Monatsarchiv: Juni 2014

Wanderspirale W41, Bietigheim bis Pleidelsheim

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03-P1010512Auf gut Glück sitze ich in der S-Bahn. Ich hoffe, der Regen wird nicht zu stark und schwemmt mich nicht in den Graben. Ein weiterer Ausdauer-Lauftest ist nach den neuesten Änderungen am Schaft notwendig.

02-P1010491Bietigheim ist besuchenswert! Unten das schmale Mettertal, das dann in das Enztal mündet. Ein historisches, gepflegtes Stadtbild, geschmackvoll kombiniert mit der modernen Entwicklung sowie humor- und phantasievollen Skulpturen. Vom 04-P1010520Hillerplatz gehe ich die Hauptstraße hinunter. Am Marktplatz nutze ich in einer Eisdiele die Toilette und knöpfe dem „Eisbären“ dafür zwei Kugeln ab, Zimt und Malaga. Die Enzbrücke für Fußgänger ist schön bepflanzt und bietet noch ein Stück Stadtkulisse, im 05-P1010526Vordergrund steht eine „Sprühinsel im Fluss“. Bietigheim ist ein absoluter Höhepunkt meiner Tour.

Durch den nördlichen Vorort erreiche ich den Wald. An einem Garten versuche ich Hummeln zu fotografieren, vermutlich wird das wohl nix. Hinter mir 06-P1010550braut sich zwischen den stimmungsvollen Regenwolken eine blau-weiße Schönwetterstörung zusammen. Dann der Wald, ein enger Pfad, ein lang ansteigender schnurgerader Weg hinauf zum Lusthaus des Bietigheimer Forstes. Schon von weitem sehe ich den Pavillon und weiß, dort oben gibt’s Müslilust!

 

Ich entdecke eine Lichtung, eine Bank und habe eine Stunde Zeit. Sieben Wege treffen sich hier. Groß ist der Wald nicht. Dann ein Gartengrundstück am Waldrand. Die Johannisbeeren hängen reif und pflückbereit. Dem Gärtner mache ich ein Tomatenkompliment, die Pflanzen stehen zu mehreren Reihen so prachtvoll, nur die Tomaten sind noch unsichtbar. Aber er rückt kein einziges Träuble raus. Schielt nur verstohlen zur Prothese.

Die Straße ist überquert, ein weiterer Feldweg erlöst mich vom weiteren Asphalt. Hinter mir normalisieren sich wieder die Regenwolken. Ich sehe schon die Schauer niedergehen. Rechtzeitig richte ich alles. Das ist doch ein Kirschbaum. Ist was dran?

Dunkle, fast schwarze Kirschen. Die Probe mache ich bereits in der Regenjacke. Genehmigt! Es tröpfelt, stärker werdend. Heftiger, kühler Wind weht in die Zweige. Meine Vorkoster haben kleine Löchle gebohrt und mir den großen Rest übrig gelassen. Aber sehr systematisch gingen sie nicht vor, manche Zweige haben sie vergessen. Für mich eine unvergessliche Situation: Unter dem recht luftigen Baum im Regen und Wind Kirschen verkosten. Die Blätter über mir nehmen mir einige der wenigen Tropfen ab und ich finde genügend unverbohrte Früchte, sogar zum Sattwerden. Und dann – ist die Wolke schon vorbei.

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Der Wind verweht inzwischen die restlichen Fetzen und bald brennt die Sonne wie kurz vorher. Südlich von mir herrschte die ganze Zeit ein sonniges Parallelwetter, aber so war’s ja erst richtig interessant! Im Osten verzieht sich eine dunkelblaue Wolkenwand. Ich etwas langsamer hinterher.

09-P1010596Ich gelange in die Rebenregion des Neckars. Eine kurze Rast von 50 Minuten ist noch drin. Nun ist mir der Neckar wiedermal im Weg. Er verbiegt meine Richtung unerbittlich nach Süden. Die extremen Steilwege im Weinberg lasse ich lieber. Ein sanfterer geht auch. Über die Talaue und die Pleidelsheimer Brücke steuere ich die nächstbeste Bushaltestelle an.

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Morgen kommt Arbeit am Schaft und ich muss früh raus. Der heutige Testlauf diente vorwiegend genau dazu. Nun können wir besprechen, was noch geändert werden sollte.

Km heute:   10,3
Km gesamt:   538,0

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Wanderspirale W40, Oberriexingen bis Bietigheim

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Zweieinhalb Stunden genüsslich verpennt. Der Bus in Zuffenhausen zehn Minuten Verspätung. Doch der Anschluss klappt noch. So reicht es trotzdem zu einem sonnenüberströmten Tag. Jetzt im Schatten, es ist schon bald eins, eine verdiente Rast, denn die „Himmelsleiter“ hatte es soeben in sich!

2-P1010375Bei der Kirche ging es wieder weiter. Diesmal bekomme ich sie wieder sehr gut ins Bild, mit Morgenlicht. Zum Weg im Enztal muss ich halten. „Hallo Kollege net so schnell!“, ruft’s hinter mir. „Oh, da werde ich ja mal geschoben!“ Der Mann hinter mir schiebt einen Rollator vor sich her, so einen mit Mittelquerbrett. „Die Beine wären bei mir in Ordnung, aber…“ Klar, er muss auf sein Herz aufpassen. Am letzten Haus schiebt er zurück.

Ich kann es nachfühlen. Bin doch selbst meine allerersten drei kurzen Wanderungen ab 3. Oktober 2007 rollatorschiebend gelaufen. Dann ist er mir auf die Nerven gegangen, weil das spürbar ins Kreuz geht.

3-P1010386Wieder so eine herrliche Talaue und Romantik am Fluss. Kurz auf der Straße. An der Enzbrücke nach Unterriexingen geht links ein Pfad hinauf. Als Wanderweg. „Auf eigene Gefahr“, sagt mir ein Schild. Und wo bitte sind die vielen Schilder, wenn ich sonstwo durch die Natur gehe? Ich bemerke keinen Unterschied zu meinen übrigen Lieblingswegen. Nur, dass hier als Komfort ein Geländer installiert worden ist.

Eine blaue Libelle genießt auf einem Brombeerblatt ihr frisches Opfer. Sie duckt sich dichter darüber, als meinte sie, ein Konkurrent würde sich gern an einem Stück Insektensteak beteiligen wollen. Nach den Ranken zu 1-P1010410Beginn finde ich unter dichten Bäumen hohe Natursteinstufen, man muss sich am Geländer richtig hochziehen. Grob und ungleichmäßig behauene graue Felssteine, sehr hoch 5-P1010418machmal so ein Tritt. Stöcke, Laubreste, Geröllbrocken. Ob ich ohne Geländer da hoch wäre? Das fing doch erst unter den Bäumen an.

