Monatsarchiv: April 2012

Tag 47, Montag, 30.4.12, Peitz bis Fehrow und innerhalb Peitz – AmpuWiki

:50 Uhr bereits beginnt mein Marsch in Richtung Spreewald. Das Frühstück wurde verpackt bereits gestern abend geliefert.

Wunderbar frisch heute morgen! Schnell bin ich außerhalb der Stadt zwischen den Feldern. Bei der ersten Abbiegung beobachte ich einen Schnüffellehrgang. Ein Mann schult seinen Hund, indem er ihn durch die Saat führt, die Nase zwischen den Halmen – der Hund, nicht der Mann. Vorher hatte er dort eine Spur gelegt.

Wichtig ist, dass er mir danach einen guten Tipp gibt. Ich solle doch bei der zweiten Brücke links nach Maiberg gehen, dort sei der Spreedamm.

An der Infotafel in Maiberg treffe ich einen Radfahrer. Tourmäßig ausgestattet mit großem Rucksack und Zelt. Er stammt aus Rostock, er arbeitet als Elektriker im Winterhalbjahr, sein Knie ist kaputt, doch im Sommer geht das mit dem Radfahren. Er macht dann immer lange Touren. Nur Wandern, das ginge nicht mehr.

Der Spreedamm macht langgezogene Windungen, die Spree selbst sehe ich erstmal kaum. Doch dann entdecke ich eine Bank am Ufer. Es ist sehr idyisch hier.

Eine Straße quert das flache Tal. Dort kann ich auf infotafeln von Renaturierungsmaßnahmen lesen. Im kommenden Talabschnitt werden auf weiten Flächen zwischen den Dämmen Seen, Inseln, Flusswindungen angelegt. Dann leben hier sogar Rückzüchtungen der ausgestorbenen Auerochsen und Tarpane. Diese sind die urzeitlichen Vorfahren unserer heutigen Pferderassen., die Tarpane.

Nochmal eine Wiesenrast an den „Stromschnellen“ der Spree. Hier strömt das Wasser über zwei Stufen. Gleichzeitig mit mir kommt ein Faltboot an. Das Ehepaar „ankert“ am Ufer, der Mann begutachtet die Situation. Vermutlich will er das Boot ein Stück tragen. Doch die Fahrt wird vortgesetzt. Mit Juchhu die erste Stufe, weiter zur zweiten, Hinter der sie kurz verschwinden. Danach sehe ich sie wenden und wieder anlegen. Sie ziehen das Boot ans rechte Ufer. Umkippen, Ausleeren, Kleidung auswringen. Ich glaube, Faltbootwandern wäre auch ganz unterhaltsam!c

Von Fehrow aus warte ich auf den Bus nach Cottbus. Eineinhalb Stunden. Geht von dort ein Zug nach Peitz? Ja, in acht Minuten, klasse! In Peitz Ost ist Bahnstation. Ich muss nach West. Laut iPhone nochmal 3,9 km! Ich marschiere los, entlang der Teichlandschaft. Sollte ich nicht mal Anhalter spielen?

Ein Auto kommt. Daumen hoch. Noch höher, die Frau scheint weder den Daumen noch mein Kniegelenk zu sehen, Blick stur geradeaus. Nochmal? Wieder brummt’s hinter mir. Daumen gen Himmel, rumdrehen. Wer kommt denn da? Die Polizei! Die Polizistin hinter der Beifahrerscheibe schickt mir einen fragenden Blick zu, auch der Prothese. Ich sage etwas von Halt in Ost, Bett in West, Dunkelheit, Erbarmen! Sie sind wirklich nett. Die hilfsbereite Polizistin setzt sich sogar hinten neben mich, gemeinsames Anschnallen, ich erzähle von dem Zweck meiner Tour, gebe ihr eine Visitenkarte.

Am Markt sage ich, dass ich den restlichen Kilometer schon selbst noch schaffe. Sie meint, ich solle hier doch noch ein einheimisches Eis essen. Jetzt weiß ich, was die Polizei in ihren Pausen macht!

Km heute: Soll 12 Ist 14,5

Km gesamt: Soll 587 Ist 569

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Tag 46, Sonntag, 29.4.12, Fürstenberg bis Neuzell – AmpuWiki

Alles schläft noch, als ich 7:20 Uhr davonziehe. Ein Lunchpaket anstelle des Frühstücks stand bereit. Nachdem ich nordwärts die Neue Brückenstraße erreiche, gelange ich über den Oder-Spree-Kanal zuerst in einen Park, der mit Mücken angefüllt ist. Deshalb wachsen hier die Blumen bis an die Sitzfläche der Bänke heran, weil sich kaum einer hertraut und nichts zertrampelt wird. Außer mir mit meinem Frühstücksbedürfnis und einer Hundehalterin. Was aber nicht zutrifft, weil sie nur die Leine hält. Ich gehe dann gleich in meiner Richtung weiter, um auf den Damm zu kommen. Den Ausgang Süd haben sie naturbelassen erhalten.

Der Oderdamm führt mich in den Bereich der Neuzeller Niederung. Ich habe zumeist volle Sonne, zur Zeit 22 Grad. Da entdecke ich einen Pfad zum Ufer, noch taufeucht und zerwühlt von Wildschweinen. Viele der Bäume am Wasser und in der Talaue sind verändert durch die Hochwasser. Viele Stämme liegen oft abgebrochen oder stützen sich noch im Gras. Die Oder fließt flott und ruhig, manchmal lassen sich Graugänse oder Schwanpärchen auf die Reise mitnehmen.

Dann wird die Dammkrone unbefestigt. Sie ist begrast und die Löwenzahnblüten überwuchern zur Zeit den gesamten Damm. Wo ich auch wollte, überall könnte ich mich hinsetzen – ein 6 km breiter Sitzplatz

Drüben, hinter der Oder, ruft ein Kuckuck auf Polnisch. Ich verstehe ihn aber recht gut: „Kuck nach einem Platz!“ Mitten in die Löwenzahnblüten hinein bestimme ich den Sitzplatz für die heutige zweite Rast.

Da ist mal wieder so ein Ameisen-Wimmel-Pfad, die von der kleinen, flinken Sorte, die sich kleine Höhlen und Löcher in den Weg bauen. Aber mein Abstand sollte ausreichen. Einiges wird ausgepackt und hingelegt. Sitzunterlage, Trinkflaschen, Cameratasche, Proviantbeutel. Den Blick zur Oder gerichtet, wie sie dahintreibt, unter der Zweigen eines großen Baumes hindurch, entspanne ich etwas. Drüben wird geangelt, keine Bewegung ist dazu erforderlich, wenn die Angel erstmal ausgeworfen ist. Ich mache es mir ebenfalls bequemer, stütze mich mit dem Ellenbogen auf – Vorsicht, die Ameisen! Doch sie sind nicht mehr zu sehen.

Während ich den zweiten Teil meines Frühstücks kaue, kommt wieder ein größerer Vogel in der Strommitte getrieben und spielt Oderschifffahrt. Als ich dann zusammenpacke, entdecke ich, wo die Ameisen verblieben sind: Sie haben sich voller Begeisterung der Höhle meiner Cameratasche bemächtigt. Da drinnen kribbelt es nur so.

Bald ist das Kloster Neuzelle hinter einem blühenden Rapsfeld in Sicht. Das wäre jetzt aber zu früh, um schon direkt dorthin zu steuern. Ich will noch einen Bogen laufen.

Der Himmel ist inzwischen immer mehr verschleiert; der angenehme Wind bei jetzt 24 Grad fährt von West durch die Baumlücken. In den Oder- Altwassern gibt es lebhafte Diskussionen der Frösche. Eine Weile, dann Ruhe. Nun müssen Sie das Gequakte erst mal verdauen.

Dann verlasse ich die Oder und gehe westlich über die große Ebene und nach Neuzell zu. Zwischen Hecken zuerst, entlang der Entwässerungsgräben, auf Plattenwegen. Kurz vor 17 Uhr treffe ich das Fahrzeug. Das Gepäck ist schon an Bord für die Fahrt nach Peitz.

Km heute: Soll 13 Ist 13

Km gesamt: Soll 575 Ist 554,5

Tag 45, Samstag, 28.4.11, Wiesenau bis Fürstenberg – AmpuWiki

Gestern abend bestellte ich mein heutiges Taxi auf 7 Uhr. Warum das teure Taxi? Weil es nicht immer klappen kann, spontanes Entgegenkommen zu erreichen. Aber aus sieben Taxiunternehmen habe ich das günstigste herausgesucht.

Unterwegs im Auto mache ich die Planung für den Startpunkt. Heute ist der Beginn von acht Wandertagen in Folge. Durch eine neue Terminierung eines Vortrages in Finsterwalde war eine Umstellung der Route notwendig geworden. In Wiesenau beginne ich auf der Alten Poststraße.

Herrlicher Morgenwald. Warmes Wetter. Erstmalig die kurze Hose. Da kommt ein Anruf in die rechte Hosentasche. Die nette Taxifahrerin steht acht Uhr mit meinem Gepäck vor verschlossener Tür. Keine Reaktion am Telefon. Ob ich eine Handynummer kenne. Dann erfahre ich noch, dass der Vermieter aus dem Bett gescheucht wurde. Obwohl ich gestern Abend die Sache angekündigt hatte.

Kiefernwald vor und nach Ziltendorf, wo ich die B112 überquere. An einem Holzstoß habe ich einen bequemen Sitzplatz. Das Gegrunze im Hintergrund, soll das heißen, ich solle was übriglassen?

Es ist so warm heute, dass das Trägershirt ausreicht. Über mir ruft es melodisch. Ein Sprechgesang, den nicht mal die Nachtigall hinkriegt: Kuckuck! Gleich darauf bin ich an einem Graben mit hohen und steilen Wänden. Ich muss hinüber. Unten ist ein Weg, der nur durch eine sandige Trittspur zu überqueren ist.

Mit den Tieren geht’s heute weiter. Ich setze mich auf dichtes Moos unter jungen Kiefern. Dann kribbelts, ich bin auf einem Ameisenhighway gelandet. Daher setze ich mich weiter seitlich, so geht’s. Langsam beruhigen sie sich wieder. Dann raschelt es schräg hinter mir und ein Reh spaziert etwa zehn Meter vorbei, ohne mich zu bemerken. So nah, wie noch nie. Erst als ich ein Geräusch mache, hastet es mit seiner rauhen Stimme davon. Dann umschwirrt mich noch einige Male eine grünliche Libelle. Um den Zoo voll zu machen, kann ich noch mit den reservemäßigen Pfeffercremeheringen aufwarten.

Vorbei an Gärten mit allen Typen von Datschen, über große Rasenflächen und wieder durch Wald halte ich mich spontan in der Richtung zur Oder hin. Ich erreiche das breite Odertal an der Stelle, wo der Damm in Richtung Norden beginnt. Viel vom Fluß sehe ich heute nicht.

An der Böschung sitzt mit seinen drei Hunden ein Mann im Schatten eines hohen Baumes. Der Schäfer, dessen Herde weiter drüben unaufhörlich grast. Auch ich habe permanenten Appetiet, zum Abschluß noch etwas Nußmischung.

1997 hatte sich hier in der Ziltendorfer Niederung die Oder so breit gemacht, dass der Damm überflutet wurde und auch brach. Inzwischen ist er wieder stabil.

Der Marsch in die Stadt zieht sich hin. Im Garten des Quartiers regle ich noch die Weiterreise morgen.

Km heute: Soll 12 Ist 16,5

Km gesamt Soll 562 Ist 541,5

… Niederung

Hochwasser von ….

Tag 44, Mittwoch, 25.4.12, Hasenhöfel bis Fürstenwalde/Spree

Ein Bekannter meiner Vermieterin kann den heutigen Transfer übernehmen. 8:30 Uhr steht er vor dem Tor, nachdem er pflichtgemäß seine Kinder in der Schule abgeliefert hat. Seine nächste Lieferung geht nach Fürstenwalde. Auch ihn stoppe ich ab, als wir meinen Startpunkt erreicht haben.

Alles ist eben hier. Den kräftigen Gegenwind bekomme ich voll zu spüren. Erst bei einer Allee entsteht Windschutz und Rastmöglichkeit.

Nach Steinhöfel bis zu Ziel erstreckt sich ein großes Waldstück. Der Himmel wird immer dunkler. Bald beginnt leichter und kurzer Regen, der bereits wieder angetrocknet ist, als ich auf einer breiten Lichtung Rast mache.

Kauend sitze ich am Wegrand. Es bellt. Natürlich gehört der Hundehalter dazu, der entschieden ruhiger und furchtloser daherkommt. Widerstrebende Kräfte arbeiten in dem Hund. Einerseits der Fremde mit Rucksack, andererseits die Kaubewegung, woraus er richtig schließt, da muss es etwas gegeben haben. „Wau, für mich auch!“, scheint er zu meinen, als er seine zögerliche Verharrung aufgibt. Als er feststellt, dass er mich nicht als Nachspeise interessiert, kommt die Zutraulichkeit durch und er hüpft mir fast in den Trinkbecher. Jetzt reagiere ich meinerseits, verpasse ihm einen Streichler und überlasse ihm seinen Leinenträger.

