Monatsarchiv: Juli 2011

Etappe 18 / Mittlere Schwäbische Alb/Schönbuch

Tag 98 Donnerstag, 30. Juni 2011

Nebelstimmung in den Streuobstwiesen Bald schon werden die Hochnebel
blau durchsetzt

Im Quartier erfuhr ich gestern abend, daß gegen 8 Uhr ein Bus nach Grabenstetten geht. Es ist dicker Nebel, als ich dort
hoch fahre. Aber nach kurzem Marsch schon sind die ersten Aufhellungen und Sonnenstrahlen herangeweht.

Grabenstetten, Hülben und Erkenbrechtsweiler liegen wie auf einer „Halbinsel“, die nur mit einer 300m breiten Passage vom
restlichen „Festland“ der Alb verbunden ist. Ringsum kippt das Plateau steil in die Täler der Erms und der Lauter. Diese
Engstelle durchwandere ich, sie wurde in keltischer Zeit mit dem Heidengraben befestigt, er ist als Wall vorhanden.

Etwas zu selten kommt noch die Sonne. Ich könnte sie gut wieder gebrauchen, um sie gegen die Jacke auszutauschen. Über die
Nacht kam eine deutliche Abkühlung. Besonders während der Rast noch deutlicher.

Mein Weg nach Hengen Königskerze

Ich gehe am Rand von Hengen entlang. Als der Wanderweg seinen Knick in das Tal Zittelstatt macht, entsteht eine Unterhaltung
mit einem Außendienstler, der neben seiner Kühlerhaube gerade seine Pizza bearbeitet. Er ist aus Altenburg, wo ich ja bald
nach dem Beginn meiner Tour durchkam. Leider vergaß ich zu fragen, ob er heute abend mit mir Skat spielen möchte.

Sehr gemütlich hier

Jetzt nur noch geradewegs runter nach Bad Urach. Ein bequemer Waldweg. Bleibt lange auf gleicher Höhe. Ja, da kommt nachher
sowas wie ein Abstieg. Als er beginnt, finde ich einen wunderschönen einladenden Baumstumpf. Sehr gemütlich, aber alles
verbrauche ich noch nicht.

Weiter unten beginnt ein Zickzackpfad. Das kennen wir ja, hoffentlich bleibt er so anständig wie er hier aussieht.

Die erste Kehre. Der Berg ist rechts, die Neigung extrem, der Boden vergangene Regennacht gut vorbereitet. Ich merke, wenn
ich den rechten Schritt machen will, rutsche ich links schon zum Hang. Und rechts voll belasten, da geht sofort das Knie
vor und mir bleibt keine Zeit, vorsichtig sicher aufzutreten.

So sehe ich den Weg, wenn
ich rückwärts runtergehe

Also, „vorwärts, Genossen, es geht rückwärts“. Ich meine nicht zurück! Jetzt kann ich die Prothese belasten und mit der
rechten Gehhilfe Druck wegnehmen, wenn der rechte Fuß rutscht. Dieser geht rückwärts immer zuerst. Sicherer Stand. Die
linke Gehhilfe halte ich horizontal mit der rechten Hand. Die linke Hand stütze ich am Berg. Dort hat der Wald Handgriffe
bereitgestellt. Wurzeln, Bäume und Felssteine. Ich schaue genau, wohin ich trete. So habe ich eine breite Basis und einen
Sturz fast ausgeschlossen.

Mal schwierig mal leicht

Doch so einfach und freundlich werde ich hier nicht bedient. Drei Mal rutschen beide Füße gleichzeitig weg. Schnell setze ich
mich an den schrägen Hang und stoppe das ab. Der Pfad ist nichtmal zu steil, aber zu schräg für die Feuchtigkeit, manchmal fast
wie der Hang. Mehrmals gibt es Serien von senkrechten Wurzeln, die zur Talfahrt einladen. Auch sehr weite Schritte sind nötig.
Meist trete ich etwas oberhalb des Pfades auf, weil dort manche Wurzelzehe rauskuckt und Halt bietet. Wenn ich mal sitze, ist das
wichtige Entspannung für das linke Bein. Aber das Aufstehen ist nur möglich, wenn der Widerstand für dem rechten Schuh gefunden ist.

