Monatsarchiv: Juni 2011

Etappe 17 / Mittlere Schwäbische Alb

Tag 92 Freitag, 24. Juni 2011

Stufen nach Otterbach

Nach einem vortrefflichen Frühstück gehe ich lunchbestückt zum Abstieg nach Ottenbach. Dieser Weg stellt gleich
zu Beginn ordentliche Anforderungen an die Konzentration. Außerdem ist der Himmel wolkenbestückt, doch dazwischen
gibt’s genug Sonnenschein mit tollen Ausblicken.

Verfolgt von einer dicken Wolke Blick zurück in eine Traumlandschaft

Als der Anstieg zum Rehgebirge beginnt, banne ich eine dunkle Wolke in die Lumix; sie schwebt noch über dem Hohenstaufen.
Sie nähert sich sehr schnell und zeigt, was sie hat. Ich weiß auch, was ich habe, nämlich Kohldampf.

Jedes Wetter kann man genießenVor mir steht eine Scheune. Gibt’s da ein Dach? Ja, 10cm an einem Anbau hinten. Da könnte ich mich doch gleich hinsetzen,
nlehnen, trinken, essen und die paar Tropfen vorbeilassen. Schon kommen sie, Rucksack runter, Isomatte daneben, Fressbehälter
raus, hinsetzen an die Holzwand. Trotz der windabgewandten Seite kommt jetzt heftig was runter. Vorsicht, das Gelenk!,
die Camera! Alles sichern! Regenschirm, jetzt kommst du dran.

So hat mir der Schirm wenig genützt

So sitze ich gemütlich unterm Schirm, genieße meine Drinks, kaue vor mich hin. Die Eigenart des Schirms ist aber, das
Wasser ablaufen zu lassen, auch hinten. Herrlich kühle Tropfen beginnen genüsslich den Rücken abwärts zu rinnen. Auch auf
dem Gras funktioniert die Bewässerung, erreicht meine Isomatte, durchdringt sie und wird im Kellergeschoß spürbar. Ja, ja,
die guten Ideen können sich umkehren. Jetzt heißt es, schneller kauen, immer noch schüttet es weiter und weiter.

Mein trockener Sitzplatz

Im Süden erscheinen hellere Wolken. Etwas später nördlich beruhigende blaue Flecken. Ich packe alles zusammen. Das Tragegestell
des Rucksacks ist wie frisch aus der Waschmaschine. So marschiere ich also mit gut angefeuchteter Rückseite erstmal weiter,
denn der Anstieg erzeugt Wärme.

Ein Zufahrtsweg, ein Hof, zuletzt noch die Straße, oben geht es eben weiter. Dieser Bergrücken ist schmal. Mehrmals noch
sehe ich den Rechberg und den Stuifen. Dann verpasse ich eine Abzweigung und gerate an den Abstieg nach Donzdorf. Das ist
absolut die falsche Richtung.

Begegnung auf der Wanderschaft

200m zurück, den anderen Hang hinunter. Staufeneck erreiche ich so aber nicht mehr. Weit komme ich hinunter und biege statt
nach dem Baierhof vorher nach rechts ab. Als ich das spitzkriege, will ich das entlang einer Waldecke wieder ausgleichen.
Pech gehabt! Da ist eine Feldeinzeunung und kein Fuß passt da hin. Also nochmal zurück, noch was essen und Sieglinde anrufen.

Jetzt mache ich es einfacher. In Süßen unterhalb der Burg Staufeneck holt sie mich ab, zum Quartier bei ihr. Sie ist im
Sekretariat des Schwäbischen Albvereins Sachbearbeiterin und die Rechte Hand des Chefs.

Kisha, eine acht Monate alte Cane Corso Hündin, will mich nicht reinlassen, als wir bei Sieglinde ankamen. Sie ist impulsiv
und akzeptiert keinen Fremden mit Stöcken, Rucksack und Prothese. Doch als ich sitze, ist es genehmigt.
R.

SOLL 888 km / IST 893,5

Tag 93 Samstag, 25. Juni 2011

Sieglinde und Kisha können ein Stück mitkommen Ein kleines Familientreffen bahnt sich an

Heute habe ich Begleitung. Sieglinde und Kisha am Vormittag. Meine Tochter Carola und meine Enkelin Helen wollen dazustoßen.

Sieglinde fährt uns zum geplanten Startpunkt an einen Wanderparkplatz bei Göppingen-Holzheim. Kisha ignoriert meine Ausrüstung.
Sie spürt das Wildgehege in der Nähe.

Dieser Tag ist die Annäherung an den Albtrauf. Wir sehen beim Wandern über die Hügel die steilen Hänge der Alb. Immer mächtiger.
Beim Zurückschauen die Kaiserberge, immer kleiner. Nach vorn ist schon deutlich der Teckberg zu erkennen.

Kisha genießt das hohe Gras am Rand und untersucht immer die tiefen Gräben. Bei unserer Rast liegt sie vor den Füßen im Gras

Schön dass sie dabei sind! Helen, meine Gemeinsam gehen wir eine Weile
first Enkelin und Carola, meine Tochter

Mit den Rädern per Bahn nach Göppingen, eine Radtour durch die Hügel nach Kirchheim/Teck und mit der S-Bahn zurück. Zusätzlich
ausgeheckt haben sich Carola und Helen das Suchspiel „findet den Opa!“

Mit Helen bei der Rast Mit Carola bei der Rast

Der erwartete Anruf kommt, als wir bald im …..Tal sind. „Wir fahren grad durch Jebenhausen…“ Das paßt genau! Nur etwa 3km
Entfernung zu uns, das Tal hinauf. Ich gebe einen Hinweis und wir durchqueren dieses Tal in Richtung Pliensbach. Über dem Weizenfeld,
da hinten an der langen Baumreihe am Bach, nähern sich zwei Radfahrer. Dann winken sie. Helen ist zuerst oben. Schön, daß sie da sind!

Tag 94 Sonntag, 26. Juni 2011

Eine Aussicht zur Limburg und zum
heutigen Startpunkt Aichelberg

Heute will mich die Schwäbische Alb bezwingen lassen – oder will sie das nicht? Eins steht fest: Bad Urach liegt hinter zwei Aufstiegen.

Die Alb hat einige Tricks bereit. Die Pfade am Steilhang sind schmal. Teilweise seitlich stark geneigt. Verlaufen im Zickzack
und nehmen keine Rücksicht auf Prothesen. Da muß ich notfalls ebenfalls Tricks anwenden.

Zunächst fährt mich Sieglinde wieder nach Aichelberg, wo sie mich gestern abgeholt hatte. Anschließend das Gepäck nach Nabern zu
Helmut Kurz. Mein Weg führt zuerst durch Weilheim/Teck. Am der oberen Mühle ruht sich das bemooste Mühlrad aus, die Wasserzufuhr
besteht nur aus Tröpfelei. Dort an der Mauer kann ich gleich die Prothese neu anziehen und die Behandlung der Entzündung fortsetzen.

Eine interessante Begegnung

Am Fuße der Limburg sitze ich auf einer Bank und werde von einem Mann im Elektrorollstuhl angesprochen. Da wird mir mal wieder klar,
wie gut es mir geht.

Der Weg stieg seit Weilheim immer an, aber der steile Anstieg beginnt in Hepsisau an der Zipfelbachhalle. Jetzt, gegen Mittag,
ist es richtig heiß. Ich werde mir meine Teeration gut einteilen müssen und mit B-Vitaminen und isotonisch anreichern.

Vor mir das Ziel im Hintergrund:
die Mauer des Breitensteins

Der Auchtertweg, ein Schild zeigt es an. Wie der Weg weiter oben so ist, frage ich Gegenwanderer. „Ja, ja, bisschen schwieriger
schon, aber es geht.“ Na prima, das trockene Laub, die Kalksteine, eine sichere Sache.

Zwei Drittel geschafft, nur eine kritische, abgrundnahe Stelle, kaum zu viel gerutscht. An der letzten Wegkreuzung mache ich noch
eine Rast auf dem Boden und führe mir nochmal reichlich Reserven zu. Einen Radfahrer frage ich nochmal. „Etwas happich, da oben,
musste das Rad tragen“.

Guter Weg im mittleren Waldbereich

Nur noch einen Kilometer. Der Zickzackweg beginnt mit einer Linkskehre. Sehr geneigt. Geht grade so. Das anschließende Wegstück
schaffe ich nur, weil ich mich seitwärts bewege. Den Oberkörper vorgeneigt, langsam, Schritt für Schritt. Jeden Stein prüfen,
ob er Halt gibt. Sonntags sind hier viele Leute unterwegs, stehen bleiben und vorbei lassen.

Nach Kehre sechs von 16 wird’s kriminell. Dort behindert kein störendes Steinchen die Rutschpartie. Es dreht mich mal wieder,
ich sichere die Gehhilfen, der Boden ist angenehm kühl und könnte mal wieder geputzt werden. Wieder aufstehen? Statt dessen
rutscht der Fuß weiter und findet keine Bremse. Also Rückwärtsgang einschalten. Hände und Hose sind sowieso wäschereif. Es
wird etwas ebener und ich komme hoch. Beim Weitergehen sehe ich den Baum nicht, weil ich so konzentriert den Boden prüfe.
Rumms! Mit dem Kopf dagegen, ein Gleichgewichtstanz wird vollführt, ich sitze wieder und poliere den Weg noch ein Stückchen.

Aufstieg im Bereich des Albtraufs Dies Spuren sind zweitrangig

Nach Kehre 8 wird’s stufig. Die zwei angebrachten Balken sind unerreichbar hoch für einen Schritt. Wozu habe ich schmutzige Hände?
Kriechgang einschalten. Das hat die Alb noch nicht gesehen. Nur etwa fünf Meter weiter kann ich wieder stehen. Später noch einmal
dasselbe. Dann erreiche ich die Felsen der Traufregion.

Richtig einfach ist es hier. Ein riesiger Geländeblock spaltet sich ab von den anderen Felsen. Über eine Brücke, durch die Felsrinne
hindurch und nochmal steil hoch. Da oben sind Geländer. „Darf i Ihne bissel helfe?“ rufts von oben. Warum nicht? Die Treppenstufen
sind so geneigt und teilweise wieder so hoch, daß ich gerne die Unterstützung annehme. „Das isch ja fascht alpin!“ Oben teilen sich
die Zweige und die Albhochfläche am Breitenstein liegt vor mir. Das helle Sonnenlicht hat mich zurück!

Helmut hat gut lachen,
er kam ja mit dem Auto hoch

Ein Anruf bei Helmut. Noch ein gemeinsamer Spezitrunk in der Krone in Ochsenwang, Talfahrt nach Kirchheim/Teck-Nabern, Brunis Abendessen,
einige Bilder betrachten, bald schlafen. 10,5 km und über 350 Höhenmeter. Meine Tricks haben gereicht.
R.

SOLL 913km / IST 919km

Tag 95 Montag, 27. Juni 2011

Probeeinlauf in Tübingen Kurzbesuch bei der BG Klinik

Helmut schlägt soeben den Text vor: „Trotz Ruhetag hattest du trotzdem keine Ruhe“. Morgens Ordnung geschafft, mittags Helmut nach
Tübingen begleitet, wieder zurück Bilder und Texte versandt. Abends Mittagessen. Helmut ist Kassenwart in unserer Selbsthilfegruppe
„Mittlerer Neckar“ in Tübingen.

Wie laufe ich morgen? Ich suche mir gleich noch die geeignete Wegstrecke aus, die mich auf lediglich zwei Füßen nach Grabenstetten bringt.
R.

Tag 96 Dienstag, 28. Juni 2011

Helmut und Bruni bei der Verabschiedung

Heute früh funktionierte die Teppichbremse. Ich stand vor dem runden Abstelltisch im Zimmer und amputierte mal wieder meine
Fingernägel. Um sicherer zu stehen, wollte ich mit dem Prothesenfuß weiter nach rechts treten. Er blieb hängen und ich segelte
über einen Stuhl, streifte die Bettecke und begrüßte mit dem Kopf noch die Zimmerwand. Gut, daß die Fingergriffe von Nagelscheren
meist zu eng sind, sonst wäre dieses wichtige Instrument noch unters Bett gerutscht. Pflaster, Schere, Omega 3-Öl und Q10 standen
schon auf dem Tisch, ich konnte die Versorgung der Prellung und Blutung deshalb sofort beginnen.

Jetzt bin ich problemlos unterwegs. Von den beiden lieben Gastgebern Bruni und Helmut verabschiedet. Der Weg geht heute durch
die Hitze von über 30 Grad Celsius über zwei Anstiege, die Geduld erfordern.

Zwischen Breitenstein links und Teckenberg rechts Einige Kirschen müssen mal sein
nähere ich mich dem Einschnitt des Sattelbogens

Gleich zu Anfang – nur das dünnste Hemd. Der Weg führt zwischen dem Teckberg und dem Breitenstein zum Sattelbogen. Von 370m in
Nabern auf 610m, also 240m. Die Prothese muß ich dringend wechseln, der Druck ist zur Zeit nicht auf Dauer gut. Bevor es richtig
steil wird, sehe ich eine Bank. Kaum sitze ich, sind etwa 10 Bienen um mich. Kommen die aus dem Gras? Ich sehe nirgends einen
Bienenstock. Stillhalten! Sie beruhigen sich. Gut, ich bin also nicht völlig beunruhigend. Ich trinke etwas. Bei jeder kleinen
Bewegung von mir sind wieder einige da. Ich stehe offenbar unter Beobachtung. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich im
Zeitlupentempo wegzuschleichen. Ich will ja nicht wieder…. – sie haben nichts bemerkt.

Gleich darauf kann ich das Schaftproblem lösen, und das hält dann auch durch. Bei einem Schafstall raste ich ausgiebig unter
alten Buchen mit sehr ausladenden Ästen. Das Schafgeblöke ist eine Musik, die gut in die Landschaft passt, deren Erhaltung
auch durch die Beweidung gewährleistet wird. Am Sattelbogen gibt es noch eine nette Unterhaltung mit zwei Wanderern. Aber auch
wunderbare Ausblicke zum Breitenstein und weit hinaus ins Unterland.

Blick ins obere Lenningertal Ein Bad im klaren Wasser der Lauter wäre heute passend

Nun geht’s wieder hinunter, ins Lenninger Tal. Mein Wundpflaster löst sich und die Unterarmstütze drückt gegen die offene Stelle.
Gleich darauf lasse ich mir in einem Altenheim ein neues Pflaster mit einem mitgebrachten Verband sichern.

Nun aber, wie schon erwähnt, der zweite Anstieg, wieder von 425m zu der Höhe um die 700m. Nur leider auf der Fahrstraße, doch
da bin ich selber schuld! Entweder ich habe keine Bedenken, dann gehe ich den Wanderweg, oder ich genieße mal 5km glatten Asphalt.
Die Bedenken sind halt wegen dem Anstieg vorgestern entstanden.

Nach einem Drittel Straßenwanderung sitze ich auf der Wiese. Ein Radfahrer untersucht sein Rad. Eine Frau hält ihren PKW.
„Kann ich behilflich sein?“. Sie hat nicht mich gemeint, ich bin beim Essen. Das bedeutet, es wird kein Mitfahrangebot für mich,
sie hat mich gar nicht entdeckt. Ich hätte ja oben eine Zusatz-Wegschleife gehen können.