Einen Hund möchte ich nicht wieder haben. Immer müsste ich spazieren gehen. Immer dann, wenn er es will. Sie besetzen die wärmste Stelle im Bett, verpesten die Luft und alles muss sich nach ihnen richten.

Im Bereich von Fürstenwalde darf ich den Radweg neben den Bundesstraße genießen. Bis ich am Quartier ankomme, ist es fast 17 Uhr.

Km heute: Soll 13 Ist 14,5

Km gesamt: Soll 550 Ist 525

Feldstraße bei Steinhöfel

Kirche in Steinhöfel

Tag 43, Dienstag, 24.4.12, Rundwanderung bei Neuhardenberg – AmpuWiki

Meine Suche hat Erfolg: Ein sonniger Rastplatz am Waldrand. Eine Weile streife ich schon durch die Wälder. Musste zweimal den Schaft neu anziehen. Druck und Reibung! Durch Wulkow habe ich mich durchgeschlichen wie nach einem langen Wüstenmarsch. Ich brauche jetzt nach fünf Kilometern wieder Energie statt Hunger! Und da steht sie, eine Bank.

Hier nehme ich mir Zeit und genieße zuerst einige angerührte Drinks. Ein kleiner Grund zum Feiern: Kurz nach dem heutigen Start habe ich meine 500-km-Marke überwandert.

Es ist auch ein Anlass zum Überdenken, welche wichtigen Dinge auf meiner Wanderung gut oder weniger gut verlaufen.

Meine Gesundheit und Leistungsfähigkeit sind immer mein Thema Eins! Mein Ersatzbein, die Prothese, und der Schaft selbst, zu dem ich vorher noch einen Liner anziehe, sind wie im Vorjahr zuverlässig und problemlos in der Anwendung. Vorhin, die kurze Gefällstrecke: ich belaste dabei das gebeugte Kniegelenk voll; der Mikroprozessor lässt mich butterweich in den nächsten Schritt sinken.

Das heißt aber leider in der Praxis, diese Technik ist nur so viel wert wie ich selbst, wie mein körperlicher Zustand. Also zum Beispiel Leistungsvermögen, Energiehaushalt, Widerstandskraft, Ausdauer, die Gelenke, die Haut usw. Diese ist am Beinstumpf seit der 7. Wochenetappe empfindlich wie selten. An der Schaftkante gibt es Druck und Reibung. Entzündungen entstehen dadurch sehr leicht. Die Folge davon ist, ich habe zur Zeit zweieinhalb Tage Rückstand, das sind fast 30 Wanderkilometer, gegenüber meinem Wanderplan.

Ich darf nicht vergessen, dass neben den erforderlichen Ruhezeiten für die Haut auch die Anforderung wichtig ist, wenn die Haut widerstandsfähiger sein soll. Deshalb bin ich auch heute trotz meiner Entzündungen losgegangen. Solche Tagesmärsche gehen bisher nur mit den mir bekannten speziellen Tricks.

Zum einen schütze ich die Druckstelle mit einer weichen Socke, die vom Slip und dem Liner gehalten wird. Die vorsorgliche antientzündliche Pflege für innen und außen ist tägliches Ritual am Morgen und am Abend. Auch unterwegs zücke ich bei Bedarf die „Ölkanne“. Eine kleine Flasche mit wasserlöslich gemachtem Omega 3-Öl, das ich täglich einnehme, das aber auch in Minutenschnelle in der Haut verschwindet, nicht schmiert und rote Pickel über Nacht bedeutungslos machen kann. Und meistens auch so funktioniert hat! Und jetzt brauche ich sie auch. Und das dritte ist eben der Wechsel zwischen Ruhe und Anforderung.

Was mein gesundes Bein angeht, so spüre ich bisher keine Probleme. Es ist kräftig, mal abgesehen von der Muskulatur, die bei mir relativ schwach ist. Wie ich es an manchen Tagen feststelle, ein Spaziergang ist das ganze nicht. Für den Körper ist es wie Sport. Ohne Überforderung, da halte ich Anstrengung für etwas enorm Wichtiges. Das bringt gesunde Müdigkeit, aber auch eine Weiterentwicklung.

Mit der Prothese verbrauche ich unterwegs etwa 80% zusätzliche Energie, die ich vorher über die Ernährung „einfüllen“ muss. Will ich aber auch 80% mehr Fett und Zucker? Pfui, schon wieder der Hosenknopf versetzen? Nein, die Hose ist mir eh‘ schon eng genug.

Ich muss schon aufpassen, was und wieviel ich oben reinstecke. Es muss sauber sein. Ich führe einfach mein bewährtes und angepasstes „Ausdauer- und Wohlfühl-Managment“ weiter durch. Schmerzlose Gelenke, geregelter Energiehaushalt, nächtliche Regeneration usw. bleiben mir dann wohl weiter erhalten. Für mich bedeutet das: Ich habe das nötige Mehr an Kôrperenergie, aber eben ohne zusätzlich Fett und Zucker.

Es ist eine Ruhe hier! Die Sonne brennt spürbar, ich setze die Schirmmütze auf. Gleich hinter dem Zaun gackern die Hühner. Zwei Hähne krähen um die Wette, als sollte ich aufstehen.

Ja doch, ich gehe ja schon! – Und wird der Zweck der Wanderung eigentlich erreicht? Ich möchte meine positiven Erfahrungen der letzten fünf Jahre gerne an andere Amputierte weitergeben. Bisher war das Ergebnis gemischt. Die Resonanz der Sanitätshäuser, die als Gastgeber die Veranstaltungen vorbereiten sollen, ist unterschiedlich. Manche Termine klappen nicht. Manche Häuser wollen nicht. Einmal schien es sogar, als wäre der Sinn völlig anders verstanden worden. Doch alle zustande gekommenen Termine liefen mit guter Beteiligung ab.

Besonders erfreulich ist die Initiative von Frau Dr. Sabine Dobslaw aus Güstrow, Koordinatorin des KISS für Selbsthilfegruppen. Sie beginnt offenbar mit der Gründung einer SHG für Amputierte. Und Herr Pollmer vom Sanitätshaus Delphin in Prenzlau möchte Amputierte zu Gesprächen und Austausch zusammenführen, indem er vierteljährlich zu einer Art „Frühschoppen“ einlädt.

Ich muss jetzt aber wirklich weiter, sonst bin ich selbst noch beim nächsten Frühschoppen hier. Die Dorfrandidylle verlasse ich und steige frisch abgefüllt und betankt den Hang am Rande des Oderbruchs hinauf. Alleine, so wie bisher, ziehe ich meine Spur auf den sandigen Wegen weiter. Bis auf zwei Ausnahmen. In Bützow hatte ich Wanderbegleitung mit einigen Behinderten, Frau Dr. Dobslaw und dem ndr Fernsehteam. Der Wandertag auf Rügen ging gemeinsam mit Rolf, einem Beinamputierten, die hohen Dünen hinauf und hinunter und am Strand entlang, Gelegentlich aber begleiten mich weiße oder gelbe Falter, tanzen vor mit den Weg entlang und einer umkreist meine Ohren, als wolle er mir etwas zuflüstern. Doch die Kommunikation ist beim Flattern unzureichend und unversehens ist er zwischen den grünenden Büschen entschwunden.

Solche Wege bin ich im letzten Jahr mit Andrea auf dem Grünen Band und mit Alfons drei Tage lang am Main gewandert. Beide haben sich bereits wieder angemeldet. Eine Wanderer-Begegnung am Strand von Usedom wird wohl in Sachsen zu einem gemeinsamen Marsch führen. Im Internet steht es, jeder kann mitkommen! Schaut mal rein unter www.amputiert.net/bewegunghilft

 . 

Auf diesen Seiten sind die spontan niedergetippten Wandererlebnisse zu lesen, wie sie mir bei dem Marsch oder abends in den Sinn kommen. Vorwiegend die schönen Ereignisse. Was wären denn nun die Höhepunkte von acht Etappen? Die drei Tage entlang der Ostseeküste auf Usedom! Die Alleen und die märkischen Landwege in Brandenburg! Der Müritz- Nationalpark. Der Wandertag auf Rügen. Generell aber, für meine Begriffe, ist jeder einfache Pfad oder grasige Waldweg ein Erlebnis durch das zurückgewonnene Vergnügen des Laufens, mit der Prothese. Gerade jetzt, hier dieser hügelige Waldrandweg mit tiefen Furchen. Die Anstrengung führt immer zu einem guten Gefühl, nämlich, dass ich das KANN!

Bald ist meine Wanderrunde abgeschlossen. Die Entzündungen klingen ab und plagen mich nicht mehr, wenn der Schaft gut sitzt. Übermorgen steht der nächste Vortrag bevor. „MEHR Bewegung hilft“ ist das Thema. Da vorn bewegt sich wieder etwas, mehr und eifriger als ich selbst. Diesmal ein blauer Schmetterling. Ich verstehe langsam, was die mir vorflattern, sprich sagen wollen. Ganz bestimmt meinen sie Flattern! Ich soll auch mehr flattern, das würde mir helfen, das wäre doch wohl noch viel leichter!