Ich überhole eine Schnecke rechts – und im Rückwärtsgang. So schräg ist ihre Route, daß ihr Haus fast zu kippen droht.

Zu lange für die ersten 20 Meter! Komme ich da runter? Die Frage kann ich inzwischen auch für Aufwärts stellen. Wieso habe ich
meine Energieunterstützung dabei und nehme sie jetzt nicht? Einen doppelten Lieblingsdrink, den ich immer Acti nenne, genehmige
ich mir beim dritten Sitzen. Laut Wanderkarte sind es noch etwa 100 Meter, die ich wegen der Wegkrümmung nicht überschauen kann.

Ein hilfreicher Baumstumpf

Noch einmal wird’s gemein. Die Wurzeln eines Baumes am Hang sind so schräg und knorrig und bemoost, daß der Pfad ausweichen muß
und noch schmaler und schräger wird. Nochmal setzen, weil es rutscht. Daneben ist aber ein Baumstumpf vor dem Hang, der mir
beim Aufstehen hilft. Schneller, sonst holt die Schnecke wieder auf!

Danach wird der Weg breiter, flacher und ich gelange endlich zur Talsohle. Noch über zwei Kilometer und schon 17 Uhr. Der Talpfad
führt eng durch hohe Kräuter. Bei den Holzstapeln beginnt der Fahrweg und ich vertilge alle Reste. Das war ja ein ausgewachsener
Abstieg geworden. Etwa 160 Meter.

Gemütlich nähere ich mich der Stadt. Am Fußballplatz stehen Schüler und fixieren gebannt das Bein. „…noch nie gesehen?“, frage ich. „Noch nie!“. Kurze Unterhaltung,
das Übliche. Da sagt der eine: „Sie müssen mal in 80 Tagen um die Welt laufen!“ R.

SOLL 938km / IST 949km

Tag 99 Freitag, 1. Juli 2011

Hoch oben die Ruine Hohenurach

Ich schaue vor dem Frühstück nochmal die geplante Route über den Jusi an. Der Weg auf dem Grat fällt mehrmals ebenso stark
ab wie der Wanderweg gestern. Mit einem gehobenen Risiko möchte ich aber die restliche Tour nicht gefährden. Ich habe auch
gleich Plan B für heute, und der heißt: Hohenurach!

Die Burg Hohenurach. Eine der größten Burgruinen. Mit Prothese bereits seit 2008 ein Wunschziel. Und nun vor der Haustür.
Die Klinik Hohenurach. Meine REHA Ende 2006. Hier startete mein Rollstuhl. Hier verheilte die Narbe am Beinstumpf.

Typische Kalkschotterwege der Alb,
hier hinauf zur Ruine Hohenurach

Mit der Burg habe ich Pech. Ein breiter Kalkschotterweg führt hinauf. Gewitterstimmung. Am Bergsattel weiter bis fast zu
den Grundmauern. Ein Turm ragt über mir auf. Doch die Füße rutschen auf den nassen Brocken, die aus der Zufahrt herausragen.
Da fehlen schätzungsweise noch über 200 Meter. Sehr viel Zeit habe ich schon verloren. Auch für dieses Sturzrisiko habe ich
keine Lust. Wieder gehe ich zurück, hinunter zum Sattel. Der gewählte Abstieg liegt voller Baum und Strauch. Wieder zum Sattel
hinauf. Jetzt gelingt es endlich, nach kurzer Rast, Land zu gewinnen.

Die Waldstraße geht in Serpentine hinunter zum Unteren Wasserfallweg. Ich aber in Richtung Klinik. Wieder scheint die Sonne,
grad noch hat es geblitzt und gedonnert. Das dritte Regenband ist vorbei. Durch die Unterführung der B28 zur Erms, durch den
Garten der Klinik Hohenurach und hinein.