Das Kesselfinkenloch Weg am Abgrund

Jetzt habe ich zwei Drittel der Straße geschafft. Am Rand der mit Netzen gesicherten Steilwand lehne ich den Rucksack an.
Einige Schluck Tee. Hier bekomme ich das halb erhoffte Angebot. Bis zum Parkplatz fahre ich mit.

Den eingesparten Weg gleiche ich auf dem Wanderweg etwa wieder aus. Hier gehe ich das einzige Stück meiner Tour am Albtrauf.
Gleich zu Beginn zum Kesselfinkenloch. Eine Felsbrücke blieb dort über dem Abgrund stehen. Die wellige Landschaft der Alb
stürzt sich am Albtrauf plötzlich fast senkrecht in die Tiefe.

Am Rande der Hochebene, des Waldes und der Faulheit

Eine Weile folge ich diesem Randweg, mache am Waldrand noch eine Rast und erreiche über die Felder, nach 15km,
den Gasthof Lamm in Grabenstetten.
R.

Tag 97 Mittwoch, 29. Juni 2011

Ein Motiv aus dem schwäbischen Ort Grabenstetten

Heute früh holt mich Albert aus der Selbsthilfegruppe ab zu meinem Massagetermin in der Physiotherapiepraxis Sybille Main.
Danach werde ich von Sven Jarmer zu der Veranstaltung im Sanitätshaus Glotz in Gerlingen gefahren. Dieter Jüptner ist auch
gekommen. Die Rückfahrt geht zum neuen Quartier nach Bad Urach.

Morgen beginnen die letzten sieben Wandertage. Was die begonnene Serie der Skizzen betrifft, so lässt sie sich aus Zeitgründen
nur noch nach der Tour fortsetzen.
R.

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Etappe 16 Schwäbisch-Fränkischer Wald / Ostalb

Tag 88 Montag, 20. Juni 2011

Der freundliche Wirt in Gaildorf macht mir noch Brote für unterwegs und bietet mir auch den Gepäcktransport an.
Dieser ist jedoch schon mit Hannelore und Konrad vereinbart.

Konrad kenne ich schon seit etwa 1958, als ich die Stuttgarter Jugendgruppe des Schwäbischen Albvereins hatte.
Dort tauchte er eines Tages auf. Später war er dann Bäckermeister in Ellwangen und Gschwend, und dort habe ich
heute bei ihm mein Quartier.

Schloss in Gaildorf Rast bei Schönberg

7:45 gestartet, das wird heute ja ganz gut laufen, am Kocher entlang, den Berg hoch, bedeckter

Vorbei am Gaildorfer Schloß. Die Fronten im Innenhof sind so bemalt, als wollte man damit die Architektur verbessern,
die eine Bemalung nicht benötigt. In einem großen Bogen schwenkt der Weg nach Süden, immer am Ufer des Kochers entlang.

Feucht geht’s jetzt immer zu, wenn ich morgens die Prothese durch Wiesenwege schleife. Da vorn steht ein altes
Bahnhofsgebäude. Schönberg, einige wenige Häuser seitab, hatten eine eigene Bahnstation, allerdings nicht für ICE.
Ab dort schlängelt sich der vorerst befestigte Weg durch Wiesen. Hosentaschengeläut ist zu hören. Eine Zeitung aus Gmünd.
Die Fragen können wir alle gleich abklären, allerdings akustisch stark angekratzt. Als es unverständlich wird, gehe ich
etwas zurück und entdecke dadurch einen vorbildlichen Holzstapel, wofür ist ja klar. Ich hatte schon vorhin nach so etwas
wie eine „Niederlassung“ gesucht. Im Stehen kaut es sich weniger entspannt.

Im Wald steigt der Weg sofort steil an. Die hilflosen Regenversuche werden jetzt etwas stärker, aber wieder nur deshalb,
um die Jacke herauszulocken. Bald ist es mir zu warm.

Bei solchem Schotter bleibt man lieber senkrecht

Ein Waldarbeiter bei seinem Auto am Wiesengrundstück. Auch 74, aus einem der russischen Gebirgsländer. Er bestätigt mir
wieder einmal, wie gesund sehr viel Bewegung ist. 100 km am Tag, dabei noch auf der Jagd in felsigen Bergen, waren für
ihn kein Problem. Für mich aber langsam seine Erzähllust, denn ich bin zeitlich schon etwas hinterher.

Der Fahrweg ist wieder unten im Steigersbachtal. Jetzt hält mich die Prothese zweimal auf, denn wenn es mal anfängt
zu drücken, muss ich möglichst schnell reagieren.

Ein weiterer Anruf. Wir vereinbaren einen Fototermin gegen 18 Uhr in Gschwend. Doch hier dieser Kiesweg! So einer führte
zum ersten Sturz. Ein harter Stein neben dem anderen, langsam und konzentriert geht’s weiter.

Vorsicht bei feuchten Wurzeln Die Schleifspur. Die Wurzel ist nicht zu erkennen.

Bis ein Pfad links abzweigt. Steil, schmal, rutschig und verwurzelt. Oben soll eine Hütte sein, da plane ich zu rasten,
doch plötzlich kippen die Stämme vor mir mitsamt ihren Wipfeln nach unten, die Wipfel hinter mir schwenken nach vorn – wumm!
Der Rucksack ist wie stets ein angenehmer Puffer. Eine Erschütterung geht durch den Wald. Ein Nachbeben erfolgt nicht.
Ich liege ziemlich bequem mit dem Kopf etwa mit 20% Gefälle unter den restlichen Zehen. Die Gehhilfen parellel. Noch etwas
bequemer an den oberen Hang gelehnt, analysiere ich die Situation. Eine ungefähr 1m lange Schleifspur. Eine Verletzung am Unterarm.
Sofort einen Tropfen micelliertes Q10 drauf, das schließt die Wunde sehr schnell. Etwas später ein kleines Pflaster.

Wieso das? Ich versuche den Weg nochmal und entdecke am Beginn der Schleifspur eine fast völlig versteckte Wurzel,
längs des Pfades. Das gehört zu den kleinen Frechheiten des Waldes, die er immer mal parat hat.

Weiter oben eine ähnliche steile Stelle. Der Pfad nur noch 20 cm breit und verflixt schief. Der bewaldete Talhang noch steiler
und höher. Das Risiko ist hier zu groß. Ich muß leider zurück zum breiten Weg. Nicht ohne eine genüssliche Rast – auf einer Wurzel.

Wieder ein Anruf, diesmal ein Interview mit einer orthopädischen Zeitschrift. Danach kehre ich auf einem Umweg zu meiner
geplanter Tagesroute zurück. In Gschwend kommen der Pressefotograf und ich gleichzeitig kurz nach 18 Uhr an. Auch Konrad
steht plötzlich da. Bei ihm essen wir und sehen dann zu dritt mit Hannelore einige Tagesberichte im Internet an.
R.

SOLL 850km / IST 849,5km

Tag 89 Dienstag, 21. Juni 2011

Das Brett ist glatt

Am Rande von Gschwend verlässt mein Wanderweg die Fahrstraße. Im Wald sehe ich gleich mal eine Aufgabe. Der Wanderweg
geht rechts hoch. Das Brett über den Graben ist steil. Der Schuh rutscht sofort. Deshalb die Querhölzer. Wichtig ist nur,
mit dem linken Schuh gleich zum zweiten Querholz zu treten, damit der rechte Schuh auch Halt bekommt. Seitlich aufwärts,
damit die Gehhilfen ebenso Platz finden. Sie würden bei Belastung ebenfalls sofort rutschen. Ich muss mich also nicht
wieder aus dem Graben aufsammeln.

Sieh da, ein Pilz! Es ist doch noch nicht Herbst. Ein Ausnahmeexemplar also. Den muss ich auf die Pixel bannen. Am besten
aus der Ameisenperspektive. Wie weich doch der Waldboden ist. Wie geheimnisvoll und völlig anders doch die Landschaft hier
unten ist. Ein Fichtensprößling ist ein junger Baum und sieht hier auch so aus. Doch ich stemme mich wieder hinauf in die
Ameisenathmosphäre, in meine Welt, und verfolge meinen Weg weiter.

Die Rast war vorher Die Wunde ist gut geschlossen

Ein Stapel Holz bietet mir an, den Schaft neu anzuziehen, er drückt. Es dauert manchmal verflixt zu lange für meine Ungeduld.
Danach geht mein Weg in eine große Schleife, hinunter, durch ein Tal mit Höfen der Gemeinde Schlechtbach und wieder hinauf zur B298.

Unterwegs, nach einer kurzen Rast, spüre ich das Jucken am Stumpfende, ein typisches Anzeichen für eine beginnende Entzündung.
Da muss ich schnell reagieren, denn die andere Entzündung ist ja auch noch nicht abgelaufen. Nach dem Hof Hohenreut finde ich
ein Bachbrückengeländer. Zwischen Brennnesselstengeln sehe ich mir die Stelle im Taschenspiegel an. Ein bereits deutlicher roter
Hügel in der OP-Narbe. Nach der Behandlung gehe ich weiter, mal sehen, vorläufig merke ich nichts mehr.

Prothesen hochlegen, sicher gesund!

Ich komme in das Reichenbachtal. Die zweite Rast ist wieder ein „Stamm-Platz“ Der eine ist etwas höher als der andere und ist
zugleich eine bequeme Lehne. Auch mein Prothesenfuß hat heute ein Luxuserlebnis, denn ich kann ihn auf einem anderen Stamm lagern.

Pfad im Reichenbadtal Vier solche Brücken, feucht und rutschig Bad im Reichenbach

Die „neue Bank“ danach sieht nicht nach Komfort aus. Mein Weg verläuft dann auf einem Talpfad weiter. Wildromantisch ist es hier.
Gealterte Holzbrücken mit dicken Balken, die Zwischenräume sind Abgründe für die Gehhilfen. Der Bach begleitet mich in phantasievollen
Schleifen. Die Ölmühle auf einer Lichtung wirkt wie ein Hexenhaus. Weiter unten zwei Pferde, zwei Hunde, zwei Frauen, Füße im Bach,
das kühle Wasser genießend.

Bäckermeister Konrad mit heute von ihm
frisch gesammelten Heidelbeeren,
sofort wohlschmeckend verarbeitet

Am Reichenbachstausee rufe ich Konrad an. Er besucht hier oberhalb in Spraitbach Freunde und holt mich ab. Bei ihm zu Hause eine
Überraschung: Ein großer, runder Heidelbeerkuchen. Da war doch mein Bäckermeister heute extra im Wald und hat frisch gezupft.
Und dann meinen Lieblingskuchenbelag, Streußel, fachgerecht verteilt, den Kuchen gebacken und schon angeschnitten. Sicher hat er
gemerkt, wie es in meinen Händen gezuckt hat. Das ist die Art Kuchen, wozu ich seit Jugendtagen eigentlich eine Strichliste gebrauche.
R.

SOLL 863 km / IST 861 km

Tag 90 Mittwoch, 22. Juni 2011

Konrad und Hannelore vor dem Bild, das ich
bei meinem letzten Besuch gezeichnet hatte

Der Besuch bei Hannelore und Konrad war sehr angenehm und ich wurde vorzüglich bewirtet. Konrad fährt mich nach Haselbach.
Vielleicht machen wir mal im Herbst eine Wanderung zusammen?

Wanderstart in Richtung Lorch Da hinten lauern Bienenkästen und ihre Anwohner

Von der plötzlichen Entzündung gestern habe ich nichts mehr gespürt. Problemlos geht es den Talweg hinunter Richtung Remstal,
nur das richtige Sitzen der Prothese wird noch geregelt.

Halt! Vorsicht! Da war doch der Überfall am Südharz. Rechts am Wald stehen Bienenstöcke. Ein gestochenes Kind scheut die
feurigen Honigsammler! Da ist mir die triefende Hochgraswiese lieber. Ich trete einen ausreichenden Spurbogen um die
nichtsahnenden Flugstichlinge. Geschafft! Schnell verdünnisiere ich mich vor ihren möglichen Angriffen.

Bei der Maierhofer Sägemühle

Eine nette Unterhaltung an der Maierhofer Sägmühle. Der Mann betreut gerade – Bienenkästen. Er hat auch Probleme mit dem Bein.
Die Mühlengebäude, die Umgebung hier, ein Gebiet wie ein Dauerurlaub für die Anwohner.

Dann erreichen mich Anrufe, die wegen des schlechten Funknetzes fast unverständlich sind. Doch als ich das Remstal erreiche,
klappt es mit den Vereinbarungen mit der Presse und für meine Abholung.

Den Fahrer des Sanitätshauses Hartlieb treffe ich am Parkplatz nahe dem Klosterberg bei Lorch. Die Fahrt zur Physiotherapie
in Göppingen geht sehr kurvenreich. Die Massagebehandlung ist vortrefflich.

Der Hohenstaufen in Wolken Stimmung nach dem Regen

Ab der Blumenstraße in Göppingen setze ich danach die Wanderung fort. Sie führt durch das Stadtgebiet bis zum Sanitätshaus
in der Esslinger Straße. Unter den Gästen des Vortrages sind auch Freunde aus unserer Selbsthilfegruppe, ich freue mich sehr,
dass sie gekommen sind. Auch zur Jugendherberge Hohenstaufen werde ich noch gefahren.

Bald kommt der Pressefotograf der Stuttgarter Zeitung. Wir fahren zum Tasrücken, einen kurzen Höhenzug. Nach dem Regen
vorhin ist die Sicht super klar. Eine Wolkenbank liegt weiß vor tiefblauen ferneren Wolken direkt auf dem Rücken des
Rehgebirges.Eine andere zieht sich vom Filstal über den Gipfel des Hohenstaufens bis weit hinüber zur Rems, sie sieht aus
wie ein wärmender Schal, um den beginnenden Schurwald gezogen. Weit hinten, über Stuttgart, nähert sich blauer Himmel.
Ein guter Moment für einige Bildmotive.
R.

SOLL 875 km / IST 870 km

Tag 91 Donnerstag, 23. Juni 2011

Anstieg am Mittag Ein gangbarer Weg hinauf

Der Hohenstaufen. Neben der Juhe geht schon der Weg hinauf. Nach dem Waldrand finde ich einen Pfad. Er ist erträglich
bis zur dritten Kehre auf halber Höhe. Immer in den Kehren ist es besonders schräg, und hier sehr glitschig, typisch
für die Alb. Ich will gerade die sicheren Trittstellen finden, da gehen auch schon gleichzeitig beide Schuhe weg.

Elegant dreht es mich und ich kann ohne Sitzflächenkontakt die Hände drunter halten. Braun verschmiert. Wozu habe
ich ein Hemd, das eh in die Wäsche muss. Das C-Leg auch, nur nicht in die gleiche! Es gelingt mir, den Prothesenfuß
festzuhaken und senkrecht zu kommen. Das heißt aber, hier geht es nicht weiter.

Zurück. Auf dem Rundweg am Waldrand unten wende ich mich rechts. Bald geht ein besserer Pfad hinauf. Oben kann man
die Aussicht genießen.