Km heute: Soll 12 Ist 11

Km gesamt: Soll 537 Ist 510,5

500 km sind geschafft

Schattenspiel

Bei Neuhardenberg

Sonniger Waldrand

„Ich bin auf die Schwierigkeiten offensiv zugegangen“

Interview mit Deutschlandwanderer Roland Zahn

Im Telefon-Interview mit dem Paritätischen Rundbrief erläutert Roland Zahn (75), wie es ist, mit einer Beinprothese eine Wanderung längs und quer durch Deutschland zu absolvieren – und zu genießen. Der fitte Rentner startete am 26. Februar von der Landesgeschäftsstelle des Sozialverband Deutschland, Landesverband Berlin-Brandenburg e.V. seine Wandertour, die ihn auf rund 2000 Kilometern bis ins bayerische Oberland führen soll.
Wo erwischen wir Sie gerade mit Ihrem Handy?
Ich bin jetzt in der Jugendherberge in Heringsdorf auf Usedom. Morgen habe ich einen Ruhetag, Massage vormittags, abends einen Vortrag in der Klinik Heringsdorf. Ich schätze mal, 10-20 Zuhörer werden kommen.
Was tragen Sie dann vor? Beschreibung der Wanderung? Gesundheitliche Dinge?
Gesundheitliche Dinge in Bezug auf „mehr Bewegung im Alltag“. Der Vortrag heißt „Mehr Bewegung hilft“. „Bewegung hilft“ ist auch das Motto, unter dem ich laufe. Mehr Bewegung, damit ist gemeint: Entweder ich bewege mich nach der Amputation immer weniger; dann reagiert der Körper darauf, er wird evtl. seine Fähigkeiten etwas abbauen. Wenn – im Gegensatz dazu – durch mehr Bewegung ein Trainingseffekt entsteht, dann baut der Körper auf.
Der Körper passt sich also in jedem Fall an?
Ja, positiv oder negativ. Gerade weil ich eine Amputation habe, ist Bewegung besonders wichtig. Im Kopf denke ich sowieso schon viel zu leicht, dass ich das und das nicht mehr kann, und wenn man dann denkt: ‚ich bin auch noch zu alt dafür‘, dann ist man ganz schnell am Abtrudeln.
Vorträge, Veranstaltungen, Pressetermine zwischendurch – wie organisieren Sie das? Haben Sie fleißige Menschen um sich, die das auf die Beine stellen?
Ich werde alles in allem etwa 2000 Kilometer gehen – so habe ich es geplant. Gottlob habe ich jetzt ein Team von Helfern des „Bundesverbandes für Menschen mit Arm- oder Beinamputation“ in Deutschland. Auch die Selbsthilfegruppe, die ich von Stuttgart aus einmal im Monat besuche, unterstützt mich nach Kräften. Und dann sind noch verschiedene andere Amputierte dabei, die im Hintergrund mithelfen.
Wie wirkt sich das Handicap aus, was sind die besonderen Erschwernisse unterwegs? Schmerzen, Krämpfe?
Mich schränkt die Schnelligkeit ein, die ich nicht mehr habe. Mit der Prothese bin ich – grob gesagt – in der halben Geschwindigkeit unterwegs, etwa 2 bis 3 Kilometer die Stunde. Aber: Ich bin auf die zu erwartenden Schwierigkeiten offensiv zugegangen und habe bald gemerkt, dass ich durchkomme und darauf immer wieder aufbauen kann.
Sind Sie eine Art Testperson für besondere Hilfsmittel? Krücken? Besondere Schuhe?
Nein! Es sind die normalen Gehhilfen. Und derbe wasserdichte Wanderstiefel. Auch die Kleidung ist normal.
Was haben Sie sich, wenn Sie übermorgen losziehen, für den Tag vorgenommen?
Von Międzyzdroje aus ich will ich am Stettiner Haff entlang Richtung Süden gehen.
Sie wollen ja irgendwann nach Leipzig und Dresden? Wie haben Sie Ihre Etappen festgelegt?
Es geht von hier aus Richtung Pasewalk, dann über Cottbus, Dresden, Leipzig, an Berlin vorbei, da war schon der Start. Dann rüber nach Magdeburg, dann möchte ich unbedingt über den Harz, dann komme ich nach Alsfeld, nach Suhl, an Meiningen vorbei, ein Stück Rennsteig, weiter Richtung Süden nach Hof, Bayreuth, Regensdorf, Passau, Straubing, am Chiemsee entlang, für einen Vortrag nach Garmisch, und zuletzt Landsberg am Lech und München, das ist dann das Ziel, am 11. Oktober.
Das hört sich an wie ein generalstabsmäßiger Plan, den Sie bis zum Ziel einhalten wollen. Wie schaffen Sie das?
Es ist ganz einfach: Die Route ist nicht kompliziert, ich weiß was ich am Tage laufe, ohne das eine Überforderung entsteht, 12-13 Kilometer. Dann 5 Wandertage pro Woche, 60 Kilometer, und dann 32 Etappen, dann sind es genau 2000 Kilometer.
Sie gehen in großen Bögen durch Deutschland.
Ich orientiere mich auch an den „gebuchten“ Sanitätshäusern, wo ich Vorträge halte – die Wanderroute richtet sich ein bisschen danach. Ich versuche, einen Wochenrhythmus einzuhalten, der auf‘s Wandern gut passt, also durchschnittlich 5 Wandertage und dann 2 Ruhetage. An den beiden Ruhetagen steht dann auch mal ein Vortrag an. Manchmal kann es sein, dass ich am Wochenende drei Vorträge habe, oder einen auch mal innerhalb der Woche, direkt nach der Tages-Tour.
Diese Vorträge sind organisiert von Sanitätshäusern?
Die habe ich teilweise vor dem Start angesprochen, den Rest machen wir noch von unterwegs. Ich habe immer eine Begleitperson, zusätzlich unterstützt mich die Geschäftsstelle des Bundesverbands für Menschen mit Arm- oder Beinamputationen. Inhalt des Vortrages: mehr Bewegung und mehr Information. Man kann als Amputierter natürlich am besten mit anderen Amputierten sprechen. Selbsthilfegruppen sind unterwegs ganz wichtig. Man kann sich da am besten unterhalten, man öffnet sich viel leichter, Anregungen gibt’s, so dass auch zur Gründung von Selbsthilfegruppen unterwegs aufgerufen wird.
Wie verläuft ein klassischer Wandertag bei Ihnen? Nehmen wir den heutigen Tag.
Wie jeden Morgen bin ich um 5 Uhr aufgestanden, um 7 bin ich zur Küche gegangen, konnte mir das Frühstück schon mal zum Mitnehmen richten. Dann bin ich direkt auf dem Sandstrand gegangen, manchmal auf den Promenadenweg gewechselt. Auf dem Sandstrand läuft sich’s etwas langsamer, weil man etwas einsinkt.
Ist es nicht ziemlich beschwerlich im Sand?
Sehr beschwerlich, aber auf dem nassen, festen Sand kann man wunderbar laufen. Dann knirschen die Muscheln ein bisschen, und man läuft auch mal an den Wellen entlang, das ist sehr schön! Irgendwann bekam ich Hunger. Ich hatte ja mein Frühstück dabei, es waren drei Teile und ein bisschen Müsli, das ich mir für den Tag eingeteilt hatte, das hat dann auch völlig gereicht. Dann habe ich gegessen, einiges getrunken, es dauerte so eine halbe Stunde. Dann weiter, es fing an zu nieseln, und das ging dann in Dauerregen über. Ich habe immer die Regenjacke mit, ich habe Regenhose und diese Stiefel, überall geht nix durch. Ich habe mich tatsächlich bei der zweiten Rast auf ein etwas runtergerutschtes Gras am Steilrand der Düne gesetzt, und dann habe ich bei Regen auf einer Sitzunterlageganz gemütlich gegessen. Ein unbeschreibliches, wunderbares Erlebnis, im Regen am Strand etwas zu essen, wo die Wellen rauschen.
Das müssen Sie unbedingt bei Ihren Vorträgen erzählen.
Das glaubt mir wahrscheinlich niemand.
Kommen Sie immer in Jugendherbergen unter? Sie haben ja auch Vorträge oder Verabredungen, wo es keine günstigen Jugendherbergen gibt.
Wir versuchen, aus Kostengründen preiswerte Quartiere zu organisieren, dazu zählen auf jeden Fall die Jugendherbergen. Dort geht es auch sehr kommunikativ zu.
Sie sind beim Berliner Landesverband des SoVD gestartet. Hat es damit eine besondere Bewandtnis?
Die Geschäftsstelle vom Bundesverband hat gemeint, wir brauchen jemanden als Startpunkt, und da hatte jemand die Idee dort zu fragen. Und dort wurde ich sehr freundlich begrüßt, es war ein Sonntag, da hat sich extra jemand bereit gefunden dort zu sein, inklusive einer großartigen Frühstücksbewirtung, und ich habe einen wunderbaren Berliner Bären mitbekommen, den habe ich an meinem Rücksack gehängt. Den kriegt dann meine Enkelin und ich sage ihr, der ist 2000 Kilometer gewandert. Auf ihre ungläubigen Augen freue ich mich jetzt schon.
Viele Leute bewundern Sie dafür, dass man mit so einem Handicap – und dann auch noch in Ihrem ziemlich hohen Alter – gut unterwegs sein kann.
Das ist natürlich das Gesprächsthema Nr. 1, wenn ich unterwegs mit Leuten spreche. Aber ich bin eben früher gerne gewandert – und dann verliert man ein Bein, und dann kann man das nicht mehr, was man so gerne gemacht hat. Da braucht man dann nur noch auf die Idee zu kommen: Das will ich wieder haben – trotz alledem. So ist‘s mir ergangen.
Nach der Operation soll Ihre Nachbarin Sie ermuntert haben: Gehen Sie doch mal ein paar Meter vor die Tür – und dann wurden aus den paar Metern immer mehr.
Ich bin gelaufen, es wurde automatisch immer mehr. Man steigert sich dadurch, weil der Körper mitzieht, die Bewegung aufzubauen. Und dadurch entsteht ein Rhythmus, den man sich in kleinen Schritten aufbaut. Das beste Erlebnis ist auch, wenn ich mit der Prothese Berge hochsteige: Man atmet tiefer, man hat viel mehr Sauerstoff, man kann dadurch den Kreislauf unterstützen, den Stoffwechsel durch den Sauerstoff, es wird besser verbrannt. Ich erzeuge dabei ja Energie, wenn ich besser verbrenne. D.h. ich habe viele Vorteile für den gesamten Organismus, und das merke ich auch gefühlsmäßig.
Gleichwohl müssen Sie auch auf Signale des Körpers achten. Bei welcher Gelegenheit erfahren Sie Ihre Grenzen?
Es ist bis jetzt niemals zu dem Punkt gekommen, dass ich erschöpft bin. Ich habe es eben auch nicht übertrieben. Ich weiß ganz genau, wenn ich mich übernehme, dann vergeht mir auch die Lust und ich würde das nicht weiter machen.
Sie gehen offenbar mit einem idealen Gewicht auf die Piste.
Ich habe mich vorher gewogen, das war ein Kilo über dem Idealgewicht. Das ist gut. Wenn man zuviel Gewicht mittragen muss, das belastet ja alles, Muskeln, Gelenke.
Haben Sie sich, bevor Sie losgegangen sind, durchchecken lassen auf Herz und Nieren?
Ich bin zum Orthopäden und allen möglichen anderen Ärzten gegangen. Resultat: Ich habe keine großen Probleme, wahrscheinlich auch deswegen, weil ich meine Ernährung seit etlichen Jahren rigoros umgestellt habe, auch deswegen habe ich unterwegs ein gutes Gefühl.
Tut Ihnen eigentlich der Stumpf weh? Müssen Sie den besonders behandeln? Der ist ja unter Belastungen, die andere Amputierte so nicht haben?
Ja, der Beinstumpf wird bei jedem Schritt einmal mit dem gesamten Körper belastet. Ich muss in einen Schaft hinein, das ist eine spezieller Kunststoffhülle, die auf den Stumpf aufgezogen wird und die dann Bindeglied zwischen Haut und dem festen Material ist. Und da kann es reiben, drücken, Entzündungen können entstehen. Schon deswegen braucht der Stumpf natürlich meine regelmäßige Behandlung.
Sie gehen ja auch, vor allen Dingen wenn gutes Wetter ist, sehr ostentativ mit Ihrer Behinderung um. Ich habe Bilder gesehen, auf denen man ihre Prothesen sehr deutlich sieht.
Das ist Absicht! Auch um mit Leuten während der Tour ins Gespräch zu kommen.
Wie reagieren denn die Leute so – auf Usedom und anderswo –, wenn sie Ihnen begegnen?
Es sind 2 oder 3 Leute am Tag, die mich ansprechen. jüngere und ältere. Darüber freue ich mich natürlich.Vor ein paar Tagen bin ich Greifswald losgelaufen, und da kam eine jüngere Frau hinterher, die eigentlich eine Runde joggen wollte, aber sie fragte, ob sie mitkommen könnte. Dann sind wir 2 Kilometer miteinander gelaufen und haben uns wunderbar unterhalten. Wie geht so was? Warum machen Sie das? Kürzlich drehte ein Radfahrer extra um und sagte: „Sie habe ich doch im Fernsehen gesehen, und ich habe Sie an dem Teddy erkannt“. Das war jetzt schon mindestens sechs Mal, dass deswegen die Leute gekommen sind. Der Berliner SoVD-Bär „Roland“ ist so etwas wie mein Markenzeichen unterwegs geworden.
Sie haben ja auch auf Ihrer Webseite und in den Medien Leute eingeladen, Sie ein Stück zu begleiten. Gibt es Leute, die das Angebot wahrnehmen?
Auf jeden Fall. Neulich auf Rügen hat mich ein Amputierter, auch er mit Prothese, einen ganzen Tag begleitet. Wir sind an dem Tag 12 Kilometer gewandert von Binz nach Göhren, eine fantastische Sache. Er ist jünger und schneller als ich, aber er ist wunderbar auf mich eingegangen. Er war auch sehr trainiert und widerstandsfähig, eine Ausnahme bei den Amputierten.
Haben Sie eigentlich – ich habe mit großer Faszination von Ihrer Tour Leipzig-Tübingen im vergangenen Jahr gelesen – Lehren daraus gezogen? Haben Sie was für Ihren Marsch in diesem Jahr mitgenommen? Was werde ich nie wieder tun? Was werde ich besser tun, was ich im letzten Jahr versäumt habe?
Ich achte sehr auf Ernährung! Wenn ich Anforderungen an mich stelle, Energie verbrauche, muss ich Energie auch vorher qualitativ richtig speichern. Dann muss es natürlich eine gute Prothese sein, genauso muss es ein guter Schaft sein. Aber wenn ich selbst nicht in Ordnung bin, dann nützt mir die beste Prothese, der beste Schaft nichts. Deswegen hat die Ernährung Vorrang.
Und die Motivation, die Seelenlage? Gibt es bei Ihnen auch so was wie: Kein Bock mehr?
Das kenne ich Gott sei Dank nicht. Ich gehe sehr gern. Seit ich die erste Probewanderung gemacht habe, habe ich gemerkt, am besten geht es mir, wenn ich auf die Schwierigkeiten und die Widerstände so schnell wie möglich zugehe, weil ich sie dann am einfachsten bewältigen kann. Ich komme dann am besten drüber weg und merke, es ist alles höchstens halb so schlimm, wie es vorher ausgesehen hat. Auch weil ich das weiß, habe ich vor nichts mehr Furcht.
Wie belohnen Sie sich abends, wenn Sie Ihre Etappe beendet haben? Wie lassen Sie einen Tag wie diesen ausklingen?
Da ist nicht viel mit Ausklingen, ich habe noch Arbeit vor mir – Berichte sind zu schreiben, die Bilder zu verschicken. Und dann muss ich gegen 9 Uhr ans Bett denken. Ich stehe schließlich um 5 Uhr morgen früh auf.
Herr Zahn, weiterhin viel Glück und guten Weg!

Tag 41, Sonntag, 22.4.12, Jugendherberge im Hammerthal bis Wollenberg – AmpuWiki

Tag 41, Sonntag, 22.4.12, Jugendherberge im Hammerthal bis Wollenberg

Frau W. samt Mutter und Tochter haben mir schon das Rührei mit Speck hingestellt. Auch ein Riesenpaket Stullen liegt gut verwickelt daneben. Meine Teeflaschen sind mit Backpulver grundgereinigt und mit meinen Wunschtees randvoll zubereitet. „Nu iss man, beim Loofen brauchste Kraft, nimm doch noch’n paar Stulln!“

Von der Türe weg den steilen Wanderweg hinauf. Der Weg gabelt sich. Die linke Gabelzinke gefällt mir nicht. Aber mein Garmin zeigt mir, dort lang, bitte! Tiefe schwarze und breite Reifenspuren. Dicke Steine kucken raus. Gebrochenes Geäst liegt rum. Der Boden federt wie Morast, ist schief wie ein Dach. An der Kreuzung oben geht es in jeder Richtung so fort. In meiner gar nicht mehr, unpassierbar!