Ein Rollstuhlfahrer. Seit vier Wochen erst amputiert. Ihm gefällt mein Gehen, sagt er. Eventuell kommt er in die
Stuttgarter Selbsthilfegruppe.

Meine zweite Rast Klinik Hohenurach I,
Geschäftsführer Herr Uli Wüstner

In der Klinik habe ich Glück. Gleich zum Sekretariat. „Ich war 2006 bei Ihnen und möchte mal reinschauen“. Freundliche Begrüßung.
Der Geschäftsführer, Herr Uli Wüstner, zeigt mir gleich den Artikel über die Tour in der BG-Zeitung. Dann lassen wir ein Foto
schießen. Erfreut lasse ich mich zur freien Auswahl „in unbegrenzter Menge“ in die Cafeteria einladen. Herr Wüstner hat auch noch
einen Schlüsselanhänger und eine Tasse zum Mitgeben dabei. Herzlichen Dank für alles! Meine zweite Rast ist also etwas ungewöhnlich.

Die Ems hat klares Wasser Vom Wasser gefällt, einfach drumrum

Weiter gehe ich einfach der Erms entlang. Allmählich hat die Sonne gesiegt und heizt schnell wieder ein. Rechts oben die Felsen,
das sind die Höllenlöcher. Da spaltet sich der Fels ab, eine tiefe Spalte ist entstanden. Eine Wohnlage mit Nervenkitzel
für die Anwohner darunter.

Die Erms hat die Wurzeln einiger Weidenbäume unterspült. Nun liegen sie auf dem Pfad und die Leute marschieren durchs Feld um
sie herum. Ich aber bin inzwischen in Dettingen zum Bahnhof gelangt. Die Ermstalbahn fährt mich zurück nach Bad Urach.

Seitlich am Zaun Das Rathaus von Bad Urach im Abendlicht

Den letzten Teil des Weges nehme ich noch in einem Bogen durch die Altstadt. Die alten Fachwerkhäuser sind durch die Abendsonne
teilweise noch kräftig beleuchtet. Bad Urach ist eine Reise wert, wie auch die ganze Umgebung.

Heute war der 75. Wandertag. Meine Schwester Angelika in Hamburg hat sich die Mühe gemacht, das mal genau festzustellen.
Weitere 5 Wandertage folgen. Der Rest sind 20 Ruhetage und 4 Puffertage. R.

SOLL 950km / IST 961km

Tag 100 / Wandertag 76 Samstag, 2. Juli 2011

Die Verkehrs-Verbindung von Bad Urach nach Kohlberg ist so super, daß ich lediglich 1-2 Stunden eher aufstehen müsste. Dort ist
Start für die heutige 9. Gruppenwanderung mit unserer Selbsthilfegruppe. Wer kommt mit? Ich jedenfalls habe die Absicht mitzugehen
und werde als siebtes Gepäckstück dort eintreffen.

Am Wanderstart: Susan, Dieter
Elisabeth, Anne und Henry

8:45 Uhr am Treffpunkt Tischardter Straße. Elisabeth, Anne und Heinz sind schon da. Henry, Susan und Dieter kommen bis 9 Uhr.
Heinz will vor dem Bewegen noch mit seinem Lebenselexier, der Grundversorgung an Kirsch- und Schlehenlikör herausrücken. Es
stellt sich aber heraus, daß die Schwankungsbreite nicht zunimmt.

Unser Zwischenziel ist Tischardt. Wir erreichen es durch Wald und Wiesen. Einzige Herausforderung ist der Anstieg.
Durch dem Ort. Schon Waldrand, nein, bereits vorher, wird der Ruf nach Grundversorgung laut. Aber doch ziemlich leise.