Blick zum Rechberg und Stuifen Sommergras vor dem Hohenstaufen

Die Rems und die Fils fließen zu dicht beieinander, das konnte die Alb nicht gut vertragen. Die Abtragung von beiden Seiten
nagte die Hochfläche fort und schuf so die eindrucksvollste Szenerie der Schwäbischen Alb, die drei Kaiserberge Stuifen,
Rechberg und Hohenstaufen. Diese drei Spitzen erreichen etwa die Höhe der Albhochfläche, sind aber deutlich von ihr getrennt.
Mein Blick hier nach Osten ist wirklich grandios.

Wieso bin ich jetzt hier oben? Es ist Ruhetag und es gibt vier Dinge zu tun. Berichte! Gegen 11:30 sind sie fertig.
Skizzen! Muss ich später nachholen. Interviewtermin: 18 Uhr heute Abend.
Wanderdefizit: Das ist jetzt wichtig, und deshalb habe ich mich auf die Socken gemacht.

Die Felsen der Spielburg Meist ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist

Auf der Spielburg feiern Jugendliche einen 18. Geburtstag. Da geht es laut zu. Diese Felsen kenne ich. Etwas unterhalb
standen 1960 die weißen Zelte des Albvereins-Zeltlagers. Dort gab es vier Wochen lang auch wenig Ruhe; ich war als
Gruppenleiter dabei. Auch damals spielte der schlammige Boden eine Rolle, als nach ein paar Regentagen die Zelte nach
weiter oben auf den Trockenrasen versetzt werden mussten.

Der Radweg, für mich wie eine Autobahn

Ich mache eine Runde. Zuerst abwärts fast bis Wäschenbeuren. Während einer netten Unterhaltung im Wald bauen sich dunkle
Wolken auf. Doch der Regen bleibt heute wieder aus. Neben dem Ort ist ein Bahndamm zum Radweg regeneriert. Er bringt mich
bequem nach Maitis. Unterwegs ist’s wieder so warm, daß das Hemd unter die Rucksackklappe kommt. Die beiden Leute auf der
Bank schütteln die Köpfe, sie haben Jacken an.

Mit diesen Kirschen war ich nicht zufrieden

Seitlich des Radweges sind überall Kirschbäume. Darauf habe ich gewartet. Ich erreiche sie aber nicht. Sie sind abgezupft
oder hängen über dem Graben. Nur an einer Wegeinmündung erbeute ich einige, die ich hätte auch dranlassen können.

Landschaft zwischen Wäschenbeuren und Maitis Meine Rundwanderung ist beendet

Ab Maitis steigt der Weg steil hoch zum Ort Hohenstaufen. Die Redakteurin von der NWZ kommt gleichzeitig an und wir nehmen
uns Zeit für ihre Fragen.

Jetzt noch die Vorbereitung für morgen, denn ich will zeitiger weg. Vielleicht gelingts. R.

SOLL 875 km / IST 877,5

Etappe 15 / Jagst, Bühler und Kocher

Tag 81 Samstag, 11. Juni 2011

Warten auf Nikolaus. Gestern abend ruft er von Stuttgart aus an. „Wo läufst du morgen?
Ich komme bis 8 zu dem Hotel“. 7 Uhr bin ich beim Frühstück, 8 Uhr gehfertig. Schnell noch
die Texte versenden. Dann kommt 20 nach der erwartete Anruf. „Bin am Rathaus“.

Am Plönlein. Durch das untere Tor
verlassen wir Rothenburg

Er ist das, was ich nicht bin, ein unermüdlicher Unterhalter. Nie wird es mir langweilig,
immer ist es spannend. Eine Story nach der anderen. Wir gehen am Plönlein vorbei, hinunter
zu der Doppelbrücke, den Tauber etwas aufwärts und dann ins Schandtaubertal.

Einmal geht ein Pfad direkt hinunter zum Bach. Steinplatten liegen bis in die Mitte.
Wie eine halbe Furt, bisschen glitschig. Wann kommt man schon mal in einen Bach. Etwas
später sehen wir eine Furt, auf der Wagen hinüber können.

Unsere erste Rast

Bei der Hammerschmiede geht der Weg den Hang hinauf zur Talkante. Eine weite Sicht, blaugrüner
kurzer Weizen steht hier und hinten sind Felder gelb, als wäre es noch der Raps. Immer am Waldrand
entlang, bis wir an einem wilden Holzstapel herausragende Stammenden entdecken, die ganz gut besetzbar sind.

Zwei Wanderinnen kommen unseren Weg hinterher. Ob das hier der Weg nach Tübingen sei, frage ich.
„Wir sind von Tübingen“! Beide sind dort von den Kliniken, BG Unfall und Uni-Hautklinik, wo ich ja
lange Zeiten lägerig war. Vielleicht treffen wir uns am 6. Juli wieder?

Wo bin ich?

Bald durchquert der Weg das Tal und führt uns nach Bettenfeld. Eine Sechsergruppe Wanderer kommt kurz
mit uns ins Gespräch, doch alle sind eben schneller. Außerdem wollen sie ja nach Santiago, wenn nicht
heute, dann eben in Etappen bis 2030.

Nikolaus geht im Ort was essen und trinken. Dort trifft er wieder die sechs Wanderer. Wir machen aus,
dass er mich auf dem HW4 wieder einholen soll. Nach 1,5 km hat er mich wieder. Bald haben dies auch die
sechs Wanderer, frisch gestärkt. Erst hinter Metzholz verschwinden sie vor uns im Wald.

Das Wetter bleibt gut

Ausgetauschte Telegrafenmasten dienen uns am Waldrand als Sitz zum Veschpern. Etwa hier beginnt übrigens
Württemberg. Die Masten sind in bequemer Sitzhöhe über dem Graben abgelagert. Wärend meiner Kau- und
Schluckprozedur macht Nikolaus ein Nickerchen. Kein Wunder, wenn er noch gestern abend mit dem Zug von
Stuttgart bis Crailsheim fuhr, von 24 Uhr bis 6 Uhr durch Bars pilgerte und nur so Rothenburg bis 8 Uhr erreichen konnte!

In diesem Wald nahm ich telefonisch Kontakt zu Frau Mack auf. Nach der Abholung meines Gepäcks treffen wir
uns schließlich am Rand von Hertershofen. Sie winkt uns schon, als wir den Feldweg herankommen. 13,5 km sind
heute geschafft. Mit der Prothese und dem Schaft ist wieder alles sehr gut gegangen.

So bekommt Nikolaus auch noch ein Quartier. Wir sitzen noch zusammen, ziehen eine Runde durch den Ort und
suchen beide zeitig die Erholungsebene auf.
R.

SOLL 775 km / IST 773 km

Tag 82 Sonntag, 12. Juni 2011

Wieder klappt zeitlich alles gut. Die Wirtin, Frau Mack, bietet mir noch gratis den Gepäcktransport
an und gibt mir ebenso Lunchbrote mit.

Die Hohenloher Ebene

Als wir die Höhe nach der Stadt erreicht haben, öffnet sich uns die Hohenloher Ebene. Einzelne Höfe und
kleine Orte tauchen aus den Senken auf. Die Felder sind immer öfter gelb. Was ich nie richtig weiß, sind das
Roggen- oder Gerstefelder? Die Bäche sind zumeist völlig ausgetrocknet. Einer jedoch führt unerwartet etwas Wasser.

Am Rand des ersten Waldstückes liegen runde, dicke Holzscheiben von etwa 50 cm Durchmesser und 20 cm Höhe.
Während Nikolaus am liebsten den nebenstehenden Sendemast beklettert hätte, balanciere ich an den Hölzern mal
wieder ohne Schaft, um eine störende Stelle zu behandeln. Gestern abend nicht genügend beachtet; da hätte ich
sie mit dem Omega 3-Öl einschmieren sollen! Und heute früh demnach zu spät behandelt, ist es logisch, daß sie
beim Laufen spürbar wird. Manche Nachlässigkeit und ihre Folgen merkt man erst später, und dann eben unangenehm.

Alles Top heute!

Doch bald scheint es vorzüglich weiterzugehen, und zwar mit einem geplanten Bogen. Ursprünglich wollte ich mich
nach Brettheim zurückfahren lassen, um von dort geradewegs nach Kirchberg/Jagst zu laufen, weil es von Rot am See
aus nur 7 km sind. Heute habe ich aber spontan umgeplant, um die Hilfsbereitschaft von Frau Mack nicht zu überfordern.

Ein Bogen bringt mich dem selbstgesteckten Tagessoll näher. Der Tag ist herrlich, und wir sind uns einig,
dass er auch ausgenutzt gehört. In einer Talsenke machen wir im Gras die erste Rast neben einem Hochstand.
Von unten Feuchtigkeit zu ziehen ist unmöglich bei der Trockenheit. Eher saugt der Boden unseren Wanderschweiß
auf. Die Risse im Boden sind bis zu zwei Zentimeter breit. Für Nikolaus also problemlos, wenn auch er sich ohne
Unterlage dekorativ ausstreckt.

Die kleinen haben wir hängen lassen

Genauso machen wir es wieder bei der zweiten Rast, kurz nach Oberndorf. Und zum Schluß gibt es erntefrischen
Nachtisch! Ich entdecke nämlich drei Meter neben uns ein Erdbeerfeld. Damit die Beeren möglichst nicht auf der
Erde liegen, sind zwischen den Pflanzenreihen schwarze Folien ausgebreitet. Ohne Schneckenzutat. Hauptsache ist,
sie schmecken vorzüglich. Zehn Reihen Erdbeeren, 100 Meter lang, den kargen Rest lassen wir stehen.

… hast du Seil und Haken dabei?

Südlich durch Weckelweiler nähern wir uns dem großen Steinbruch, nördlich von Kirchberg. Mitten in der Unterhaltung,
biegen wir durch einen Heckenstreifen – und stehen vor einer Erddeponie, in der unser Weg verschwindet. Ein Weg mit
Doppellinie, der in der Karte ganz klar weiterführt. Kein Durchkommen, die alpinen Steigbewegungen und das Kopfschütteln
wegen fehlender Hinweisschilder von Nikolaus sind umsonst. Warum soll so eine Wanderkarte auch unbedingt stimmen.
Langweilig wäre das! Gute Unterhaltungswerte und gelegentliche Schmunzeleinheiten sind das Salz in der Wandersuppe.

Unser Ausweg

Die in der Karte verheimlichte Lösung geht zwischen der Hecke und dem Weizenfeld als Grasweg den Hügel hinauf. Schwer
zu laufen, schräger Boden unter kniehohem Gras und Kornhalmen. Nikolaus düst wie aufgezogen vorn um die Ecke.

Oben ist der erwartete ebene Querweg. Da stellt es sich heraus, dass beim Steigen auf dem Grasweg die Anforderungen
an die entstandene Entzündung zu hoch waren. Jetzt stört sie richtig und ich muß mich wieder einlaufen. Langsam und
vorsichtig beim Belasten. Eine Bank gibt’s nicht, da muß Nikolaus her und mich abstützen, damit ich den Schaft neu
ansetzen kann. Mein erster Versuch dieser Art.

„Was für ein Tag!“, sagt Nikolaus heute mehrmals. Das Wetter hat gut gehalten, die Wolken sind zwar zahlreich, doch
die Sonne hat eben auf meiner Tour und auch heute ein extralanges Abo!

Hier wird das Bett selbst gemacht

Jetzt müssen wir noch die schmale Straße weiter. Als der Talhang beginnt, sehen wir rechts Sportplätze
mit einigen Jugendlichen und die JuHe.

Nikolaus bekommt hier kein Zimmer mehr. Er versucht also sein Glück in Kirchberg oder beim nächsten Bahnhof, den er
zu Fuß erreichen will. Wir verabschieden uns. Ich glaube, es hat ihm gefallen. Ich verarzte mich erstmal und bekomme
dann 18 Uhr noch das Abendessen mit. Die Vermessung der Karte zeigt die Erreichung von 12,5 km durch die Wanderrunde.

Ein abendlicher Kurzrundgang als Test mit einer Abpolsterung der Entzündung gibt mir den Hoffnungsschimmer, daß ich
morgen vielleicht doch nicht abbrechen muss. Das obere Jagsttal hatte ich extra wegen seiner Besonderheit in meine Tour einbezogen.
R.

SOLL 788 km / IST 786 km

Tag 83 Montag, 13. Juni 2011

Der Regen auf dem Fenster trocknet ab Unter dem Vordach. Gepäck ist schon im Auto.
Regensachen doch wieder angezogen

Mini Tröpfchen auf dem Dachfenster. Nach einer Weile größere. Regenhose bereit legen. Stiefel raus, vorher
einschmieren. Müslischüssel füllen, schön Joghurt drauf, Tee in die Flaschen, eine Menge verschiedener Dinge.
Soll ich mich wieder als Gepäckstück anmelden? Andererseits war der Test gerade erfolgreich. Ein Blick zum
Dachfenster. Es trocknet. Regenhose und Stiefel wieder rein..

80 Minuten zu spät stehe ich vor der Tür. Leichter Regen. Schutz für das C-Leg, den Rucksack, meine
Regenjacke anziehen. Es geht hinunter zur Jagst.

Blick zurück: Kirchberg hoch über dem Jagsttal

1. Anstieg: Hinauf in die Stadt. Ein alter Weg zweigt von der Hauptstraße ab. Je steiler, desto kürzer,
bei Bergen ist das ganz sinnvoll. Wie es die Logik so will, geht es dann wieder runter. Der Blick zurück
nach Kirchberg zeigt die ganze Kulisse. Unten im Tal überquere ich die alte Holzbrücke. Danach sind Trittsteine
in den Kiespfad eingebettet, falls der Talboden überschwemmt wird. Doch heute hängt da oben eine Gießkanne,
die pro Stunde und Quadratkilometer in ein Sieb gießt, das nur die kleinsten Tropfen…

Die Jagst macht große Schleifen. Als es links geht, führt die Waldstraße in einem Hohlweg durch den Aufschluß
von Muschelkalk, wo früher meterhohe Seelilien wuchsen. Mit Glück kann man die Stengelglieder noch finden.

Viele Brennnesseln lauern auf mich Rast am Rand von Mistlau

Wieder zweigt ein Pfad direkt in den Wald. Keine Mücken heute, aber Brennnesseln. Habe ich schon meine wirkungsvolle
Brennnesselmethode verraten? Man habe 1 juckenden Mückenstich. Man streife 1 frisches Brennnesselblatt darüber.
Garantie: Jucken weg! Ob ich das schon probiert habe? Leider nein, es hat sich noch nicht ergeben!

Zweiter Anstieg: Die Jagst schleift hier am Berg und schuf einen Steilhang. Kein Platz für Prothesenfüße.
Also ausweichen nach oben, 30 Meter höher. Wieder runter nach Mistlau. Dort finde ich Stämme zum Hinsetzen.
Alle Regenschutzmaßnahmen werden hier wieder eingestellt.

Weg über die Jagst … … und über das Tal

Dritter Anstieg: 90 Meter hinauf nach Bölgental. Abkürzung zweier Jagstschleifen. Wieder unten treffe ich auf
eine weitere gut erhaltene Holzbrücke an einem Wehr. Die A6 überspannt hier das Tal. Danach kommt der
Taleinschnitt der Gronach, den man nur auf einer wacklig wirkenden Holzbrücke passieren kann.