Eine Weile geht das so. Oben sind dann Gärten, mein Querweg und mein beschatteter Wiesenrastplatz. Bin grad wieder fertig, da marschiert einer stirnschweißtupfend an mir vorbei, ebenfalls von unten herauf. „Send Sie da nuff gloffe???“ „Ich geh‘ gern solche Wege!“ „Ja, toll, nur die Ranke, des isch nix!!!“ Glaub ich ihm, besitzt ja keine Gehhilfen. Eine Entrankungsaktion des Wegewarts des Albvereins wäre nicht unangebracht.

6-P1010427Bin jetzt auf den recht ebenen Feldern zwischen Enz und Metter. Malerisch, einsam und ruhig, der Weiler Egartenhof. Dann hält mich ein Radler an. „Hab‘ Sie vorhin scho g’seh'“ Er möchte jetzt öfters radeln, sein Rad ist neu und der Gewichtssituation gehört gegengesteuert. Er schien überrascht, dass Diabetis mit Übergewicht zusammenhängen kann und auf dieses wiederum manchmal auch Amputationen folgen. Wusste ich vorher aber auch nicht.

7-P1010444Und danach noch der sonnig-warme Wiesenweg an der Metter, die Bäume am Bach strahlen die Wärme zurück. Das Gras wurde gemäht, die trockenen Stoppelreste sind gut begehbar.

Nun ist es doch insgesamt recht kurz heute, aber ein nicht minder schöner Tag. Gleich nach der Metterbrücke schließe ich diese Tour an der nächstbesten Haltestelle ab.

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Km heute: Geplant 11,5    Ist 9,6
Km Gesamt: Geplant 507,5    Ist 527,7

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Wanderspirale W39, von Riet nach Oberriexingen

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Eine Talwanderung heute. Den Strudelbach runter ins Enztal. Die Enz abwärts. Gar nicht weit. Bissle arg früh! Sonntag, wenig Verbindungen in die schöne Strohgäupampa. Aber Sonne, ohne Strahlenbremse!

Der Radweg verläuft auf der rechten Talseite, also noch im Schatten. Die Sonne blitzt nur gelegentlich durch paar Zweige, überstrahlt aber die Talwiesen in einigem Abstand. Nur einmal erwischt sie mich 02-P1010254wenige Meter, als von rechts ein Einschnitt ins Tal sinkt. Etwas kühl noch. Das ändert sich.

Eine freundliche Gegend hier! Jeder Radfahrer und Jogger grüßt mich unaufgefordert mit einem „Guten Morgen“, oder ähnlich. In Malmsheim ist mir das kürzlich schon aufgefallen. Ansonsten, in oder um Stuttgart, ist dieses Verhalten der Allgemeinheit eine äußerst seltene Ausnahme. Da fange ich ja meist mit sowas an. Und nicht so selten kommt es vor, als würde ein kurzer Retourgruß als unzumutbare Anstrengung empfunden.

03-P1010261Am äußersten Rand von Enzweihingen geht ein getretener, versteckter Pfad am Berghang östlich. Er kommt dann zur Hochdorfer Straße und dort präsentiert sich Enzweihingen mit einem ursprünglichen und gepflegten Ortsbild. Am Bolzplatz kann ich wanderfrühstücken, die Sonne stört mich dabei keinesfalls.

Die Enzbrücke. Ein, zwei Fotos. Da kommen einige Ruderboote von Vaihingen herab. Die beiden Männer neben mir winken. „Das sind unsere“, erklärt mir der eine. Also Ruderclub. Die beiden fahren mit 04-P1010287den Autos „nebenher“ und erwarten die Boote an jeder Brücke. Ich 05-P1010297biete ihnen Bilder an, gebe auch die Karte weiter. aber die eigene Camera ist dabei. Wollen sich aber meine Bilder auf dem Blog anschauen. Das C-Leg in Aktion beeindruckt sie.

Die andere Brücke, extra für die Superschnellsten von uns, also IC, ICE, IRE, hat 14 mächtige Pfeiler und überspannt die gesamte Breite des Tales. Man erkennt daran recht gut, wie hoch hier das 06-P1010314Normalgelände über den Tälern liegt. Schräg unter der Bahntrasse ein Bild, das sieht gut aus und – schwupps, hängt mir einer quer vor der Linse!

An dem alten Hof kommen mir ältere Leute entgegen. „Das Wetter passt ja zum Sommeranfang“, meine ich zu ihnen. „Das ist aber gewagt, was Sie da machen“, meint die Frau. Ja, daß das mal so war, stimme ich fuffzigprozentig zu. „Wir gehen schon auf die 95 zu“, sagt sie bezüglich 07-P1010319meiner Wanderlustigkeit. „77, das ist ja noch jugendlich“, meint er.

Die Straße geht, jetzt ein krümeliger Fahrweg, immer weiter an der Enz entlang. Radler an Radler in allen Ausführungen, junge, alte, flotte, Schleicher, einzeln und in Herden, Baden-Württemberg radelt heute nur an der Enz! „Grüß Gott“, „Hallo“, „Gute Morge“, so geht’s hin und her. „..Utn-Orn“ – das war ein Schneller! „Moin“ – das habe ich von Detlef aufgeschnappt, funktioniert gut bei den Flotteren. „Gute Fahrt!“ ruf ich einmal hinterher, und zurück kommt „Gute Wanderung!“ „…sssss“ – das war der Schnellste mit zuviel Fahrtwind. Bald kam einer, da hörte ich „…..!“ – das heißt, garnix, Keine-Antwort-Adresse! Aha, ein Stuttgarter!

09-P1010344Am Steilhang hängt der Wald bis runter ans Ufer. Riesige Erlen ragen eng aneinander zur blitzelnden Sonne hinauf, wo ich einmal das Ufer direkt erreichen kann. Der Weg wird schmal, muss etwas steigen, ein Engpass, um so mehr Räder wollen hier gleichzeitig durch. Manchmal bleibe ich lieber mal stehen, damit die Jüngsten nicht in der Enz landen.

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Dann beginnen linkerhand die Gartengrundstücke, rechts ist Platz für zwei Bänke mit Tisch, zur Hälfte besetzt. Halb im Schatten der Uferbäume. Ich annektiere den Rest, weil ich jetzt gern pausiere. Die gegenüber sitzende Frau erzählt, dass ihr Mann amputiert gewesen ist, das aber schlecht verwinden konnte. Wie leider so oft!