Rast am Waldrand bei Tischardt

Da steht ja auch eine Bank, Fassungsvermögen bei Körperkontakt drei Persönchen. „Da nehmen wir noch eine Palette zum Hinsetzen“,
sagt Heinz zu dem Palettenstapel. Dann sitzen und stehen wir doch um die Bank, essen, freuen uns über die Sonne und daß Heinz
seine Plastikbecher verteilt und geheimnisvolle Flaschen zückt.

Als wir in den Wald hineinwandern, hat die Schwankungsbreite nicht zugenommen. Ein kurzer Pfad zuerst, dann haben wir die
breiten Waldwege unter den Prothesen.

Henry und Dieter

Unser Weltmeister Henry mit der attraktiven Sportprothese wandert heute das erste Mal mit. Unser Präsident Dieter ist
erfreulicherweise neuerdings ohne Schaftproblem und deshalb auch dabei. Susan, seine Frau, war auch schon bei unserer
ersten Wanderung dabei und hatte Wiederholung gefordert. Anne mit ihrer Unterschenkelprothese sieht man ihr Handicap
überhaupt nicht an und sie läuft wunderbar. Heinz gibt ihr tolle Unterstützung und ist immer gern dabei. Elisabeth hat
heute die Vertretungsfunktion für ihren Karl-Heinz, der so lange nicht wandern kann und lieber zu Hause eine kleine Runde macht.

Unser Waldweg nach Roßdorf

Ganz klar, die Abzweigung nach rechts verpasse ich bei der Unterhaltung. Als wir den Waldrand erreichen, merkt es jemand und
wir beschließen eine Korrektur zurück. Und wir stellen fest, wir sind unerwartet schnell in der Nähe von Roßdorf. Die etwa
6-7 Kilometer haben uns nicht ausgepowert. Die Tour war einfach zu einfach! Wir wandern ja hoffentlich wieder gemeinsam.

Bevor es weitergeht …

An einer Weggabelung liegen große dicke Stämme. Nochmal eine Rast. Auch hier ist die Gelegenheit für ein Gruppenbild mit Bäumen.
Der restliche Weg zum abgestellten Auto von Dieter ist bald zurückgelegt.

Alleine gehe ich durch Korn- Sybille hat mir einen
felder noch bis Raidwangen 1000km-Kuchen gebastelt

Verabschiedung, aber nur bis 17 Uhr. Dann treffen wir uns bei Sybille, um dort die Bilder der Wanderung anzuschauen. Vorher
laufe ich noch bis Raidwangen; Anne und Heinz holen mich nach Nürtingen ab. R.

SOLL 963km / IST 972km

Tag 101 / Wandertag 77 Sonntag, 3. Juli 2011

Über 970 Kilometer habe ich schon. In der Gegend bei Schönaich werde ich wohl die magische 1000 überschreiten.

Der Neckar wird überquert Die Mohnkapseln werden reif

Zuerst gehe ich am Rande von Raidwangen zu meiner geplanten Route, die in Richtung Altdorf führt und nach der Bahnlinie
Stuttgart-Tübingen nach Norden abbiegt. Die Felder sehen jetzt schon ganz anders aus. Hinter dem Neckartal ist ganz flach
die Filderebene zu sehen. Weiter westlich steigen die Wälder des Schönbuchs an. Ein angenehm kühler Wind heute, den ich mit
ärmellosem Shirt richtig genießen kann. Die Sonne hält sich noch etwas bedeckt, aber sie ist trotzdem auf der Haut zu spüren.
Insgesamt vorzügliches Wanderwetter!

Ich sitze heute rastend mal auf einer Heuwiese. Der frische Duft des trocknenden Grases macht mir wieder bewusst, das der
Sommer im Gange ist. Unmerklich war der ungewöhnliche Frühling verschwunden. Sybille hat mir gestern noch eine Unzahl Käs-
und Wurschtlaugebrötle mitgegeben. Echt tierisch, diese Salami! Bestimmt Bio!