Weg über die Gronach Umgehung des Steinbruchs

Inzwischen ist es sonnig. Der Pfad ist teilweise sehr schmal. Das Tal ist links von der senkrechten Felswand begrenzt.
Dann wieder geht es durch eine Art Schlucht, da sich ein hoher Steinwall neben dem Fluß hinzieht. Einmal ist der Pfad
mit Holzbarriere gesichert, weil er bereits teilweise ins Wasser gerutscht ist. Schließlich gehen steile Holzstufen
mit Geländer hinauf zu einer Wiese. Ein riesiger Steinbruch besetzt das Tal, dem alle Wege ausweichen.

Sternbilder im Wald

Anstieg 4: Also wieder etwa 100 Meter hinauf. Diese Berg- und Talbahn habe ich ja am Grünen Band trainiert.
Nicht lange oben, in die Kurve legen, nach rechts, unten nochmal nach links.

Ein Mann mit Fahrrad betrachtet das Tal. Wir unterhalten uns; er begleitet mich schiebend etwas. Er wohnt in
der Nähe, ist Steinbildhauer und fährt gern die Gegend ab.

Am fünften Anstieg in Neidenfels kommt er auch noch mit hinauf. Ich entdecke eine Bank, verabschiede mich und
tilge alle Reste. Am Telefon erfahre ich, dass ich schon fast am „Golden Nugget“ bin. Es liegt an der A6 und B290
und ist auf Western getrimmt. Im Flur grüßt mich John Wayne betont lässig und verzieht keine Mine. Gleichzeitig
macht es sich Landsmann Old Shatterhand in gewebter Form auf dem Bodenläufer gemütlich, während Winnetou steinern
an mir vorbei blickt. Wer PS reitet, wandert nicht! Mal sehen, wer sonst hier noch alles seinen Mustang eingeparkt hat.
Ob die mich hier im Wilden Westen als so einen Old Ossi akzeptieren?
R.

SOLL 800 km / IST 798 km

Tag 84 Dienstag, 14. Juni 2011

Blick nach Satteldorf Als Schnitzel sind sie weniger niedlich

Die Wildwesthelden, die mich beim Müsli aus den Augenwinkeln beobachten, können es sicher nicht fassen, daß Nüsse,
Rosinen, Cornflakes & Co. das gleiche leisten wie ein Rindersteak. Ich sattle also Schusters Rappen und ziehe in
die Prärie von Sattelfeld, das bedeutet, der Wiesenweg am Bahndamm.

Die Prothese muss nochmal neu angesetzt werden. Leichtes Grunzen liegt in der Luft. Ein Gebäude, nach Süden offen,
bietet mir eine Mauer und den 30 rosa Schweinchen im hinteren Gatter die Attraktion ihres Daseins, als ich den Liner neu anziehe.

Der Auhof bei Crailsheim Noch etwas geknickt vom Regen

Leicht undicht sind die Wolken auch heute. Doch bevor der nächste Tropfen auftrifft, ist der vorige verdunstet.
So gelange ich kurz nach 12 zum Auhof.

Der Auhof hat für diese Tour eine besondere Bedeutung. Von 2001 bis 2005 war ich anlässlich der Kurierfahrten immer
wieder mal in Crailsheim. Eine kurze Rast, bevor ich über 100 km zurückfahre. Die A6 nach Nürnberg hat hier etwa
25% des Weges nach Leipzig. Am Auhof kam mir die alte Idee wieder in den Sinn, mal nach Leipzig zu wandern; hier
etwa käme ich wohl vorbei. Hier würde ich inbedingt vorbeikommen! Deshalb habe ich ihn in meine Planung einbezogen.
Jetzt bin ich hier!

Die Regenfront ist sehr schnell Im dichten Wald erreichen mich nur wenige Tropfen

Ich durchquere den ruhigen Hof. Am Ende eine Pferdekoppel. Dahinter baut sich eine schwere blaue Wolkenbank auf. Bis
zum Wald schaffe ich es. Dort geht der Pfad zwischen dichten Bäumen sachte abwärts, entlang einer Talrinne. Der Regen
ist schon da. Die wenigen Tropfen, die bei mir auftreffen, tun gut auf den Armen. Doch dann wird die Jacke doch noch
kurz gebraucht. An der Jagst entlang, bis zum Wehr. Ich dachte, hier sei eine Brücke! Verflixt! Nun muss ich 1,5 km
nördlich. Wieder darf ich lernen, daß Befürchtungen keine Tatsachen sind. Hinter Bäumen versteckt taucht bald die Brücke auf.

Verlassene Mühle an der Jagst Die Sonne wird eingekesselt Ich ziehe dem Gewitter hinterher

Der Mühlenbetrieb ist eingestellt, nur ein paar Tiere werden hier gehalten. Dann bin ich bald oben auf der Hohenloher
Ebene. Wieder bei bestem Wetter. Eine Rast im hohen Gras. Weit hinten bildet sich ein Gewitter. Sicher zieht das nördlich
vorbei. Doch als ich am Hagenhof bin, ist eine Unterstelle am Bus-H ganz sinnvoll. Kurz regnet es heftig. Blitz und Donner.
Mit den Ausläufern der Wolke wandere ich dem Gewitter hinterher. Erst gegen 19 Uhr beziehe ich mein Zimmer.

Heute und gestern haben sich meine beiden kombinierten Methoden der Entzündungsbekämpfung bestens bewährt. Der Morgenpickel
ab Kirchberg war nach dem Marsch abends kaum noch vorhanden. Ich habe zwar unterwegs die Prothese neu angezogen, aber
unangenehmer Druck kam nicht auf. Ab Satteldorf hat sich nach 14 km kein weiteres Problem gezeigt.
R.

SOLL 813 km / IST 812 km

Tag 85 Mittwoch, 15. Juni 2011

8 Uhr Morgenlicht Die Bahnlinie Nürnberg-Stuttgart ist erreicht

Ein einzelnes weißes Wattebäuschchen kreuzt meinen Weg. Ansonsten sind überall die verwehten Kondensschlieren
vor dem blauen Himmel. Immer wieder ist die frühe Morgenstimmung die schönste Tageszeit. 30 Minuten später wimmelt
es schon von Wolken. Jetzt aber schon mit dunklen Bäuchen.

Nach den Bahngleisen steigt der Weg längere Zeit hinauf, an Waldtümpeln vorbei in die einsame Landschaft des
Schwäbisch-Fränkischen Waldes. Viele Holzstapel liegen am Wegrand, bereit zum Abtransport. Ich mag dieses
gleichmäßige Ansteigen. Heute früh komme ich aber schnell ins Schwitzen. Dann ist es auch angenehm, wenn es eben
weitergeht, und so komme ich zur Bank an der Kaiserlinde für eine vorzeitige Rast.

Eine Weile nur auf dem HW4 Mein Zielweg

Auf dem Burgberg steht ein hässlicher Turm. Ohne hinaufzusteigen habe ich keine Aussicht, denn der Wald ringsum
steht zu hoch. Er ist verschlossen. Also gleich weiter in Richtung Vellberg.

Brombeerranken und Das erste Exemplar Königskerze
Brennnesseln

Ein sehr schmaler Pfad führt von der Bergkuppe hinunter, man muss ordentlich kucken, daß der Stock links den Boden
trifft, der sofort schräg abfällt. Weiter unten, nach einer morgennassen Wiese, nimmt das Vergnügen seinen Lauf.
Walderdbeeren, Brombeerenranken ohne Beeren, Brennnesseln (ohne Mücken), Radspuren an eingepfützten Stellen.
Ein ehemaliger Weg, der sich zum Pfad weiterentwickelt hat. Zum Ende des Abstieges noch ein triefender Wiesenweg,
so hat man von allem etwas.

Gut gebaut

Bald bin ich an einem Waldsee. Davor stehen einladend zwei Bänke. Soll ich? Doch die vorige Rast ist gerade erst eine
Stunde vorher gewesen. Zuerst bitte noch den nächsten Berg hoch! Appetit unterstütze ich halt gern mit einer Portion Hungergefühl.

Zweimal kürzlich wurde mir gesagt, ich hätte abgenommen. Doch dreimal Rast statt zweimal bringt nichts drauf.
Ich muß mir halt ein weiteres Gürtelloch anschaffen.

Hier läuft sich´s gut Hinunter nach Talheim

Die weiteren Waldwege erfordern nicht so viel Konzentration. Zwei Fahrspuren, in der Mitte wachsen diverse anspruchslose
Pflanzen, man kann gleichmäßig wandern. Ein Stück verläuft der Wanderweg auf der Fahrstraße, dann geht es eine sich
schlängelnde Waldstraße abwärts nach Talheim.

Als der Wald aufhört, nutze ich noch die Bank. Dann in der Tallandschaft den dunkler werdenden Wolken entgegen.
Alle Hemdknöpfe habe ich geöffnet, etwas Lufthauch gegen zu viel Schwüle tut gut. Aber warmes Wetter habe ich
mir ja gewünscht nach den anfänglich noch frostigen Tagen im März.

Vellberg: das untere Tor

Im Städtle. So heißt der Platz zwischen den beiden Stadttoren von Vellberg. Ich finde, er ist der schwäbische Platz des
himmlichen Friedens. Während ich beim Essen draußen sitze, nur zwei Autos zum Einparken. Und ein Motorroller. Immer das
Plätschern des Brunnens nebenan. Gegenüber das Rathaus, rechts das Schloß, links das obere Tor, einige schöne Fachwerkhäuser,
alles in allem wie ein Marktplatz, der die alte Stadt ist. Ich finde, der Name „Im Städtle“ passt sehr gut.
R.

SOLL 825 km / IST 827km

Tag 86 Donnerstag 16. Juni 2011

Rathaus in Vellberg Hinaus zum oberen Tor

Heute wird meine Wanderung kürzer. Es ist vor Schwäbisch Hall eine Suchaktion geplant. Sven Jarmer vom Otto Bock
Außendienst wird mich dort finden müssen. Wir wollen dann rechtzeitig zusammen nach Bad Rappenau fahren.
Im Sanitätshaus Hemmann findet eine Veranstaltung statt.

7:44 Uhr kann ich den Frühstücksraum verlassen. Zuerst an der Bank vorbei, ein paar Fotos vom Städtle, Orientierung
auf der Karte, und los. Die Haller Straße und die Brummies verlassen, das ist wichtig. Eine kleinere Straße nach Buch,
und dann geht da einer der schönen, ruhigen Wege ab.

Freier Blick und frische Luft Ab hier nur noch Wald für heute

Dörrenzimmern, das gehört ja schon zu Schwäbisch Hall. Nach dem Golfplatz muss ich mich der Natur unterordnen. Der
abgezweigte Wanderweg ist von den Pflanzen zurückerobert worden. Auch hier sind noch die tiefen Reste alter Fahrspuren.
Aber die Laufspuren anderer Wanderer zeigen mir die Fortsetzung des Weges.

Dieser Art erlebe ich heute zwei Wegstücke. Eine Straße überquere ich und setze mich erstmal hin. Auf eine „Baustelle“.
Kaum erkennbar, basteln da gerade kleine Waldameisen an dem Fundament einer Burganlage, mitten im Gras des Weges.
Ob das gut geht für ihr Vorhaben? Für mich jedenfalls ist es nicht ideal, denn kaum hatte ich nichtsahnend den Rucksack
abgesetzt, kribbelten auch schon etliche Ameisen an ihm hoch. Ich bin eben nicht alleine hier. Und es gibt ja auch noch
andere Interessen. Also schnell noch ein Stückchen weiter. Mein neues Interesse: Ameisenfreiheit!

Waldpfad Richtung Schwäbisch-Hall Viele Falter gibt es in diesem Wald. Nicht jeder hat Geduld.

Während der Wald- und Wiesenmahlzeit plane ich den zweiten Teil des Weges. Ich möchte einen bestimmten Punkt an der
Straße bis 13:30 Uhr erreichen. Bald breche ich wieder auf.

Auch heute ist es schwül, vielleicht der bisher wärmste Tag. Zusätzlich geht es mal runter und dann wieder lange hoch. An
den Tümpeln, die halb versteckt neben dem Weg vor sich hin dunsten, sind wieder Unmengen Froschschüler auf Hüpfwanderung. Dicht
an dicht auf dem hellen Kies gut zu sehen. Oh je, da kommt auch noch ein Auto entgegen. Ich trete an die Seite, aber die „Schüler“…?

Anflug

Punkt 13 Uhr ist die Straße erreicht. Völlig verschwitzt diesmal, denn die Steigung hörte gerade erst auf. Ich könnte
natürlich nach weiteren 30 Minuten den nächsten möglichen Treffpunkt ansteuern. Auf dem Wegweiser nach Vellberg steht 8 km.
Ich gebe Sven Bescheid. Hier kann ich mich nochmal hinsetzen. Findet er mich?

Ihm wurde inzwischen der falsche Weg beschrieben. So wurde für ihn tatsächlich noch eine Suchaktion daraus. Doch unsere Fahrt
war außer einem kleinen Stau kein Problem. R.

SOLL 838 km / IST 835 km

Tag 87 Freitag, 17. Juni 2011

Praktisch: der Bahnhof gleich gegenüber

Mein Handy meldet sich. Helga aus Stuttgart, bekannt aus der Kunstakademiezeit: „…wo steckt’s du denn gerade?“ –
„In Machern bei Leipzig!“ – „Wieso, gehst du zurück…?“

Nein. Aber ich habe nach 6 Wandertagen Ruhetag. Vorher nehme ich zusätzlich eine zweitägige Auszeit. Diese ist geeignet,
das jährliche Treffen zur Sonnenwende mit den Leipziger Freunden wahrzunehmen.

Die damalige Wandergruppe, 1952 bis Anfang 1955, war der Anlass für meine Wanderbegeisterung. Deshalb bin ich später,
auch während der Berufszeit, immer wieder unterwegs gewesen. Deshalb war ich 6 Jahre als Gruppenleiter in den
Sommer-Zeltlagern des Schwäbischen Albvereins. Deshalb war der alte Wunsch entstanden, mal von Stuttgart nach Leipzig
zu wandern, um den Zusammenhang zu erleben zu können, sobald die Wiedervereinigung da ist.

Und deshalb kam nach der Amputation die Frage auf, ob das auch mit nur einem Bein geht.

Also, dieses Treffen ist für mich ein Muss, immer fest eingeplant. Während der DDR-Zeit war es unmöglich.
Auch während der Klinik in Filderstadt kurz vor der Amputation.

Aber die Prothese, das C-Leg, ermöglicht es ja gerade. Es ist unsinnig, sich auszuschließen, wenn man eine ausgezeichnete
Versorgung hat. Also setzte ich mich am Freitag früh in Hessental in den Zug. Der Bahnhof, genau gegenüber einer Unterkunft besonderer Art,
die ich aus Höflichkeit lieber nicht näher beschreibe, obwohl es mich in der Tastatur juckt.

Ruhetag an der Bahn : Bewegen tun sich heute andere

Die Zeit reicht auch gut aus für das Treffen am Wochenende. In Leipzig zuerst zur Post, denn der Zimmerschlüssel meines
Quartieres hatte eine Verklemmung in der linken Hosentasche und wollte zurück nach Hause. Ich kam also bei Dieter in
Mockau an, es gab erstmal Erdbeeren mit Milch und Zucker. Hmmm! Dieter war auch beim Start am 21. März dabei. Dann fuhren
wir nach Machern. Eine Datscha im Wald, von der einfachen und gemütlichen Sorte zum Wohlfühlen.

