Monatsarchiv: Oktober 2012

Tag 137, Freitag, 12.10.12, Isartor München bis Deutscher Sozialverband München – BMAB – B undesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation

Der letzte Tag einer 224 Tage andauernden Reise. Vier Jahreszeiten, siebeneinhalb Monate mit 137 Wandertagen, dabei auch knapp vier Wochen Krankheitsausfall bzw. zwei Ruhetage pro Woche. Durch den gesamten Osten Deutschlands gelangte ich von den Wellen bis zu den Bergen, von Berlin nach München, von der Spree bis zur Isar. So etwa 3.250 Wanderkilometer gingen dieser Aktion bereits voraus. Das alles trotz Oberschenkelprothese, erreicht heute, am 27.314. Lebenstag.

Heute ist wieder Alfons dabei. Mit seiner Geduld, seinem Einfühlungsvermögen, seiner Hilfsbereitschaft ist er ein lieber Freund und erfahrener Wanderer. Mit dem Müsli habe ich gerade erst begonnen, da kommt er schon durch die Tür. Bis ich soweit fertig bin, hat er mein Gepäck in sein Auto geschafft, sieben Gepäckstücke, zwei Stockwerke runter und rüber über den Hof.

Zuerst deponieren wir das Auto in der Nähe der Zweigstelle des Deutschen Sozialverbandes, nachdem Alfons das Gepäck dort zwischengelagert hat. Hier ist mein neuer Zielpunkt, weil der bisherige Partner der seit Februar fest vereinbarten Abschlussveranstaltung, genau vier Wochen vor dem Termin, etwas Wichtigeres vorhatte, die Veranstaltung nicht stemmen konnte oder wollte, und deshalb absagte.

Am Isartor beginnt unsere Stadtwanderung. Wo geht man in München hin? Wo findet man Trost, weil das Oktoberfest schon vorbei ist? Wo findet der Stadtwanderer die nahrhaftesten Getränke, wenn ihm nach einer Stadtrast zumute ist? Im Münchner Hofbräuhaus!

Damit das klar ist, ich trinke kein Bier beim Wandern! Heute werde ich bei den paar restlichen sechs km mich notfalls an Alfons klammern, weil – ein klitzekleines Bierchen will ich heute ausnahmsweise schon.

Alfons bestellt ein kleines Bier, das ist aber ein halber Liter. „Bitte noch ein leeres Glas dazu“. Das funktieniert! Alkoholbefreites ist gerade nicht zu haben. Er teilt es auf, wir genießen die derzeit noch ruhige Athmosphäre der großen Trink- und Schluckanstalt und gehen dann weiter zum Marktplatz.

Die Frauenkirche versteckt sich hinter dem Rathaus. Der eine der Türme ist zur Zeit baulich textil-verkleidet. Doch schon drängt die Zeit.

Eine lange Pappelallee einer Hauptverkehrsstraße. Halbrechts abgeschwenkt sind wir bald am Rande der eingestacheldrahteten Wiesn. Gegenüber steht Frau Bavaria auf hohem Sockel und winkt uns zu herüberzukommen. Doch man lässt uns nicht. Der Budenzauber wird gerade entzaubert. Die Routierhilfen der Spaß- und Jubelschausteller sind nur noch Ruinen. Diese sind wohl in Gefahr, wenn ich mit meinen agressiven Gehhilfen durchlaufe. Wir gehen halt links drumrum.

Kurz vor dem Sockel winken zwei Nordicwalkingstöcke. Hannelore aus der Landsberger Selbsthilfegruppe ist schon da. Wir setzen uns auf die kühlen Steinstufen mit Oktoberfestblick ohne Lärm. Da kommt auch schon Biene angeschlendert. Eine Bavariarast. Ich errechne schnitzelkauend meine Gesamtkilometer. 241 fehlen leider. Leichter Regen beginnt, verstärkt die Gemütlichkeit und begleitet uns auf den verbleibenden zwei Kilometern.

300 Meter vor dem Ziel wird ein Bäckerladen entdeckt. Biene will mir einen Mohnkuchen spendieren. Woher weiß sie von meinen Kuchenträumen? Es ist eine Mohnschnecke, viel Schnecke und weeeeenig Mohn. Aber ein gutes Prothesenwanderersymbol. Ich enteigne sie ihrer Existenz und denke daran, dass ich doch schon so manche Schnecke links und rechts überholt habe!

