast wird es immer sonniger. Ein Anruf lenkt mich ab. Ein freier Journalist
vereinbart mit mir einen Termin. Donner und erste schwere Tropfen kürzen das Gespräch ab. Unter dem Dach
einer nahen Infotafel stelle ich mich darauf ein. Das grüne Straßenschild Schmücke sehe ich bereits.

Der erste Regenschauer … … mit Zugabe

Ein Stück weiter unten prasselt es herab. Eine kühle Eisbällchensuppe wird mir serviert.
Der Rennsteigpfad wird zum Bergbach. Man kann da nur hinein und durch. Jetzt bereits blauer Himmel.
Das Donnerwetter zieht über die Täler ab, aus denen fetzige Nebel aufwirbeln. Der Sonnenschein zieht den
dunklen Wolken hinterher. Fasziniert schaue ich zu, drehe mich dann um, und da steht auch schon mein Gasthof Schmücke.

Am Ziel scheint wieder die Sonne

15 Uhr nach 9,5km. Erstaunlich ist, dass mir die 18km von gestern deutlich leichter vorkamen. Da hatte
ich mental alles darauf eingestellt und kam statt 19 Uhr bereits um 18 Uhr an. Heute war es ein planloser
Spaziergang, ich hatte ja Zeit, das Laufen war langsamer, der Schwung war nicht da. Es erschien mir schwieriger.
R.

Tag 54 Freitag, 13. Mai 2011

Der gleiche Blick wie gestern nachmittag
doch bei völlig anderem Licht

Ohne nass zu werden, bin ich nach dem schauerlichen Abschluß gestern bereits heute wieder an einem Ruhetag angelangt.
Ebenfalls aus organisatorischen Gründen dauert die nächste Etappe 6 Wandertage.

Draußen ist es noch kühl, aber sonnig mit weißen haufigen Wolken.

Die Müslitime ist mit einer Orange beendet, die Wäsche erwartet bereits ihre Drehmomente, ein Paket von inzwischen
relativ unnützen Dingen an meine Wohnadresse ist in Vorbereitung, rasieren sollte ich mich mal wieder. Manchmal
denke ich schon, ich sollte den Kerl im Spiegel aus dem Zimmer verweisen.

Etwas für mich Besonderes gibt es hier, was ich seit den Jahren in Leipzig nie mehr bekam: Waldmeisterbrause!
Das schönste Grün und einen fruchtigen, frischen Geschmack hat sie. Passt für Wanderer. Weil es an der Schmücke
wimmelt von diesen Leuten, gibt’s hier einen Rucksacktreff.
R.

Etappe 9 / Hainich, Rennstieg / Thüringer Wald, Rennsteig

Etappe 9 / Hainich, Rennstieg / Thüringer Wald, Rennsteig

Tag 44 Dienstag 3. Mai 2011

Pfui! Regenschauer, kalt, 6 Grad nur soll’s sein! Doch nie die Hoffnung aufgeben! Noch während des Frühstücks zeigt sich der erhoffte, hellere, anwachsende Streifen am Himmel. Und bevor ich noch ganz oben an der Burg Normannstein ankomme, strahlt bereits Sonne durch die Blätter auf den Serpentinenpfad.
Vorhin hatte ich mich etwas traurig verabschiedet von den freundlichen und überaus hilfsbereiten Gastgebern. Nun geht’s schon wieder runter ins Tal, das mir den Weg zeigt für den heutigen Marsch.
Keine Löcher mehr in „vegetativen“ Platten. Nicht mehr hoch und runter und dies mit wachsender Begeisterung wiederholend. Denn ich bin auf dem Gegenteil des Plattenweges, dem ehemals bis 1968 befahrenen Bahndamm nach Mühlhausen.

Ich fühle mich wie eine Dampflok auf Spazierfahrt, gelange auf Brücken ÜBER die Täler, auf Durchbrüchen DURCH Hänge und Felswände und komme so fast unmerklich und ohne die geringste Idee eines Schweißtropfens fast bis auf die gewünschte Höhe hinauf. Das ist das Konzept der Kleinen Schritte, so wie es mir schon möglich war, ebenfalls fast unmerklich meine Muskulatur wieder aufzubauen.