Das gleiche Spiel, mal rückwärts. Nun komme ich per rechter Gabelzinke zum Teufelssee und entdecke dort zur Belohnung vier Bänke. Welche Verschwendung! Vor Tagen schon hätte ich eine davon begrüßt. Mein Proviant lässt ein zweites Frühstück zu. Allerdings nicht auf allen vier Bänken.

Der weitere Anstieg erinnert mich an den Schwarzwaldhang vom Enztal hinauf nach Dobel im Herbst 2008. Der Weg windet sich hinauf, zuletzt durch tiefes braunes Vorjahreslaub der umstehenden Buchen. Hier allerdings handelt es sich um etwa 150 erklimmte Meter.

Oben angekommen habe ich noch mehr Wald vor mir. Rechts hinter dem waldlosen Hügel knarzt und brummt es von Motoren. Eine Teststrecke. Eine ruhigere Waldstelle fordert mich auf zur nächsten Rast. Halt, weitergehen! Drei Meter entfernt prangt eine wunderschöne Kribbelpyramide aus Fichtennadeln. Weich zum Sitzen, doch nicht von Dauer! Ein Stück weiter unten werde ich unbehelligt essen. Diese dünnen Brotscheiben, diese dicken Zwischenlager aus Scheiblettenkäse, Wurstscheiben und Butter oben und unten, der Genuß grenzt schon nahe an Durchhalten.

Eine verlassene Kolchose am Ortsrand von Torgelow. Es ist traurig hier zu leben, vergessen von der Entwicklung, als gäbe es keine Alternativen mehr. Viele verfallende Häuser, überall Rückbau und Einschränkungen. Und entsprechend motivierte Bewohner.

Den Weg erkenne ich zuerst nicht als solchen. Ein Hund kläfft in vorsichtiger Entfernung. Lebt der alleine hier? Da öffnet sich ein Fenster. „Wo wolln Sie denn hin???“ „Ich weeß nich, halt nach Süden“. (Mist, jetzt hätte ich „München“ sagen können! Aber der hat so schon komisch genug gekuckt.) Jedenfalls runzelt er innerlich die Stirn, zeigt auf den Weg nach links, der aussieht wie die Zufahrt zum Misthaufen. Zuerst zweifle ich, aber er entwickelt sich zum Wiesenweg in meiner gewünschten Richtung nach München über Wölsickendorf.

Der Wind ist wie fast immer bisher stark zu spüren. Jacke an. Jacke aus. Wenn Windschutz da ist, dann ist es gkeich wieder zu warm. Eine Herde von Windrädern ist schon völlig verdreht. Eines ist schon so erschöpft, dass es nicht mehr kann.

In Wollenberg werde ich vom JH-Wirt abgeholt. Zusammen gehen wir zu den drei netten Frauen, wir bekommen sofort Abendessen angeboten. Das heißt, vorher soll ich noch vom Mittagessen nehmen: Karnickel mit allem Gerippe, mit Kartoffeln und Rotkohl mit Soße. „Iss man, hast sicher Kohldampf?! Nimm die Finger, wir sind hier zu Hause!“ „ich schaff nicht alles. „Abber noch’n Eis!“ „Na klar!“ Da steht schon die Bierflasche auf dem Tisch, geöffnet natürlich.

Der Herbergschef meint, das geht wohl nicht, mein Gepäck morgen zu fahren. „Viel zu tun, Neubelegung…!“ Nach einer Weile: „Wann müssten Sie denn los?“ „Halb/Dreiviertel Achte!“ Nach einer Weile: „…na, dann muss ich ja wohl…“

Km heute: Soll 12 Ist 12

Km gesamt: Soll 512 Ist 484

Auf diesem Weg hin und zurück

Rast am Teufelssee

Rüssel aus Holz

Ein großer Schritt reicht aus

Tiefes Vorjahreslaub

Anstieg im Kessel

Kirche von Wollenberg

Tag 40, Samstag, 20.4.12, Oderberg bis JH Bad Freienwalde – AmpuWiki

7:20 Uhr. Ich öffne das Fenster. Unten steht bereits das Kurierauto. Ein schöner Morgen! Alle Zweifel lasse ich beiseite, s’wird schon jut jehn! An der Pickelfront ist es ruhig. Unruhig sind nur die Schuhsohlen!, Vergammelungserscheinungen brauche ich nicht. Meine heutige Aufgabe ist Durchhalten. Drei Tage ohne Bewegung, das merke ich deutlich.

Nach der Brücke über die alte Oder halten wir an und ich lade mich aus. Am Ortsende von Oderberg biegt eine Straße ab, die in einem großen Bogen zur Brücke bei der Ankerfähre führt, zwischen der verwilderten Bahnlinie und der alten Oder.

Mehrmals ziehe ich den Schaft neu an, um unangenehmes Drücken abzustellen, danach geht das Laufen immer wieder gut. Für meine Mahlzeiten finde ich heute sehr unterschiedliche Plätze. Frühstück, der zweite Teil, ist auf den Stufen des Seiteneinganges des verlassenen Bahnhofsgebäudes. Kein Zug hält hier mehr, die Lautsprecheransagen sind durch Vogelstimmen ersetzt. Den ersten Teil genoss ich neben dem Packen in Form eines Rühreies.

Mein Mittagsmahl: Im grünen Grase einer Obstbaumwiese mit Blick auf meine Stiefelspitzen. Das erste Mal in diesem Jahr eine sonnige Wiesenrast. Die abendlichen Reste verputze ich dann am Rande eines Radweges.

Doch vorher entdecke ich mitten in Bralitz einen Parallelweg, der seitlich der Straße weitergeht sowie seitlich der erwähnten Bahntrasse. Als er sich in Wiese auflöst, überklettere ich die Ex- Infrastruktur der Deutschen Reichsbahn, jetzt bereichert mit Büschen und Dornen zwischen den Schwellen. Nicht lange, da stehe ich vor dem nächsten Damm, quer und hoch steht er mir im Wege. Ein Geländer führt hinauf, Stufen wurden eingespart. Die locker getretene Erde rutscht immer weg unter den Schuhen. Aber ich weiß von den Stränden her, wie ich die Füße setzen muß.

Durch Bad Freienwalde folge ich den Wegweisern zur Jugendherberge. Zuletzt ist noch der Anstieg hinauf ins bewaldete Hammerthal mit drückendem Schaft zu erledigen. Da sehe ich die Jugendherberge. Eine Frau begrüßt mich freundlich, bevor ich dort bin. Der Juhe-Vater sei nicht da. Wenn ich Hunger habe, solle ich doch gleich mit zu ihnen kommen. Ein einfaches Häuschen, ein Garten, Hühner, ein empört kläffender Hund, der meint, ich würde mich über sein Schappi hermachen.

Drinnen treffe ich noch die Tochter, die Mutter und die Schwester. Alle hilfsbereit um die Wette. Aufs beste werde ich von ihnen verköstigt. Sie können mir morgen auch das Frühstück machen. Bettwäsche und Handtücher tragen sie rüber ins Schlafhaus, in dem ich das kleinste Zimmer beziehe. Vorher tun sie das mit meinem Bett. Nach dem Duschen soll ich noch zu einem Bier rüber kommen. Was für ein Unterschied zu den großen, unpersönlichen Herbergen! Ein gemütlicher Abend ist das, vor dem Haus in dem abgeschiedenen Waldtal.

Km heute: Soll 12 Ist 16

Km gesamt: Soll 500 Ist 472

Tag 39, Mittwoch, 18.4.12, Fahrt nach Vierraden – AmpuWiki

Tag 39, Mittwoch, 18.4.12, Fahrt nach Vierraden

Ich gehe wieder zum Bierstüble frühstücken, packe die Wanderverpflegung ein und verziehe mich schnell, denn Herr W. wird warten, um mein Gepäck die steile Wendeltreppe holen „zu dürfen“, eine echte Aufgabe! „…das ist schon im Auto!“, informiert er mich.

Doch auf dem Weg hierher stellte ich fest, dass es doch sehr empfindlich drückt im Schaft. „Ich komme gleich mit zum Quartier in Vierraden!“, entscheide ich spontan. Meine Überlegung ist, den zweiten Ruhetag am Freitag zu laufen und dafùr bereits heute zu pausieren. Zwei Tage ab sofort ohne Prothese, das sollte doch die Sache ausheilen können.

Wir fahren nach Schwedt-Vierraden. Das Quartier ist eine einfache Fewo, gemütlich und bequem, und ich setze meine Behandlung mit der mitgebrachten antiseptischen Hautsalbe des Hautarztes fort. Die Wanderverpflegung wandert trotzdem, den normalen Gang. Statt meiner fünf Zehen wandert mein Zeigefinger über die Tasten im iPhone – Berichte!

Für morgen früh vereinbare ich mit Frau Schr. ein Rührei. Mit Herrn Hentsch vom Sanitätshaus …. In Schwedt vereinbare ich ein Gespräch hier bei mir. Kerstin Sonnenberg in der Geschäftsstelle des Bundesverbandes, sie übernimmt die Orga-Dinge des abgekommenen Stefans, vereinbart geschickt eine kurzfristige Umlegung der geplanten Massage. Hier, ganz in der Nähe, für morgen elf Uhr. Es herrscht Ruhe am Stumpf!

Km heute: Soll 13 Ist 0

Km gesamt: Soll 488 Ist 456

Nordkurier – Lokales – Prenzlau

http://www.nordkurier.de/cmlink/nordkurier/lokales/prenzlau/er-wandert-einbeinig-durch-die-ganze-republik-1.415033

Er wandert einbeinig durch die ganze Republik

Durch Medizinpfusch verlor Roland Zahn im Jahr 2006 sein rechtes Bein. Der 75-jährige Leipziger lässt sich aber nicht entmutigen und wandert 2000 Kilometer quer durch Deutschland. Auch in der Uecker-Randow-Region machte er Station.
Können Sie sich das vorstellen?: Sie wachen morgens auf und ein Bein oder Arm fehlen? Roland Zahn ist es so ergangen. Der gebürtige Leipziger war 1955 als 18-Jähriger in den Westen abgehauen. In Leipzig hatte er Plakatmaler und Dekorateur gelernt, in Stuttgart Grafikdesign studiert. Er arbeitete in der Werbung für Verlage und Unternehmen. Als Computer die Zeichner ersetzten, jobbte Roland Zahn unter anderem vier Jahre als Kurierfahrer. Die langen Nachtfahrten führten zu einer Venenentzündung im rechten Bein, der zu eng gesetzte Verband verschlimmerte die Sache noch. Operationen an sechs Stellen folgten. „Das Krankenhausbett wurde gebraucht, ich zu früh entlassen, denn zwei Stellen waren noch entzündet“, erzählt der
75-Jährige. 14 Operationen brachten keinen Erfolg, 2006 wurde das rechte Bein in der Tübinger Klinik amputiert. Insgesamt 14 Monate hatte der Leipziger da schon in Krankenhäusern und Reha-Kliniken zugebracht, dann zwölf Monate im Rollstuhl gesessen. „Also 28Monate Muskelabbau“, so Zahn. Was sollte nun werden?
„Meine Hauswirtin sagte, ich soll endlich wieder laufen. Das war der Anstoß“, erzählt der Wahl-Stuttgarter. Mit der Prothese probierte er es erst einen Kilometer, dann zwei. „Das war sehr anstrengend, aber es lief von Tag zu Tag besser, der Körper baut sehr schnell wieder auf.“ Und er fand im nahen Nürtingen eine Selbsthilfegruppe, die ihn herzlich aufnahm und mit der er dann wieder erste Wanderungen bestritt. „Denn früher bin ich gerne gewandert. Und ich hatte damals die Idee, von Stuttgart nach Leipzig zu laufen, sie aber nie verwirklicht“, erzählt Roland Zahn. Doch jetzt wollte er seine Idee in die Tat umsetzen: „Ich wollte mir mehr Bewegung erarbeiten und damit beweisen, dass man trotz Prothese gesünder und aktiver am Leben teilhaben kann. Dass man sich mit kleinen Schritten steigern und entwickeln kann. Dass man nicht aufgeben darf. Dass die Schwierigkeiten einer vorübergehenden Anstrengung dem deprimierenden körperlichen Abbau durch Resignation und Bewegungsmangel immer vorzuziehen sind. Dass die Herausforderungen das Dasein würzen und wieder spannend machen.“
Im vergangenen Jahr lief er mit seiner mit einem elektronischen Knie ausgestatteten Prothese die 1000 Kilometer von Leipzig nach Baden-Württemberg in 104 Tagen. Genau am Jahrestag der Amputation traf er in Tübingen ein. Und in diesem Jahr hat er sich eine doppelt so lange Strecke vorgenommen. 2000 Kilometer und 160 Tage quer durch die Republik. Er startete am 26. Februar in Berlin, wanderte über Neuruppin und Waren nach Rostock und Stralsund, weiter auf die Inseln Rügen und Usedom und dann durch die Uecker-Randow-Region nach Prenzlau. Dort machte er in der Orthopädie-Werkstatt des Delfin-Sanitätshauses Station, berichtete vor anderen Betroffenen über seine Erlebnisse.
Jetzt wandert Roland Zahn weiter nach Süden, am 11. Oktober will er in München eintreffen. „Man muss sich bewegen, damit hat man mehr Möglichkeiten im Leben“, weiß der zweifache Vater und Großvater. „Meine Enkel finden das cool“, sagt Roland Zahn. 30 bis 40 Vorträge wird er auf seinen Stationen bis Bayern halten, seine Botschaft ist: „Mir tut Bewegung gut. Jedem tut Bewegung gut.“ Mitwanderer, egal ob „Einbeiner“ oder „Zweibeiner“ sind willkommen.

www.bewegung-hilft-dir.de

Tag 38, Dienstag, 17.4.12, Penkun bis Hohenselchow – AmpuWiki

In Günters Bierstube bekomme ich heute und morgen mein Frühstück. Die Quittung fasst gleich alles zusammen mit den Abendmahlzeiten. Und ich stelle meine Flaschen hin, um Leitungswasser einfüllen zu lassen. „Wat soll ick denn da druffschreibm?, fragt die Wirtin. „na, einfach zweemal Soljanka, zweemal Bier, zweemal Frühstück und zweemal Tagesproviant. Und zweemal Wasser!!!“ – Also, das Wasser steht mit drauf!