200 Meter vor dem Ziel. Jochen Metz kommt mir entgegen. Ich stelle mich in einen Hauseingang und tausche mein Wanderhemd gegen das Bundesverbandspoloshirt. Das Outfit ist jetzt ziel- und zweckentsprechend. Ein Ampu-Rucksack wird mir noch umgehangen. Jochens Schirm überm Kopf im Laufschritt weiter durch den Regen.

10 Meter vor dem Ziel. Um die letzte Hausecke nun ohne Schirm. Da sehe ich ein blaues Band, gehalten von Dieter Jüptner und Herrn Achim Seiler, dem 1.Vorsitzenden des Sozialverbandes München. Andere stehen daneben und im Hauseingang. Hier kommen wir, mein Berliner Bär und ich, nun wirklich nicht mehr weiter. Das Band sollen wir durchwandern. Es ist das letzte große und bedeutsame Hindernis der Tour, weil es sich nicht durchwandern lässt. Super Qualität! Herr Seiler hilft lächelnd mit einem Riss an der Oberkante nach. Ein neuer Anlauf des Bären, von mir schwungvoll unterstützt; er ist feucht und etwas strubbelig und ich bin an meinem insgesamt 5013. Prothesen- Wanderkilometer gesund im Ziel.

Soll 13 Ist 7

Soll 1713 Ist 1749

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Tag 136, Donnerstag, 11.10.12, Pullach bis Isartor München

Eigentlich sollte heute der letzte Wandertag sein. Die Vorträge, für morgen geplant, beginnen erst ab 14 Uhr. Da muss vorher noch eine zusätzliche Abschluss-Stadtwanderung her!

Alfons kommt heute und morgen mit. Er hat gestern mein Reservegepäck von Possenhofen geholt. Wir treffen uns an der Station Höllriegelskreuth. Steile Stufen am Isarhang, die Straßenbrücke und das rechtsseitige Ufer.

Dieser Uferpfad ist sehr schmal. Einmal überspült ihn die Isar. Dann ist er so schräg und rutschig, dass ich dort jede Sicherheit verlieren würde. Zum Baden fließt die Isar zu unangewärmt und zu schnell. Die Elektronik muss auch nicht gereinigt werden. Ich suche einen verwachsenen Ersatzpfad oberhalb. Ein umgestürzter Baum lässt uns klettern. Feuchte, rutschige Wurzeln zwingen uns zur Kraxelei den Hang hinauf zum breiten Uferweg.

Aber wir finden auch eine grasige Raststelle direkt am Ufer, gestern noch überschwemmt. Etwas feucht ist der Grasplatz, denn wir hatten ja bis gestern zwei reichhaltige Regentage.

Die Waldwege bringen uns zu einer Sandbank. Viele Schwäne halten sich dort auf. Furchtlos watschelt einer heran und schaut, wie er seine Ernährung aufwerten könnte.

Über das breite Wehr spannt sich schräg die Fußgängerbrücke. Die Isar hat sich in mehrere Arme aufgeteilt. Wir gehen bis zum Kanal, wieder durch Wald und nochmal über die Straßenbrücke auf die rechte Seite zurück.

Ein Windhund rast und rast hin und her und her und hin und genießt das Tempo offenbar. Für ihn ist völlig klar: Mehr Bewegung hilft und macht Spaß! Den Spaß hatte ich bisher auch, aber mit mehr Langsamkeit. Denn hier etwa habe ich gemütlich und mit Ausdauer und Prothese die seit Oktober 2007 zusammengewanderte Kilometersammlung von 5000 erreicht.

Wir treffen eine Elektrorollstuhl-Fahrerin. Darin sitzt Erika, amputiert. Mir geht durch den Kopf, was kann diese Frau alles nicht mehr tun und welchen Humor besitzt sie trotzdem noch! Was könnte sie erst für ein besseres Leben führen, wenn sie mit der Prothese richtig laufen könnte!

Ich selbst bin mit Prothese zu Fuß in München angekommen. Die Isar habe ich erreicht. Seit der Spree ist das eine lange, erlebnisreiche Tour geworden. Die physische Anstrengung habe ich nicht als Problem empfunden. Sogar ausgesprochen gut fühle ich mich. Für mich ist das die logische Folge, weil ich die Anstöße angenommen habe.