Den Bahndamm habe ich verlassen und erreiche das große Waldgebiet Hainich. Ich schlage einen großen Haken über feste Waldstraßen und zuwachsende Waldpfade, um auch heute schon den Rennstieg zu bewandern. Es ist ein Wald ohne große Zerklüftungen, alles ist nur leicht hügelig. Den Alten Bahnhof erreiche ich noch kurz vor 18 Uhr.
R.

Tag 45 Mittwoch, 4. Mai 2011

Wieder ist der Morgen sehr kühl, aber es ist ja eine sonnige Woche angesagt. Die Regenhose bleibt also im Reservegepäck.
Das stimmt für heute vollkommen. Als das erste Mal die Sonne lediglich die dunklen Wolken bestrahlte, versuchte ich während der ersten Rast gerade ein Problemchen zu lösen. Was mache ich, wenn durch die neuen Schuhe das C-Leg Knie zu leicht nach vorne geht und ein unsicherer Stand entsteht? Aus der Ferse kann ich nichts rausnehmen.

Also muss vorne was rein, am besten in die Socke. Was habe ich dabei? Tüten, Papier, Schinken- und Wurstbrötchen. Dieser Belag wäre ja flexibel, aber nicht nachhaltig.
Ich ziehe die Socke vom Prothesenfuß, lege die gefaltete dünne Folie des Tütchens ein, mache einen Probelauf. Prima, das läuft sich entschieden besser!

Da sind die dunklen Wolken und einige Tropfen. Eine Wolke, das sind meist ja nur wenige Minuten, da ist ein einfacher Knieschützer praktisch. Die Regenhose – nun schon in Mihla. Die Tüte – in der Socke. Papier ums Knie hat noch nie was gebracht. Also – tief Luft geholt und nochmal von vorn. Schuh wieder aus, Tüte aus der Socke, 2 Bogen DIN A4 Papier in die Socke (gefaltet zu DIN A8 !), Tütenschutz ums C-Leg, alle sind zufrieden – da scheint ja auch die Sonne wieder!
Wenn sonst immer Berg und Tal wechselten, sind es heute Sonne und Wolken. Mehrmals sieht es bedrohlich aus, doch es gelingen nur Wettergrimmassen.
Beim Abstieg nach Mihla sehe ich den Thüringer Wald mit dem Großen Inselsberg deutlich hinter dem nächsten Hang. Übermorgen kommt der große Anstieg zur Wartburg und zum Rennsteig. Doch heute wartet noch das Graue Schloß auf mich. Nun aber fix!
R.

Tag 46 Donnerstag, 5. Mai 2011

Hierher hätte ich auch mit dem Paddelboot kommen können, die Anlegestelle ist dicht bei dem romanischen Quartier, dem Grauen Schloss. Oder auf Werratalweg mit dem Fahrrad. Die gute Lage fürs Wandern habe ich ja schon im letzten Jahr ausprobiert, als ich von Treffurt aus hierher kam. Den Ort Hörschel, den Beginn des Rennsteiges, könnte ich bequem erreichen, doch ich habe mir Eisenach ausgesucht.
Mein Handy klingelt. “ Herr Zahn, haben Sie vielleicht noch den Schlüssel bei sich?“ Ja, ich Schlafmütze! Ich bin hier schon am Waldrand, und trotzdem kommt die freundliche Wirtin extra hergefahren.
Heute geht es südlich weiter. Ein laggezogener Anstieg durch die Felder. Diese ausgefahrenen Holperwege sind schon schwierig, man muss auf jeden Schritt achten. Wie gewohnt zur rechten Zeit steht da eine Bank. Ich beginne neben der Kauarbeit gerade den heutigen Bericht, da höre ich Schritte herbeisteigen. Ich bitte denjenigen, sich mit herzusetzen. Jürgen ist 73, hat einen Wanderstock, einen kleinen Rucksack und ein Käppi. Er ist eine Ausnahme, denn er findet meine Tour völlig normal, er selbst wandert täglich und manchmal auch 30 bis 40 km. Auch er tut es wegen seiner Gesundheit, für sein Vergnügen und weil er sicht nicht mit Rumsitzen ruinieren will.
Er kommt einfach mit. Er habe die Zeit, sagt er. Wir plauschen unterwegs mit Waldarbeitern, er kennt hier die schönsten Wiesenwege, er gibt mir die richtigen Tipps für den Weg. Gemeinsam überqueren wir noch die neue Autobahn, und erst am Rande von Eisenach, gegen halb 4, nach der zweiten Rast, will Jürgen auf anderer Route die gemeinsamen acht Kilometer zurücklaufen.
Ich finde mich nach 18 Uhr im Residenzhaus ein, ein Treppenhaus wie eine Spirale, 51 Stufen im Turm. Nach einer kurzen Runde über den Marktplatz, noch ein Foto vom Rathaus, hole ich mir zeitig die Ruhe für morgen.
R.

