Monatsarchiv: Oktober 2013

Auf dem Parcours der Natur

2. Prothesencamp zum systematischen Aufbau der Beinbewegung vom 25.9. bis 30.9.2013 in Ruhpolding – ein Projekt des Bundesverbandes für Menschen mit Arm- oder Beinamputation e.V innerhalb der Aktion „Bewegung hilft“

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Anreisetag, 24.9.2013

Kurz vor 18 Uhr stehen wir alle zusammen auf dem Hof zwischen dem Bauernhaus und dem Neubau – sieben Teilnehmer des Prothesencamps. Elf sollten wir laut aktueller Anmeldung sein, vielleicht stecken die restlichen Teilnehmer irgendwo im Stau? Herr Alic, unser Hotelier, macht dann das geplante Gruppenbild. Von links nach rechts haben sich angeordnet Otto, Ludwig, Martina, Roland, Heidi, Judith, Jonas.P1190204

Die Begrüßung ist kurz, wir gehen gleich zum Speisesaal und danach gesättigt in die kleine, gemütliche Stube, um uns gegenseitig richtig vorzustellen; wir erzählen über unseren Werdegang, die Probleme und Erwartungen.

Kurz gesagt, geht es uns darum, aktiv und in Gemeinschaft etwas für unsere Beinbewegung zu tun. Sich aufbauen, in kleinen Schritten, bevor das Gegenteil eintritt. Sich also auch besser und länger wohlfühlen. MEHR Bewegung hilft!

Das Sanitätshaus Pohlig in Traunstein hat für uns den Labenbachhof in Ruhpolding reserviert, einem Freizeit- und Tagungshotel in fast 800 Meter Höhe inmitten herrlicher Landschaft, direkt an der Deutschen Alpenstraße.

P1190261Tag 1, Mittwoch, 25. September 2013

Morgens, gleich rund ums Haus, beginnen wir unser erstes Training: Der Parkplatz, die steile Zufahrt, ein steiniger Weg zum P1190306Rauschberg (aber nur bis zum Wald), der Weg hinunter zum Bach und zurück. Langsam, vorsichtig, so wie es jeder kann.

Später fahren wir hinunter nach Ruhpolding zum Minigolfplatz. Die Art der Bewegung verändert sich. Wir spielen dort Minigolf, Tischtennis und Boccia. Unter der gemütlichen Laube genießen wir die Pausen. Ein Spaziergang durch den Ort beschließt den Nachmittag.

Der Kegelabend bringt uns mehr Vergnügen als erwartet. Wir gehen bereits so locker miteinander um, als würden wir uns länger kennen. Die Beinbewegung nehmen wir hier so wenig wahr wie vorhin beispielsweise P1190351beim Tischtennis. Hier heißt es, richtig hinstellen, Kugel schwingen, möglichst einige Schritte, das Ziel im Auge haben. Ludwig und Heidi hatten noch nie zuvor gekegelt. Trotzdem gewinnen sie zwei unserer drei Spiele. Oder, Ludwig schießt einen Kranz, obwohl er einen Einser brauchte. Oder, Otto zieht uns rigoros davon. Was die vielen Pudel betrifft, waren Wir das oder die Kegelbahn?

Ein vielseitiger Tag, eine tolle Stimmung von Beginn an, unterschiedliche Anforderungen – was bringen uns die nächsten Tage?

P1190386Tag 2

Heute ist der Prothesentag im Sanitätshaus Pohlig in Traunstein. Vorträge, Werkstattführung, Ganganalyse und einiges mehr. Ein besonderes Highlight ist der Vortrag des Präsidenten des Bundesverbandes für Menschen mit Arm- oder Beinamputation e.V., Dieter Jüptner. P1190382Wir freuen uns, dass er und seine Frau am Abend noch mit uns gemeinsam im Labenbachhof sein können.

Tag 3

Der erste Blick aus dem Fenster: Oje! Das sieht feucht aus! Was wird aus der Trainingsrunde vor dem Haus, wenn niemand den Regen liebt? Heidi und Ludwig trainieren gut motiviert auf der überdachten Veranda des Hauseingangs, über die gesamte Hausbreite, hin und her.