Wenig weiter wimmelt es auf der geringen Wegbreite und im Fluss von verschiedenen Enten samt Kükelchen, einer Art „Entengänse“ mit rotem Kopf, zischenden Gänsen und Bisamratten. Soeben ist Fütterungsstunde am Uferzugang. Eine Frau versammelt alle um sich mit Möhren, Tomaten, Brötchen, wer weiß noch was. Clever, wie die Bisamratten bis zu den Fingern rankommen und mit beiden eigenen 10-P1010351Händen die Stücke festhalten und genüsslich nagen. Würde ihnen glatt zutrauen, auch mit kleinen Messerle und Gäbele zurechtzukommen! „So eine Gans tät‘ ich grad noch unter den Rucksack klemmen können“, störe ich die Idylle ziemlich geschmacklos. „Wäre nicht ratsam! Sind über 10 Jahre alt!“ Gute Antwort!

Und eine Theorie bildet sich bei mir. Es könnte doch sein, dass der Mensch von den Bisamratten abstammt. So gierig hinter den Happen her, das würde doch gut passen, wenn man die weitere Evolution berücksichtigt!

Am Wehr von Oberriexingen merke ich, dass ich schon bei der Bank den Hang hätte erklimmen müssen. Also gehe ich hier scharf links die erste Straße hinauf und erreiche auch so die geplante Hauffstraße. 11-P1010361Etwa bei der Kirche bin ich wieder unten, an der Bushaltestelle. Der Tag ist eigentlich noch viel länger, doch ich bin sehr froh, dass der Test mit dem Schaft heute so gut verlaufen ist. Dabei lass‘ ich’s heute.

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Eigentlich passt das mit der Hauffstraße sehr gut, eben gerade wegen des Bisamrattenumweges. Ihr könnt meine Theorie mit der Evolution, den Gabeln und den Messern ruhig unter „Hauff’s Märchen“ oder so einsortieren.

Km heute:    8,8
Km gesamt: Geplant 496    Ist 518,1

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Wanderspirale W38, Flacht bis Riet

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Haltestelle Flacht Sportplatz, mit Holzhütte überdacht. Ein paar Bissen und Schlucke, den Schaft, immer noch den neuen, besser angezogen, den Schutz für das C-Leg umgebunden, die Jacke griffbereit. Rucksack wieder hoch und die Wegaufzeichnung starten – da höre ich im Rücken das erwartete leise Rauschen. Schon ist die Straße nass, also gleich die Jacke mit Kapuze über und den Rucksack umhüllt.

Während ich losgehe, kann ich den Regen kaum spüren, er ist soeben – am Aufhören! Ein bissle tut er mir fast leid, er hat eine so extragroße Wolkendecke ausgebreitet und nun, alles umsonst?

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Auf der Höhe über Flacht breiten sich nun wellige Felder aus. Die Farben ändern sich von Tour zu Tour und immer mehr gelbe Töne kommen dazu. Der orangefarbene Anorak eines Morgengängers bildet einen guten Kontrast zu den vielen Grüntönen um ihn herum. Dieses Bild braucht für seine Wirkung keine Sonne. Die dunstige Stimmung auf den Hügeln strahlt eine große Ruhe aus, gerade durch die regnerische Witterung unterstützt. Die Luft weht sehr angenehm um mich und das tiefe Atmen nach dem ersten Anstieg tut sehr gut. Auch andere Leute sind schon unterwegs, ohne Rucksäcke, sie sind ja nur mal schnell ihre Runde drehen.

Irgendwo hier ist der Punkt, an dem ich die Hälfte meiner Spiral-Runde erreiche. Schon wieder die Hälfte! Und nicht müde marschiert davon! Gerade jetzt in den letzten acht Touren habe ich nach den vergangenen Ausfällen zuerst mehr Anstrengung gespürt, doch das ist gerade wegen der Anstrengung wieder vorbei und ich fühle mich deutlich weiter gekräftigt.

03-P1230347Auf der Höhe links vor mir breitet sich der Weissacher Porsche-Komplex zwischen den Hecken des Strohgäues aus. Wieder tief ins gleiche Tal hinunter. Weissach ist heute nur „Durchgangsstation ohne Halt“ für mich. Wenig Leben in den Straßen. Sind wohl wieder vor den WM-Mattscheiben oder noch müde davon. Sofort steigt es wieder an. Dort, wo die Aussicht nach Osten sehr schön ist, finde ich hinter dem gemähten Graben eine Holzbank. Senfhering unterm Apfelbaum ist angesagt. Das über den Zweigen ausgebreitete Grau bekommt hellere Flecken, bei meiner Hose, gelbe Senfsoße löffelnd, habe ich das verhindert.

Kaum ganz nach oben gestiegen, wo der Wald beginnt, wird die Straße schon wieder sehr abfällig, tief hinunter, nun mit Fahrverbot und festem Schotteruntergrund. Das geht viel tiefer als ich dachte. Hier bin ich im 04-P1230373letzten Jahr schon mal hoch gestiegen. Nach einigen weiteren Abfällen sehe ich auch das Quertal mit dem Wiesengrund. Dann das erste Sonnenbild heute.

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Am Waldrand rechts, über Wiesenwege weiter. Landschaft von der Pupille bis zum Horizont. Die wenigen Wolkenlücken zaubern wandernde Lichtflecken. Eine ganz andere Stimmung als vorhin. Dieses Gebiet mag ich besonders, einige Wälder, viele freie Blicke über die welligen Einkerbungen der Bachläufe. Wenige Kilometer von hier, in den Fünfzigerjahren, wohnte ich mal hier, dort drüben, in Hochdorf. Für viele ist die Gegend unbekannt aber ich finde, gleichwertig mit den schönsten Urlaubslandschaften.

06-P1230403Die Kirschen leuchten aus den Blätterschatten heraus. Der Boden geht sehr schräg runter, verwachsen mit Brennnesseln. Mit Prothese hat man da noch einen Vorteil. Man tritt rein und kommt einen Schritt näher ran. Jede Menge erreiche ich so. Sie sind hellrot, weich und wohlschmeckend.

Ein gemähter Wiesenteppich liegt bereit, bei einer Reihe Baumschülern, für meine nächste Rast. Dann muss ich kurz der Straße von Nußdorf nach Eberdingen folgen und dahinter geht’s nochmal etwas hoch auf die Felder. Am Wald sieht’s aus 07-P1230454als hörten hier alle Wege auf. Doch der gemähte Waldrand ist ein Grasweg; er biegt rechts scharf in den Waldhang ein. Scheint selten benutzt zu werden. Als der Niedrigwald beginnt, haben alle hier verfügbaren Ranken dichte Ränke gegen 08-P1230457mich geschmiedet. Den Weg von beiden Seiten her frisch zugerankt. Unübersehbar, wie weit die Brombeerhecken sich ihr Gebiet erobern, vermutlich bis hinunter zur Straße. Der letzte, der das längst gelbe Gras des noch erahnbaren Pfades mal niedertrat, war vor den Ranken hier.