Tag 47 Freitag, 6. Mai 2011

Der Anstieg zur Wartburg hat es in sich. Ein sehr interessantes Ziel, was in jede Planung hinein gehört. Hier oben überblickt man die Landschaft um Eisenach. Von Westen her schiebt sich der Höhenweg des Thüringer Waldes, der Rennsteig, heran. Ihn zu erreichen heißt für mich, zuerst durch die Drachenschlucht!
Der Start hatte sich etwas verzögert, zuerst war ein Interview vereinbart. Das Bach-Haus habe ich dann leider nicht mehr gefunden. Die Ausschilderung verhilft mir zu einem unerwarteten Umweg. Doch nun sitze ich im Beginn der Drachenschlucht. Die Felsen sind schon eng zusammengerückt und die Sonne scheint direkt in das enge Tal. Eine Bank hat hier nur deshalb Platz, weil eine kleine Seitenschlucht aus dem senkrechten Fels herautritt. Ein Baum hängt kroneüber bzw. wurzeloben in der Wand. Ein Vater und seine zwei kleinen Kinder kommen aus der Schlucht herab. Auf meine Frage, ob sie auch Drachen gesehen haben, beanwortet die Jüngste mit Ja. „Und was hat er gemacht?“ „Ausgerissen“, anwortet die Jüngste. Kaum zwei Jahre alt und schon flunkern!

Die Bilder zeigen, dass das ziemlich schmächtige Drachen gewesen sein dürften. Zwischen den Wänden ist es sehr kühl. Drachengrünes Moos, alles ist feucht und glitzert im Gegenlicht. Mal Erdboden neben dem schmalen Klammbach, mal Knüppeldamm über ihm. Kürzlich erst wurden hier exakt maßgeschneiderte Gitterrost-Wege zwischen die Wände gefügt, darunter gluckert der Bach. Die engste Passage soll 68cm breit sein, an solchen Stellen geht’s eben nur zweistöckig.
Diesen Weg kenne ich bereits. Im urzeitlichen Jahr Anno 1952 wanderte ich mit meinen Freunden aus Leipzig durch das Schwarzatal nach Masserberg, von dort bis Eisenach über den Rennsteig und wir kamen zum Schluß hier durch diese Schlucht. Mit alten schmalgurtigen Rucksäcken, Zelt, Kochtopf und jede Menge Begeisterung, denn wir alle waren das erste Mal auf dreiwöchiger Wanderfahrt! Ich weiß noch genau, wie dem Siegfried der Rucksack zwischen den Felsen festklemmte.


Bei der Hohen Sonne erreiche ich die Rennsteighöhe. Unterhaltsamer konnte der lange Anstieg gar nicht sein. Dort treffe ich den Bekannten aus Heyerode wieder. Er lädt mich noch zu einem kurzen O-Saft am Kiosk ein, bei der Gruppe seiner Kollegen vom Behindertenwerk. Er hatte ein Interview gemacht, außerdem mein Gepäck ab Heyerode transportiert.

Neben der Straße, gut sichtbar an einem Baum ein weiß auf die grobe Rinde gemaltes „R“. 15:20 Uhr. Der Rennsteig ist erreicht. Für Radfahrer immer eine feste Schotterstraße. Hier war also einmal eine Dampfwalze auf Wanderschaft. Für die Fuß-Wanderer zweigen gelegentlich Pfade ab, die weiter nebenher verlaufen. Natürlich ohne Dampfwalze, denn die Wurzeln blieben erhalten.