Früher war Penkun auf einer Insel. Jemand hatte die geniale Idee, dieses Unglück zu beenden. Es wurden Dämme aufgeschüttet. Um einen der Seen wollte ich eine Schleife drehen, doch auf Uferwege ist bisher noch niemand gekommen. Ein Urlauberparadies könnte diese seeumgebene Stadt sein! Über den südlichen Damm, statt mit einem Gondoljeri entweiche ich in einem kalten Morgenwind.

Auch dieser ehemals „natürliche“ Weg ist degeneriert zur Teerstraße. Der Vorteil der Fahrstraße aber ist eine nette Begegnung. Ein Auto stoppt. Durch das Fenster höre ich „…wenn Sie hier so alleine mit Rucksack laufen“, und ich sehe, der Beifahrersitz wird freigeräumt. Ich erkläre ihr das mit der Prothese und dass ich ja wandere und dass ich abends gern mitgefahren wäre. „Ja, ich müsste ja eigentlich auch mehr Bewegung…!“

Zu diesem Thema fällt mir danach ein, daß mich ja in Pasewalk der Brief vom Hausarzt erreichte. Ich sei „unwirtschaftlich“ steht da. Dabei geht es auf meiner Wanderung nicht mal um das Budget, das den Ärzten aufgedrückt ist. Denn in Stuttgart kann ich laut Kasse pro Woche 2-3x Gehschule beanspruchen. Und 1-2x Massage brauch ich zusätzlich „Zum Erhalt der Gehfähigkeit“. Alles bisher als „Physiotherapie“ rezeptiert. Zur Zeit entlaste ich das Budget um die Gehschule und brauche nur die Massage. Trotzdem behauptet der Doktor, das sei zu viel! Nur noch eine Massage pro Woche! Unter welche Art von Logik das gehört, ist mir noch nicht klar geworden.

Seit heute weiß ich, daß auch auf die Zusagen meiner Kasse aus 2010, 2011 und 2012 zur Weiterführung der Massagen, auch auf diesen Wanderungen, nichts mehr wert sind. Die Unterstützung in diesem Jahr, noch vor wenigen Wochen bestätigt, wurde wieder fallengelassen. 2011 als Beispiel, nach einer Weigerung der Kasse: „…das war leider ein Missverständnis, aber wenn Sie Schmerzen haben, bekommen Sie selbstverständlich wieder die Massagen, wir sind ja schließlich die Gesundheitskasse!“ – Kein Kommentar nötig, oder?

Petershagen ist der erste brandenburgische Ort. Danach beginnt eine Hecke, doch der Wegzwischen den Hecken ist zugeschüttet. Ersatzweise wird ein Acker zur Verfügung gestellt, an dessem Rand die Spuren der Traktoren gut begehbar verlaufen. Es ist ja trocken. Am Ende des Feldes ein neuer Service des Fremdenverkehrs.

Anstelle des Weges, den das iPhone und das Garmin übereinstimmend geradeaus angeben, führt die Spur nach rechts und verschwindet in weiter Ferne. Ein noch schönerer Acker liegt vor meiner Nase, begrenzt mit Feldsteinen, auf denen sie nur die Steinpflanzen vergessen haben. Es ist ja trocken. Also untersuche ich die Lage, denn die Hecke setzt sich in meiner Richtung als Obstbaumallee fort. Und tatsächlich, nach Überwindung von 20 Metern Erdkrume und dem Feldrain entdecke ich etwas tiefer versteckt den vermuteten Wiesenweg, erfreulich anzusehen. Am Rande versteckt suchen zwei Rebhühner das Weite.

Habt ihr schon mal Rast auf einem Ameisenhaufen gemacht? Das geht vorzüglich, vorausgesetzt, er ist verlassen. Es ist ein kleiner Grashügel, die richtige Sitzhöhe, ich habe alles genau untersucht. Und das Gefühl beim Hinsetzen, butterweich!

Wieder ein verlassener Hof. Eine Obstbaumalle führt weiter nach Hohenselchow. Der Pickeltest an einem Apfelbaumstamm zeigt mir, ich sollte aufhören. Die Prothese sitzt anschließend schlecht. Ein kurzer Anruf, und mein Vermieter Herr W. organisiert eine Abholung.

Km heute: Soll 12 Ist 11

Km gsamt: Soll 475 Ist 456

Die Schloßstraße in Penkun

Typische Hausmauer von Höfen und älteren Häusern

Der Ackerweg ist gar nicht so übel

Auf der Suche nach dem verschwundenen Weg

Tag 37, Montag, 16.4.12, Ramin bis Penkun – AmpuWiki

Ramin, der Zielpunkt von gestern. Der Herr M. setzt mich dort ab und bringt mein Gepäck gleich zum Ziel. Schaffe ich das heute? So sicher ist das nicht bei meiner langweiligen Entzündung. Da ich schon zwischen Prerow und Barth auf einer 18-km-Tour erlebt habe, dass eine Behandlung unterwegs erfolgreich sein kann, will ich das heute wieder probieren.

Der Rückenwind ergreift mich, drückt die Prothese spürbar nach vorne und etwas seitlich und ich werde ungewohnt schnell trotz der leichten Steigung.

Im Ort Sonnenberg ändert sich die Richtung, mehr südwestlich, bis nach Glasow. Was das bedeutet, spüre ich nach dem Verlust des Windschutzes durch die Häuser. Mit voller Wucht wird die Arktis direkt in meine rechte Seite importiert. Wer hat hier nur den Ventilator auf Kalt und volle Pulle gedreht?! Und ich habe mich vom gestrigen Tag, der so mild war, verleiten lassen, die Innenjacke Autofahren zu lassen. Es schmerzt richtig, sogar die Windjacke wird durchdrungen. Immer und erbarmungslos an den gleichen Stellen. Ich muss etwas tun.

Den Ohrenschutz bietet ja wieder die Kapuze. Für den Brustbereich könnte ich doch… – Da vorne ist eine schützende Böschung mit Gesträuch rechts der schmalen Straße. Dort zwischen den Zweigen ziehe ich Mütze, Jacke, Pulli aus, öffne die untere Rucksacktasche und hole die Rolle der Sitzunterlage heraus. Ich rolle sie seitlich rechts um mich, stecke sie in die Hose und stabilisiere sie gut mit dem Pulli.

Es nützt nicht viel. Der Versuch, schneller zu laufen bringt mich in meiner Klamottensammlung bald zum Schwitzen, denn die Sonne ist nicht mehr auf winterliche Sparflamme gestellt. Soll ich seitlich wandern? Mach das mal drei km und du kannst nicht mehr anders. Soll ich Anhalter spielen? Keiner der drei Sturköppe findet das Bremspedal!

Es ziiiiiiieht sich! Glasow nähert sich nicht einen Deut schneller als ich mich bewege. Manchmal bleibe ich einfach eine Minute stehen und zeige dem Sturm meinen gefüllten Rucksack! Das bringt mich auf den wichtigsten Gedanken des Tages: du musst ja endlich mal frühstücken! Bei der nächsten hohen Rasenböschung genieße ich nach über fünf km kauend die warmende Sonne. Mal ohne Wind.

Nur etwa fünf Prozent mehr Gnade hat der Wind mit mir, als mir weitere fünf km auf befahrener Landstraße bevorstehen. Der Sog eines der vorbeirauschenden Brummis verbündet sich mit dem Sturm und reißt mich fast in den Graben. Beim ersten Windschutz in Krackow komme ich einseitig kalt, insgesamt aber verschwitzt an. Erstmal was trinken!

Die Mittagsrast um 15 Uhr. Das ging halt vorhin nicht bei den vielen Autos an der Straße oder im Ort. Auch eine Behandlung war nicht möglich. Dann nochmal eine lange Strecke. Die Behandlung am Bein verschiebe ich trotz dieser ersten Gelegenheit. Kein triftiger Grund, vielleicht aber ein Fehler. In Penkun bin ich erst nach halb sechs. Das waren heute windige Straßenmärsche.

Fahrstraßen, wie hier überall, stinken, nerven und jede Ackerspur nach Penkun wäre besser. Wann endlich habe ich mal wieder einen schönen, saftigen, pfützigen Matschweg, knorrige Wurzeln, Stolpersteine oder andere alphalt- und autofreie Wiesenwege und Pfade nach München?

Die Pickelkontrolle zeigt, dass es bei der langen Strecke ohne neues Schaftanziehen nicht besser wurde, aber auch nicht schlechter.

Km heute: Soll 13 Ist 16

Km gesamt: Soll 463 Ist 445

Unterwegs nach Penkun

Kirche in Krackow

See bei Penkun

Das waren die letzten Schritte heute

Tag 36, Sonntag, 15.4.12, Löcknitz bis Ramin – AmpuWiki

Pickel und Schwellung sind noch da. Die Empfindlichkeit ist gering. Das Wetter ist sonnig. Also geht der Versuch heute weiter, die Behandlung unterwegs fortzusetzen.

Klarer Himmel. Hinein nach Löcknitz, bequemer Fußweg neben der Straße. Zeitig muss ich heute die Jacke ausziehen.

Bei der ersten Wegkreuzung lauert ein Polizeiauto. Auf meiner Straßenseite. Mal sehen, wie die reagieren, denke ich. Ich gehe draufzu. Das Fenster kurbelt runter. „War ich zu schnell?“, frage ich. Der Beipolizist grinst: „..wir haben gemessen, es ging gerade noch!“

Nach der Jacke hängt nun auch der Pulli am Rucksack. Aber die Behandlung meines Lieblingspickels muss ich jetzt machen! Hier am Löckwitzer See will ich an einer Bank in Ruhe gerade die Behandlungszeremonie beginnen, ziehe bereits am Gürtel, da kommt ein Mann zum See gewandelt. Gürtel wieder fest. Nette Unterhaltung, er setzt sich neben mich. 71, ein gebürtiger Löckwitzer.

Er bekommt die Tourkarte, nebenbei frage ich, ob er jemanden kenne, der mich heute Nachmittag zurückfahren könne. „…das könnte ich machen…“ Wir verabreden uns.

Nach der ersten Behandlung merke ich, der Schaft sitzt schlecht. Nochmal. Später wieder. Dann geht es lange sehr gut weiter. Der Boden des Uferpfades ist superweich. Auf beiden Seiten Moor hier am Ende des Sees. Imposant ist die „1000-jährige Eiche“ nahe des Ufers.

Eine schmale geteerte Straße führt weiter südöstlich. Geduldig spule ich noch einige Kilometer ab. Dann kommt wieder das Gefühl, ich sollte die Behandlung fortsetzen. Da ist ein dicker „Sitzstein“, zuerst essen, dann sehen wir weiter. Gemütlich mache ich es mir bequem, rühre den ersten Drink an, da kribbelt es überall. Dicke fette Ameisen überfallen meine gesamte Ausrüstung. Meine Entschuldigung ignorieren sie. Rückzug! Wo die schon alle sind! Die letzte fange ich gerade noch rechtzeitig an der Kniescheibe im Hosenbein ab!

Wie heißen denn, verflixt nochmal, diese Kunsthügel, Folie drüber und tausend Reifen als Beschwerde gegen Sturmgewalt? Ist ja auch wurscht, ihr wisst schon. Wichtig ist nur, diese Reifen sind besser als die Sitzkissen in Wohnzimmern. Man sinkt nicht so ein. Aber bequem für eine Rast. Ich steige die Folie hinauf, sitze, der erste Biss, da fährt ein Polizeiauto vorüber. Die kucken komisch, aber bremsen noch nicht mal. Ja, das wäre interessant geworden, wenn sie hochgekommen wären und ich hätte ihnen gesagt, sie wären gerade zu schnell gefahren!