Der schiefe Turm von Neckartailfingen Hohes Gras bremst

Sybille ist die Chefin von Physiotherapie Sybille Main in Nürtingen und kooperiert mit unserer Selbsthilfegruppe. An den
Geräten in ihrer Praxis trainieren wir Muskeln und Gleichgewicht. Gestern hat sie zusammen mit ihrem Team und Sanitätshaus
Knecht die Veranstaltung für „Aktion Bewegung hilft“ durchgeführt.

Der Kirchturm von Neckartailfingen macht dem Turm von Pisa Konkurrenz. An ihm vorbei steige ich den Hang des Neckartales hinauf.
Eine kurze und heftige Aufgabe. Oben das berühmte Panorama. Wer auf diesen Höhen wohnt, hat einen „Logenplatz“, den Breitbandblick
zur Alb. Vom Hohenstaufen weiter zur Teck, zum Hohenneuffen, zur Achalm bis zum Hohenzollern, je nach Standort.
Und natürlich jeden Baum dazwischen!

Vor dem Festzelt Feuerwehrfest in Aich:
der Getränkezapfschlauch

In Aich ist Feuerwehrfest. Ich schiebe mich durch den Trubel, höre die Marschblasmusik aus dem Festzelt, würde am liebsten
Autoscooter fahren, verziehe mich aber lieber in das Tal in Richtung Bonlanden, denn ich habe Hunger.

Da hätte noch ein Baum hingepasst Ein hoher Stamm,
eine andere Überwindungstechnik

Weiter hinten im Tal geht ein Pfad den linken Hang hinauf. Zuerst sehe ich liegende Bäume und denke, da geht nix. Beim
genaueren Hinsehen gehen Trittspuren über sieben relativ dünne Bäume. Mit der Prothese kann ich gerade so drüberschwingen.
Die zweite Aufgabe ist anders. Ein dicker Baum. Zuerst aufsitzen und die Prothese vorne drauf und rüber.

Fast am Waldrand erlebe ich, wie klein die Welt ist. Ein Auto hält, der Fahrer steigt aus und erzählt, daß wir uns in
Rothenburg getroffen haben, mich hätte er gleich wiedererkannt. Er lädt mich ein, mitzukommen, doch ich habe doch
schon meine Verabredung.

Ich wandere ja zu Daniel. Bei ihm bekomme ich meine diverse Schaftversorgung. Seitdem ich in Filderstadt in der Filderklinik lag,
habe ich bei ihm die allerbeste und gewissenhafteste Versorgung erhalten. Zur Zeit baut er sein Haus in Filderstadt-Plattenhardt.
Es ist nicht mehr weit. Noch paar Ecken, als ich den Wald verlasse. Er steht mit künftigen Nachbarn vor seiner Baustelle, wo er
das Wesentliche selbst macht. Hausbesichtigung! Unten, Mitte, Oben.

Im Haus seiner Eltern, nicht weit, gibt er mir Unterkunft. Eine Wohnung zum Wohlfühlen, heute für mich allein, denn die Eltern
sind im Urlaub. Kurz sitzen wir noch beisammen und besprechen das Nötige für morgen. Denn da richtet er die nächste Veranstaltung
für meinen Vortrag aus.
R.

SOLL 975km / IST 986,5

Tag 102 / Wandertag 78 Montag, 4. Juli 2011

Frühstück mit Daniel Vette

Daniel brachte Brötchen, nun sitzen wir entspannt im Wohnzimmer seiner Eltern. Das Gepäck geht gleich ins Auto. Er will es auf
seinem Weg zur Arbeit zu meinem letzten Quartier nach Schönaich bringen. Am Eingang zur Filderklinik setzt er mich ab.

Kurzbesuch in der Filderklinik

Viele Wochen lag ich dort, vor und nach der Amputation. Dort habe ich eines Tages die Zustimmung zur Amputation unterschrieben.
Heute will ich Herrn Dr. Scheuerecker besuchen. Niemand vor ihm hat den Versuch unternommen, den katastrophalen Zustand meines
Beines innen zu untersuchen, ein Zustand, der zur Sepsis geführt hat.