Die erwartete Steigung kommt zuerst noch nicht. Doch dann will sie nicht mehr aufhören. Hier hatte vor einigen Jahren Kyrill gewütet. Gesägte und entwurzelte Bäume auf beiden Seiten. Bei einer Felsengruppe gibt es die weite Sicht bis in die Röhn.
Es ist eine Menge Bewegung auf dem Rennsteig. Viele Räder, Spaziergänger und auch ein Wanderer, der mich am Berg überholt, dass meine Bartstoppeln flattern. Trotzdem komme ich gut an am Hubertushaus, direkt am Rennsteig, und kann einen weiteren, ganz besonderen Tag für mich verbuchen.
R.

Tag 48 Samstag, 7. Mai 2011

Ein kläftiges Frühstück ist heute schon erforderlich. Es geht weiter mit dem Anstieg. Es gibt „nur“ Müsli. Das hält lange vor. Mein Plan heute: 3x 3 Stunden für je 5-6 km, dazwischen die Pausen.
8:45 Uhr erst komme ich los bei 550m Höhe. 916m hoch ist der Große Inselsberg, dazwischen mehrmals Senken, wodurch das C-Leg Zusatzarbeit bekommt.

Was will man mehr, wieder ein Tag voller Highlights. Das Wetter, der Wald und der Weg, die Leute, die Stimmung! Ich versuche, die einzelnen Schilder im Bild festzuhalten, doch im Gegenlicht und durch Reflexe wird das manchmal nur „Soße“.
Als mein „Pausenwecker“ tönt, mache ich meine erste Rast auf einem Felsstein im Hochwald, zwischen Fichtennadeln, Zweigen und blühendem Sauerklee. Keine nervösen Ameisen in der Nähe. Die Sonne schiebt währenddessen die Fichten-Schatten über mich, mein Lunchpaket halbiert sich. Orange, Joghurt, Ei, Wurstbrötchen, Käsebrot, das erfordert einigen Aufwand. Alleine schon das anstrengende Kauen macht eigentlich schon wieder neuen Hunger, oder? Als der Schatten dadurch zu weit links war, riss ich mich hoch, so geht das ja nicht! Mein Ziel erfordert schließlich noch einige Schlendereinheiten!

Ich überquere die L2119, die nördlich nach Ruhla führt. „Guten Anstieg!“, wird mir hinterhergerufen. Zuerst wechseln sich aber noch Zwischenanstiege und Ebenen mit einigen Sattelsenken ab. Gelegentlich gibt es Gespräche mit Neugierigen. Dann sehe ich die Brotteröder Hütte für die zweite Rast, auch schon 720 m hoch. Kurz und kräftig zulangen, denn nun sehe ich den Steilanstieg. Nur noch fast läppiche 200 m.
Zuerst durch Hochwald hinauf, dann wieder eine Weile eben. Am Oberen Beerberg sind Felsen, ich kann in die Ebene hinuntersehen, habe aber keinen sicheren Stand. Dann wird’s nochmal extrem steil. Der Wald hier ist im Totalreservat. Tote Bäume, alles bleibt so und entwickelt sich ohne Eingriffe. Mehrere unschöne Gebäude, ein dicker Turm, ein markanter Sendemast. Ganz oben, das ist eingezäunt, ich suche die Aussicht.
Erst vom Parkplatz aus bekomme ich den Blick ins Land, nach Norden. Um ihn aber zu erreichen, muss ich einen Pfad hinunter zur Asphaltstraße, der in einer schrägen Sandspur mündet. Mit den Gehhilfen gerade so zu schaffen. Die Leute unten hielten den Atem an, sie haben das eben selbst noch nie probieren können. Einer von ihnen machte dann noch das „Beweisfoto“, dass ich auch hier oben war.