Mir liegt deshalb heute besonders daran zu verstehen, dass wir uns zumeist über zwei große Möglichkeiten nicht bewusst sind. Erstens: Mit der Prothese oder mit zwei mehr oder weniger gesunden Beinen besitzen wir zwei überaus wichtige „Werkzeuge“, die viele nicht effektiv genug einsetzen. Zweitens, soweit noch möglich: Wenn wir sie nicht nur zum Nötigsten benutzen, sondern regelmäßig zum Aufbau unserer körperlichen Leistungsfähigkeit, gewinnen wir mehr Widerstandskraft, Wohlbefinden und Lebensfreude. Mehr Chancen! Vielleicht den Rollstuhl und weitere Probleme leichter verhindern. Dann könnten wir also entscheidend mehr mit unserem Leben anfangen.

Das „Rezept“ für diese gesteigerte Gesundheitschance stellen wir uns selbst aus, nicht der Arzt!

Wie beginnst du? Mit dem ersten Schritt, der genau diesem Ziel dienen soll. Mit der Organisation regelmäßiger längerer Spaziergänge oder kurzer Wanderungen, die du langsam systematisch aufbaust, ohne jede Überforderung.

Mit der Selbsthilfegruppe, die in München gegründet werden soll, möchte Erika Kontakt aufnehmen.

Günter, der mich zwischen Benediktbereuern und Kochel begleitet hatte, kommt uns entgegen. Zu dritt wandern wir zum Deutschen Museum. Im Innenhof stehen drei riesige Turbinen. Aber ihre Beweglichkeit ist dahin.

Ab Isartor fährt jeder heim. Ich steuere die letzte Übernachtung an.

Km heute: Soll 12,5 Ist 17

Km gesamt: Soll 1700 Ist 1742

Die Isar habe ich erreicht

Kleine Aufgaben würzen den Wandertag

Rast am Ufer...

...gleich geht's weiter

Am Isarwehr

Prothesen-Begegnung

Alfons (links), Turbine (mitte) und Günter

Tag 135, Mittwoch, 10.10.12, Stockdorf bis Pullach

Zuerst muss ich den Ort durchqueren. Dann beginnen die beiden großen Wälder, durch die sich die Wege wie auf dem Karopapier ziehen.

Es gibt hier auch Wege zur Auswahl, die gekrümmt und schräg verlaufen. Im sog. Kastenwald suche ich mir zuerst die schmalen aus, nach dem Prinzip „Der beste Weg ist der Umweg!“

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Ich finde einen Baum, der mir wie mit einem bemoosten Knie einen beque-men Platz anbietet. Gerade bin ich fertig mit essen, da beginnt der Regen.

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Ganz leichter Regen. Regen – kein Grund zum Auf-regen. Die Stimmung ist eher entspannt. Der Schirm ist das auch, wenn’s mal nicht stärker regnet. Regelmäßig muss ich ihn aufspannen, damit die Nässe nicht nach innen dringt.

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Große Ereignisse gibt es heute nicht. Bei Neuried komme ich in den Fürstenrieder Wald. Die Salzburger Autobahn unterquere ich. Gleich danach beginnt der eingezäunte Wildbereich. Der Weg geht weiter schnurgerade. In Pullach finde ich die Juhe direkt am Isartal.

Km heute: Soll 12,5 Ist 14,5

Km gesamt: Soll 1687,5 Ist 1725

Alles ist möglich, Keisbote Landsberg

http://www.kreisbote.de/lokales/landsberg/alles-moeglich-2584607.html

Alles ist möglich

Anderen Menschen Mut machen, ein Vorbild sein… Das ist das Ziel von Michaela Bienert. 2010 hat sie in Landsberg eine Selbsthilfegruppe für Amputierte gegründet, die mittlerweile an die 40 Mitglieder hat. Sie will nicht aufgeben, trotz ihres schweren Schicksals. Genausowenig will das Roland Zahn – der 74-Jährige ist oberschenkelamputiert und trotzdem machte er sich zu Fuß auf eine 2000 Kilometer lange Reise, die ihn in der vergangenen Woche auch in die Lechstadt führte. Dort hielt er für die Selbsthilfegruppe „Pro Thesen Bewegung“ einen Vortrag unter dem Motto „Bewegung hilft“.