Die langen Dornenarme wollen mich hier einbehalten. Da fragen sie nicht lange und vergreifen sich aggressiv an der Wäsche. Doch so, wie sie das problemlos händeln, trickse ich sie mit den Gehhilfen aus. Diese schaffen mir energisch eine breite Gasse; die Dornen verheddern sich an Zweigen, Kräutern oder gegenseitig. Nur noch über einige Schnecken balancierend kommt durch die letzten Zweige die Straße in Sicht.

09-P1230458Eine kleine Brücke über den Strudelbach. bringt mich auf den schönen Talweg drüben. Der Dorfplatz in Riet ist dann schnell erreicht. gut gegangen heute! Die Busfahrt, der IRE ab Vaihingen/Enz, schnell noch ins Fundbüro im Hauptbahnhof – ich habe sie wieder, die Lumix!

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Heute: 11,9 km
Gesamt: 509,3 km

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Änderung

Wegen Muskelzerrung zum Doc. Die W38 deshalb verschoben. Nach Arzt Bergtraining als Test mit neuem Schaft:

Start am Erwin-Schöttle-Platz zur Hasenbergsteige, auf den Birkenkopf und bis Vogelsang. 6,3 km.

Zweck: Zeit feststellen mit neuem Schaft am langen Anstieg. Sinnvoll für weitere Tourenplanung z. B. bei der Spirale.

Anstieg Hasenbergsteige (meistens steil): 12:46 bis 13:42 = 2,0 km in 56 min = 2,14 km/h

Ebene vor Birkenkopf: 13:54 bis 14:05 = 0,8 km in 11 min = 4,36 km/h

Anstieg Birkenkopf (nicht sehr steil): 14:05 bis 14:26 = 0,9 km in 21 min = 2,57 km/h

Abstieg bis Vogelsang: 15:02 bis 15:40 = 2,6 km in 38 min = 4,1 km/h

Gesamtstrecke bis Gipfel: 12:46 bis 14:26 (Minus 12 min Schaftwechsel) = 3,7 km in 100 min = 2,22 km/h

Gesamtstrecke bis Vogelsang: 12:46 bis 15:40 (Minus 48 min incl. Rast) = 6,37 km in 126 min reine Laufzeit = 3,03 km/h

Roland Zahn
0163 4895 613

Wanderspirale W37, Malmsheim bis Flacht, statt Weissach

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Zuerst zweimal nachts raus, schlecht einschlafen danach, das Wecken nach hinten schieben. Dann meine Unaufmerksamkeit in der S-Bahn, aber andere haben auch Probleme und zwar sehr einschneidende!

„Warum hast du immer die kurze Hose an!“ Ich erkläre es ihm. Eine typische Art Unterhaltung, heute früh an der Bushaltestelle. Jemand, den ich manchmal treffe, immer etwas depressiv wirkend, aber bei seiner Situation kein Wunder. Hüftgelenke und Knie sind neu, Herzinfarkt überstanden, offenbar arbeitsunfähig, 90% Schwerbehinderung, aber die Wertmarke für Busse und Bahnen wird abgelehnt. Sogar gerichtlich verloren hat er, versucht es weiter. Gut, die Kriterien kenne ich nicht. Aber: Der Vater warf sich vor den Zug; wenn er nun selbst kein Recht bekommt, will er es dem Vater nachmachen um Ruhe zu haben vor den Blockaden! So entwickeln sich die echten Problemfälle.

Er erzählt noch, eine Frau in der Nähe, eine Hand fehlt ihr, aber ihr Schwerbehinderten-Parkplatzschild wurde wieder abmontiert. Ihr Fall ist noch nicht schlimm genug? Da fällt mir sofort ein, die zweimalige Ablehnung des elektronischen Kniegelenks durch den MDK, das doch mehr Sicherheit vor Stürzen bietet, obwohl ich immer den Nachweis brachte, mich mit langen Wanderungen zu mobilisieren, was schon in der Reha dringend empfohlen wird.

Und sehr viele Unterhaltungen mit Zufallsbekanntschaften über sehr gute, aber auch schlimme Erfahrungen mit Ärzten, Kliniken, Ämtern, MDK und auch Krankenkassen. Oft sind es Fälle wie bei mir selbst – doch hier bremse ich mich lieber ab. Nicht immer wird im Zuge der Behandlung das Problem immer größer!

Ja, ich merke, ein echter Wanderbericht ist das noch nicht. Doch ich wandere nun mal mit und trotz Handicap und wundere mich immer wieder über solche Aussagen. Also nun zwischenrein mal was Supernettes!

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Den Anstieg aus Malmsheim habe ich hinter mir. Bin längst im Genießen des Wetters und des Waldes. Vor mir öffnet sich in einer Mulde eine große Waldwiese. Links stehen mehrere Bänke mit Tischen, ein dicker, langer Balken dicht am Weg. Eine empfehlenswerte Ecke ist das hier! Gegenüber öffnet sich ein Durchgang in eine kleine Lichtung des Waldes. Ein Zelt ist aufgebaut, ein Grillgestell ist dicht bestückt mit Fleisch. Mehrere Leute wollen dort offenbar einen Geburtstag feiern.

Den Duft will ich mitgenießen. Ich breite meine Sachen auf dem Balken aus, wo der Wind die Gerüche jedes Fleischbrockens durch die Baumlücke presst, direkt auf mich zu, trinke, beginne zu Kauen. Dort drüben das Gleiche. Ich winke rüber, wünsche Guten Appetiet, dasselbe zurück, esse weiter. Da steht plötzlich der Eine vor mir und hält mir lachend einen Bratspieß hin, vollgepackt mit großen knusprigen Fleischstücken. Meinen Drink oder meine Orange will er nicht. Muss sagen, ich lass‘ mir’s schmecken. War das jetzt nicht sowas wie ein Prothesenbonus?

Ich bedanke mich erfreut, gebe ihm meine Karte. Er ist aus Kasachstan und schon „ewig“ hier, Familie ebenfalls. „Sehr weit!“, sage ich. „Über fünfeinhalbtausend Kilometer!“ Oh, denke ich, das ist ja weniger, als meine Prothesenwanderungen. Wenn ich jetzt zielgerichtet gegangen wäre, läge Kasachstan längst hinter mir. Was für Bilder hätte ich dann…..

Bilder, das ist heute nicht möglich. Meine Camera blieb in der S-Bahn liegen. Rausgeholt zum Umhängen, Rucksack auf, liegengelassen, perfekt verschusselt! Am Montag telefoniere ich mit meinem Rest Hoffnung. Ein anderer S-Bahn-Fahrer gab mir die Nummer.

