Monatsarchiv: Juli 2013

Stuttgarter Waldwochenende

Nach Degerloch und zurück. 6. und 7. Juli 2013

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Als ich das Gartentörle erreiche trifft mich ungebremst die Sonne auf der Kopfhaut. Die Mütze! Oben liegt sie noch. Die Wanderung beginnt also gleich mal mit meinen 56 Lieblings-Stufen – wieder hinauf zur Dachwohnung.

P1180324Die lange Treppe

Ich halte mich in Richtung Fernsehturm, abseits der Verkehrsstraßen. Zwischen Gablenberg und Gaisburg gehen Stäffele hinauf. Viele Stufen. Mal steil, mal flacher, immer eng zwischen Gärten. Weite Blicke ins Neckarland Richtung Löwensteiner Berge. Ich steige P1180331langsam und gleichmäßig, so erreiche ich Stufe 250 am Beginn der Häuser. Wenn das geschafft ist, steigt es weiter an durch Buchwald und den Wald darüber. .

Heute vor sieben Jahren war mir der Sinn nicht nach unendlichen Stufen. Ich wurde im Klinikbett schäfchenzählend geschoben, in den OP! Erst in der P1180344Reha, mit der ersten Prothese, war das Treppensteigen wichtiges Tagesprogramm.

Am Waldspielplatz ist viel Betrieb. Es wimmelt von Kindern, die sich hier unbedenklich austoben können. Sie sammeln aber auch Waldmaterial zum Halsketten-Basteln, spielen geschickt Fußball oder sie klettern an P1180350netzbespannten Gerüsten. Für meine Rast ist doch noch eine Bank frei.

Die Wälder hier sind enorm weitläufig. Sie beginnen östlich am nahen Neckarhang und ich könnte sie nur mit wenigen Unterbrechungen durchlaufen bis in die Nähe des nordöstlichen Schwarzwaldes. Aber ich gehe nur einen südlichen Bogen nach Degerloch.

Die Sonne stört mich hier unter den Bäumen nicht, auch wenn es noch bis zur Ruhbank weiter ansteigt. Insgesamt waren es dann über ……. Höhenmeter. Vorbei am Rande des Ramsbachtales steuere ich die Stadtbahnhaltestelle an. Etwa hier will ich morgen weitergehen.

Besuch bei Rita

Am Sonntag bin ich auch erst 9 Uhr 30 am Startpunkt Paracelsusstraße. Zum Industriegebiet und von Westen her zum Ramsbachtal. Dort steht am Waldrand eine schattige Rastbank. Eine ältere Frau sitzt bereits; als dann P1180373ihr Mann eintrifft, haben wir trotzdem alle gut Platz und wechseln einige Worte.

Danach gehe ich südlich der gestrigen Strecke östlich zurück. Breite Waldwege, schmale Pfade, alles sehr schöne Wege. Ein verwachsener Weg, einige Brennnesseln biege ich relativ freundlich zur Seite, weiter hinten wird’s mir aber zu schlammig, ich finde einen besseren Weg. Interessante Waldlehrpfad-Tafeln stehen hier. An einem betafelten Urwaldmammutbaum komme ich mit einem Ehepaar ins Gespräch, denen plötzlich mein Bein Fragen aufwirft, mehr, als der P1180376seltene Baum. An einer Sternkreuzung sind wieder viele Familien. Spielen, Unterhalten, Grillen, Sonntag genießen. Ein Kind im Elektrorollstuhl steht etwas einsam am Rande.

So komme ich erneut zur Ruhbank. Nach einer weiteren Rast bin ich bald in Sillenbuch, bei Lisa. Etwa in meinem Alter, ebenfalls oberschenkelamputiert. Aber leider immer noch unsicher beim Laufen; es gibt so viele Widerstände! In der Stuttgarter Gruppe habe ich sie kennengelernt. Für heute haben wir ein Spiel vereinbart. Nach dem Kaffee und dem Kuchen auf der Terrasse.

Die Unterhaltung geht aber vorher auch bis zu Lisas Laufmöglichkeiten. Wir wurden uns einig, dass sie nur zwei Alternativen besitzt. Die weitaus bessere bedeutet, sie muss „raus“, die Stufen überwinden und mit Gehhilfen Bewegungsaufbau betreiben! Sie will das auch. Die Waldwege sind ganz nah. Mit Rollator die Stufen hinauf, das ist wohl viel schwerer.

Nach dem gelungenen Lauftest mit meinen Gehstützen ziehe ich den klappbaren Spielplan aus dem Rucksack. „Kurier nach Pasewalk“, eine Idee nach den Regeln des Kurierdienstes, den ich vier Jahre bis zur Amputation durchgezogen habe. Während des Jahres in über zwölf Kliniken war die Entwicklung der Spielregeln eine ideale Beschäftigung anstelle einer Problemgrübelei, dem in den Kliniken fast jeder verfallen ist. Auch 2007 hat mir die Herstellung der Deutschlandkarte und der über 400 Städtekärtchen gut weitergeholfen.

Diese Wanderrast heute ist mal was Besonderes. Eigentlich will ich danach noch mit der Stadtbahn zurück, laufe dann aber doch spontan noch vollständig bis nach Hause. Die abendliche Stimmung stimmt mich um. Wieder durch den Wald, diesmal die übersteile Gablenberger Hauptstraße hinunter. Es wird dunkel, als ich die Türe aufschließe.

Keine lange Wanderung, tolles Wochenendwetter, Frischluft und Bewegung, fern von den Autos, schöne Ziele, nahe und erreichbar, Freunde dabei. Alles leicht, einfach und preisgünstig zu haben! Viele haben es genutzt.

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