Die Aussichtsfotos mit dem iPhone bringen nicht die Wirkung. Mit der Lumix kann ich zoomen, ich will sowieso einige Lumixbilder später noch für das Internet bereitstellen. Aber ich sehe sehr weit. Vermutlich sehe ich da ganz hinten die Finne, die Schmücke, mein Weg nach Duderstadt.
Vor der Juhe, auf einer Bank, vertilge ich während einer Sonder-Belohnungsrast mein Restfutter. Der Abstieg zum Quartier soll sehr steil sein. Ich probiere es, kehre in diesem Falle dann doch lieber um. Die „Stufen“ waren ausgebrochen, weggerutscht, kein sicherer Halt mehr möglich. Die Asphaltweg-Umgehung mache ich gemeinsam mit einem älteren Ehepaar.
Wohlbehalten bin ich im Ziel. Die 916 Meter Berghöhe haben uns beiden, meiner Prothese und mir, nicht geschadet! Die angenehme Müdigkeit, von mir, nicht meiner Prothese, nach etwa 16 Kilometern, kann man nun gut noch vor dem Gasthof Kleiner Inselsberg in der Restsonne genießen.
„Was möchten Sie trinken, ein Bier?“ Ich habe nicht Nein gesagt.
R.

Tag 49 Sonntag, 8. Mai 2011

Erster von zwei Ruhetagen. Nur eine kleine Runde über den großen Parkplatz. Wieder ausstehende
Berichte fertigmachen und Skizzieren einiger Motive.
R.

Tag 50 Montag, 9. Mai 2011

Dieser Ruhetag beginnt zeitig und pünktlich. Gleich nach dem Frühstück werde ich abgeholt.
In Eisenach ist ein Vortrag eingeplant. Danach ist Zeit für Gespräche. Auch für die Entspannung
meiner Rückenmuskulatur bei einer Massage. Die Fahrten hin und her macht das Sanitätshaus.
Weitere Berichte und zeitig schlafen, denn morgen geht es ja weiter auf dem mittleren Rennsteig.
R.

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Etappe 8 / Grünes Band, Werrabergland, Gobert

Tag 39 Donnerstag, 28. April 2011

Zuerst der Wecker, dann Donner, dann die Vögel, schließlich Regenprasseln.

Zitat aus EICHSFELD-WERRABERGLAND von REINER CORNELIUS zum Aufstieg von Asbach zum Gobert: „…Der Kolonnenweg ist nicht nur steil, sondern obendrein auch vermoost. Um nicht ständig auszurutschen, steigen wir seitlich im Wald empor.“ – „…mit einem erneuten Steilanstieg über den Kolonnenweg, so steil, dass wir uns nicht vorstellen können, dass hier einst Kübelwagen hinauf- oder gar hinuntergefahren sind.“
Ich befürchte, das wird rutschig, das lasse ich mal lieber.
Die Kombination von steil, Moos und Nässe ist nicht die Ideallösung, um da hoch zu kommen.
Die vereinbarte Abholung bekommt eine leichte, aber erleichternde Änderung. Ich steige nicht
am Schifflersgrund, sondern ganz oben aus. Mein Gepäck geht heute gleich weiter nach Pfaffschwende.
Mein Frühstück: Wurst, Weißbrot, helle lockere Brötchen, Butter, zwei Scheiben Käse, Marmelade – also vorwiegend falsche Fette und schnelle Kohlenhydrate. Der Fahrer des Sanitätshauses in Eschwege bringt mich zum Startpunkt auf den Berg. Ab dort führt mich der Höhenweg zum Grünen Band. An einem Bergsattel gibt es völlig andere Wege als in der Karte. Mein gewählter Weg scheint aufzuhören. Keine Fahrspuren mehr, Steinbrocken, dicke Äste. Doch dann ist da vorn quer ein heller Streifen Jungwald, davor die Platten.

Ziemlich steil. Doch trocken, auch das Moos. Umsonst befürchtet! Als ich beginne zu steigen, ragen meine Schuhspitzen bei jedem Schritt neugierig in den Himmel. Die Schnecken, die mir entgegen kommen, weichen rechtzeitig nach links und rechts aus.
Eine Kuppe wie hier, ideal für meine Rast. Doch dem Unterstand sind der Tisch und die Bank halb geklaut worden und irgendwelche Kulturmuffel haben ihren Müll verstreut. Die nächste Bank ist völlig vergreist und verkommen durch zu wenig Benutzung. Ein Wiesenplatz ist doch das beste.