Aber daraus entsteht sofort ein Entschluss: Alle Rückschläge muss ich stets versuchen in Vorteile zu verwandeln. Das ist nichts Neues. Wer wusste denn vorher, dass mein verlorenes Bein solche enormen Entwicklungen ermöglicht? Ich meine, Verluste haben Wirkungen in Gehirngängen und Wunschbereichen. Vermutlich jeder hat kleine versteckte und zu verändernde Möglichkeiten, die in der Summe viel bedeuten können. Die Faktoren Zeit, Gewohnheiten, Fähigkeiten und Disziplin einzusetzen, zu verändern und zu gestalten, um unvermutet und besser sein eigenes Ziel zu erreichen. Und einiges zu den eigenen Möglichkeiten ist auch schon völlig klar.

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Gesättigt und besserer Dinge steige ich weiter durch den Wald. Schnurgeradeaus nördlich. Der Schaftrand macht sich heute vorwiegend beim Steigen bemerkbar, vorn, an der Kante, ist es zunehmend sehr eng.

Eine Schuppenwand im Wald am Rand von Perouse ist Anlehnhilfe. Zweimal probiere ich neu anzuziehen. Aber schon 100 Meter in Perouse drückt es eigentlich überall, auch heftig am Stumpfende. Schlepperei wird das. Wieso denn, auf einmal?! Die Brücke der A8 führt über das flache Tal, das sich von hier aus nach Flacht senkt. Ein halbwegs versteckter Kasten, dicht an den dicken Brückensockeln, muss jetzt helfen. Solange ich noch anlehne, kann ich den richtigen Sitz der Prothese nicht beurteilen. Fertig anziehen, Rucksack wieder hoch, los, immer wieder so. Erst jetzt stelle ich fest, es ist ok oder auch nicht. Diesmal wieder nicht.

Der Schaft benimmt sich seit 500 Metern, als wäre er ein verkapptes Folterwerkzeug, gekreuzt mit einem Schraubstock. Gestern Abend beim Einkaufen, das lief sich so wunderbar, dass ich mir sagte, bloß froh, dass das endlich klappt. Und auch heute früh war alles in Butter wie auf dem langen Weg bis Malmsheim. Rätsel über Rätsel!

So kann ich nicht gut laufen, geschweige denn die zweite Hälfte weiter wandern! Lange noch durch Flacht, nichts mehr mit verstecktem Umziehen. Ich kann mal wieder „hautnah“ nachfühlen, wie es vielen Oberschenkelamputierten täglich geht. An der Bus-Haltestelle Flacht Sportplatz gebe ich für heute auf.

Ein paar Bilder dieser Gegend finde ich sicher aus den Motiven, als ich letztes Jahr entgegengesetzt von Weissach nach Weil der Stadt gewandert bin.

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Heute: Geplant 14 km   Ist 7,1
Gesamt: Geplant 481 km   Ist 497,4

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Wanderspirale W36, Darmsheim bis Malmsheim

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12. Juni, 10 Uhr: Ein Testlauf mit dem provisorischen neuen Prothesenschaft. Von der Werkstatt in Hulb hinüber zum Fasanangarten (hier genau bin ich zuletzt mit Tabea gelaufen) für eine Runde über knapp vier Stunden. Wir haben dafür den linken Schaftrand noch etwas „erniedrigt“. Alles läuft nun wie geölt, geschmiert und nichts drückt bisher.

Danach frage ich: „Daniel, is was dagegen, wenn ich morgen meine W36 damit abspule?“ – „Nö, das geht!“ Eine Stumpfwanderung heute in doppeltem Sinne. Denn gestern abend dachte ich, es ginge nicht, wegen einiger Beanspruchungen am weiteren Tag. Doch mein Techniker empfiehlt, gewöhn‘ dich noch paar Tage dran. Heute ist es schon bald 10 Uhr, als ich den Rucksack aufschwinge. Erst ab Mittag los, da komme ich nicht weit.

Der Eichenberg, schon außerhalb von Darmsheim, besitzt oben ein Sportgelände. Vorne zugezäunt, aber von innen komme ich hinten 02-P1010123raus, direkt auf die schönsten Feldwege. Ideale Wandertemperatur, nicht zu heiß. Oft ergeben sich weite Ausblicke. Nach einer Weile kommt von links die erste Senke und einige Gebäude, die zu Döffingen gehören. Sollte ich den halben Tag nachher in Schafhausen abschließen, muss ich noch auf der Höhe bleiben. Malmsheim zu erreichen erscheint mir utopisch.

Eine Bank entdecke ich, versteckt im Lindenschatten. Über mir unfertiger Lindenblütentee. Rings um mich linde Lüftchen. Die Rohbau-Prothese lehnt neben mir. Der Liner wollte nur mal wieder etwas rutschen, aber da kam ihm ja diese Bank dazwischen. Gelinde gesagt, bisher alles ok!

03-P1010142Mit Prothese beim Wandern, da musst du manchmal spontan was erfinden. Das Wasser und der Waschlappen zur Stumpf- und Linerreinigung bei Schweiß stehen gemütlich zu Hause. Aber wozu habe ich Tee und wozu hat mein Hemd Zipfel? Im Tee ist ja, besonders bei meinem Tee, auch jede Menge Wasser enthalten. Die teebeträufelten Hemdzipfel lassen sich wunderbar um den Beinstumpf biegen, besonders wenn ich sitze, aber dazu habe ich ja die Bank! Und sind im Nu ist das Hemd dann wieder trocken, wegen der linden Lüftchen.

Ein Radfahrer hält an. „Wo ist hier der Bikershop?“ Im mapout finde ich es. “ Hier an der Gabelung rechts, der 2. Weg rechts, der 2. Weg links, zum Kreisverkehr…“, zeige ich ihm. Als ich dann den gleichen Weg weiter muss, merke ich, meine Beschreibung geht in der Realität in Schotter- Feld und Grasweg über, der hat diese Wege sicher nicht ernstgenommen und nahm vermutlich die Teerstraße und irrt durch die Gegend.

04-P101015205-P1010151Es geht ohne Schaftrutscherei weiter. Mit Tee gereinigt, spürbar flüssiger! Fünf Linden innerhalb eines Straßendreiecks. Ein „Grubstock“ ist hier aufgestellt. So eine Steinablage zeigt doch, wie das mal war ohne Bus, Bahn, Bike und PKW! Von den täglich ewig langen Wegen gab’s damals viele schöne Waden! Seit meine rechte hops ging, hat die linke das Doppelte zu tun! Was ich heute den Tag lang laufe, war damals oft nur die Hälfte.