Ich treffe den Doktor im ersten Stock und er hat Zeit für eine Unterhaltung. Die persönliche Art seiner Betreuung hat mir damals
sehr geholfen. Er möchte gleich heute abend die Tourberichte und die Skizzen anschauen.

Die Knochenmühle, leider geschlossen

Im Wald halte ich bei einer Bank, um Bilder zu versenden. Interessant, wie die Mücken wie goldene Sterne im Gegenlicht tanzen.
Schnell noch was trinken. Actipulver in den Becher, Flasche – die ist ja leer! Habe ich doch den Tee vergessen! Also löffle
ich mein Getränk eben in trockenem Zustand.

Nicht lange, und ich ergreife die Flucht. Die Mücken wissen ganz genau, daß sie zwischen den Maschen stechen müssen. Mein Bein
ist eine einzige Blutsaugstelle.

Am Abstieg ins Reichenbachtal, von den Stuttgartern „Siebemühletal“ genannt, finde ich reichlich Himbeeren. Dann wird es im dunklen
Wald enorm abfällig, doch die Stiefel haben nicht so eine Rutschsohle, wie ich es am Tag 98 erlebt habe. Bei der Kochenmühle will
ich Trinkbares einfüllen. In die Flaschen! Doch sie bleiben leer, niemand da. Also gehe ich weiter, das Tal hinab bis zum Aichtal.

Marktplatz in Waldenbuch

Dieser Weg ist ein alter Bahndamm, der in einem Bogen nach Waldenbuch führt. Für die Radler ein guter Zugang in den Schönbuch.
Außer den Mühlenwirtschaften gibt’s auch genügend Bänke und Infotafeln zum Schönbuch. An einer bin ich gerade, als Frau Wolfram
vom MDR anruft. Es geht darum, wo das Filmteam dazustoßen möchte. Ich esse noch was, obwohl mir das Trinken ja noch fehlt.

Am Rand von Waldenbuch ein Supermarkt. Getränke kaufen! Da merke ich, daß mein Ohr beginnt zu schmerzen. Wieso das? Habe ich Zug bekommen?

Am anderen Ende von Waldenbuch, dort, wo die süßen Quadrate hergestellt werden, sind die zwei Liter Saft schon alle. Kein Wunder,
bei der Hitze heute. Doch würde ich mir heute Schokolade kaufen wollen, müsste ich sie gleich in Flaschen einfüllen.

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Beim Vortrag „MEHR Bewegung hilft“ in Böblingen

Daniel holt mich hier ab. Wir fahren nach Böblingen zur Veranstaltung im Sanitätshaus Sascha Wilden. Für meine prothetische Versorgung
von Stuttgart gut mit der S-Bahn zu erreichen. Dort arbeitet Daniel, ich habe durch ihn eine super Betreuung! Er hat mich ja ermutigt, die
elektronische Prothese durchzusetzen. Eine der Voraussetzungen für Sicherheit bei Wanderungen.

Er bringt mich noch zurück zum Quartier und ich genieße die Einflugschneise der Düsenjets, die heute von Westen her einsteuern und
wohl zwei Minuten später in Echterdingen die Piste erreichen.
R.

SOLL 988km / IST 997km

Tag 103 / Wandertag 79 Dienstag, 5. Juli 2011

Nun fehlen mir noch D R E I Kilometer. Schaffe ich das? Zuerstmal hat mein Magen mich angeknurrt. Ohne Spezielles anzudeuten.
Was mein Ohr macht? Es drückt mich, aber nicht besonders liebevoll. Was tun? Zuerst der Magen!

Aichtal bei Schönaich: 998km sind geschafft Aichtal bei der Wolfenmühle: 999km sind geschafft

Ich frage nach einer Apotheke. Öffnet aber erst 9 Uhr. Also los, noch drei km! Das Aichtal bei Schönaich ist ruhig und schön,
nur die Flieger sind permanent. Als die 999 rum sind, hole ich einen älteren Herrn aus dem Auto. Gern macht er ein Bild.