Ein Hinweis zum höchsten Punkt des Eichsfeldes mit 543m. Weiter vorn ein Abstecher zum Uhlenkopf. Dort sehe ich halb vom Berghang verdeckt Bad Sooden-Allendorf. Der Fels hier bricht senkrecht ab. An der Kante steht ein Grenzstein mit den Buchstaben KP, Königreich Preußen, ANNO 1837. Auf der nicht erreichbaren Seite ist dann also KH FÜR Kurhessen.
Noch ein Abstecher in Richtung Hörne, ein Bergvorsprung mit Aussicht. Als ich mich umdrehe, erinnert mich der östliche Himmel an mögliche Gewitterstimmung. Naja, bevor ich hier unterwegs umdonnert werde, steche ich lieber mal nicht weiter ab und kehre um.

Das Grüne Band wird hier neuerdings vom Baumbewuchs weitgehend freigehalten. Kürzlich wurde gerodet; die Bäume liegen in großen Haufen sauber geschichtet bereit zum Zerkleinern, was da hinten mit viel Lärm auch gerade geschieht. Eine Tafel erklärt mir, dass auf der baumarmen Fläche der Magerrasen für eine spezielle Flora und Fauna erhalten werden kann.
Den oder die Gobert muss man sich vorstellen als einen relativ schmalen, sehr langen Felsgrat, der auf hessischer und teils auch auf thüringischer Seite sehr steil, manchmal senkrecht abfällt. Obendrauf das Grüne Band.

An dem „Sägewerk“ auf der Gobert, jetzt ein Punkt zur Erinnerung, steht ein Stück Grenzzaun als Mahnmal mit erklärenden Texten und Bildern. Hier trafen sich am 28. Dezember 1989 zur Grenzöffnung die Bewohner der anliegenden, bisher getrennten Gemeinden Volkerode und Hitzelrode. Dann stehe ich plötzlich am südôstlichen senkrechten Abbruch. Wie eine weite Grube breitet sich hier die Landschaft aus. Rechts liegt Kella, weiter hinten verschwimmt das Werratal in undefinierbaren Blautönen und Schwaden, als würde dort der Himmel die Talsohle berühren.
Ein Pfad führt als Ausweg links in den Wald. Durch die Bäume dunkle, hörbare Grummelwolken, direkt auf mich zu. Ich treffe den Zubringer-Plattenweg. Wie üblich steil, führt er mich direkt nach Pfaffschwende. Aber schnell lieber mal die Jacke anziehen, eine Plastiktüte ums C-Leg, Rucksackschutz. Einige Tropfen. Am Waldrand sehe ich, wie es über Eschwege gewaltig feucht niederschlägt. Kaum im Ort, sehe ich auch schon die Gaststätte.
Gemeinsam am Tisch mit zwei anderen Quartier-Gästen verbringe ich den Teil des Abends, der nur noch für den Magen etwas zu tun bringt.
R.

Tag 40 Freitag, 29. April 2011

Schnell bin ich heute früh nach 6 Stunden gutem Schlaf wach und fertig. Ein kleines Zimmer spart Zeit, denn viele Schritte sind gespart, wenn schon das sich Umdrehen reicht, fast alles zu erledigen.

Der Anstieg aus dem Dorf, wieder hinauf zum Grünen Band, zeigt mir deutlich, dass der Frühling noch im vollen Gange ist. Im Wald wieder die steilen Platten. Da habe ich gleich meine größte Aufgabe zu Beginn.
Am Grenzeck wieder der weite Blick. Das Tal hat eine Kesselwirkung. Kella liegt nahe des oberen Randes sehr geschützt. Der folgende Weg hat keine Platten. Links der Pfad in Thüringen, rechts der in Hessen, nur getrennt von Grenzsteinen und Bärlauch.
Ab dem Hinweisschild P4 Silberklippe gehe ich in gleicher Richtung weiter. Doch der Weg senkt sich zu stark.
Stutz! Habe ich nicht das P4 oben an einem Baum gesehen? Umkehren, das ist auch Wandern!
Kurz vor dem Wegweiser überholt mich mein erster Heißhunger. Es ist erst halb elf, aber Appetit macht immer Spaß.
Ja, ich war falsch gelaufen; zur Belohnung habe ich aber hier die Bank gegen das Zusammenbrechen bereits am Vormittag….