Als wir am Parkplatz in der Nähe des Forsthauses Adlgass aussteigen, regnet es nicht. Judith und Jonas sind heute bei einem Termin zwecks prothetischer Versorgung im Sanitätshaus Pohlig. Wir fünf wandernP1190414 den Talweg hinauf. Ab einer Kehre wird es steiler. Heidi fällt es schwer, doch erst nach einer halben Stunde kehrt sie mit Ludwig um. Als wir drei nach weiteren 20 Minuten in den Regen geraten, tun P1190418wir das ebenfalls. Kapuze, Käppi, Rucksackhülle. Wir sehen jetzt wie eingetütet aus. Gegenüber dem ersten Tag haben wir damit aber doch unsere zusammenhängende Laufstrecke fast unmerklich erhöht. Rückblickend, bei unserem gestrigen Besuch in Traunstein, war eine Outdoorrunde geplant. Zu viert waren wir unterwegs, haben aber wegen des stärkeren Regens vorzeitig abgebrochen.

P1190421Während unserer Mittagsmahlzeit im Forsthaus strahlt draußen die Sonne. Na endlich! Aber – zu früh gefreut! Beim Eintreffen am Hof Maiergschwend fällt das geplante Asphaltstockschießen doch „ins Wasser“. Die „Stöcke“ gleiten nicht in Pfützen. Wir beschränken die Feuchtigkeit auf den Inhalt von Gläsern und Tassen. Die knusprigen Streusel auf dem Pflaumendatschi sind ein angenehm trockener Ausgleich zum Wetter.

P1190426Was noch regenbedingt ausfällt? Die Seilbahn zum Unternberg. Was heute nicht wolkenverhangen ist? Der große Gastraum in der Raffneralm, in der heute der Hüttenabend abläuft. Musi aus Quetsche und Schlagzeug, bayrische Sprüch‘, Songs und Jodler, die besten Schuhplattler der Gegend, fesche Dirndl – und Gamsbockköpf‘ an der Wand.

Tag 4

Ab dem Parkplatz am Mittersee starten wir zum nächsten Lauf. Ein schottriger Waldweg neben dem Uferhang, der nicht leicht zu laufen ist, hin und zurück. Wieder war diese Strecke für Heidi etwas länger als gestern, und auch anstrengender. Heute haben Martina, Otto und ichP1190477 wieder nicht genug und laufen zusätzlich etwas weiter. So entdecken wir eine breite Uferwiese am See, in dem sich die bewaldeten Berge spiegeln.

Nicht weit davon erreichen wir das Holzknechtmuseum. Es ist weitgehend unbekannt, wie extrem und schwierig das Arbeiten, Schlafen und Leben im Wald über die Zeiten gewesen ist. Sehr P1190517anschaulich dokumentiert.

Interessant für uns außerdem: der Weg entlang der Ausstellungswände, im EG und im ersten Stock, dann eine Runde im Außenbereich des Museums mit einigen Abstechern zu verschiedenen Holzbauten, bis zu dem eindrucksvollen Wasserrad – auch ein ausgewachsener Trainingsparcours, der einen zusätzlichen für heute überflüssig macht.

Ein Tag mit einer weiteren Leistungssteigerung, denn insgesamt verlief der Tag zwischen 10 und 15 Uhr ähnlich einer Halbtagswanderung, unterbrochen nur durch die Mittagsrast im Gasthof Seehaus.

Abends sitzen wir gemeinsam im Vortragssaal und betrachten meine Bildauswahl der Wanderung „Von der Spree bis zur Isar“. Die Aufgaben P1060684und Ziele des Bundesverbandes sind für die Teilnehmer bisher neu. Ich berichte im Vortrag „MEHR Bewegung hilft“ auch von den tollen Erlebnissen, Erkenntnissen und Vorteilen, die sich durch meine Wanderungen durch Deutschland einstellten.