06-P1010159Bienen summen um mich herum. Der Grund dafür sind die violetten Blüten am Wegrand. Die Wenninger Höfe liegen vor mir, schön eingewachsen in die Landschaft. Der Weg daneben wird wohl meiner sein, er schwingt sich hinauf zum Waldrand. Nach diesem Waldstück kürze ich querfeldein ab. Ein Kleefeld, recht mickrig und flach, dann noch über eine gekürzte Wiese, bis zu einer
dicken Linde an der Straße. Eine Linde, mal ohne Bank. Bei dem Hof da vorn müsste ich doch was zum Sitzen finden. Kurz darauf stehen drei Bauteile hinter Büschen auf dem Grundstück. Neben einer Grillstelle. An einem „Galgen“ kann man hier den Grillrost aufhängen. Bevor völlig umsonst mein Steakappetiet anschwillt, wird der Rest des Harzer Rollers genüsslich die Speiseröhre hinab gerollt. Die übrigen Stücke Krustenbrot dazu, einfach lecker bei einer Wanderrast.

07-P1010181Weiter, gut gesättigt am Hof vorbei. Die Seitenfront eines Stalles ist offen. So wie die Kühe da eng abgemessen liegen „dürfen“, macht das Warten auf die Milchabzapfung oder auf die Qualitätsverwurstung nicht besonders Spaß. Nirgends ein Plätzchen für mich zum Mitverdauen? Also weiter!

Aber wohin? Westlich vor mir liegt Schafhausen, nordwestlich Weil der Stadt, nördlich Malmsheim. Es ist zwar schon 18 Uhr, aber Feierabendstimmung kommt noch nicht auf. Keine Lust zum Aufhören, der Tag ist zu schön. Der Schaft macht immer noch recht freundlich mit. Ich halte mich nach Norden, nun doch zum ursprünglich geplanten Ziel.

Weiter oben steht kurzfristig nur die Fahrstraße zur Verfügung. Die B295 wird überquert. Waldrand rechts, viele Kiefern dabei, die Wildkirschen hinter Brennnesseln geschützt. Mehrmals klappern Reiterinnen vorbei. Links Felder, weite Sicht zum Würmtal bei Merklingen mit den dahinter liegenden letzten Hängen des östlichen Nordschwarzwaldes. Noch über eine letzte Kuppe winden sich meine Wege, dann fällt das Gelände ab.

08-P1010199An dieser Stelle nutze ich nochmal eine Bank. Abendaussicht und Abendmüsli. Ich habe ja meinen Schaft noch nicht vorgestellt. Jetzt noch im Rohbau, soll er nach den Ausdauer-Testläufen ein farbiges Outfit bekommen, ähnlich dem des alten Schaftes.

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Der Kirschbaum nebendran bleibt nicht unbeachtet. Bevor ich weiter gehe lange ich kräftig zu. Wunderbar würzige Wildkirschen frisch vom Stengel. Sehr farbenprächtig sieht es aus, wie sie dicht vor blauem Himmel hängen.

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Die S-Bahn fährt mir zwar davon, die Wartezeiten kann ich aber immer bereits nutzen mit Notizen zu Berichten. Das Wichtigste heute ist ganz klar: Der Testlauf war erfolgreicher als geplant.

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Heute: Geplant 12,5 km   Ist 12,9
Gesamt: Geplant 467,0 km   Ist 490,3

Wanderspirale W35, Holzgerlingen bis Darmsheim

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Alle S-Bahnen haben heute früh Verspätung. So war das ja nicht gedacht! Und unser Anschluss in Böblingen? Vereinbart mit Tabea ist, in Vaihingen zuzusteigen. Tabea ist die Enkelin meiner zweiten Ehehälfte, derzeit macht sie hier in der Gegend einige Besuche. Ich freue mich sehr, dass sie mal mitgehen will. Mit der Vorherverspäteten S-Bahn fahre ich überrechtzeitig auf den Bahnsteig in Vaihingen. Auch die U8 ist spät hier. So hat nun auch unser Start Verspätung, was nun aber weniger juckt.

 

2-P1000994Wir wandern auf Mauren zu. Der Weg senkt sich in die oberen Täler der Würm.
Die eindrucksvolle Allee der alten Maurener Straße, die hier nach 3-P1000998Altdorf hinaufsteigt, überqueren wir hinüber zum Waldrand. So schön wie die Morgensonne auch ist, endlich Schatten! Bis 32 Grad könnte es heute werden. Seit dem Start ist es ungewohnt überwärmt und es wärmt sich weiter ein. Die Sonne kümmert sich ernsthaft um gutes Wetter, konsultiert extra Portionen Saharawinde, und was tun wir? Stöhnen!

4-P1010010Nach dem ersten Waldstück ist es Zeit für eine Rast. Wir finden Tisch und Bank aus der Frühzeit des letzten Jahrtausends, stark angewittert und krumm. Aber angenehm! Für Tabea habe ich noch eine Otto-Bock-Tasse dabei, so eine, wo der C-Leg-Wanderer im Gebirge den Schweiß von der Stirn wischt. Sie nimmt sie gern mit und so können wir auch gleich was Rechtes drin anmischen.

Tabea erzählt von ihrem Architekturstudium, von dem Reiseplan auf unbestimmte Zeit nach Schottland. In zwei Wochen schon geht es los. Ich glaube, es ist eine gute Investition in ihre Zukunft. Für mich sind alle nordischen Länder Traumländer. Und das „Spiralland“ natürlich!

6-P1010014Der Ministrantenweg, ein buckliger Pfad im Schatten rechts neben der Straße, ist voller Spinnenfäden. Tabea läuft vor mir, alles bekommt nur sie ab. Am Waldende wollen wir auf die andere Seite wechseln. Der Begleitweg links neben der Straße ist aber wegen einer hohen Böschung „nicht erreichbar“. Wirklich nicht? „Wo kein Weg ist, machen wir uns einen“, murmle ich mir zu. Einfach das hohe Gras des Hanges runtertreten, so hat es Tabea eine gute Spur einfacher.

Gleich nach der A81-Unterführung müssen wir aber wieder hoch, nur höher und steiler, auf gemähtem und deshalb trockenerem und krümeligen Boden.

Wie das aussieht? Die Bilder von Tabea folgen hier.

Am Rande von Herdstelle entlang, nach der Sindelfingerallee und der
Bahnunterführung neben der A8, kommen wir auf den Kuhtorweg im Fasanenwald, meinem geeigneten Gelände für Trainingsläufe, wenn ich einen neuen Prothesenschaft auf Ausdauereignung teste. An einem Wegdreieck nutzen wir „meine Trainingsbank“ für unsere zweite Rast.

5-P1010029Ein Falter posiert vor uns auf dem Weg für ein Flügelporträt. Er dreht sIch extra so hin, wie es ihm und mir wohl recht ist. Nun knips schon, denkt er sicherlich! Und flattert sich dann zufrieden im Wald davon.