Dann bin ich in Ramin, Rufe den netten Herrn M. an zur Abholung. Die Wirtin macht mir noch eine Hühnerbrühensuppe mit vielen Nudeln drumrum, wobei ich ganz versehentlich den gesamten Topf leermache. Dann setzte ich mich entprothesiert an diesen Bericht.

Km heute: Soll 12 Ist 10,5

Km gesamt: Soll 450 Ist 429

1000 Jahre

Moorweg am Löcknitzer See

Löcknitzer See

Rastplatz

Dorfkirche in Ramin

Sauber gerichteter Hof in Ramin

Hier geht es morgen weiter

Tag 35, Samstag, 14.5.12, Abholung nach Löcknitz

Die Sachen werden gepackt. Meine für den Quartierwechsel, Stefans für die Heimreise. Als mein neuer Gastgeber vor dem Haus hält, stoppt auch das Taxi, mit dem Stefan zur Werkstatt fährt. Dort hilft ihm dann der ADAC weiter.

Nun geht es bei mir wie erprobt und gewohnt weiter. Ein nettes Privatzimmer habe ich. Ich entscheide mich für Behandeln und weitgehende Pickelberuhigung und mache mich daran Berichte zu schreiben, Bilder zu bearbeiten und vorausgehend einige Planungen umzuwerfen. Die Prothese hat Pause.

Km heute Soll 13 Ist 0

Km gesamt Soll 438 Ist 418,5

Nordkurier – Lokales – Prenzlau

http://www.nordkurier.de/cmlink/nordkurier/lokales/prenzlau/einbeiniger-leipziger-wandert-unverdrossen-durch-die-weite-welt-1.414188

Einbeiniger Leipziger wandert unverdrossen durch die weite Welt

Von unserem Redaktionsmitglied
Oliver Spitza

Durch Medizinpfusch verlor Roland Zahn 2006 sein rechtes Bein. Der 75-jährige Leipziger lässt sich aber nicht entmutigen und wandert 2000 Kilometer quer durch die Republik.

Uckermark.Können Sie sich das vorstellen? Sie wachen morgens auf und ein Bein oder Arm fehlen? Roland Zahn ist es so ergangen.
Der gebürtige Leipziger war 1955 als 18-Jähriger in den Westen abgehauen. In Leipzig hatte er Plakatmaler und Dekorateur gelernt, in Stuttgart Grafikdesign studiert. Er arbeitete in der Werbung für Verlage und Unternehmen. Als Computer die Zeichner ersetzten, jobbte Roland Zahn unter anderem vier Jahre als Kurierfahrer. Die langen Nachtfahrten führten zu einer Venenentzündung im rechten Bein, der zu eng gesetzte Verband verschlimmerte die Sache noch. Operationen an sechs Stellen folgten. „Das Krankenhausbett wurde gebraucht, ich zu früh entlassen, denn zwei Stellen waren noch entzündet“, erzählt der
75-Jährige. 14 Operationen brachten keinen Erfolg, 2006 wurde das rechte Bein in der Tübinger Klinik amputiert. Insgesamt 14 Monate hatte der Leipziger da schon in Krankenhäusern und Reha-Kliniken zugebracht, dann zwölf Monate im Rollstuhl gesessen. „Also 28Monate Muskelabbau“, so Zahn. Was sollte nun werden?
„Meine Hauswirtin sagte, ich soll endlich wieder laufen. Das war der Anstoß“, erzählt der Wahl-Stuttgarter. Mit der Prothese probierte er es erst einen Kilometer, dann zwei. „Das war sehr anstrengend, aber es lief von Tag zu Tag besser, der Körper baut sehr schnell wieder auf.“ Und er fand im nahen Nürtingen eine Selbsthilfegruppe, die ihn herzlich aufnahm und mit der er dann wieder erste Wanderungen bestritt. „Denn früher bin ich gerne gewandert. Und ich hatte damals die Idee, von Stuttgart nach Leipzig zu laufen, sie aber nie verwirklicht“, erzählt Roland Zahn. Doch jetzt wollte er seine Idee in die Tat umsetzen: „Ich wollte mir mehr Bewegung erarbeiten und damit beweisen, dass man trotz Prothese gesünder und aktiver am Leben teilhaben kann. Dass man sich mit kleinen Schritten steigern und entwickeln kann. Dass man nicht aufgeben darf. Dass die Schwierigkeiten einer vorübergehenden Anstrengung dem depremierenden körperlichen Abbau durch Resignation und Bewegungsmangel immer vorzuziehen sind. Dass die Herausforderungen das Dasein würzen und wieder spannend machen.“
Im letzten Jahr lief er mit seiner mit einem elektronischen Knie ausgestatteten Prothese die 1000 Kilometer von Leipzig nach Baden-Württemberg in 104 Tagen. Genau am Jahrestag der Amputation traf er in Tübingen ein. Und in diesem Jahr hat er sich eine doppelt so lange Strecke vorgenommen. 2000 Kilometer und 160 Tage quer durch die Republik. Er startete am 26. Februar in Berlin, wanderte über Neuruppin und Waren nach Rostock und Stralsund, weiter auf die Inseln Rügen und Usedom und dann über Pasewalk nach Prenzlau. Am Donnerstag machte er in der Orthopädie-Werkstatt des Delfin-Sanitätshauses von Orhan Kiziltas in der Kleinen Baustraße Station, berichtete vor anderen Betroffenen über seine Erlebnisse.
Gestern wanderte Roland Zahn weiter nach Süden, am 11. Oktober will er in München eintreffen. „Man muss sich bewegen, damit hat man mehr Möglichkeiten im Leben“, weiß der zweifache Vater und Großvater. „Meine Enkel finden das cool“, sagt Roland Zahn. 30 bis 40 Vorträge wird er auf seinen Stationen bis Bayern halten, seine Botschaft ist: „Mir tut Bewegung gut. Jedem tut Bewegung gut.“ Mitwanderer, egal ob „Einbeiner“ oder „Zweibeiner“ sind willkommen. Informationen gibt es auf der Internetseite von Roland Zahn: www.bewegung-hilft-dir.de

Tag 34, Freitag, 13.4.12, Friedrichshof bis vor Caselow – AmpuWiki

Wir stehen am Startpunkt und warten. Platzregen! Aber er versiegt schnell und normalisiert sich. Ganz grob gesagt will ich heute bis in die Umgebung von Löcknitz. Dann laufe ich los, hinein in einen leichten Regen.

Er wird schon schwächer. Die Vögel stört er nicht, sie singen unbeeindruckt. Die Knospen werden immer dicker und meine Laune nimmt auch nicht ab.

Obwohl, heute morgen hatte ich eine Bettkantenentdeckung. Unbemerkt am gestrigen Vortragstag in Prenzlau und am Abend entwickelte sich ein roter Markierungspunkt an der Innenseite des Oberschenkels in der wirkungsvollsten Höhe. Das kann ich unterwegs behandeln – dachte ich.

Es geht auch ganz gut heute. Außerdem hat der Regen ganz aufgehört. Ich schlängle mich also auf der jetzt unbefestigten Straße durch Wald. Ganz plötzlich, kurz vor dem Waldrand, wird der Druck im Schaft unangenehm. Bei jedem Schritt muss ich jetzt Gewicht auf die Gehhilfen verlagern. Was tun? Wenn die Empfindlichkeit so schnell steigt, sollte ich was unternehmen. Hier aber kann ich nirgends den Schaft ausziehen.

Anruf zu Stefan. 30 Minuten und er holpert aus dem Wald. Die Schlaglöcher findet er nicht gut. Rückfahrt. Parkplatz am Supermarkt, wir wollen uns noch so einen unmöglichen Doseneintopf einflößen, Kidneybohnen dazu, schlage ich vor, das wertet auf! Er bringt es, startet, Rückwärtsgang, Stottern, Schwächeanfall des Motors, Lustlosigkeit – die Folge:

ADAC, Abschlepp zur Werkstatt, Diagnose erst später. Dann Kostennachricht, schreckensbleiche Mine Stefans, Ratlosigkeit – das Resultat:

Stefan muss morgen per ADAC-Überführung zurück nach Fulda. Ohne Auto keine weitere Begleitung. Die weiteren Transporte werden umorganisiert. Er telefoniert, bereitet sich vor, ich baue bereits die nächsten vier Wochen um, während Stefan das Dosenfutter schluckbar macht. Linseneintopf mit dunkelroten Bohnen. Das ganze Konzept der Tour ist ja auf das Begleitfahrzeug ausgerichtet.

Thema Pickel: Er sitzt nun inzwischen auf einem dicken Knubbel und fühlt sich an, als wäre er bei der geringsten Berührung beleidigt. Damit ist auch für mich klar, der nächste Tag wird ein Knubbelpflegetag.

Km heute Soll 12 Ist 2,5

Km gesamt Ist 425 Soll 418,5

Tag 33, Mittwoch, 11.4.12, Viereck bis Friedrichshof – AmpuWiki

Weil zuerst die Sonne scheint, kann ich heute den ersten Start ohne dicke Jacke beginnen. Stefan hält das noch im Bild fest.

Ich habe bei der Planung einen Weg entdeckt, der sich über eine weite Strecke südlich erstreckt. Wenn ich ihn benutze, wandere ich östlich an Pasewalk vorbei. Es beginnt entlang eines Waldrandes, ein beruhigtes Bahngleis wird überquert und geht dann weiter über Felder.

Beruhigt ist hier ziemlich alles. Ein Ort, wieder nur aus wenigen Häusern bestehend. Die Verbindung zur Außenwelt ist nördlich und südlich durch ein steinernes Hügelband ermöglicht, genannt Straße. Ein Mann am Gartentor mit zwei Gehhilfen, 79 Jahren, Hüft- und Gelenkproblemen. „Was ist Ihr Problem?“, spreche ich ihn an. „…und bei dir?“ ist die lockere Antwort. Wir unterhalten uns wunderbar eine Weile, als täten wir das täglich schon, und er wünscht mir gutes Gelingen.

Alles ist toppeben hier, beidseitig der befahrbaren Buckelpistenallee. Die Holperstraßenmitte ist immer deutlich höher als die niedergedrückten Seiten. Eine derartige Stimmung haben die beidseitigen Feldlerchen bestimmt nicht, die ihre Lieder um die Wette in die Luft ablassen.

Der Straßenrand bietet mir eine relativ gute Trittsicherheit. An einer Stelle daneben wachsen viele Zillablüten zwischen Baumwurzeln, dabei eine einsame Osterglocke, die sich hier recht fremd vorzukommen scheint.

Am Waldrand da vorne vermute ich eine Bank. Stattdessen ein sanfter Rasenhügel am Rande eines Golfplatzes und einer Landstraße. Gut zum Sitzen. Im Hintergrund beschäftigen sich zwei mit ihren Golfbällen. Gerade habe ich mir einen Drink in meinen gelben Henkelbecher gemixt. Hoffentlich wird darin jetzt nicht eingelocht! Schnell trinke ich aus.

Der kleine Ort Rossow ist leer. Die meisten Häuser und Höfe sind verlassen. Neben dem Dorfteich raste ich auf einer Bank. Eine Tür geht auf, ein kleiner Hund kläfft mich an, eine alte Frau entfernt vor der Haustüre die an Zweigen baumelnden farbigen Ostereier, denn es geht ja wieder auf Weihnachten zu.

Hier gabelt sich die Dorfstraße, umzingelt den Teich und führt hinaus aus dieser hektischen und pulsierenden Wohnlage. Nach rechts biegt jetzt ein betonierter Fahrweg ab und geradeaus schlängelt sich ein einsamer Weg hinein in eine bezaubernde Hügellandschaft, die sich aus der Ebene heraushebt.

Wie spät? Wie weit noch? 2,7 km und 15:30 Uhr, das reicht noch. Denn dieser Weg reizt mich. Er ist auch für heute das schönste Wegstück. Die Wellen der Landschaft sind gegliedert durch Waldstücke, Hecken, einzelne Baumgruppen. Das Licht wird jetzt immer dunkler, ich schaue nach oben, die Wolkendecke wird dichter. Im Wald dann ist es fast finster. Der Specht hämmert trotzdem bedenkenlos, ohne den Stamm zu verfehlen.

Der erwartete Regen strömt kurz und heftig am Waldrand. Sofort schwimmt es auf den Wegspuren. Stefan habe ich schon verständigt und weit kann es nicht mehr sein zum Abholpunkt. Kurz vor den Häusern kommen Scheinwerfer heran.

Km heute Soll 13 Ist 11,5

Km gesamt Soll 413 Ist 416

Start ohne Jacke

Am Rande der Katzenköpfe

Ich vermute, es sind Cillablüten

Bankencrash

Verlassener Hof in Rossow

Dieses Quartier war schon ausgebucht

Tag 32, Dienstag, 10.4.12, Jatznick bis Dargitz – AmpuWiki

Heute fahre ich eine Station mit der Bahn. Ich bin Besitzer der grünen Marke – kostet also nix (im Übrigen hoffe ich, dass sich die Bahn nicht von der Preisspirale der Spritkosten inspirieren lässt). Der Nachteil der Bahnlinien ist, dass ich damit den Anschluss an den Endpunkt des Vortages nicht herstellen kann. Wohl aber komme ich heute weiter südöstlich.