Unterwegs auf dem Im Laubach, südlich der Aich:
Tausendsten Kilometer 1000km sind geschaft

Dann noch den Berg hoch. Noch in dem Wald weiter ansteigen. Zwei leichte Wegbiegungen. Da vorn der errechnete Querweg.
Ein sehr schöner Platz für 1000km! Ich habe sie erreicht.

Rast am 1000km-Punkt Immer noch am 1000km-Punkt:
Ablichtung durch eine knusprige Joggerin

Kaum sitze ich und fange an zu rühren, klingelt das Nokia. Herr Altenburger vom SWR. Wir vereinbaren Zeit und Treffpunkt für
morgen und für die Sendung am Donnerstag ab 18:45 Uhr. Es wäre halt ideal, wenn ich hier von meinem 1000km-Punkt noch ein
Bild hätte. Da kommt eine Joggerin vorbei, ist jedoch zu schnell und schon zu weit, sie hört mich nicht. Na dann eben nicht.
Doch sie kommt zurück. Diesmal erhört sie mich und mach zwei ganz passable Bilder.

Der Schönbuch, ein herrliches Waldgebiet

Der Naturpark Schönbuch ist ein großes Waldgebiet zwischen dem Süden Stuttgarts und Tübingen, zwischen Aichtal und Herrenberg.
Ich habe heute also fast ausschließlich Wald. Auch das Wetter ist passend. Sommerlich warm, manchmal paar kühlere Wolken.

Rastplatz 2 Rastplatz 3

Bei meiner zweiten Rast ruft Andreas an. Der älteste Sohn meiner Schwester ist Tontechniker und immer sehr hilfsbereit.
Gern möchte er dabei sein und auch ab Bebenhausen mitwandern und mein Gepäck samt mich mit nach Stuttgart zurückbringen.

Nur die weiten Felder um Dettenhausen bieten heute eine Sicht. Dann ist der ansteigende Wald vor mir. An der Kälberstelle
holt mich das bestellte Taxi ab.

Warum ist mein Soll bereits heute auf 1000 Kilometer und nicht erst morgen? Innerhalb von 80 Wandertagen kann eine Menge
passieren. Andererseits möchte ich vermeiden, daß gegen Ende der Tour wegen eines einzigen Ausfalltages einige Kilometer
fehlen. Zwei Ausfalltage hatte ich schon. Dann ergab es sich aber, daß ich einige Kilometer zusätzlich gelaufen bin. So
hat mein aufgebauter Vorsprung geholfen, mein Ziel mit der 1000 zu erreichen.
R.

SOLL 1000km / IST 1011

Tag 104 / Wandertag 80 Mittwoch, 6. Juli 2011

Nachts. Düsengeräusche. Landen die bei mir? Immer noch, oder schon wieder? Doch mein Ohr ist der Grund für mein Wachsein.
Ekelhaft! Ich will doch schlafen und nicht dauernd Gähnen am Tag. Ich glaube, ich brauche zuletzt noch einen Doktor. Ob
die in der BG einen haben? Könnte man wegen eines Ohres eventuell nicht laufen? Blöde Gedankenwälzerei nachts! Ich schlafe
wieder ein, paarmal. Irgendwann läutet tatsächlich die Weckmelodie.

Der letzte Tourtag hat eine Fülle an Terminen bekommen.
4:00 Uhr Wecken.
6:00 Tür öffnen, Lunchpaket
6:20 Taxi
7:00 bei Startpunkt Kälberstelle
9:15 Teufelsbrücke
11:30 Bei Bebenhausen
12:30 Parkplatz Tennisplätze
14:30 BG Klinik

Ich komme mir vor wie der Fahrplanchef der Goldersbachbahn.
Am Start will Kai mitkommen. In Bebenhausen sind der SWR und unsere SHG dabei. Bei den Tennisplätzen wartet die Firma
Sanitätshaus Brillinger. Dann geht’s gemeinsam zur Endstation der Tagesroute und der Wanderung. Dort soll ich etwas zu
den Erkenntnissen der etwa 13 Wochen sagen.