7-P1010045Da sind die Dagersheimer Sportplätze. Am Waldrand links erhoffen wir uns noch einige beschattete Wanderschritte. Der zuerst glatte Weg ist aber bald von so hohem Gras bewachsen, dass wir auf eine kürzlich gemähte Wiese ausweichen. Die Fahrspuren darauf führen zu einigen Scheunen. Dort lädt ein LKW gerade eine Fuhre Erde ab. Nördlich folgen wir der staubigen Zufahrt. Tabea hat einen guten Blick für Fotografie und für das Aufspüren von interessanten Bildmotiven. Gelbe Blüten stehen mitten zwischen den staubigen Gräsern. Ein unerwartetes Blumenbild! Hinter uns der LKW. Er will wieder zurück. Der Weg ist zu schmal, die Prothese etwas zu breit. Wir laufen noch beschleunigt zur Wegeinmündung, eine Hand winkt dankend zu uns herab.

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Zwischen den gelblicher werdenden Getreideähren stehen Unmengen roter Mohntupfen. Das sonnige Nachmittagslicht mit Hitzeglocke liegt darauf, eine farbenprächtige und körperlich spürbare Idylle. Doch ein Blick nach Westen genügt um zu wissen, es ändert sich bald.

Polizeikontrolle für Benutzer des landwirtschaftlichen Weges. „War ich jetzt zu schnell“, frage ich. Offenbar hatte ich gerade noch Glück. Und die Beamten kein Erfolgserlebnis mit mir. Kein angenehmer Polizeijob heute.

Tabea erkundet vorauskletternd, ob es über der Querstraßenböschung den erwarteten Weg auch gibt. Nochmal muss ich eine durch eintrocknende Gräser hinauf jonglieren.

Tabea-Bilder: Am Hang ohne Seil…..

Dann sind wir am Rand von Darmsheim. Nur noch wenige Straßen. „Wie weit ist es noch?“ „Schau mal nach vorn!“ Wir stehen schon fast vor der Bushaltestelle.

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Umsteigen am ZOB Sindelfingen. Hier erreichen uns die ersten schwarzen Wolkenfetzen und der blaue Himmel verzieht sich vor der letzten reinweißen Wolke. Fliegender Wechsel. Jemand macht noch schnell ein Foto von uns.

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Heute: Geplant 12 km   Ist 12,6
Gesamt: Geplant 454,5 km   Ist 477,4

Wanderspirale W34, Dettenhausen bis Holzgerlingen Nord

 

01-P100075161 Minuten vor Weggehen werde ich munter. Wieso denn klingelt der Wecker nicht? Egal, ich hab’s geschafft. Will ja nicht mein Wander-Rendezvous verpassen! Gundula steht wie vereinbart am Hauptbahnhof. Ich freue mich, dass sie wieder dabei ist.

1-P1000638Schnell ist der Waldweg erreicht. Die Sonne ist längst schon dabei uns mächtig einzuheizen heute. Die hohen Gräser glitzern im Gegenlicht. Gundula tippt sie an, weiße Fahnen wehen schnell davon. Von Beginn an ist sie wieder auf Entdeckertour. Es ist so als würde ihr keines der Naturgeheimnisse am Wege entgehen.

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Die achtblättrigen Sterne des Waldmeisters zum Beispiel, sie stehen niedrig im Waldschatten, sie sind zwar schon verblüht, aber ihre hoch ästhetische Konstruktion bleibt erhalten. Oh ja, Waldmeisterlimo, das wäre mal wieder was, muss mir mal einen Sirup organisieren. Buchenblätter fächern sich zum Licht hin, und die Zweige des Baumes sind im Prinzip wie die Adern der Blätter. Geräusche des Waldes, käfernde Käfer, ungenießbare 1-P1000754Esskastanienblätter, obdach- und schamlos umherflitzende Schnecken, alles wird entdeckt. Vor einer Garagenwand blüht eine Akelei, und es ist beeindruckend, welchen formal komplizierten Aufwand diese Pflanze für ihre Blütenfunktion eingesetzt hat.

Selten trifft man jemand, der so aufmerksam und verständnisvoll durch die Natur streift. Doch gerade dadurch wird klar, wie weit wir alle, selbst Teile der Natur, uns in unserem Denken und Händeln von ihr entfernt haben.

03-P1000653Nach dem ersten Wald kommen wir zu einer „Kleintierferienanlage“. Kurzfristig zutraulich, die Hühner. Der Pfau dagegen wirkt zurückhaltend, nicht so attraktiv wie sein Ruf und sein Rad schleppt er heute gefaltet, gleichgültig und schlapp, also sehr unfotogen, hinterher.

05-P1000710Nach dem grasigen und motivreichen Teil des Haubergweges biegen wir nach rechts zur Schaich runter. Ein Pfeil weist uns nach links in ein 06-P1000717dunkles, abfallendes Blättermeer. Dieser schmale Pfad durchs Gebüsch ist völlig zertreten. Alle Gleichgewichtstricks muss ich rausholen, damit meine Naturverbundenheit nicht ins Extrem 07-P1000720verfällt. Und als wir das Stück unten sind, läuft da wenige Meter daneben ein sauberer Pfad parallel daher. Ins Bett der Schaich müssen wir runterklettern. Hohe Wurzelstufen zuerst, umspülte Trittsteine nutzen, drüben dann ungerutscht wieder hinauf. Eine sehr unterhaltsames Erlebnis, diese Schaichbettepisode.

08-P1000727Sehr steil über eine Wiese hinauf zum Ortsrand von Weil im Schönbuch, hier ein sonniger, ebener Wiesenweg. Ein Unterstellplatz für gespaltenes Holz scheint uns schon zu erwarten. Meine Kohldampfnerven reagieren gerade sensibel. Holzscheite und Spaltklotz stehen bereit als schattige Sitzgelegenheiten. Gegenüber der sonnendurchströmte, vogelkonzertierende Wald, durch den wir bis hierher lange gewandert sind. Ab jetzt wird es aber anders.

09-P1000763Nach den Häusern ein zaunloses Grundstück mit einem Kirschbaum. Interessant, haben wir nicht vorhin erst über einen spürbaren Kirschmangel gesprochen? Viele Kirschen liegen bereits im Gras. Einige retten wir vor dem Absturz und führen sie einer sinnvolleren Verwertung zu.

Jetzt also ohne Wald, dafür aber viel wärmer. Die Folge: Schweiß am Beinstumpf. Dadurch rutscht der Liner ein wenig, mit ihm die Prothese. Das Bein wird länger, schnell muss eine Stütze her. Die Hilfe bei Rutsch Nr. 1: Ein wackliges Schild am Wegesrand, „Vorsicht Rollsplitt“. Es muss von Gundula gestützt werden, damit ich mich, ohne wie Split zu rollen, anlehnen kann, wenn ich die Prothese abnehme.