Dieter ist perfekt im gründlichen Organisieren. Nichts gibt es hier was nicht praktisch ist. Ich habe ein Sofa. Das C-Leg
hat Stromanschluss. Und Dieter hatte gestern 24 Gäste, die mit Unmengen guter Laune und mitgebrachtem Kuchen (wir sind ja in Sachsen!)
und Grillfutter einen unvergesslichen Tag erlebten. Alte Kamellen, Lieder singen, Wanderung zu den Lübschützer Teichen…

Das Baden war für mich sehr interessant. Um die Prothese im Stehen wieder anziehen zu können, brauche ich am linken
Unterschenkel einen Halt. Den gab es aber nicht am Ufer. Schade, ich kann nicht ins Wasser – dachte ich. Doch eine
Bank stand 20 Meter weiter weg in der Wiese. Die Lösung war so, daß ich ohne Prothese von der Bank aus zum Wasser
gestöckelt bin, Stöcke ließ ich am Ufer und schob mich im flachen Wasser ins Tiefere. Ein Genuß! Gute Temperatur!
Die neue Otto Bock Badeprothese mit flutbarem Unterschenkel konnte ich leider nicht nutzen. Sie liegt noch zu Hause.
Nach dem Verlassen des Wassers kam ich mit einem Stock wieder hoch, mit beiden zur Bank zurück. Eine weitere wichtige Erfahrung!

Heute besteige ich, der Situation angepasst, „zu nachtschlafender Zeit schon um 10 Uhr!“ die S-Bahn in Machern.
In Leipzig treffe ich mich noch 30 Minuten mit Wolfgang, bevor es heißt: Zurück, zum Tag 88! One Leg on Tour!
R.

Etappe 14 / Steigerwald / Frankenhöhe

Tag 75 Sonntag, 5. Juni 2011

Blick zurück nach Oberrimbach Der Weg führt ein ruhiges Tal hinauf

Ein gutes, reichhaltiges Buffet. Die Wanderverpflegung gibt mir Frau Klein vom Steigerwaldhaus gratis mit.
Das Gewitter hat eine genussvolle Morgenluft hinterlassen, der Frühnebel ist aufgelöst und die Sonne lockt mich raus.

Gestern rief Martina von der SHG One Leg Power Team an. Die Verbindung war eine Schwierigkeit. Ich hoffe,
sie hat meine zwei Vorschläge zum Treffpunkt erhalten bzw. verstanden.

Der Weg bietet schöne Ausblicke. Versuche zu telefonieren halten mich auf. Eine nette Unterhaltung in
Rosenbirkach. Jetzt suche ich einen Platz zum Sitzen. Diesmal ist es ein Autoreifen, die richtige Höhe und weich.

Nass vom Regen. Martina aus Atzhausen
Komme ich da überhaupt durch? kommt ein Stück mit

Nachdem der Schaft neu angezogen ist, geht es besser. Das Tal weiter hinauf. Martina will sich nochmal
melden, wenn sie in der Nähe sind. Am Wald biegen die Wanderwege nach rechts. Der Geradeausweg wird
immer grüner und nasser. Auf dem breiteren Anstieg nach Seitenbuch kommt mir ein Radfahrer entgegen.
„Auf dich warten wir da oben, Martina ist am Auto. Ich bin Dietmar “

Martina kommt mit ihren Gehhilfen, ohne Prothese, sicher und schnell voran. Dietmar und das Auto bleiben
zurück, um später bereit zu sein. Wir gehen den Berg hoch, um zu meiner geplanten Route zu stoßen. Ihr
machen die steilen Wege oder verregneten Waldwege nichts aus. Sie möchte sogar meinen Rucksack tragen.

Rast auf dem dicksten „Baumstamm“ Unser Weg nach Schwarzenberg

Da drüben sind Baumstämme! Eine Täuschung. Auf Bauröhren nehmen wir Platz für eine Rast. Einige aktive
Amputierte aus Martinas Selbsthilfegruppe hätten heute auch dabei sein können, doch sie sind allesamt auf einem Lehrgang.

Natürlich sind uns die Handicap-Themen nicht ausgegangen und so stellen wir plötzlich fest: Es wird immer dunkler.
Und es rumpelt am Himmel. Wir versuchen Schwarzenberg zu erreichen. Es ist so finster unter den Bäumen, als wäre
die Sonne schon wer weiß wo. In der Nähe des Schlosses meldet sich Dietmar, wir treffen uns mit ihm am Parkplatz
und verabschieden uns. Es war für mich sehr eindrucksvoll, was Martina mit ihrem Handicap alles erreicht hat.

Stadttor in Scheinfeld

Meine Regenrüstung ist bereit für die ersten Tropfen. Unter der Jacke ist es aber gewaltig dämpfig. Ich ziehe
sie wieder aus, was zur Folge hat, daß der Regen losgeht. Die Tropfen auf der Haut der Arme tun aber richtig gut.
Das Gewitter nimmt zu, das Dach der Bäume ist vorbei, die Jacke also wieder an. Ich habe sie auch gebraucht.
Gut so! Wer will schon Regenklamotten 1000 km weit ungenutzt rumschleppen?

Als ich an der Schrotmühle, meinem Quartier, ankomme, ist die Gewitterfront im Hintergrund am Abblitzen und Abdonnern.
R.

Tag 76 Montag, 6. Juni 2011

Ein tierisches Vergnügen heute früh! Eine Herde von etwa sieben Fliegen fallen über mein Frühstück und
mich her. Sie sind sehr effektiv, denn während meine Hände instinktiv gymnastische Schlenkerbewegungen
um den Kopf vollführen, sind sie längst wieder an Wurst und Käse.

Vorhin war ich wie angesagt gegen 7 Uhr unten. Die Tür zum Gastraum war aber zu. Stille. Draußen schräg
gestellte Gartenstühle. Noch regenbetropft. Mit dem Handrücken 50% weggewischt, der Rest wird im Hosenboden
verdampft. Von wegen kein rechtzeitiges Frühstück! Wozu hat es gestern gewittert und ich eine Rast eingespart?
Zwei leckere Kôrnerbrötchen in der Morgensonne. Als die Tür 7:30 Uhr aufging und ich den Fliegenschwarm begrüßte,
war doch keine Zeit verloren. Ich starte kurz nach 8 Uhr.

Teich beim Teilort Klosterdorf

Heute habe ich umgeplant. Ich möchte mehr Wald und weniger Orte. Zuerst durch die alte Stadt zurück.
In Klosterdorf gibt’s einen Weg, der östlich zur Höhe führt. Der See auf halber Höhe hat braunes Wasser.
Vermutlich von den kürzlichen Regenzuflüssen.

Zweimal muss ich den Schaft neu ansetzen. Danach passt alles, mit ein paar Tricks, bis zum Tagesziel.
Meine Runde durch die Wälder geht zuerst östlich, dann südlich bis nahe an Ullstadt heran.

Ein Langholztransporter schichtet gerade schöne gerade Kiefernstämme auf den Wagen. Ich frage, wo denn die
Streichhölzer hingehen. In die Oberpfalz. Ob die dort keine Kiefern haben. Im Gegenteil, es kommt vor, dass
er dort auch wieder Kiefern ladet und hierher zurück nach dem westlichen Bayern bringen soll!

Der Waldweg nach Baudenbach hat eine Wegmarkierung. Die alten Fahrspuren sind voller Wasser. Die Laufspur ist
voller Kräuter und Gras und Äste. Der Pfad ist manchmal kaum zu erkennen. Einige umgeknickte Halme zeigen,
dass hier kürzlich gegangen wurde. Die „Gehilfen“ sind voll im Einsatz, um nicht in die zuwachsenden Spurpfützen
zu rutschen. Von oben nass würde ausreichen. Nicht weit südlich donnert es schon.

An der Lichtung, beim ersten Getröpfel, breite ich die Unterlage auf dem Waldboden aus. Das Gewitter zieht
nach Osten ab und vorbei. Unter den Zweigen habe ich noch etwas Schonfrist vor dem leichten Regen, der
nur kurz anhält. Es ist eine tolle Stimmung, wenn du im Regen eine Weile gemütlich unter dichten Zweigen sitzt.
Dann aber ziehe ich unter meiner Kapuze weiter.

Im Tal scheint die Sonne wieder. Der Waldweg ist stark bewandert. Von Fröschen, die kaum 10 mm groß sind. Immer
quer zum Weg hupfen sie. Über ihre Marschrichtung scheinen sie sich nicht einig zu sein. Ich muß ganz schön aufpassen.

Nach Baudenbach am Radweg mache ich noch eine Straßengrabenrast. Ab Langenfeld hätte ich nur die Straße zum Laufen.
Am Busfahrplan sehe ich, gleich kommt der Bus. Er hält vor meinem Quartier mit dem schönen Namen Zur Wolfsschlucht.
R.

SOLL 738 km / IST 742 km

Tag 77 Dienstag, 7. Juni 2011

Ankunft auf dem Roten Berg Bequeme Rast gegen 10 Uhr Lichtung am Weg

7:45 bin ich aus dem Haus. Von einer Wolfsschlucht ist hier nichts zu sehen. Auch Rotkäppchen pennt sicher noch.
Aber es wird ein schöner Tag.

Der Anstieg auf den Roten Berg ist sehr steil. Die Teerstraße hat keine Probleme zu bieten. Oben zweigt mein Weg
nach Westen ab. Ein ganz normaler Waldweg, eben und zwei festen Spuren. Ich brauche vorerst nur meinem Schatten
zu folgen. 10 Uhr liegen am Wegrand Baumstämme, ich habe vor meinem Termin noch etwas Zeit.

Angelika aus Hamburg ruft an. Wo denn die Berichte bleiben. Seit Tag 73 hat sie nichts mehr erhalten. Angelika ist
meine Schwester und hat die Internetarbeit für die Seite des Bundesverbandes als Aufgabe übernommen. Ich hatte schon
bemerkt, dass ich keine Kopien mehr aufs iPhone erhalte. Unterwegs erfahre ich, daß zuerst ein neues Kennwort gebraucht
wird. Das machen wir morgen vormittag am Telefon.

Zwei Sechsbeiner Bei Dutzenthal

Inzwischen wird der Weg schon interessanter. Einige Spurenlöcher, Brennnesseln und Wildwuchs, auch der Schlamm,
erfordern meine Konzentration. Beim Abstieg hinunter zum Gut Dutzenthal bin ich an der Rutschgrenze. Die eine Gehhilfe
will unbedingt schneller ins Tal als ich. Also: Schritt für Schritt absichern, manchmal seitliche Schritte, dann geht
es ganz gut. Zwei Reiterinnen kommen entgegen. „Sie werden unten schon erwartet“. Diese Pferde haben mit meiner Prothese
oder dem Rucksack kein Problem. Als sie an der steilen Stelle sind, brauchen sie Schwung und „geben Gas“.

Der Weg nach Rehhof Kleine Motive geben große Motivation

Am Gut treffe ich Sebastian, den ich schon kenne, und Lukas, der die Camera bedient. Sie beginnen dort mit einigen
Aufnahmen, dann wandere ich weiter zum Rehhof. Mit dem PKW überholen sie mich erstmal ein Stück. Dann kommt mir Frau Eich
von der Zeitschrift HANDICAP entgegengelaufen. Auch sie möchte Bildmaterial von der Aktion mit zurück nach München nehmen.

Rast am See bei Rehhof Ohne anzuschnallen: Lukas

Am See beim Rehhof mache ich am Ufer Rast. Ich probiere zuerst den schmalen, etwas wackeligen Anlegesteg, doch das
Risiko für den Absturz einer Gehhilfe ist vorhanden. Sie würde dann zwar endlich mal sauber, aber wozu brauchen
Fische Gehhilfen? Ein schöner Grasplatz bei den Seerosen ist auch geeignet, um die Fragen von Frau Eich zu beantworten.

Der weitere Weg führt nach Rüdisbronn und noch ein Stück nach Berolzheim. Von dort fahren wir mit beiden Fahrzeugen
nach Bad Windsheim, zuerst zur „Salzmaschine“, dem Gradierwerk, dann zum Sanitätshaus.
R.

SOLL 750 km / IST 750,5 km

Tag 78 Mittwoch, 8. Juni 2011

Heute mittag werde ich zum Beifahrer. Arnold Steinwender holt mich ab zu einer Veranstaltung in Kulmbach.
Die Selbsthilfegruppen Coburg und Bayreuth kommen dort zusammen.

Ich verlasse Ickelheim durch die Blick zurück ins Aischtal
schmale Gasse seitlich des Tores

Deshalb heißt es für mich: Rechtzeitig die fünf Zehen über die Bettkante schwingen, damit noch ein paar
Kilometerchen gelaufen werden können. Mir gelingt es tatsächlich, um 7 Uhr gesättigt und versorgt den
Rucksack auf seinen Bestimmungsort zu setzen.

Ich möchte hinauf auf die Frankenhöhe und anschließend nach Westheim, um für die Abholung rechtzeitig aufgreifbar
zu sein. Etwas Sonne kommt durch die wenigen Lücken, und das auch nur am Anfang. Ich steige über einen Hügel und
erhalte so kurz die Aussicht auf einen Teil des Aischtales. Dann eine Senke; ein leicht ansteigender Wanderweg
führt seitlich einer „Panzerstraße“ in ein heideartiges Gelände.

Der Froschweiher Durchs nasse Gras

So viele Jungfrösche haben noch nie meinen Weg gekreuzt. Schweben müsste ich! Und man sieht sie kaum in dem kurzen
Gras. Keine Ahnung, wie viele ihr Ziel nicht erreichen. Der See ist gleich nebenan. Das, was noch von einem Weg zu
sehen ist, biegt mir zu weit nach links. Das kann nicht ganz stimmen.

Die Kontrolle auf der Karte sagt mir, ich müsste zurück, aber dort ging kein Weg rechts weiter. Nun habe ich also
eine hochgrasige, steile Böschung vor mir, dahinter Wald. Das Schild da oben ohne einen Weg wäre sinnlos. Also hinauf,
zwischen niedrigen, dornigen Büschen.

Schafe sind hinter den Grasspitzen zu erkennen. Läuft dort etwa ein pflichtbewusster Schafshund herum, der selbst
streunende Prothesenwanderer in die Herde zurück treibt? Lieber mache ich da einen größeren Bogen zu dem jetzt
sichtbaren Schotterweg. Daß ich eingezeunten Schafen ohne jeden Hund ausgewichen bin, merke ich erst jetzt.

Das Wetter hat gut gehalten.
Hier mein Weg nach Westheim

Trotzdem bin ich zu weit abgekommen. Noch um den Wald herum und dann endlich vollends hinauf. Mir entgegen, einfach
die Wiese herunter, kommt ein Jeep, die Fahrerin winkt freundlich. Am Rückfenster ein wedelnder Schweif. Die Schäferin?

Die Anhöhe ist erreicht. Ich sollte dringend westlich weiter, doch das gibt einen großen Bogen, bis mir das gelingt.
Dieser Bogen hat mir zu viel Zeit gekostet. Als ich an diese Panzerstraße stoße, kürze ich auf ihr ab. Wieder nach unten.