2000 Kilometer trotz Prothese – der oberschenkelamputierte Roland Zahn will mit seiner Aktion Mut machen. Fotos: kb

2000 Kilometer trotz Prothese – der oberschenkelamputierte Roland Zahn will mit seiner Aktion Mut machen. Fotos: kb

Das gemeinsame Ziel der Selbsthilfegruppe von Michaela Bienert ist ganz klar: ein barrierefreies Leben trotz Handicap, mit Freude und Lebensmut. Den hat die Prothesenträgerin nie verloren, auch nicht, als sie 2004 in Italien einen folgenschweren Unfall erlebte, wo sie ein Bein verlor. Dennoch will sie Vorbild sein und zeigen, was alles möglich ist – trotz oder gerade mit einer Prothese. Dass die Gruppe mit dem Namen „Pro Thesen Bewegung“ kein Jammerhaufen ist, zeigen die vielseitigen Aktivitäten. Nordic Walking, wandern, Radtouren, segeln, tauchen oder klettern stehen auf dem Programm, alles ausgerichtet auf Menschen mit Handicap. Bienert und die Mitglieder ihrer Gruppe lassen sich von nichts abhalten, auch wenn sie mehr eingeschränkt sind als andere Menschen. Abhalten lässt sich auch Roland Zahn durch nichts und niemanden. Mit Oberschenkelprothese von der Spree bis zur Isar lautete sein Ziel, was er am 12. Oktober erreichen wird. Der 74-Jährige machte sich im Februar in Berlin auf, um zu Fuß bis nach München zu wandern. 160 Tage war er dann insgesamt auf Wanderschaft, unterstützt vom Sozialverband und Bundesverband für Menschen mit Arm- und Beinamputationen. An vielen seiner Reisestationen hielt der rüstige Wanderer Vorträge unter dem Motto „Bewegung hilft“. In der vergangenen Woche führte Roland Zahn eine der letzten Etappen von Mundraching am Lech entlang nach Landsberg. Dabei begleitete ihn auch Michaela Bienert und weitere Mitglieder der „Pro Thesen Bewegung“. Als Abschluss zu dieser 13.3 Kilometer-Strecke hielt Zahn auch für die Landsberger Gruppe seinen Vortrag. Neben Bewegung und Ernährung ging es vor allem um die Möglichkeiten, die jeder hat, oder sich schaffen kann, wenn er nur will, erklärt Bienert. Und das gelte nicht nur für Menschen mit Prothesen oder anderen Einschränkungen. Weitere Infos auf www-pro-thesen-bewegung.de.

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Tag 134, Dienstag, 9.10., Runde bei Possenhofen/Starnberg

Regnet es oder nicht? Zur Vorsicht ziehe ich die Regenhose an. Schon zu lange ist sie wie ausgetrocknet. Und weil ich mich heute zu spät aus der Umklammerung der anderen „wichtigen“ Erledigungen löse, kann ich vermutlich nicht mehr unbedingt die geplante S-Bahnstation für die Rückfahrt zur Juhe erreichen. Meine Tagestour beginne ich am Schloss von Sissi, der ehemaligen Nachbarin der Jugendherberge!

Es ist zur Zeit eingerüstet. Ein großer gut gestalteter Park breitet sich zwischen der Straße und dem Strand aus. Viele Möglichkeiten gibt es, direkt ans Ufer zu gelangen.

Das erste, das ins Auge fällt, ist die Alpenkette. Dort hängen tiefe

Am Ufer des Starnberger Sees
Wolken aber es kommt auch nur dort deutlich helles Licht durch, das

die tieferen Nebelstreifen weiß erscheinen lässt vor den dunklen Gebirgszacken. Östlich hängt eine graue Regenwand bis in die Ebene und versteckt dort sämtliche Berge. Das helle Licht lässt die Seefläche glitzern, während über dem Vorland eine graue Wolkendecke schwebt, die das nicht so wirkungsvoll hinbekommt.

Ich finde eine Unmenge von Bildmotiven für die Lumixcamera. Zweige des Ufers, dicke Äste, Schilf, Bootstege, sie bieten viele Varianten. Mit dem Zoom kann ich die Berge zu mir heranrücken. Berge, bzw. Alpen versetzen, so geht das!