Es geht noch weiter hoch. Ganz leicht, ein rötlich laubbelegter Schlängelpfad zwischen jungen Buchen, Sonneneinsprenkel, Wurzeln, geknickte Bäume, ein dicker Bärlauchteppich. Der Wind fährt kräftig, kühl und erfrischend durch die Blätter, alle sind in Bewegung, es macht Spaß, sich so mitzuschlängeln, sich selbst zu bewegen und zu fordern. Die Beschreibung reicht nicht aus! Ihr solltet das auch erleben, alle falschgepolten Negativ-Gedanken rauspusten und neue positive entstehen lassen, und frischen Sauerstoff in Lungen und Blut.
Ich gehe bewusst ziemlich schnell, die Ausarbeitung tut sehr gut. Einige schräge, fast rutschende Schritte noch zu einem höheren Absatz, dann eröffnet sich vor einer erneuten Felskante der Blick zu den Wasserflächen, dem Leuchtberg und dem Talverlauf bei Eschwege. Das war sicher eines der schönsten Wegstücke, die ich gelaufen bin. Der Premiumweg P4 in der Hessischen Schweiz mit der Silberklippe, eine gute Empfehlung.

Durch Neuerode, einen Hohlweg, durch Grebendorf, und ich bin wieder unten. Entlang der Baggerseen, die jetzt der Fischzucht dienen. Die Bewölkung misstrauisch beäugend nähere ich mich Eschwege. Starker Wind. Doch der Regen zieht freundlich vorbei.
In Eschwege an einer Ampel. „Sie sind doch…“ wie ich erfahre, ist es Dominik D. mit seinem Fahrrad. Die neugierigen Fragen beantworte ich gerne. Er zeigt mir den Weg zum Gasthof, indem er mich netterweise begleitet. – Wie wäre es, Dominik, wenn du mal mitwandern würdest?
R.

Tag 41 Samstag, 30. April 2011

„So trifft man sich wieder…!“ Die Autoscheibe runtergekurbelt hatte meine nette Wirtin vom Goldenen Hirsch in Pfaffschwende. Ich war bei Kella auf der Straße gestartet, um zum Grünen Band zu gelangen. Da kommen auf dem einen Kilometer gerade mal 3 Autos vorbei und schon sieht man sich wieder.

Wo ist denn nun das Grüne Band? Die Platten sehe ich, einen Weg dorthin gibt es nicht mehr. Wozu ist aber eine feuchte Wiese ohne Zaun da, wenn sie gerade nicht gemäht wird? Dass man beim Durchqueren gleichzeitig die Stiefel säubert!

Die Kategorien der Steilheit könnten erträglich, enorm, übertrieben, und langweilig eben sein. Dieses Stück wäre dann unverschämt übertrieben. Doch ich erwarte hier nichts anderes mehr. Es ist ein sonniger Morgen, auf der Höhe oben weht wieder der frische Wind, hier ist es das gelb-grüne Band, denn es blüht der Ginster; ich genieße das alles.

Eine Weile verläuft der Weg auf der Höhe. Dann wieder hinunter ins Tal der Frieda. Nicht weit sehe eine Brücke. Bevor es wieder hoch geht, setze ich mich am Rastplatz nieder. Der Tisch hat hier die richtige Sitzhöhe, die Bänke sind ideal für die Füße. Der Tisch ist außerdem gebogen. Schon mal habe ich es so gesehen, aber warum? Berechnungsfehler, eingesunken, kinderfreundlich oder nur für Liliputaner?

Das Grüne Band bis zum Eichsfelder Kreuz – vielseitig und unterhaltsam. Zuerst unter der Kanonenbahn durch, eine weitere Brücke gleich daneben. Wie gewohnt, kaum oben, da geht’s runter. Folglich ist das der dritte Anstieg. Jeweils so etwa 70 Meter empor. Eine Stück Steigung, für die noch eine weitere Kategorie gefunden werden könnte. Büsche beginnen sich von der Mitte her breit zu machen. Im nächsten Jahr ist hier eine „Wandergartenschere“ angebracht.