Seitlich sehe ich die Schafherde wieder, jetzt außerhalb des Pferchs weitergezogen. Eine Frauenstimme gibt einen
schrillen Befehl. Ein schwarzer Hund flitzt zu den Ausreißern, die es wagten, auf der Straße zu grasen. Die Schafe
flüchten zurück. Bin ich froh, daß der mich nicht bemerkt hat! So schnell hätte ich nie in die Herde flitzen können!
– Also es war doch die Schäferin.

Durch den nächsten Ort auf die Straße nach Westheim. Kurz nach 12 werde ich plangemäß aufgegriffen und wir fahren zu
der Veranstaltung. Nun sind es zwei Tage mit gestern, daß ich die geplante Entfernung nicht gelaufen bin.
Das erste Mal reicht meine Reserve nicht aus.
R.

SOLL 763 km / IST 759,5 km

Tag 79 Donnerstag, 9. Juni 2011

Zuerst noch Wolken über Das Plönlein, eins der beliebten Mit einer steilen Treppe beginnt
dem Rothenburger Rathaus Stadtmotive in Rothenburg o.T. der Mauerrundgang

Ruhetag in einer Traumstadt. Rothenburg ob der Tauber ist so konzentriert mittelalterlich in seiner Bauweise,
wie selten eine andere Stadt. Wie Heidelberg und Hofbräuhaus ist sie für Amerikaner und Japaner ein Begriff für
Deutschland. In den Straßen hört man mehr englisch als fränkisch und 50% der Leute haben die japanische Hobbitgröße.

Immer wieder sind Türme in Sicht Schmuck herausgeputzt!

Genial sind die Befestigungsanlagen. Die wichtigsten Zugangsstraßen führen in doppelte Torbereiche. Extrem dicke und
hohe Mauern. Tiefe Gräben. Nach unserer heutigen Veranstaltung im Sanitätshaus mache ich noch einen Stadtmauerrundgang.
Der ist immer was Besonderes! Steile Holztreppen hoch in einen der Stadttürme. Schmale Steinwege, an der Mauerseite
gelegentlich Ausblicke ins Grüne vor der Stadt. Unter der Überdachung wechselnde Ansichten der alten Stadt.

Ankündigung zu „Der Meistertrunk“

Auf dem Marktplatz marschieren gerade Landsknechte ein mit Fähnchen, in den alten Trachten, mit Trommeln und Pfeifen und
verschwinden im Rathaus. Vor dem Portal wird nach kurzer Fanfarenmelodie aus einer riesigen Schriftrolle verkündet,
dass jetzt hier im Saal das Stück „Der Meistertrunk“ gegeben wird.

Die Klingentorgasse

Ich gehe lieber weiter zum Klingentor, langsam, denn der Schaft rutscht. Wieso, weiß ich noch nicht. In einer kleinen
Gaststätte gibt es Gelegenheit, das neu anzuziehen. Doch erfolglos. Erst im Gasthaus Zum Klingentor stelle ich fest,
daß das Ventil Luft verabschiedet. Jetzt weiß ich, ein Kilometer ohne Vakuum, in der Stadt, braucht etwa eine Stunde.
R.

Tag 80 Freitag, 10. Juni 2011

Rothenburg o. T.: Arnold Steinwender und der Mann
Am Rödertor mit den 135000 Fahrradkilometern seit 2002.

Noch ein Puffertag in Rothenburg. Gleich 9 Uhr bin ich am Kapellenplatz in der Nähe des Marktplatzes. Fast eine
Stunde nimmt sich die Therapeutin Zeit für die 2x 20 Minuten Massage.

Am Fahrrad: Weisheit für Gescheite

Zurück im Gasthof sind Telefonate notwendig. Auch die Vorbereitung des Tages 104 in Tübingen. Auch das Sortieren
des Reservegepäcks, das unterwegs jede Gelegeheit wahrnimmt, sich anders zu vermischen. Immer noch sind Berichte
zu schreiben und Bilder zu versenden. Und die Zeit für weitere Skizzen ist wieder vorbei. Es ist klar, bei der Art
der kommenden Ruhetage wird auch wieder Zeit fehlen. Es werden also Skizzen später vorgestellt.

Vorbereitung für den Vortrag Nach dem Vortrag im Sanitätshaus Seitz

Nach dem Essen ist es gleich 20 Uhr. Die Pfingstgäste sitzen an den Nebentischen und machen Urlaub. Mein Bier und ich
sind ziemlich alle. Einen Marsch braucht man nicht, um müde zu werden. Bald ins Bett heute, denn morgen gibt’s eine
weite Strecke. Gut ausgeruht ist halb gelaufen!
R.

Etappe 13 / Steigerwald

Tag 71 Mittwoch, 1. Juni 2011

Ein leises Geräusch. Tropf, glucks, platsch – aha! Stiefel eincremen! Wie spät? 3 Uhr. Kühl!
Andere Seite, Decke höher! Halt, nochmal Entzündung behandeln! Tropf, glucks, platsch! – (schnarch?)

Wie mir schien, hörte ich gleich darauf den Wecker, doch es war schon 5 Uhr.

Der Weg zum Steigerwald. Trotz des anhaltenden
Regens, habe ich überall sauberen Sandboden.

Das ist der erste richtige Regentag. 70 Tage fast ohne „Oberwasser“. Das muß man genießen!
Der Hausmeister wird mein Reservegepäck fahren, ich habe Verpflegung dabei, die Regensachen an.
Erstmalig das C-Leg ohne Frischluftzufuhr. Ob das heute ohne Probleme geht, weiß ich nicht.
Am Domplatz erreiche ich den Bus nach Wildensorg, das Quartier in Burgebrach ist von dort aus erreichbar.

Waldblumen: die Lupinen sprießen heute … … es sieht so aus, als wollten sie die Tropfen einsammeln.

Wenn die Kleidung stimmt, ist Regenwetter genau so schön wie „schönes“ Wetter. Nur anders!
Stimmt die Kleidung nicht, Miesewetter! Die Felder haben leichten Dunst, der Wald ist wie frisch
gebadet, der leichte, gleichmäßige Regen tropft nur so von mir ab. Die Stimmung um mich und in
mir ist super. Es ist doch gut, daß ein Wetterwechsel meine Planung und Laune nicht berühren kann!

Nach Stegaurach komme ich durch einen großen Wald. Hier sind die Waldwege im iPhone sichtbar, in anderen
Gebieten fehlen sie völlig. Also komme ich gut klar mit der Hauptrichtung. Kontrolle gibt natürlich immer der Kompaß.

Das Moos entwickelt sich prächtig Ein alter, vergessener Holzstapel

An einer „Zuflucht für alle Menschen“ stehen saubere Tische und Bänke, gestiftet von den Größen der
Umgebung. Mein Appetiet ist nicht verwässert, immer wieder muss ich bremsen, um bei der nächsten Rast
auch noch was zum Beißen zu haben.

Als ich vermute, dem Himmel sei die Tröpfelenergie verloren gegangen, fängt er zu schütten an. Nicht lange,
und dann bin ich am Waldrand und suche mir die Wege durch die Felder.

Regenwaldrast Am Waldrand Strotzend vor neuer Kraft. Wer kennt dieses Kraut? (Vielleicht eine Art Klette???)

Wie tieffliegende Fetzengeister wehen die grauen Wolken von Osten heran. Vor dem Wald sind sie weiß und
lösen den Horizont auf. Die Gräser sind schwer und gebogen vom Tropfengewicht. Ein geeignetes Wiesenstück,
darauf kommt die Isomatte, ein Mal gefaltet. Ich will den Rest noch trinken und essen. Kurz vor Burgebrach
steht das Wasser straßenbreit in einer regentaggroßen Pfütze. Doch in der letzten Stunde regnet es nicht mehr.

Die Gräser ducken sich Es regnet nicht mehr

Dann muß ich noch durch die vielen Häuser des Ortes zum Gasthof Steigerwald. Mir fällt ein, das
mögliche Entzündungsproblem ist unterwegs kaum aufgetreten. Den Schaft habe ich zwar mal neu angezogen,
doch danach ging alles einwandfrei.

Der Wirt ist sehr entgegenkommend und hilfsbereit und will morgen auch mein Gepäck kostenlos transportieren.
Wichtig ist heute das Trocknen der Kleidung. Ich habe „Kellerfeuchte“, der Wirt stopft mir Zeitungspapier in die Stiefel.
R.

SOLL 688 km / IST 706 km

Tag 72 Donnerstag, 2. Juni 2011

Noch ist die Sonne zögerlich Akelei am Waldweg

Ich laufe pünktlich 8 Uhr los. Die angekündigten Mitwanderer haben sich nicht gemeldet. Der Himmel ist zuerst
noch bedeckt. Der Staub von über zwei Monaten ist aus der Luft gewaschen. Die Morgenkühle tut richtig gut.
Der Weg steigt hinauf auf den Eichelberg. Da kommen mir auch schon Frühjogger entgegen.

Heute entdecke ich mehrmals die Akelei in Blüte. Um sie aus der Nähe aufnehmen zu können, sind einige Schritte
durchs nasse Gras nötig. Kann das sein, daß ich schon wieder feuchten Fuß verspüre?

Da stimmt was nicht. Der neu angelegte Schotterweg müsste genau südlich führen, also die Sonne wäre noch deutlich
linker Hand. Aber sie steht rechter Hand, es ist ja erst 9:30 Uhr. Nach Süden geht kein Weg ab. Dann komme ich
an eine Baugrube. Das müsste die St. 2262 sein, im Erneuerungszustand. Nun kann ich scharf rechts abbiegen.

Nach wenigen Schritten…

Das prüfe ich nach, während ich diesmal einen Baumstumpf zur Rast ausgewählt habe. Ich gehe danach entlang
der neuen Teerdecke. Eine einfache Stelle, um hinaufzukommen. Etwas feucht und erdig, ich versuche darüberzukommen
und sinke ein. Eine dicke Klumpenschicht klebt an den Schuhen, durchmischt mit Steinen. Ein Gefühl wie auf einer
Lage Pudding mit Mandelstückchen.

So zubereitet sieht mich eine Familie, die den Feiertag nutzt, hier mal spazieren zu gehen. Die Bauarbeiter sind
ja mit dem Bierwägelchen unterwegs? Das Mädchen auf dem Fahrrad will gleich wissen, was ich mit dem Bein gemacht
habe, wo ich es gelassen habe, ob das weh tut. So bekommt sie Gelegenheit, den Zusammenhang etwas zu verstehen.
„Ich bin jetzt auch ein Schulkind!“, ruft sie mir nach.

Gerade habe ich mich entschlossen, durch Treppendorf zu laufen, da klingelt das iPhone. „Haben Sie noch den Zimmerschlüssel
noch in der Tasche? Können wir uns in Treppendorf treffen?“ Ich sollte mir das mit den Schlüsseln nicht angewöhnen….

Vorbei am Waldweiher Eine schmale Bank erfüllt auch ihren Zweck

Wir treffen uns in Treppendorf, das Gepäck hat der Gastwirt dabei. Ich gehe also beruhigt weiter. Der geplante Weg
im Wald existiert nur auf der Karte. Er ist gerade mit Zuwachsen beschäftigt. Dafür geht ein kartografisch
nichtexistierender Waldrandweg weiter zu einem Waldsee, der auch gerade zuwächst, aber mit Algen. Von hier habe
ich einen brauchbaren Weg, genau in meiner Richtung.

Die Bewölkung hat sich nun davongemacht. Die Sonne scheint in den immer noch frühlingshaften Wald. Auch dieser Weg
scheint schneller zuzuwachsen, als er begangen wird. Er hat noch eine Fähigkeit, er putzt meine Schuhe, wenigstens
teilweise. Dann finde ich eine brauchbare Bank für die zweite Rast. Hier ist es richtig gemütlich, Käsebrotgenuss
im Blaubeerkraut zwischen Kiefern und darüber Sonnenflecken und dazu Früchtetee.

15 Uhr. Ich stehe vor dem Gasthof in Wachenroth. Mein Gepäck ist da, mir wird es vom Wirt in den 1. Stock hochgebracht. Warum so zeitig?

Baumstämme, Bänke oder Mauern zum Anlehnen,
wenn der Schaft neu angezogen werden muss.

Nach der zweiten Rast begann es wieder am Stumpf zu drücken. An einer Betonmauer habe ich Halt für einen neuen Versuch.
Doch als ich weitergehe, ist nichts gewonnen. Zum Quartier habe ich kein Netz. Bei Oberalbach, 3km vor dem Ziel, hält
auf dem schmalen Fahrweg ein Pkw. Die nette Fahrerin ist bereit für einen kleinen Umweg, vielleicht, weil sie in den
Nordfränkischen Nachrichten die Ankündigung meiner Wanderung gelesen hatte?

Mich stört die gleiche Stelle am Stumpf wie schon am Dienstag in Bamberg. Der bisherige Weg von dort bis hierher war
zumeist ohne große Probleme verlaufen, nur, daß es doch zwischenrein eine spürbare Stelle gab. Nun werde ich versuchen
diese auszumerzen. Deshalb werde ich morgen, am Tag 73, nicht wandern. Am Tag 74 ist geplanter Ruhetag. Am Tag 75 setze
ich die Wanderung fort.

Es stimmt, meine Strümpfe in den ersten Prothesenschuhen nach wenigen Minuten sind so feucht wie die nach einem Regentag in den Stiefeln.
R.

SOLL 700 km / IST 715,5 km

Tag 73 Freitag, 3. Juni 2011

Austrocknung der Restfeuchtigkeit der letzten beiden Tage

Heute ist das Frühstück etwas später. Herr Linsner, der Gastwirt, kann mein Gepäck und mich gegen 10 Uhr
fahren, wie gesagt, gratis. Die Landschaft bei Schlüsselfeld gefällt mir sofort. Breite, flache Täler,
die Höhenzüge bewaldet, sehr kleine Dörfer und Weiler. So auch in Oberrimbach, das zu Burghaslach gehört.
Gleich das erste Haus ist das Steigerwaldhaus.

Meine Hauptaufgabe heute ist, die Haut am Beinstumpf ohne Beanspruchung zu lassen und mehrmals weiter zu behandeln.
Auch werde ich weitere Skizzen anfertigen. Ob ich das am Ruhetag, Tag 74, so weitermache, ob ich evtl. eine kleine
Runde wandere, entscheide ich morgen früh.
R.

SOLL 712 km / IST 715,5 km

Tag 74 Samstag, 4. Juni 2011

Mehr ist mir heute nicht gelungen.
Vermutlich muss ich nach der Tour
einige Skizzen nachholen

Der entstandene Pickel hat sich eine effektive, reizende Stelle rausgesucht. Die Schaftkante gibt beim Sitzen
und Laufen das Körpergewicht direkt an ihn weiter.

Gerade sitze ich beim Frühstück mit Müsli, Joghurt und Kräutertee. Gleich danach, gegen 10 Uhr, bekomme ich Besuch.
Die Fränkische Landeszeitung möchte ein Interview zu meiner Tour. Danach entlasse ich die Prothese in eine
Regenerationsphase und biete das meiner Haut ebenfalls. Die erhoffte Wanderrunde ersetze ich mit heilsamer Faulheit
auf der Matratze. Ein Gewitter erinnert mich an die Zeit und ich raffe mich zusammen.

Jetzt zum Abendessen und zur Gepäckvorbereitung habe ich die Prothese wieder an. Mir scheint, der Druck ist weniger.

R.