Mit dem iPhone sehe ich sie nur als fortgeschobenen Gesteinsstreifen, das bringt nichts. Aber durch meine Knipserei verliere ich noch mehr Wanderzeit. Also los, ich brauche Bewegung! Noch eine Rast, weil da ja eine Bank steht. Schon der Beginn des Verhungerns fühlt sich nicht gut an. Direkt vor der Wasserrettung. DLRG steht dran. Retten die nun Leben oder unser Wasser? Das kommt nun endlich auch von oben und kürzt meine Kau-Bewegung wieder ab, aber ich bin ja erstmal gerettet. Regengeschützt verziehe ich mich in die Wälder jenseits der Straße nach Starnberg.

Noch ein Schauer kommt, sonst überwiegen nur die Nieselschäuerchen. Der ebene Weg im hohen Wald, mit nassen braunen Buchenblättern belegt, bringt mir das gewohnt gute Laufgefühl. Er führt mich zu den südlichen Wohnstraßen von Starnberg. Das sind tolle Grundstücke und Hütten! Links dann den Berg hinauf, über die Bahngleise, auf die Höhe am Waldrand und zu einer bereitstehenden und sogar abgetrockneten Bank. Nicht vom Verkehrsamt, sondern weil sie schräg im Westwind steht.

Hier erst treffe ich die entgültige Entscheidung zu einer Runde. An der B2 hätte es schon noch einen außerörtlichen Weg gegeben. Doch der schöne Waldweg bekommt den Vorzug. Im kaum gelegentlichen Tröpfeln geht es wieder südlich.

Ich bin wieder im Ort, da regnet es wieder ordentlich, sozusagen „normal“. Den letzten Wegteil zur Juhe wird es so heftig, dass im Nu an der Jacke Zuflüsse zum Starnberger See entstehen. Der brausende Bach nebenan wirkt regelrecht begeistert. Aber noch kleckert er nicht. Auf dem Herbergshof suchen die Rinnsale gerade das Gossenloch. Im Zimmer findet zuerst eine Entfeuchtungsaktion statt. Morgen soll’s ja weitergehen. Zum letzten Quartier der Reise.

Km heute: Soll 12,5 Ist 9,5

Km gesamt: Soll 1675 Ist 1710,5

Tag 133, Montag, 8.10.12, Bei Raisting bis Andechs

Herbstnebel. Franziska und Winfried fahren mit mir 3 km aus dem Ort. Zum einen bin ich spät dran, zum anderen wollen sie ein kurzes Wegstück mitlaufen. In der Nähe der Ammer verabschieden wir uns – bis später, denn am Nachmittag fährt Winfried mein Gepäck nach Possenhofen; evtl. werde ich aufgelesen.

Die Nebelstimmung an der Ammer entlang gefällt mir. Nicht weit von hier ist die Mündung in den Ammersee. Der Nebel hält lange, etwa bis zwölf. Schon habe ich etwas Höhe am Talhang gewonnen. Während der ersten Rast am Waldrand löst sich alles auf. Beim Weitergehen gibt es rückwärtsschauend einen Blick auf den Ammersee.

Ein handgeschriebener Wegweiser nach Andechs sagte mir vorhin, dass es da einen Weg geben muss. Andererseits ist nämlich auf dem Garmin ein Weg-Strich wieder einmal unterbrochen dargestellt. Ich gehe trotzdem weiter und es wird in Wahrheit ein sehr schöner Waldweg, der sich in Windungen das ansteigende Gelände hochzieht. Mehrmals führt er zu großen Lichtungen, mit hohen Bäumen an den Waldrändern. Die Herbstfärbung beginnt und nun sind die noch grünen und die bereits verfärbten Blätter von der Sonne durchleutet.

Ein Kinderwagen kommt mir entgegen. Kurze Unterhaltung. Einige Bilder werden verschossen. Der Mann freut sich, als er ein Bild bekommt mit seinem frischen Nachwuchs.

Das letzte Stück Berg, auf die Erlinger Höhe, im Ort einen schmalen Pfad, dann kommt das Kloster Andechs in Sicht. Während ich dort eine Runde drehe, erreiche ich den 1700. Tourkilometer.

Wilfried und Franziska holen mich an der Bushaltestelle ab. Noch ein kurzes Stück und ich quartiere mich für zwei Tage in der Jugendherberge Possenhofen ein. Das Zweibettzimmer ist noch leer. Dann kommt Jan herein. Wir kommen sofort in interessante Gespräche.