Ein Acker folgt, der Weg ist weg, dafür die Platten seitlich gestapelt. Für eine weitere Feldbegehung habe ich ja an Ostern trainiert, also nichts wie durch! Oben dann tolle Eichsfeldblicke zu spitzen Bergkuppen, breiten Bergrücken, Minidörfern, gelben Feldern.<br<

Der Grenzweg ist mit Gras bewachsen. Ihn hatte ich gefunden, als ich die Felder überwunden hatte. Bald darauf entdeckte ich auch die Platten wieder. Hinter einer großen Löwenzahnwiese, die sich als der Grenzstreifen herausstellte. Blauer Himmel den ganzen Tag, woher dann vier Wölkchen kommen, ist unklar.
Die zweite Rast am Eichsfelder Kreuz. Dann die kaum befahrene Straße nach Wanfried.
Weiter unter weiche ich noch auf einen Waldweg aus.
In Wanfried werde ich abgeholt. Zu meinem letzten Lieblingsquartier der Probewanderung 2010 in Treffurt.
R.

Tag 42 Sonntag, 1. Mai 2011

Herr A. brachte mich zum Startpunkt am Eichsfelder Kreuz. Nun geht es auf die letzte Strecke des Grünen Bandes in Thüringen. Das Wetter ist wieder 1A, der Wind aus Ost allerdings hatte auf dem Weg zu mir noch keine Wüstenregion gestreift.

Heute kommt mein Hunger überfallmäßig vorzeitig. Ein Wiesensitzplatz in der Sonne ist nach langem Hungeranstieg gefunden. 20 Minuten Rast reichen. Als die Abzweigung zum Plesseturm erreicht ist, habe ich immer noch Hunger und schiebe lieber etwas nach.
Am Turm gibt es eine gute Aussicht aufs Werratal. Direkt unter mit liegt Wanfried. Rechts, gar nicht weit, erkennt man die Seen bei Eschwege.
Wieder zurück auf dem Plattenweg sieht man bedeutend mehr als auf dem Premiumweg im Wald. Ein weites Hochtal, in voller, dichter Blüte mit Löwenzahn der angrenzende Hang. Die Grenze durchquert dieses Tal auf dem Sattel zu einem Talabbruch zur Werra. Ich finde eine Bank im Sonnenschein für meine zweite Rast.
Bald zieht sich der Kolonnenweg hinunter zur B 249. Dieser Hang eines Werraseitentales ist so steil, dass selbst der Kolonnenweg eine widerwillige Serpentine vollführt.

Natürlich brauche ich wieder eine Trainingseinheit. Der Gegenhang ist gut geeignet, auch hier Kurven, um begehbar zu sein. Ich gelange zur Berghöhe „Auf der Delle“. Für Besucher ist dort ein Grenzturm erhalten, von dem man einen besonders weiten Blick übers Land hat.

Jetzt geht es lange relativ eben auf der Hochfläche. Rechtzeitig zum Hungerknurren bietet mir der Waldrand eine Bank abseits vom Wege. Erst bei der Agentenschleuse steige ich hinunter ins Tal des Heldrabachs.


Vor mir der Töpferberg. Im letzten Jahr suchte ich von der anderen Seite her den Kolonnenweg, geriet in die Wildnis und musste umkehren Doch von diesem Tal aus setzt er sich fort. Nochmal also steil durch dunklen Wald hinauf. Nach Treffurt ist das kürzer und auf der B 250, um den Berg herum, werde ich nur zum Verkehrshindernis.

Jetzt biegt der Kolonnenweg rechts ab. Hier gehe ich links und habe somit das Ende der Wanderung auf dem Grünen Band erreicht. Jetzt verstehe ich auch, dass ich damals an der falschen Stelle gesucht hatte. Nicht jeder Kilometer war für mich begehbar, nicht jedes Teilstück war leicht, wurde zu Herausforderungen, aber dieser Weg wurde zu einem unvergesslichen und besonderen Bestandteil meiner Tour. Von der Bergseite her erreiche ich Treffurt, noch unterhalb der Burg Normannstein. Die Straßen hier sind sehr reizvoll mit ihrem Kopfsteinpflaster. Durch diesen Zusatzaufstieg, ohne die ursprünglich beabsichtigte Abholung, komme ich nach 19 Uhr und nach 19,5 km ins Tagesziel.
R.

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