Etappe 12 / Coburger Land / Maintal / Haßberge

Tag 62 Montag, 23. Mai 2011

Aufbruch in der Domäne Schaumburg

Die nächste Etappe, hinein nach Bayern. Duschen, Packen, Müslitanken, einen neuen Tag genießen –

Schon wieder ein rötlicher, juckender Druck an der Stumpfnarbe. Ähnlich ärgert mich auch die Schaftkante,
besonders wenns abwärts geht, und beim Sitzen. Und weil das offenbar nicht reicht, hat sich noch ein
bildschöner Pickel aufgebaut: wie sein großer Bruder, der Ätna –
NEIN, so ist das nicht!!!

Frau Kühne auf Motivsuche Landschaft bei Katzberg

Wie gut, daß ich bisher die Haut des Beinstumpfes stabil halten kann! Den heutigen Termin mit Begleitung
des Südthüringer Fernsehens muss ich nicht absagen. Bisher kein nennenswertes Problem. Danach werde ich
auch gefragt. Das Interview auf der grünen Wiese mit Blick zur Kulisse der Thüringer Waldberge macht viel Spaß,
weil ich nur Positives berichten kann.

Vorher hat mich Frau K. abgeholt und drehte verschiedene Szenen. Insgesamt hat mich das natürlich aufgehalten,
doch wenn wir schon berichten wollen, geht das am besten mit TV.

Gebremster Aufstieg zum Kolonnenweg Truckendorf, noch in Thüringen

Auf der Bergwiese steige ich an der Camera vorbei und winke nochmal zurück. Vor Görsdorf wird der Waldweg
schwierig mit seinen tiefen Fahrrinnen, Geröll und hohen Kräutern im steilen Abstieg. Hier, direkt neben
den Häusern, verlief damals die böse Grenze. Den Kolonnenweg finde ich hier nicht.

Doch hinter Truckendorf geht ein Weg hinauf und stößt auf das Grüne Band, ich sehe es genau auf der Karte.
Zuerst die trockene Sumpfwiese. Der Weg ist am Waldrand zugewachsen. Ab der Waldecke kommt eine Schleifspur
von abtransportierten Bäumen aus dem Fichtenwald. Der Boden auf ihr federt von den dicken Nadel- und
Moosschichtungen. Halb oben ist Ende der Spur. Kein Weg. Ich linse zwischen den Stämmen durch. Ein Wildwechsel
im rechten Winkel nach links. Dort schimmern grüne aufwärtssteigende Streifen von Blaubeerkraut durch das
trockene Unterholz. Das ist der zugewachsene Weg. Na also, es geht weiter. Sehr steil, stemmen muss ich und
große Schritte nach oben. Der linke Fuß muss einfach schneller sein als der zurück rutschende Prothesenfuß.

Alles wächst zu Straße nach Emstadt

Ich bin oben. Blick nach rechts, Blick nach links, Blick nach vorn, nichts geht mehr. Total zugewachsen ist
der Plattenweg. Es hilft nichts, ich kann nur zurück, den gleichen Weg.

Unten in der Wiese eine kurze Rast. Dann die Straße. Oberhalb Emstadt kreuzt sie dann die Platten dort, wo
ich sie wieder verlassen wollte. 100 Meter laufe ich aus Jux nochmal darauf. Dann verlasse ich Thüringen,
in das ich auf dieser Wanderung erstmals am 27. März eingewandert war.

Kolonnenweg bei Emstadt

Ein sehr langer Schotter-Waldweg südlich. 6 Kilometer noch bis Oberlauter. Am Beginn der Heide des Lauterberges
habe ich den Blick hinein nach Franken, nach Coburg und hinüber zur Veste. In Oberlauter werde ich nach 15,5 km
abgeholt, das Gepäck steht im Zimmer.

Ein dickes Lob an Frau Heinz von der Domäne Schaumburg für die wunderschöne Unterkunft und herzlichen Dank
für die kostenlose Wäsche und Gepäckfahrt!
R.

SOLL 600km / IST 609

Tag 63 Dienstag, 24. Mai 2011

Alfons kommt mit zur Veste Coburg Alfons strahlt wie die helle Morgensonne

Fast bin ich fertig, da steht Alfons Mittendorf auch schon vor der Tür.
Heute wollen wir gemeinsam die Feste Coburg erklimmen.

Nichts kann schiefgehen! Zwei iPhons, zwei Dauerwanderer, zwei Kolonnenwegler.
Alfons hat das Grüne Band insgesamt bezwungen und wandert ansonsten oft und weit.

Waldweg beim Aufstieg

Zuerst überwinden wir in einem großen Bogen systematisch die wanderunfreundlichen Zonen wie Autobahn,
ICE-Trasse und Industriegebiet, die uns vom waldreichen Berghang trennen. Wir merken etwas spät,
dass wir schon etwas zu eifrig geradeaus marschierten. Echte iPhonewanderer korrigieren so etwas an der
nächsten Wegkreuzung. So geraten wir auch mal auf die eigentlich interessanten Waldwege, deren Bodenwachstum
nicht durch langweiligen Schotter gebremst wird.

Unsere Rast am Wegesrand. Ein neugieriger Wuselhund sucht zwischen uns die Wurstspuren, die schon gegessen
und verflogen sind, während ich noch Bilder versende. Gesättigt erreichen wir bald die Veste Coburg.

Die Veste Coburg

Die Aussicht von oben, weit in die Ferne! Die Burganlage riesenhaft. Leider haben Besichtigungen zu großen
Zeitbedarf, und so gehen wir bald durch den Schloßpark hinunter zum Schloßplatz. Das Sanitätshaus holt uns
beide ab. Alfons ist beim Vortrag dabei.
R.

Bericht von meinem Mitwanderer Alfons

Nach dem feucht, fröhlichen Abend bin ich doch relativ früh wach. Die Sonne scheint schon recht kräftig ins
Fenster. Der Tag scheint schön zu werden. Um 7:45 Uhr starte ich. Bis zum Quartier von Roland ist es nicht
einmal 1 Kilometer und in 10 Minuten bin ich da. Die Begrüßung ist herzlich als würden wir uns schon länger
kennen. Roland ist unkompliziert und wir kommen auf Anhieb zurecht. Die Wellenlänge stimmt.

Der Wanderweg zur Veste nach Coburg führt in einem Bogen stetig bergauf. Wir machen viele Fotos und eine Rast
im Gras. Gegen Mittag sind wir oben und haben noch ausreichend Zeit die Veste im Außenbereich zu besichtigen.
Als eine Frau am Eingang der Burg sich mitfühlend äußert, jetzt haben Sie es gleich geschafft, meint Roland cool:
Schade. Erst jetzt arbeitet es im Kopf der Dame, das sieht man ihr an.

Zweite Rast im Schlosspark Coburg

Der Abstieg in die Stadt führt durch einen wunderschönen Park. Hier gönnen wir uns die zweite Pause auf einer Bank.
Anschließend geht es weiter in die historische Innenstadt. Coburg kenne ich gar nicht wieder. Die Stadt hatte ich
vielleicht vor 20 Jahren kennengelernt und nicht gerade einen guten Eindruck gewonnen. Jetzt sehen wir eine herrliche
Stadt, die sehr einladend wirkt. Bestimmt werde ich hier noch einmal herfahren. Heute haben wir nicht die Zeit, die
Stadt kennen zu lernen, denn gegen 15:00 Uhr sollten wir im Sanitätshaus sein wo Roland um 16:00 Uhr einen Vortrag hält.
Er berichtet über seine Wanderung mit aktuellen Fotos um anderen Betroffenen Mut zu machen. Bewegung hilft heißt das Motto.

Roland telefoniert und ein Mitarbeiter von Mannl&Hauck holt uns am Theaterplatz ab. Wir werden sehr freundlich begrüßt.
Dann bekommen wir erst einmal zu Essen und zu Trinken. Wir dürfen die Werkstatt besichtigen und der Chef macht ein
Gruppenfoto. Die Veranstaltung ist sehr gut vorbereitet. Es werden etwa 15 Gäste erwartet. Einige sind schon da und
kommen zu uns in die Werkstatt. Auch die Vertretung vom Hersteller der Prothesen OttoBock sind anwesend und leisten
ihren Beitrag zur Vorbereitung. Ich gewinne den Eindruck, hier eine große Familie von Anwendern und ihren Versorgern
anzutreffen. Man kennt sich und der Umgang ist sehr vertraulich untereinander.

Gruppenfoto im Sanitätshaus

Roland hat richtig Talent für Vortragswesen. Ein Arbeitsleben lang war er Einzelkämpfer als Graphik Designer. Aber wenn
ich Roland richtig verstehe, kann er sich auf neue Situationen sehr schnell einstellen und neue Herausforderungen gut
annehmen. Man könnte den Eindruck gewinnen, er hätte nie etwas anderes gemacht. Souverän und professionell bringt er
seine Botschaft rüber. Man spürt wie es bei den Betroffenen arbeitet.

Gegen 18:00 Uhr verabschiede ich mich. Roland wird noch einmal zu seinem Quartier zurück gefahren. Ich nächtige in
Großheirath, wo morgen unsere Wanderung beginnt. Ich bin begeistert und beeindruckt von dem Tag mit Roland. Um etliche
Erfahrungen reicher begebe ich mich in mein Quartier.

Alfons Middendorf

Tag 64 Mittwoch, 25. Mai 2011

Südlich von Coburg und Dörfles-Esbach, wo 2x mein Quartier war, ist heute mein Start in Großheirath. Unser Start.
Denn Alfons möchte wieder mitkommen. Und wie komme ich dorthin? Der Orthopädietechniker des Sanitätshauses nimmt
Gepäck und mich dankenswerterweise als Transportgut an Bord.

Morgensonne beim Start Ein kleines Stück zurück!

Alfons steht schon am Ortsrand bereit. Gleich steigt der Weg zwischen den Feldern aufwärts. Eine herrliche
Morgenstimmung, vorbildlich dieser purblaue Himmel.

In der Senke bei Zilgendorf überqueren wir eine Straße, um danach den Kulch, 484m, zu erreichen. Felder vor uns,
der Waldrand ist weiter oben. Eine Barriere, ein Baustellenschild. Wir kommen näher. Verflixt! Eine tiefe graue <
Grube, lang und länger, öffnet sich quer vor unseren Füßen. Die ICE-Trasse mal wieder. Was nützt es? Sie war von
unten nicht zu erkennen. Die überquerte Straße ist unsere Lösung. Ein Stück also zurück. Sie brauchen wir nur
aufwärts zu gehen, so wird die Baugrube umgangen.

Weiter über die Wiesen

Über frisch gemähte Wiesen, das liegende Gras duftet noch nicht nach Heu, erreichen wir nun trotzdem den Wald
und unseren geplanten Weg. Mücken im schattigen Rand der Bäume interessieren sich für unsere aufstiegsverschwitzten
Häute. Später sind es kleine Minifliegen, ins Gesicht und in die Augen wollen sie. Der Höhenweg im Wald aber ist
angenehm zu laufen und bietet uns bald einen sonnigen Wiesenplatz zur erholsamen ersten Rast.

Bald danach erreichen wir Kloster Banz. Vom Wald her breitet sich dieser Baukomplex quer vor uns aus. Auch hier ist
die Besichtigung natürlich nicht vorrangig, denn das Tagesziel sollte ja erreicht werden.

Hinab ins Maintal. Teilweise ein schmaler Pfad. Zwei Spazierfrauen kommen uns entgegen, bereitwillig machen sie meiner
Prothese erstmal Platz. Sie steigen hinauf zum Biergarten des Klosters. Das Fassbier sei doch das beste hier. Ich habe
den Eindruck, sie wollten uns mitlocken!? Wir stellen das klar, Bier während einer Wanderung, nee, is nix!

Der Main. Über eine Brücke und wieder nördlich auf der anderen Seite zurück. Wir haben uns extra einen weiteren Bogen
ausgesucht. So können wir den Charakter der Mainaue erleben.

Wer kennt dieses Insekt? (… vielleicht ein Kiefernschwärmer???)

Noch eine gemütliche Rast, diesmal im Schatten einer Reihe von Bachbäumen, auf der Steinmauer einer Wegbrücke sitzend.
Linker Hand sehen wir auf dem Berg tronend Kloster Banz wieder, rechts, weiter entfernt, das markante Felsmassiv des Staffelberges.

Noch über einen Wiesenweg, noch an einem See von Grundwasser entlang. Sauber ist dieses Wasser. Gelbe Schwertlilien
an den Ufern. Angler und Badende. Noch die Straße bis in die Ortsmitte, und wir erreichen den erstrebten Dorfgasthof.

Erstrebt deswegen, weil ich seit einem Kilometer im Bereich der vorderen Schaftkante einen unangenehmen Druck spüre.
Die Kontrolle im Zimmer zeigt eine zentimeterbreite Verdickung, vermutlich eine Haarwurzelverärgerung. Meine Behandlung
beginnt sofort, danach treffen wir uns vor dem Gasthof, um uns mit Fest- und Flüssigstoff zu stärken. Heiße Fleischwurst,
naturtrübes Bier. Doch unsere Stimmungslage und unsere Gedanken sind nicht getrübt. Vor allem, bei uns beiden sind
sind sie nicht naturtrüb!
R.

Tag 65 Donnerstag, 26. Mai 2011

Es ist 3:10 Uhr. Wieso werde ich munter? Mir fällt ein, gestern abend vergaß ich die zweite Besänftigung
des roten Knubbels. Nachdem das erledigt ist, frage ich mich, wie schlafe ich wieder ein. Wir wollten den
7-Uhr-Bus nach Grundfeld nehmen. Ich schreibe dem Alfons eine Nachtmail. Meinen Wecker stelle ich neu.
Da das Berichtschreiben ein gutes Schlafmittel ist, tu ich das, und siehe da, ich merke erst um 6 Uhr,
dass ich nochmal gut geschlafen habe. Heute ist also nur ein Spätstart möglich.

Die Basilika Vierzehnheiligen Wegweisersammlung Aufstieg in den Jurastufen

Ein Gute-Laune-stressfrei-Frühstück, diesmal zu zweit, passt zum Wetter. Wir sind viel mehr Personen als Wolken,
die sind absolute Mangelware. In Grundfeld beginnt sofort der Anstieg zur Basilika Vierzehnheiligen. Um ein Haar
hätten es vielleicht auch dreizehn Heilige sein können. Aber ob es dann Dreizehnheiligen geheißen hätte, bezweifle ich.

Die vielen Souvenierläden konkurrieren mit der eindrucksvollen Kirche, sie haben hier seit Jahrhunderten eine wichtige Funktion.

Kalksteinweg Jurahochfläche Felsenrast auf dem Staffelberg

Im Wald ist der weitere Anstieg. Der Pfad besteht aus vom Wasser freigelegten Kalkbrocken, die bisweilen hohe
Stufen bilden. Wir sind hier also schon im Bereich des Fränkischen Jura. Oben sind wir immer nahe des Traufs,
und als der Wald endet, öffnet sich uns eine weite Landschaft. Ähnlich, wie ich es von der Schwäbischen Alb kenne.
Alfons hat heute die Camera oft am Auge. Wir hatten uns schon mehrmals kurz über einige Gestaltungsmöglichkeiten,
direkt bei der Aufnahme, unterhalten.