Km heute: Soll 12,5 Ist 11

Km gesamt: Soll 1662,5 Ist 1701

Zuerst bin ich kühl eingenebelt

dann werde ich wieder angewärmt

Begegnung im Wald

Gemalte Weghinweise nach Andechs

Am Kloster Andechs habe ich die 1700-Kilometer-Marke geknackt

Ruhetag in Diessen, Sonntag, 7.10.12, In Weilheim und bei Raisting – BMAB – Bundesverband für M enschen mit Arm- oder Beinamputation

Wie ursprünglich eingeteilt, ist der heutige Sonntag ein Ruhetag, da ich erst spät von Dresden zurückkomme.

Die Freitagabend-Veranstaltung. Eine gute 6-Mann-Band. Ein Tanzmeister. Über zwei Stunden jiddische Tänze mit Prothese. Kaum zum Mitkommen. Zuerst langsam, dann immer schneller. Kreistänze, die sich in wechselnde Figuren auflösen, die keiner kannte und jeder schnell begriff. Keiner von uns allen wusste vorher, was auf ihn zukommt, aber fast jeder machte bis zum Schluss mit. Dann hatte ich nur fünf Stunden Schlaf, denn zum Joggen um 7 Uhr wollte ich auch mit. Ich ging halt langsam meine Strecke. 10 Uhr kam dann mein Vortrag.

Im Zug hatte ich Schmerzen an der Hüfte, weil ich auf der Hinfahrt bei dem unterhaltsamen Geschaukel des Zuges auf die Armlehne des Sitzes gestoßen wurde, gerade als ich mich setzen wollte. Da es heute zu deutlich zu spüren ist, fahre ich jetzt per Zug nach Weilheim in die Ambulanz. Ein dicker Bluterguss, in Auflösung begriffen. Als ich auf dem Rückweg in Raisting aussteige, beginnt längerer heftiger Regen. Laufen? Warten? Weil es zugleich auch abkühlt, besuche ich die Gaststätte, deren Licht bereits einladend herüberblinkt.

Für eine Runde ist noch Zeit. Sogar die Sonne scheint bereits auf den Höhen bei Erling. Der Turm der Klosterkirche Andechs ist gut zu sehen. Bald sind auch die Felder des breiten Ammertales von der Sonne erreicht. Doch weitere dunkle Wolkenbänke hängen am westlichen Himmel.

Gerade steige ich das letzte steile Wegstück im Ort hinauf, als ein Auto neben mir hält. Franziska nimmt mich den Rest mit, sie hat mich im Ort gesucht. Doch das Laufen fällt ihr noch sehr schwer. Ihr Mann Wilfried und die beiden Töchter Laura und Lina sind auch da. Auf einer riesigen weichen, wabernden Luftmatratze mit Berg- und Tal-Topografie unter einer warmen Decke lässt sich dann ideal von Wanderungen im hellen Sommerlicht träumen.

Km heute: Soll 0 Ist 6,5

Km gesamt: Soll 1650 Ist 1690

Wanderung auf der Bühne

Nachmittag bei Raisting

Tag 132, Mittwoch, 3.10.12, Mundraching bis Landsberg

Klar, dass man in einem Himmelbett am Erfolgreichsten verpennen kann! Als ich endlich Verdacht schöpfe, ist es 8:09. Müsste bereits JETZT das Müsli genießen. Halb Zehn wollen wir losfahren! Was ich jetzt mache, ähnelt beschleunigten Blitzen. Den Muntermacher stürze ich nur so runter, dass es mehr rauscht als schmeckt. Katzenwäsche. Gepäckstücke füllen und verschließen. Zwischenrein dachte ich mal, jetzt müsste der Wecker gleich klingeln. Ein Freund der Träume, wenn er es seinlässt.

Biene bringt Mitwanderer mit. Nimmt mein Gepäck zu sich. Fährt uns zum errechneten Startpunkt. Organisiert den Treffpunkt mit weiteren Mitläufern. Bereitet den speziellen Vortrag für heute abend vor. Franziska nimmt mein Gepäck zu sich, wärend ich in Dresden bin. So der Plan.

Als sie eintreffen, Biene mit Auto, Heinz mit C-Leg und Angelika mit Ohne, sowie die zwei Hunde, die Namen habe ich vergessen, gibt es eine ungewöhnliche Überraschung: Der Wirt erlässt dem Bundesverband sämtliche Kosten! „Passt schon“, lautet seine Rechnung. Einmalig! Herzlichen Dank! Gleich machen wir ein Foto vor der Wirtschaft und wir starten per Auto nach Mundraching.