Tag 5

Über uns eine Wolkendecke. Noch Regen heute gewünscht? Da kommt ein sehr guter Vorschlag: Gehen wir doch gleich auf den Rauschberg, noch vor dem Regen! Ein Anruf oben gibt schnell Auskunft: Sonne! Nix wie hin zur Talstation!

Inzwischen haben wir bei den Fahrten im Auto von Otto ein Schichtsystem auf der Rückbank entwickelt. Ludwig steigt links ein, ich rechts, und in der Mitte wird Martina noch schmaler als ehedem. Heidi, auf ihren reservierten Vordersitz, kam nie in diesen Genuss!

Zu fünft steigen wir in die Gondel. Judith und Jonas wollen irgend etwas anderes tun. Enorm steil und sehr ruhig steigt die Bergbahn durch die Wolkensuppe zwischen senkrechten Felswänden. Oben bietet sich eine sagenhafte Aussicht auf die Wolkenwatte, aus der wie dunkle, schwebende Inseln die bewaldeten Bergrücken und felsigen Gebirgsriesen herausragen. Da haben die Zwei aber das beste verpasst, falls sie nicht gerade auf dem Watz- oder Wutzmann stehen.

P1190663Wir teilen uns je nach Belieben auf. Heidi braucht nun sehr dringend ihren neuen Schaft, denn es ist schade, dass sie bei ihrer Lauflust derzeit noch ausgebremst ist. Sie und Ludwig bewegen sich in der Nähe des Rauschberghauses. Martina zieht es weiter weg über den Bergkamm, sie fühlt sich hier in ihrem Element. Otto und ich gehen P1190646mehr auf den näheren Kraxelpfaden umher. Die Felsen sind echt steinig hier. Wir beschließen spontan, noch länger hier oben zu bleiben, um nicht in das vermutlich eingenässte Wetter dort unten zu geraten.

Immer mehr kommt schwach die Sonne durch die obere Wolkenschicht. Auf der Veranda des Rauschberghauses lässt es sich eine Weile aushalten.

Doch noch vor 15 Uhr nehmen wir eine Gondel. Otto: „Können wir nicht jetzt noch auf den Moorerlebnispfad gehen?“ Jeder ist einverstanden, was sollen wir jetzt schon im Hof? Und Ottos Späße beim Laufen, da wird jede wunde Stelle zur Nebensache und da freut sich jeder Pickel! So machen wir noch eine Runde zwischen Birken, rötlichen Gräsern und Moorpfützen, ohne Regen. Und Heidi ist trotz allem auch jetzt wieder dabei, wenn es für sie auch nur knapp drei Kilometer sind.

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Tag 6 und unser Fazit

Unser Abschlusstag wurde gleich nach dem Frühstück und unserem gemeinsamen Rückblick sehr schnell beendet. Man wollte dann doch so flott als möglich heim kommen.

Unser Aufenthalt auf dem Labenbachhof stellt uns alle hoch zufrieden. Unsere amputierten Teilnehmer empfanden die Organisation des Camps als gut, das Miteinander-Sprechen in der Gemeinschaft, damit in der Gruppe eine bessere Motivation entsteht als wenn man nur alleine an sich arbeiten würde. Für Heidi und Jonas gingen die Anforderungen bis an ihre Grenzen, was aber von vornherein zum Aufbaukonzept gehört. Besser wäre eine größere Gruppenstärke gewesen, aber was soll man machen, wenn kurz vorher noch fünf Ausfälle eintreten.

Hoch anerkannt wurde auch die Bereitschaft der Firma Pohlig, diesen Tag in Traunstein so reichhaltig für uns zu gestalten. Insgesamt hat das Camp jedem etwas gebracht und uns allen gefallen. Die Entwicklungen der Laufleistungen waren für jeden unserer Teilnehmer spürbar. Schade, dass die Regentage einige Programmpunkte und damit auch das Training einschränkten. Trotzdem haben wir, wie  erwartet, stark von der Gruppendynamik profitiert. Die Stimmung war jederzeit großartig und keinesfalls verregnet! Zu hoffen bleibt also, dass jeder für sich die Anregung mitgenommen hat, MEHR Bewegung gezielt auch weiterhin in seinen Alltag einzubauen.

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