Geplant sind zumeist Wanderetappen, bei denen der Abholpunkt zugleich auch der Startpunkt am nächsten Tag ist. Durch gelegentliche Umbuchungen von Quartieren kann das nicht immer erreicht werden.

Der Wald der Brohmer Berge reicht hier fast bis in die Bahnstation. Ich habe vor, einen Bogen über Rothemühl zu schlagen, um dann die Richtung Pasewalk zu finden.

Es ist über die Ostertage alles viel grüner geworden, der Waldteppich schließt sich immer mehr, die Knospen beginnen sich schon zu öffnen. Etwas kühl ist es noch, aber im Wald ganz angenehm. Das ist die Zeit, die mir immer ganz besonders gefällt.

Ein Rollifahrer kommt mir entgegen. Durch einen Schlaganfall ist der linke Arm noch unbeweglich. Bewegung mit den Beinen geht nur mal kurze Wege mit dem Stock.

Ich habe nicht richtig aufgepasst und korrigiere die im Garmin vorgeschlagene Route auf dem nächsten Waldweg. Tiefe, rutschige Furchen. Anstieg auf die nächste Höhe. Bin ich noch nicht wieder gewöhnt. Freue mich schon auf den Harz. Dazu kommen Tropfen von oben. Ich will deshalb den Rucksack umhüllen, da geht das unsichtbare Gegrunze wieder los. Eine Herde von Grunzern. Immer näher. Da kommen stattdessen Waldarbeiter angerumpelt mit ihrem schweren Gerät. Das Grunzorchester ist stumm. Aber jetzt gerate ich auf Holzabfuhrwege, reichhaltig mit Holzresten überstreut. Zweige hängen in den Weg, Reifenspuren halb aus Sand, halb aus Matsch, tief eingeprägt. Aber auch der schönste Holzweg hat mal ein Ende. Inzwischen auch der Kurzregen.

Diese Wege haben ziemlich viel Zeit gekostet! Und dann noch die nächste Esserei, weil da gerade so ein besonders bequemer Baumstamm aufreizend daliegt. Esschancen sind zum Nutzen da. Rothemühl erreiche ich nun nicht mehr, will ich auch nicht mehr, und biege also gleich südlich ab.

Bevor der Waldrand erreicht ist, sehe ich deutlich viele Hufspuren, die sich in der sandigen Erde der Wege abzeichnen. Aber der Wald bleibt grunzlos. Keines der Wildschweine kommt und lässt sich kraulen. Oder als Begleitmaskottchen an den Rucksack hängen.

Durch den Teilort Waldhöhe laufe ich wieder über Kopfsteine. Ich werde sie in Stuttgart-Ost vermissen und sie für die Uhlbergstraße beantragen. Dann geht in der Ortsmitte der erhoffte Weg links ab. Ein einfacher Fahrweg wie hier in den Feldern ist mir immer lieber als die glatte Fahrstraße. In Dargitz trifft Stefan gleichzeitig mit mir am Treffpunkt ein.

Km heute: Soll 12 Ist 12,5

Km gesamt: Soll 400 Ist 404,5

Holzabfuhrweg

Rot- oder Schwarzwildspuren?

Weg durch die Felder

Tag 31, Ostermontag, 9.4.12, Friedberg-Cosa bis Trepelshagen

Gestern früh ging ich los, etwa 500 Meter. Eine empfindliche Hautstelle vermieste mir das schöne Osterwetter. Also musste ich mir einen geplanten kommenden Ruhetag „leihen“. Weiterwandern hätte zu einer langwierigeren Entzündung geführt. Die Behandlungs- und Ruhezeit konnte ich für Bildbearbeitungen nutzen. Auch legte ich mich zu einem kurzen Schlaf hin – nach knapp fünf Stunden erst wurde ich wieder einigermaßen munter. Sicher war das nötig gewesen.

Heute siedeln wir nach Pasewalk um. Das Auftreten geht wieder problemlos. Die fünf Pickel sind auf unempfindlich geschrumpft. Unterwegs könnte ich weiterbehandeln, aber es ist nicht mehr nötig.

Direkt vom Quartier weg führt eine schmale Straße hinauf in die Brohmer Berge. Die Hütte am Waldrand konkurriert mit dem schiefen Metzgerturm von Ulm und dem anderen von Pisa. Trotzdem wage ich mich für mein Steh-Frühstück hinein, um mir nur ein Brötchen und einen Energiedrink zu verpassen.

Die Brohmer Berge sind wie Wellen, zusammengeschoben durch Gletscher. Auf und ab, immer durch das große Waldgebiet. Es ist heute schwierig, den richtigen Weg zu finden. Das Garmin zeigt kleine Orte, die das iPhone nicht findet. Danach richte ich mich heute.

Ich habe Sonne bei der nächsten Rast. Ein Ei auf den Kopf geklopft, lockert die Synapsen, aber möglichst hartgekocht! Das ist es. Also frischgestärkt weiter im Dschungel! Der Wald hier ist wirklich sehr geheimnisvoll. Die Gletscher damals haben die Berge stark gequetscht; aus den Falten kann das Wasser nicht rauslaufen, Bäume stehen drinrum, umgeben von einer dichten Schicht Wasserlinsen, oder es stehen Sümpfe und Moraste voller Holz und Blätter. Ideale Orte für die Wildschweine.

Auf den Wegen sehe ich ja auch die typischen Spuren von Schwarzwild. Aufgewühlte Wegränder. Ich überlege mir, was machst du, wenn die jetzt aufkreuzen? Naja, begrüßen, was sonst? Da grunzt es auch schon nebenan. Nur einmal. Mir ist, als spürte ich einen stechenden animalischen Blick im Nacken. Ich tue so, als hätte ich diese Begrüßung bzw. Begrunzung nicht gehört und schwinge meine Gehhilfen etwas energischer. Ich grunze mal lieber nicht zurück. Anzunehmen ist, dass die mit sowas Respektvollem nicht viel zu tun haben möchten. Ohne Wildsaubegleitung erreiche ich den Waldrand.

Die Wege sind heute schwierig. Auch in Dorfnähe haben sie tief ausgefahrene Spuren und Wasserlöcher. Das letzte Wegstück ist die Straße von Gehren nach Trepelshagen mit dem hier beliebten Kopfsteinpflaster. Die Steine sind zumeist oben rund. Der Prothesenfuß dreht sich deshalb immer zur Seite. Als Stefan mich bei der Abholung davon befreit, bin ich ganz froh darüber, um nicht noch in den Träumen von miauenden Katzenköpfen verfolgt zu werden. Beruhigt erreiche ich Pasewalk.

Km heute Soll 13 Ist 12,5

Km gesamt: Soll 388 Ist 392

Stefans Auto. Im Hintergrund unser Frühstücksbistro

Vier Beispiele des heutigen Wegeangebotes

Vier Beispiele des heutigen Wegeangebotes

Vier Beispiele des heutigen Wegeangebotes

Vier Beispiele des heutigen Wegeangebotes

Tag 30, Samstag, 7.4.12, Friedland bis Cosa

Eine neue Etappe beginnt. Gestern sind wir nach Friedland-Cosa übergesiedelt. Eine Ferienwohnung im „Star Camp“. Ein Bistro, aber nach Omas Art. Holzfeuer im Ofen, Holzstoß vor dem Fenster, alles urgemütlich, freundliche Gastgeber, gehört hier dazu.

Ich starte mit aufhörendem Regen in Friedland. Zuerst finde ich als Weg leider nur die Autostraße. Nach viereinhalb Kilometern beginnt die Alte Pasewalker Landstraße, die mich zum nächsten Etappenziel führen würde. Heute gehe ich sie nur wenige Kilometer. Am Beginn „genieße“ ich ein windiges Frühstück. Der Regen beginnt, manchmal mit weißen Körnern durchsetzt, und es weht mir kräftig in die Mahlzeit und in die Drinks. Es wird immer sicherer, dass das Wetter heute immer unsicherer wird.

Auch im Wald noch verfolgt mich der kalte Wind. Er fegt am Waldrand durch die Kiefern bis in die Mäuse- und Fuchslöcher, um dort mal für Frischluft zu sorgen. Die Kapuze der Windjacke schützt sehr gut, sie lässt ihn nicht durch.

Zuerst denke ich, dass es nur ein Regen-Versuchstag wird, bis kurz nach meiner Waldbodenrast an der Kreuzung, wo ich westlich abbiege. Ich genieße Sardinen mit Chili, die letzte meiner mitgebrachten Dosen. Über eine breite Lichtung werden jetzt Schauer gejagt, mit nassem Schnee durchmischt.

Da flieht ein Rudel Rehe, ich zähle sechs, vor mir den Waldweg entlang. Sie nutzen die Fahrzeugspuren und sind schnell hinter den Stämmen entschwunden. Inzwischen tropfen alle Gräser, die ich mit den Schuhen durchstreife. An den Wegenden himmelt der Waldrand durch, und als ich ihn erreicht habe, setzt endlich ein zaghaftes, und später herzhaftes nasses Schneetreiben ein. Über eine halbe Stunde lang versucht ein Aprilsturm vergeblich mich aus den Socken zu pusten.

Die Waldränder, Masten und Gebäude in der Ferne verschwimmen im dunklen Grau wie im Nebel, die dichten Flocken wehen fast waagerecht über die Felder mit den Saaten. In den Furchen entstehen weiße Streifen. Weit hinten jagen zwei Rehe schemenhaft über das Feld zur Hecke. Trotzdem ist das ganze herrliche Getue aus den Wolken etwas mickrich und vergeblich, denn die paar Schneespuren sind ja gleich wieder abgeflossen. Der Himmel gibt sich aber wenigstens alle Mühe und das muss man anerkennen. Nein – erst, wenn ich morgen eine Schneewanderung machen kann.

Ich komme etwas unangewärmt und feucht hinter den Ohren im Quartier an, trockne die nassen Sachen und rücke dicht an den Heizkörper, den Stefan schon ideal eingestellt hat. Als positives Zeichen sehe ich Stefans Auto schon mal hoffnungsvoll mit Schnee bedeckt, als wir zu unseren österlichen Spiegeleiern schreiten.

Km heute: Soll 12 Ist 13

Km Gesamt: Soll 375 Ist 379,5

Alte Pasewalker Landstraße

Waldweg in den Brohmer Bergen

Das Frühlingswetter entwickelt sich

Tag 29, Donnerstag, 5.4.12, Ückeritz bis Neppermin

Ückeritz hat zwei Ufer. Das an der Ostseeküste kenne ich nun seit drei Tagen. Das südliche Ufer liegt am Achterwasser, der großen Ausbuchtung des Meeresarmes, der Usedom vom Festland trennt. Diese Lage ist äußerst ruhig und dort beziehen wir für eine Übernachtung die Pension „Traumboot“.

Gleich nach der Ankunft wandere ich los, auf kleinen Straßen in Küstennähe. Ich denke noch an den Vortragstermin und die „freundliche Begrüßung“ in der Klinik gestern. Erfreulich waren die interessierten Fragen der Vortragsgäste. An einem Holzstoß ist ein abgesägter „Tisch“ gastfreundlich vorbereitet heute, die „Stühle“ liegen gestapelt daneben. Ideal für ein kühles Morgenwaldfrühstück.

Ein Hafen, ein Kletterwald für Kinder, dann eine große ebene, waldlose und einsame Fläche, durch die sich mein staubiger Weg schlängelt. Ostern steht vor der Türe. Einige Telefonate sind nötig. Gerade will ich das iPhone in die seitliche rechte Hosentasche wegstecken da klingelt das Nokia.

An der folgenden Weggabelung will ich die Route überprüfen. Ich bestimme sie ja morgens immer gemäß meiner Planung. In keiner meiner Taschen finde ich aber das iPhone. Wie kann das sein? Die Gummihülle lässt in der engen Seitentasche ein Rutschen gegen die Schwerkraft nicht zu. Zwei Reiterinnen nähern sich, als ich zurücklaufen will. Ja, da lag ein vereinsamtes Telefon am linken Wegrand, das seien mindestens 500 Meter. Danke! Ich gehe zwei Schritte weiter, da erscheinen diesmal zwei Radfahrer.

Die gleiche Frage. „Ja, das könnte sein…“, sagt der Mann, greift in die Radtasche und holt eine staubige und sandige Fundsache heraus. Mit Visitenkarten zur Tour kann ich mich bei Beiden bedanken und bin um einige Findlinge erleichtert. Und ich bemerke: Die Radfahrer radeln geradeaus weiter. Ich will aber nach rechts! Wieder ist alles im richtigen Timing!