Am Startpunkt ist Maisernte. Die Traktoren und Erntewagen wuseln um uns und stauben uns ein. Biene fährt weiter, bis zum späteren Treffpunkt mit uns.

Bald sind wir auf einem schmalen Pfad über dem Lech. Wir klettern oberhalb eines Hangrutsches und genießen die Aussicht hier oben. Dann gibt es einen Wurzelweg vom Feinsten wieder abwärts.

Die Rast an der Staustufe findet auf der Wiese statt. Der Weg ist inzwischen breit und ab Pitzling geraten wir direkt an den Inn. Mehr noch zwischen Ausflügler. Biking, Jogging, Family Spaziering. Sie strömen hier zur Teufelsküche. Die Veranda ist voll besetzt. Ob Biene schon hier ist? Nur wenig später kommt sie vom Parkplatz, als wir auf zwei Baumstümpfen sitzen.

Der Weg in diesem Bereich ist weiterhin übervölkert. Hier fehlen die Schülerlotsen für die Regelung des Ausflugsverkehrs. Feiertag, gutes Wetter, laue Luft und als Ausflugshighlight das Lokal Teufelsküche, und dann der Wildpark Landsberg. Rotwild zum Streicheln, Schwarzwild eingezäunt; die Frischlinge kämpfen begeistert um eine Einkaufstüte.

Dann sind wir in Landsberg. Baustelle überall. Unmengen von Einheits- Feiertäglern versammeln sich am breiten Wehr und sitzen vereint vor den Strasencafés. Sie erholen sich sitzend, während wir das wandernd getan haben. Ein Mitglied der Selbsthilfegruppe „Prothesenbewegung“ ruft Biene an, wir treffen sie und sind bald am Bräustüberl. Eine Menge Mitglieder ist gekommen, das Essen wird bestellt und der Vortrag, bestückt mit 50 aktuellen Bildern zwischen Spree und Lech, kann beginnen.

Km heute: Soll 12,5 Ist 13,5

Km gesamt: Soll 1650 Ist 1683,5

Wandertag mit der "Prothesen-Bewegung" Landsberg. Auch Heinz trägt ein C-Leg Der Lech vor einer der Staustufen Golden leuchten die Herbstblätter Heinz und Angelika bei der Baumstumpfrast Biene ist mit der Streifeneder-Prothese die letzten km auch dabei

Tag 131, Dienstag, 2.10.12, St. Leonhard bis Apfeldorf – BMAB – Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation

Von Forst aus geht es sogleich auf die Höhen. Immer so um die 700 bis 750 Höhenmeter. Schöne Aussichten auf die bereits entferntere Bergkette ergeben sich. Die schmale Straße verbindet einzeln liegende Höfe.

Der erste Gedanke an eine Rast macht mir bewusst, dass ich mich mit leeren Flaschen abschleppe. Am nächsten Hof bitte ich den Bauern um eine Abfüllung mit Wasser, zuerst mal nur die Flaschen. Wieder habe ich jemand vor mir, der nur knapp auf eine ärztlicherseits empfohlene Amputation „verzichten musste“. Ein weiterer befragter Professor behandelte ihn erfolgreicher. Nun fehlt zwar eine Ferse, doch er kann noch eingeschränkt das eigene Bein verwenden. Warum nur berichten mir so viele Leute, dass es Ihnen nach dem Besuch von Kliniken aufgrund von Diagnosen so grundlegend schlechter geht?

Der Weg hat jetzt nur Fahrspuren. Am gekrümmten Waldrand finde ich einen braunnadeligen Sitzplatz unter einem Hochstand. Die Sicht geht nach Süden. Der kühlere Wind ist durch die Bäume gut abgeschirmt. Die Sonne hat sich durchgesetzt. Im Tal vor mir steigt Holzrauch auf. Der Geruch würzt meine Mahlzeit. Geräusche von Waldarbeitern. Ein Traktor rattert hinter der Biegung heran. Ich ziehe die Füße ein. Ihn stolpern zu lassen wäre unfair. Die riesigen Räder sind im Nu vorbei.