Am Tor des Wildgatters. Das Wildgehege ist hier zu Ende
Früher musste man hier über
eine niedrige Leiter klettern

7:42 Uhr bin ich an der Kälberstelle. Der gleiche Taxifahrer. Gleich wird Kai anrufen, denn der Treffpunkt ist unübersichtlich.
Ich gehe schon mal zum Beginn des geplanten Weges. Als 7:05 noch kein Anruf kommt, dampfe ich alleine ab.

Mein Weg nach Tübingen Diese Enten am Staubecken Teufelsbrücke
sind weniger schreckhaft als Pferde

Zweimal muss ich den Schaft neu anziehen. Dann aber läuft es gut. Der schöne Waldweg senkt sich ab und das Goldersbachtal
ist erreicht. Zeitiger als vermutet bin ich an der Teufelsbrücke. Der Himmel hat keine Lust, schon am Morgen dauernd blau
zu sein. Jetzt zeigt er, wie gräulich er sein kann. Während ich mich Bebenhausen nähere, wird er ausreichend aufgeklärt
und von da an hat die Gute-Wetter-Laune gewonnen.

In Bebenhausen Ein Bild vom Start in Bebenhausen.
„Wir sind überhaupt nicht da…“,
sagt Herr Altenburger vom SWR Aufnahmeteam
(ganz im Hintergrund)

Völlig entstresst ist noch Zeit, einige Motive im Klosterbereich zu entdecken. Dann entdecke ich an Treffpunktbank bereits
das Nahen von Susan, Dieter, Elisabeth, Anne und Heinz. Bevor wir aber Zeit finden, die unverzichtbaren Plastikbecher von
Heinz zu zücken, ist schon das Team vom SWR da, und wir nehmen die „Stärkung“ vor laufender Camera zu uns….

Zuerst die Straße, dann ein noch steilerer Waldweg, so geht es hinauf zum Tübinger Waldrand. Puh! Ganz schön tief schnaufen wir!
Oben steht ein Versorgungszelt der Firma Brillinger. In diesem Sanitätshaus hatte ich meine Entscheidung für mein C-Leg Kniegelenk
getroffen. Herr Thomas Reinhardt und Herr Klaus Fischer begrüßen uns.

Am Brillinger-Zelt Der Weg zur BG-Klinik

Wir Ankömmlinge werden von dem großen Brillinger-Team gut bedient. Ich genehmige mir gleich mal O-Saft mit Banane. Eine Menge Leute
sind schon da. Es wimmelt richtig, in allen Richtungen. Da stellt sich Kai vor, er ist alleine anders hierher gelaufen, mit einem
C-Leg. Wir konnten uns heute früh am Treffpunkt Kälberstelle nicht verständigen. Eine ganz besondere und gelungene Überraschung,
Alfons Middendorf ist extra hierher gekommen aus dem fernen Pfaffenhofen! Ich freue mich riesig darüber! Und eine gelungene
Besonderheit hat er mir mitgebracht: Ein Fotobuch der gemeinsamen drei Wandertage im schönen Mainfranken! Rückseitig der
zutreffende Satz: Dein Weg geht weiter.

Durch den Botanischen Garten Wir erreichen das Ziel

Dann erfolgt der gemeinsame Start zu den letzten drei Kilometern. In zügigem Tempo durch die Felder, zum Wald, durch den
Botanischen Garten, die Straße überqueren, durch den Park der BG Klinik, noch paar Kurven, noch paar kleine Anstiege,
die Zielgerade, fünf Schritte, vier, drei, zwei, einer – die Wanderung ist zu Ende.

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