Gelegentlich sehe ich das Meerwasser. Es ist ruhig wie ein Binnensee. Kalte Luft, aber Sonne. Wenige Autos und Leute. Einige nette Unterhaltungen. Ein Mietboot am Ufer ist ein willkommenes Motiv. Einige Pferde und Schafe befinden sich in ihrer Dauermahlzeit und schauen mich verständnislos an, wieso ich nicht mitkaue.

Im Uferwald suche ich Blumen für ein Ostergrußbild. Ein mit einem lachenden Gesicht bemaltes Ei schleppe ich seit Tagen im Rucksack mit. Als ich die gesuchten Waldblüten entdecke, ist das Osterei schnell deponiert. Das „Ei-Fon“ macht den Rest. Auf einer Bank am Ufer bekommt das Ei seine Schälung und ich lasse mir das Bildmotiv schmecken.

Dann bin ich schon am Uferstreifen von Neppermin und dem Ende der eindrucksstarken fünf Tage auf Usedom. Die Bockwindmühle bildet den Abschluß während der Fahrt zum Quartier.

Km heute: Soll 13 Ist 12

Km Gesamt: Soll 363 Ist 366,5

Tag 28, Dienstag, 3.4.12, Bansin bis Swinemünde und Ahlbeck

Wieder der gleiche Start wie vorher das Ziel, so mache ich das gerne. Das bringt mir zusammenhängende Eindrücke. Nicht immer geht das so. Wenn der nächste Etappenstart wegen einer Vortragsvereinbarung weiter entfernt liegt, wird mit dem Fahrzeug überbrückt.

Nun aber breitet sich heute eine Seebadbebauung an die andere entlang des Strandes. Das Wetter ist kühl, die Finger sind wieder an der Kribbelgrenze, machmal macht die Sonne einen vergeblichen Versuch auch unterhalb der Wolken zu scheinen.

Wenn das Wasser weit auf den Strand gelangte und danach gefüllte Rinnen bildete, entstehen geeignete Bildmotive mit Spiegelungen. Ich stehe also am Strand, linse begeistert durch den Sucher der Camera, vergesse die Schwappbewegungen und das Geräusch der Wellen, bedrücke den Auslöser und merke zu spät, dass ich schon wieder im Wasser stehe. Diese Wellenzungen sind unberechenbar.

Jetzt sprüht es aus den Wolken im Ostwind. Es wird deutlich kälter. Dann der erwartete Dauerregen. Hätte ich mir doch die Zeit genommen, meine Handschuhe herauszukramen! Werden Hände wärmer wenn man schneller läuft? Nicht wirklich! So beiße ich mich eben durch, denn ich will ja sehen, was die Polen für einen Strand haben. Als ich die imaginäre Grenzlinie passiere, stelle ich fest, er besteht aus Sand, wird be- oder überspült und wird von den gleichen Schmugglern begangen wie ich, nur dass die kein C-leg außer Landes schaffen.

In meinen Schuhen fühlt es sich feucht an. Ja, in beiden! Mein Prothesenfuß ist da immer solidarisch! Kein Wunder, bei dem Regen und der eifrigen Welle vorhin. In meinem Magen fühlt es sich leer an. In diesem Falle wird mein Appetit solidarisch und steigert sich schnell. Wo ist ein Sitzplatz? Wieder ein Dünensitz. Pure Regenromantik ist das, wenn es ins Müsli tröpfelt! Was tuts? Es regnet auch, wenn ich nichts essen würde! Meine Klamotten bleiben dicht dabei, nur die Leute da unten denken wohl, der da oben ist es nicht ganz.

Ein Kilometer, und ich bin wohl im Bereich von Swinemünde, das schon länger seine Industriesilhouette über dem Kiefernwald präsentiert. Niemand hindert mich beim Umkehren, als ich das Kniegelenk nach Deutschland zurückschaffe.

Die Grenzpfähle sehen aus als seien sie die Grenzdekoration. Man gibt sich aber seit einiger Zeit alle erdenkliche Mühe, die Grenzdurchlässigkeit zur Attraktion auszuarbeiten. Ein sauberer Wander- und Radweg durch den Wald verbindet Swinemünde mit Ahlbeck, der vorwiegend von vielen jungen Leuten genutzt wird. Neue Informationen zur Grenze werden aufgestellt. Schon auf dem Rückweg, sehe ich eine andere Information: Letzte deutsche Wirtschaft vor Moskau – 400m.

Im Quartier angelangt will ich als erstes die feuchten Schuhe und Socken trockenlegen. Ich ziehe sie aus und – sie sind trocken! Die Schuhe innen und die Socken überhaupt. Ein Fall von verwirrten Gefühlen, was aber aufs Essen nie zutrifft!

Km heute: Soll 12 Ist 16

Km gesamt: Soll 350 Ist 354,5

An der Seebrücke Ückeritz

Küstenabbau

Seebrücke Koserow

Tag 27, Montag, 2.4.12, Koserow bis Bansin

Gestern begann die Usedomer Küstenwanderung am Strand von Karlshagen, führte an Zinnowitz und an unserem Quartier in Zempin vorbei, bis zum Striegelsberg und Koserow. Heute setze ich sie dort fort. Morgen folgt der restliche Küstenabschnitt ab Bansin, vorbei am Seebad Heringsdorf bis über die polnische Grenze zum Strand bei Swinemünde.

Noch vor 8 Uhr steige ich die Stufen zum Striegelsberg hinauf. Eine enge Aussichtsplattform. Was sieht man hier? Wasser! Und den weiteren östlichen Küstenverlauf – aber wie! Die Morgensonne dringt durch die Bewölkung und schickt jede Menge Strahlen aufs Meer. Die entfernten Dünen und Kliffe verschwimmen im Dunst. Weit draußen ein großes Schiff, hier am Strand die geraden Linien der Strandbefestigung. Äußerst wichtig übrigens! Wenn man bedenkt, dass hier die Insel sehr schmal ist und bisher bereits mindestens drei mal bei Sturmflut durchbrochen war, zuletzt 1913.

Und nun aber das Wichtigste am Morgen: Das Frühstück! Ich bin inzwischen auf halber Höhe, finde eine besonnte Bank, wiederum mit Aussicht. Ich genieße das doppelt hier draußen! Ich muss das öfter so einrichten. Lieber eher losziehen, später, aber genüsslicher kauen. Dann ein weiterer steiler Treppenabstieg zum Sand.

Bis zur Seebrücke Ückeritz wandere ich entlang hoher Dünen und Kliffs. Überall sind von oben Erdschollen abgebrochen und abgerutscht mitsamt Büschen, Bäumchen und Bäumen. Sie stehen teilweise noch senkrecht auf ihrem grasigen Bodenstück in der schrägen Wand oder sie kippen bzw. liegen umgestürzt, bis ganz hinunter zum Sand. An einer Stelle ist der Strand deshalb nur noch wenige Meter breit.

Es ist sehr gutes Wetter. Der Rückenwind ist äußerst hilfreich. Stefan wird wohl schon unterwegs sein zum neuen Quartier in der JH Heringsdorf. Mir kommt einer entgegen mit Riesen-Rucksack, ebenfalls direkt an der Wellenkante. Er stammt aus Hiddensee, dem schmalen Inselknochen neben Rügen, auf welche Dicke überhaupt nicht draufpassen würden. Er wandert von Swinemünde bis Stralsund, wir tauschen die Adressen, er will mich mal anmailen.

Ab Ückeritz geht’s oben auf einer Waldstraße auf niedriger Dünenhöhe weiter. Rechts stehen zwischen hohen Kiefern die Wagen der Dauercamper; sie sind zumeist mit Fantasie und unterschiedlichsten Bauteilen zum Eigenbauschuppen überbaut und teilweise mit Minigärtchen aufgestilt. Die „Camper“ brauchen sommers nur über die Straße zu den Dünenzugängen, wahlweise gekennzeichnet mit Hunde-, Kinder-, Textil- oder FKK-Strand.

So langsam will ich wieder zum Strand runter, denn ich habe den „Strandvirus“ eingefangen. Keine Ahnung, wo er gelauert hat, zwischen den Sandkörnern, den Strandhaferhalmen, in den Federn der Möven – oder hüpft er aus dem Wellenschaum?

Gleich hinter der engen Strandstelle finde ich ein Stück Treibholzstamm, geeignet zum Sitzen. Nach der Rast, beim Aufstehen sinkt meine Prothesenfußferse zu tief in den Sand und schon teste ich aus, wie sich ein Flug in denselben anfühlt.

Dann sind auch diese Dünenberge vorüber und der breite Strand von Bansin mit vielen Strandkörben, großen Hotelbauten, großen Villen jedermanns Geschmack kommt in Sicht. Hier im Ort holt mich Stefan ab.

Km heute: Soll 13 Ist 14,5

Km gesamt: Soll 338 Ist 338,5

Tag 26, Sonntag, 1.4.12, Am Strand von Trassenheide

Stefan und ich hatten heute morgen nach dem ersten Schwung des Restbeines von der Matratze, ohne vorherige Absprache, den gleichen Gedanken und fassten deshab einstimmig den gleichen Bettkantenbeschluss:

Der Rest der Aktion wird ab sofort an den Stränden Usedoms durchgeführt. Zwischen Peenemünde und Swinemünde wickeln wir die weiteren Etappen ab. Es sind ja nur noch 13 mal 62-63 Strandkilometer hin und her. Die Anforderungen der geplanten Mittelgebirge werden durch Dünenbesteigungen und Tiefsandetappen ersetzt. Die weiteren Vorträge finden hier in der Gaststätte statt. Gegen die freundlich- ansehnliche Bedienung kann niemand was auszusetzen haben. Die Sanitätshäuser brauchen nur Busse zu chartern und haben selbst ein starkes Ausflugs-Erlebnis zu erwarten.

Wir bleiben HIER! Dieses schöne Quartier zu verlassen würde schwere depressive Nachwirkungen bringen. Die Geschäftsstelle AmpuBV verlegt zwecks Arbeitserleichterung ihren Arbeitsplatz ins Nebenzimmer, um Telefoneinheiten einzusparen.

Kein anderer schöner Tag ist besser geeignet zur Umsetzung guter Ideen als der heutige!

Wir sind vorzeitig am Strand in Karlshagen. Dort wird Stefan ungläubig von einer Frau angesprochen, die ihn einbeinig am Wasser hüpfen sieht. Ihr Mann wurde vor vier Wochen amputiert. Wir haben sie gleich zu unserem Vortrag in Heringsdorf eingeladen.

Die Sonne steht noch nicht hoch. Die Wellen und die überspülten Sandbänke glitzern. Im Sand gibt es viele neue Spuren. Die gestrigen sind in der Nacht von hoher Brandung gelöscht worden. In den hinteren Mulden steht noch Wasser oder der Sand ist in Wellenskulptur geprägt. Ständig finde ich neue Bildmotive.

Bald ist der Hunger stärker als die Motivsuche, denn ich habe mein Frühstück noch vor mir. Mein Lunchpaket wird gezückt, als ich eine schmale Holzbank entdecke.

Bereits in Zinnowitz habe ich 8 km geschafft, es ist gerade 12 Uhr. Doch vor der Mittagsrast gehe ich noch bis zum Ende der langen Seebrücke und durch die mit Holzskulpturen gut gestalteten Anlagen der Strandpromenade. Dort auf einer Bank, alle Fressalien und Schluckalien sind ausgebreitet; ich kann nur sagen, alle die vorbeiflanierten, hätten sicher auch mal gern von meinen Brötchen abgebissen! Aber da bin ich zu geizig dazu!

Die Sonne scheint durch die Kiefernwälder, als ich den oberen Weg wähle, um Zeit einzusparen. Als ich wieder zum festen Sand bei den Wellen zurückgehe, sind auch dort die Möven mit den schwarzen Köpfen wieder da. Immer stehen sie fasziniert auf überspülten Sandbänken und erwarten mit die nächste Welle. Manchmal trippeln sie denen mit Begeisterung entgegen.

Wenn ich zurück oder nach vorne schaue, überblicke ich einen großen Teil der Pommerschen Bucht. Eine hohe Klippe östlich mit einem Turm drauf verdeckt den Rest. Es ist schwer abzuschätzen, wie weit dieser Berg entfernt ist.

Dann verschwindet er hinter einem anderen Dünenvorsprung. Wo etwa bin ich jetzt? Ein Blick auf das iPhone: schon an unserem Quartier vorbei! Und ich wollte doch Stefan noch an den Strand locken zu gemeinsamem Dünenschmaus. So esse ich halt wieder völlig vereinsamt die kärglichen Reste, bevor mich der Hunger zernagt.

Hinter mir wehen jetzt Regenstreifen heran. Ich esse hastiger, stelle mich darauf ein und bekomme tatsächlich einige Sekunden lang Tropfen ab. Der Rückenwind hilft mir beim letzten Abschnitt. Der Regenschauer weht über die Bucht. Zuerst will ich noch den Berg ersteigen, doch ich verschiebe es auf morgen. In Koserow holt mich Stefan ab, damit ich das tolle Quartier nochmal genießen kann.

Km heute: Soll 12 Ist 16

Km gesamt: Soll 325 Ist 324