Das vor mir liegende Hochtal wird immer flacher und breiter. Der Weg ist jetzt wiesiger. Die Gegend ist sehr einsam. Etwa zehn Kilometer liegen zwischen den beiden Autostraßen, die ich mit meinem Weg kreuze. Einem Reiterpaar begegne ich, das südlich abbiegt. Ich komme am Rohrmoos und Schwaigwaldmoos vorbei. Dann ist es wieder besiedelt. Die Maisernte kann ich hier gut beobachten. Nun ist Apfeldorf bald erreicht.

Noch eine Höhe überwinden. Der Hang des Lechtales führt mich hinunter, fast bis zum Lech, in den Goldenen Apfel. Meinen Rucksack lege ivh im Zimmer ab. Unten erwarte ich Besuch. Michaela Bienert, „Biene“, kommt, um Einzelheiten des morgigen Tages zu besprechen. Sie hat eine gute Idee: Beim Vortrag zeigen wir erstmalig Bilder der aktuellen Wanderung bis in die Gegenwart. Noch bis nach Mitternacht versende ich ihr eine spontane Auswahl.

Km heute: Soll 12,5 Ist 13

Km gesamt: Soll 1637,5 Ist 1670

Weg am Schwaigwaldmoos

Tag 130, Montag, 1.10.12, Oderding bis St. Leonhard in Forst

7:15 gehe ich hinaus in die frische Morgendämmerung. Nebel überlagert alles. Er prickelt im Gesicht. Mit der Prothese komme ich zuerst nicht zurecht. Sie bremst mich offenbar aus. Dreimal muss ich den richtigen Sitz probieren, bevor sie tadellos mitspielt.

Die gesamte Etappe 31 quert den Pfaffenwinkel. Dort stehen die Klöster so dicht, dass man sich durchzwängen muss. Das Gebiet dazwischen sieht parkähnlich aus, große Weideflächen, Baumgruppen oder Wälder. Natürliche Golfplätze. Östlich gehe ich am Peißenberg vorbei. Dann komme ich zum Südrand des Zellensees. Das Schilf überwuchert ihn, soweit ich sehe.

Ich entdecke den Hinweis „Eibenpfad“. Das interessiert mich. 1 km Runde durch den Eibenwald. Vorbildlich verhalten sich die Eiben, wenn sie umgestürzt sind. Sie geben nicht auf! Aus den vorhandenen Zweigen bilden sie neue Bäume aus.

Ab Paterzell geht es in einer steilen Klinge aufwärts. Ein Höhenzug, der offenbar mit dem Peißenberg zusammenhängt, muss bewältigt werden. Ein Weg geht am Hang in Richtung Schlitten in den Wald. Sehr schwül ist es hier. Seit drei Tagen schwitze ich das erstemal. Sogar die Weste ist zuviel.

Die Hänge kommen näher zusammen. Da sind Stufen mit Geländer, oben sind einige ausgebrochen. Manche sind extrem hoch für einen Schritt. Oder die Stützpfosten sind dahin. Haarscharf am Rand des Steilabbruchs sind die Geländerpfosten angebracht. Wenn die in die Tiefe gehen! Das sind etwa sieben Meter Kieshang bis zum Grund. Ich muss sehr konzentriert sein. Ich zähle die Stufen mit. Werden das Hundert? Zu überblicken ist der Anstieg nicht. Oben an Waldrand sind es dann 184.

Bei den Kühen steht eine 5-Minuten-Bank. Das iPhone im Blick schnauft es hinter mir. Schade, dass Kühe nicht reden können. Ihre Meinung würde mir viel bedeuten. Immer so friedfertig, freundlich und ausgeglichen! Wo findet man diese Wesensart in der Menschenwelt? Manche Leute gehörten eigentlich zu den Kühen – auf die Alm zum Antiagressionskurs.

Die Höhe weiter oben an der Straße ist unerwartet über 775 m. Am Eibenpfad unten waren es 630. Ein Stück jetzt noch an der Straße. In Forst an der Kreuzung suche ich die weiteren Meter meines Weges. Zwei andere Wanderer suchen ebenfalls ihren Weg. Sie wollen bis Bregenz kommen. Bevor ein Gespräch in Gang kommt, ruft es oberhalb. In der Tür des Wirtshauses, das im Navy wo anders angegeben ist, steht der Wirt. Er hat eine Fußamputation und ich bin gespannt auf die Unterhaltung.

Km heute: Soll 12.5 Ist 12,5

Km gesamt: Soll 1625 Ist 1657

Eine Stufe nach der anderen