Günstige Gelegenheit für eine Skizze Abstieg vom Staffelberg

Joggerinnen und Spazierwanderer überholen uns. Doch Eile kennen wir nur bei Hunger, zumindest bei Appetit.
Als mein Hosentaschenwecker anschlägt, ist gleich darauf eine beschattete Bank in Sicht….

Tag 66 Freitag, 27. Mai 2011

Manchmal auf dem Pilgerweg

Zuerst ist es kühl, aber nicht gänsehautkühl. Nachdem ich von der Straße abgebogen bin, reicht schon der
erste Hügel, um die Jacke wieder auszuziehen. Später auch die Weste. Als ich aber über die Kuppe komme,
brauche ich beides wieder. Der Wind fegt mit ordentlich entgegen. Auf halber Höhe steht eine Bank, die
ich zur Gewichtserleichterung und Magenbeschwerung nutze.

Ob das heute klappt, was ich gegen den Pickel unternommen habe, weiß ich nicht. Bisher wirkt sich der Schaftrand
nicht unangenehm aus. Es ist aber sicher, es könnte ungünstiger sein. Auch eine andere Stelle, die sich gestern
aufgebaut hatte, stört nicht mehr, sie ging über Nacht zurück.

Einige Telefonate sind unterwegs nötig. Auch mit Alfons; er ist im ICE und bald am Heimatbahnhof.

Dorfkirche in Oberleiterbach

Bevor ich das Maintal erreiche, geht der Weg über zwei Hügel und quert ein Tal, dort liegt Oberleiterbach, mit
einer schönen Dorfkirche. Am Südhang des zweiten Hügels, auf einem Feld, sind jede Menge Sonnenkollektoren aufgestellt,
die Energie ernten wollen. Sie warten heute etwas länger auf die Sonne. Eine neue Aufgabe der Landwirtschaft?

Der Main bei Zapfendorf Rast bei Zapfendorf

Durch einen Wald. Dort setze ich den Schaft neu an. Ein dünner Baum zum Anlehnen, ohne kratzende Äste. Die B173,
Zapfendorf, die Mainbrücke, ein Stück Straße. Bei der geplanten Abzweigung finde ich Tisch und Bänke für mich bereitgestellt.

Feldwegromantik Blumenarrangement für mich Wegbegleiter

Feldwege. Falter, Kornblumen, Mohnblumen, Kamille, Hummeln, verblühter Raps, niedrige Halme mit Ähren, eine lange
Reihe Büsche biegt sich zwischen den Feldern. Die Wolken werden etwas dunkler. Ich bleibe aber trocken. Die
verwachsenden Wagenspuren sind tief und schräg. Das Gras des Weges steht in hohen Büscheln. Eine wunderbare Ruhe
ist auf solchen Wegen, von denen man nicht weiß, ob sie dann doch noch aufhören. Die weißen Pfosten der Straße
sind weit hinten. Dann öffnet sich vorn die Hecke und ich komme heraus auf eine andere Straße.

Zum Quartier ist es nicht mehr weit. Heute sind es bequeme 11 km und es ist erst kurz nach 16 Uhr. Ich habe noch Zeit
für zwei Skizzen. Da kommt ein Anruf aus München. Die Zeitschrift HANDICAP wird mich im Juni besuchen. R.

SOLL 650 km / IST 659 km

Tag 67 Samstag, 28. Mai 2011

Der Gasthof ist ein altes Fachwerkgebäude. In einem Innenhof stehen zeltüberspannte Biertische und -bänke.
Ein Frühstück im Freien? Bevor dieser Gedanke verwirklicht wird, geht’s in die Gaststube.

Nach dem Frühstück packt mir der Wirt den Käse und die Wurst für Unterwegs ein, die er vergaß auf den Tisch
zu stellen. Wie ich mich kenne, werde ich weder Käse noch Wurst mit den Marmeladebrötchen belegen.

Woran denkt man bei einer so kunstvollen … und bei vielen Mohnblüten?
Blüte? An Mohnkuchen! An viele Mohnkuchen!

Der Weg führt südlich durch die Felder. Wenn ich zurückblicke, sehe ich in der Ferne noch den Staffelberg und die
Bäume bei der St. Veits-Kapelle. Hier in der Nähe gibt es intensive Mohnblüte und Kornblumenmeere in den Gerstenfeldern.

Der Jakobsweg knickt verschiedentlich zur Seite. Der Geradeausweg ist schöner, er sollte nachher wieder auf den
anderen Weg treffen. Als er aber seitlich in der Wiese aufhört, merke ich, ich habe mal wieder zu ungenau die Karte
angeschaut. Zur Strafe mache ich jetzt sofort eine Rast. Ein Wiesenrand, den Fuß und das Ersatzteil etwas niedriger,
bequem zurücklehnen, Kraft sammeln fürs nächste Kartenstudium.

Die Ilz in Baunach Naturverbundenheit auf hohem Niveau

Etwas zurück und weiter durch die Ebene der Ilz und des Mains auf Baunach zu. Da bin ich bald durch. Es geht
auf den Höhenweg zum Stiefenberg. Mich lechzt es nach der zweiten Rast und finde eine etwas schräg eingesunkene
Sitzgruppe – ich muss mich aber nicht festklammern – garniert mit Flechten, die das seitliche Rutschen verhindern.
Auf den Geschmack hat das keinen Einfluß. Gut, daß ich mich dort hingesetzt hatte. Den nächsten Rastplatz habe
ich im Bild festgehalten.

Der Burgenweg zur Stufenburg Mächtige Wurzeln auf der Stufenburg Davon ist nichts mehr zu sehen

Die Brennnesseln werden langsam frech. Sie wachsen direkt auf dem Pfad und drumherum. Der Pfad nach rechts führt
nach oben zur Stufenburg. Steil und rutschig von sandiger Erde. Man sieht nur dicke alte Bäume mit knorrigen Wurzeln
auf einem welligen Plateau oder in dem Graben ringsum. Was da wieder runter führt ist kein Weg mehr. Von Füßen und
Bikern glattgeschliffen und so schräg, daß kein Halt für mich ist. Daneben, im Laub und durch liegende Äste, geht
es geradeso. Aber der Brennnesselbrand wartet weiter auf den nächsten Kurzbehosten.

Kurz vor dem Tagesziel

Ich zücke die Karte. Ich müsste bald links abbiegen. Zwei Biker wollen helfen. „Da vorn geht’s aber sehr steil runter!….“
Es war mal wieder nicht so schlimm. Unten ist der erwartete Weg. Durch Kiefernforst nach Süden. Nach dem Wald Baustelle
sämtlicher Wege. Große weiße Brocken. Langsam muß es hier gehen.

Ein Traktor hält. Der Landwirt will alles genau wissen, wieso ich hier so rumlaufe. Ich unterhalte mich aber gern mit
Neugierigen. Im Quartier befindet sich eine Brauerei mit Hofgarten. Eine einfache Kammer, Bad und Klo jeweils getrennt,
sorgt heute für die erforderliche Erholung.
R.

SOLL 663 km / IST 673 km

Tag 68 Sonntag, 29. Mai 2011

Der Frost hängt den Brötchen noch „in den Knochen“, das Messer knirscht durch die Eiskristalle. Einen Eisbecher
hätte ich nicht aufschneiden müssen.

Drei Brötchen. Ich habe im Rucksack noch Marmelademusterpackungen. Die nehme ich dazu. Den Schinken und den Käse
verlangt es noch nach drei Scheiben Brot, damit ich sie nicht pur verpacken muss. Zwei Rühreier schließen eine der
Lücken. Halbseitig zufrieden beginne ich meinen nächsten sonnigen Tagesmarsch.

„…da geht’s aber a weng starrrk steil nauf!“, fränkelt warnend die Wirtin. Die Regel sind solche Sätze, immer gut
gemeint. Das ist zu steil, zu weit, zu schwierig usw. Sinnvoll wäre es anders: Dieser Weg ist steiler und länger und
strengt ordentlich an, das ist viel besser für Sie! Aber gehört habe ich das leider noch nicht. Nur als ich in die
Schule ging: Anstrengen, für bessere Ergebnisse!

Zuerst durch die Wiesen Viele Kiefernwälder gibt es hier Die Mücken waren nicht so fotogen

Bald bin ich durch vorwiegend Kiefernwald oben angelangt. Der Höhenweg heißt hier sinnigerweise Rennweg. Vorher hatte
ich ja schon den Rennstieg und den Rennsteig. Schneller war ich dadurch allerdings nicht.

Nicht nur einer Blindschleiche begegne ich, auch Mücken. Sie fragen nicht erst, ob sie bei mir tanken dürfen. Ihren
Füllstutzen senken sie zuerst immer unbemerkt durch das Gewebe des Strumpfes, als ich eine Waldrast mache. Der Vorteil
fùr mich? Das Jucken an den Beinen ist nur links. Trotzdem flüchte ich mich in die erneute Bewegung, dass die Mücken
allesamt außer Atem geraten.

Ein Weg für Behinderte Frisch gemähter Rastplatz Sogar Verkehrsflugzeuge
orientieren sich an diesem Wanderweg

Die Rast ist vor der Zeit. Die Brötchen von heute früh halten nicht vor. Die drei dunklen Brotscheiben sind schon was
anderes. Bevor ich es merke, sind sie schon weg. Kauen geht sehr gut neben dem Tippen ins iPhone.

Der Rennweg ist wunderbar. Wiesenwege, Wurzelpfade, immer im Wald, immer die Richtung auf Bamberg zu. Ein Wandergenuss,
leicht abschüssig. Erst als gemähte Wiesen heruberduften, esse ich breit hingelagert bei einer Heurast. Nebendran
stehen noch die Gräser und Margariten. Doch auf Aussicht habe ich umsonst gehofft. 2/3 der Gesamtzeit sind jetzt rum.
Immerhin, viel besser überstanden als gedacht.

Hier musste ich leider umkehren Hier kehrte ich nicht um.
Trotz des absoluten Gehverbotes für Männer.
Frauen mit Kinder dürfen auf die andere Seite.

Bei Dörfleins laufe ich entlang der Bahnlinie. Der Säugriessee, da will ich noch rum. Dann hört der Weg auf, 600m zurück.
Weitere Seen, die A70, die Regnitz und der Main versperren den direkten Weg nach Bamberg. Ein Bogen durch Hallstadt.
Dort steht ein Bus, der könnte mich doch zwei Haltestellen mitnehmen! Los, los, auf, den kriegste noch! Bei zehn
Restmetern schiebt er los. Heute der Sonntagssparfahrplan! Ich trinke mir erstmal den Teerest an. Wozu ist die Straße da…

Eine Haltestelle. Kommt der nächste Bus schon? Nee, erst in 15 Minuten. Keine Wartelust. „Wollen Sie sich nicht hinsetzen?“,
fragt der Mann auf der Haltestellenbank. Danke, will ich nicht, bin auf einer Wanderung und nicht auf einer Sitzung!

Klein Venedig in Bamberg Abendmotiv in Bamberg

So bin ich vor dem Sonntagsbus an der Löwenbrücke und Richtung Altstadt. Dort ist das berühmte Klein Venedig. Ich rufe
Wolfgang in Leipzig an. Er stellt extra das Badewasser ab, das lauter rauscht als die Regnitz. Wir starteten 1954 zusammen
hier in Bamberg eine Radtour über Stuttgart, Schwarzwald, Schwäbische Alb, zum Bodensee und zurück nach Leipzig.
Unvergessen und einmalig war das. Meine längste Radtour und meine vorerst längste Wanderung – in Bamberg.

Jetzt ist es bald 19 Uhr. Noch ein Eis vor dem Brückencafé. Das Jugendgästehaus ist nicht mehr weit. Dadurch, dass ich
ungeplant bis hierher gewandert bin, waren es heute genossene und ungespürte 18,5 km. R.

SOLL 675km IST 691,5km

Tag 69 Montag, 30. Mai 2011

Abendbesuch beim Dom. Mein Blick vom
Zimmerfenster durch das derzeitige Baugerüst

Der Ruhetag in Bamberg beginnt damit, dass ich mal wieder kurz vor dem Wecker gegen 5:15 die Unruhe beginne.

Das hat zur Folge, dass ich noch Zeit für eine Skizze habe. Dabei stelle ich fest, dass einige vergangene
Tage im Rennsteigbereich keine geeigneten Motive aufweisen. Da entstehen also Lücken.

Ein weiterer Versuch am Vormittag, der aber völlig daneben geht. Dann bereite ich mich auf den Besuch im
Sanitätshaus vor. Alles einpacken, was für den Vortrag gebraucht wird. Dort ist die Gelegenheit für eine
Änderung der Einstellung am C-Leg, die der Otto Bock Experte Markus Stimpfig vornimmt.

Abends bin ich immer zeitig müde, so gegen 21 Uhr. Logisch, wenn das Aufstehen ab 4:30 Uhr erforderlich ist. So auch heute, die Ruhe vor dem zweiten Ruhetag.
R.

Tag 70 Dienstag, 31. Mai 2011

Diesen Puffertag brauche ich nicht zum Nachholen eines Wandertages zu benutzen. Einkäufe und Massage
sind vorgesehen. Auch ein Termin mit Rudi Ziegler, dem bekannten Nordic-Walking-Trainer, der nun
leider doch morgen nicht mitkommen kann.

Das Michaelskloster

Nach verschiedenen organisatorischen Dingen laufe ich los nach Gaustadt, ein schöner Weg von 2,5 km.
Die Innenstadt mit den engen, winkligen Wegen von Bamberg beeindruckt mich. Dann nimmt auf einmal der
Druck am Beinstumpf zu. Beim Michaelskloster habe ich Gelegenheit zum Neuanziehen der Prothese. Doch
es drückt weiter stark. Sollte ich morgen aussetzen müssen? Langsam und vorsichtig gehe ich weiter,
denn der Termin rückt ja näher. Ich scheine mich daran zu gewöhnen. Auf einer Bank genieße ich erstmal
nur leicht besorgt die besorgte Apfeltasche. Wirklich lecker!

Malerei am alten Rathaus in Bamberg

Beim Weitergehen – nichts drückt mehr! Was war das vorhin? Plötzlich fängt es an, ebenso plötzlich hört
es auf. Also gut, ich kaufe erst Studentenfutter, Sardinendose und Papiertaschentücher ein, neben dem Markt
ist die Niederlassung meiner verwendeten Ausdauer-Nahrungsergänzung. Ich brauche speziell Nachschub für
Gelenkvorsorge und gegen Mineralienverlust durch Schwitzen. Was ja beides beim Wandern oder sportlichen
Anstrengungen eine Rolle spielt.

Treff mit Rudi Ziegler

Dort wartet schon Rudi Ziegler auf mich. Bei einem Getränk kann er mir sein Geschenk für die Wanderung
anprobieren lassen. Ein Paar Prothesenschuhe zum Wechseln. Sie passen auf Anhieb und sehen spitze aus.

Wir unterhalten uns noch über verschiedene Pläne, dann bringt er mich noch nach Bischberg zum Massagetermin.

Dort erhalte ich noch gratis Wärmekissen auf den Rücken, doch dadurch geht mir der Bus raus.
45 Minuten Wartezeit, dann noch 30 Minuten Gehzeit. Erst 21 Uhr bin ich im Zimmer. Gleich noch das
Gepäck für morgen richten, schon bin ich müde.
R.