Neben der B464 kommen wir an einer Koppel vorbei, wir zählen 18 Pferde. Viel Platz haben sie hier. Sie scheinen sehr aufgeweckt in ihrer Gemeinschaft, frischem Gras und Bewegungsfreiheit. Gundula zückt ihren 10-P1000806Regen-Sonnen-Schirm in Pink. Pink der Schirm, Pink die Hülle, Pink die Kirschflecken auf der Zipphose! Stilistisch einwandfrei!

Schaft-Rutsch Nr. 2: An einem Spielplatz am Rande von Holzgerlingen kann ich mich jetzt sicherer anlehnen. Nun kann auch Gundula rutschen, denn eine Rutschbahn steht für sie bereit. Thematisch passend. Hinauf klettert sie. Ihren 11-P1000808„Bremsfallschirm“ in Pink hat sie dabei. Ich lasse zwar den Finger auf dem Auslöser, aber wie geölt ist sie mir fast aus dem Bild gerutscht.

Nun ist unser Ziel, die Bahnstation Nord, nicht mehr weit. Und nochmal:
Aller guten Rutsche sind drei. Diesmal finde ich Halt an der Rückfront eines Schuhcontainers. Diese Schaftrutscherei ist äußerst selten bei mir. Einerseits liegt es sicher an der heutigen Schwitzerei. Kurz vor dem Bahnsteig fährt die Schönbuchbahn langsam vorbei. Doch sie muss warten auf den Gegenzug. Und deshalb auch auf uns.

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15Uhr15 ist unser herrlicher Wandertag vorbei. Bevor die Wanderprothese vollends verloren gegangen ist.

 

Heute: Geplant 11,5 km   Ist 10,9
Gesamt: Geplant 442,5 km   Ist 464,8

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Wanderspirale W33, Schlaitdorf bis Dettenhausen, 3. Juni 2014

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Während ich morgens konzentriert alles richte, den Tee koche, Brot krümle, Müsli mische, Technik besafte, Spiralnudelsuppe genieße, Rucksack zubereite undsoweiter, löst sich draußen die Dunkelheit auf. Morgenlicht mag ich sehr, das Küchenlicht bleibt deshalb auch manchmal aus. Ich erlebe gern das beständige Hellerwerden ohne das Kunstlicht.

Der Blick aus dem Fenster über den unteren Dachziegeln. Blaugraue Wolkenbänke, an den Rändern rot über orange bis gelb, vor einem Himmel, ganz schwach gelblich, ein Pastellbild. Die Schäfchen sind aber riesig heute. Sie verformen sich zu einer Buckelschlange. Eine Wolkenturmseite über dem Hausdach da drüben sonnt sich bereits, der Morgen ist halt eine schöne Zeit! Jetzt spielt das iPhone die Weggehmelodie. Rucksack auf!

02-P1000531Zuerst am Rathaus vorbei wieder hinunter zu den Gärten, durch einen Apfelbaumhang, und hinüber zum Höllbach. Gegenüber ziehen sich Wiesen nach Altenrieth hinauf und rechterhand sind auch schon Häuser von Häslach zu erkennen. Die Wiesenhänge davor sind voller gelber und blauer Blüten und gleich hier vorn haben sich einige Mohnblüten wie „i-Dipfele“ hingestellt, wie dekoriert für ein schönes Landschaftsbild. 03-P1000538 04-P1000544Auf halbem Weg dort hinauf begegne ich zuerst einem einsamen Falter und danach einem Mann mit angeleintem Riesenschnauzer. So groß, schwarz und zottig wie er ist, hat er doch großen Respekt vor meiner Prothese, es knurrt aus ihm heraus und seine Schlappohren beben.

06-P1000553Ein gemütliches Gartengrund-stück, rote Blumen begrenzen die vordere Seite. Ein alter Traktor steht darin wie in einer Naturgarage, überdacht von den Zweigen eines Apfelbaumes und heckenumsäumt, und träumt sicherlich von mehr Bewegung! Das wäre doch ein Vergnügen, diesen Veteranen mal loszulassen und die gesamte Spiralrunde abzurattern. Ein Anhänger dran, paar Sitze für Schluckfreudige und ein Fässle Schönbuchbräu – wo ich doch gerade zum Schönbuch unterwegs bin.

05-P1000549Auf dieser rechten Seite also Gärten und Baumwiesen, links dagegen nur Feld. Ein fast einzelner Baum. Zufällig stehen geblieben? Weiter oben eine Neubausiedlung. Im Vergleich mit den meisten älteren Wohnhäusern sind sie hässlich, langweilig, viel zu dicht gestellt, noch völlig ohne Bäume und Sträucher. Der einzelne hier drüben würde auch nicht reichen. Nichts zum Wohlfühlen! Was gibt’s inzwischen bloß für Architekten!

Die letzten Häuser von Häslach. Ein alter Mann ruft mir Guten Morgen entgegen. „Das geht ganz gut…“, der übliche Gesprächsbeginn mit Blick auf mein schönes Bein. Er ist 84, aber auch immer unterwegs, im Garten und im Haus. Ich zeige ihm die gelaufene Spirale und unseren blauen Positionspunkt. Den Weg ins Tal beschreibt er mir genau und meint, ich solle ja aufpassen!

Das muss ich allerdings, denn der untere Waldhang hat es in sich. Ein steiler Pfad, aber trocken. Ohne die Gehhilfen wäre ich wohl längst auf der Talsohle – gerollt! Unten der Heilbrunnen, eine Quelle an der Bergkante. Sehr schöne Talwiesen. Auch gleich die Schaich mit ihren Windungen. Oder heißt es DER Schaich? Dann müsste ich schreiben, hier windet sich der Schaich. 07-P1000574

Ich muss etwas ändern, im Schuh. Ich habe innen die Ferse etwas zu stark erhöht, mit Karton, um flüssiger laufen zu können. Das Prothesenknie kommt aber etwas zu leicht nach vorn. An der Wegabzweigung nach Walddorf steht eine Grillstelle, bestückt mit altholzigen Bänken und Tischen. Zugeschnitzte Stöcke für meine Würstchen lehnen da an der Bank, aber höchstens eine Müsli-Orange könnte ich dranstecken. Das mit dem Schuh bekomme ich hin, es läuft sich wieder leichter.

Gerade breche ich nach meiner Müslimahlzeit auf, da trifft ein anderer Wanderer ein, der nun sein gut verdientes Vesper auspackt; bereits zwanzig Kilometer gelaufen, von Echterdingen her. Den Wert der ausgedehnten Strecken hat er für sich erkannt. Ich gebe ihm meine Karte, wäre schön, wenn ich ihn als Besucher meiner Berichte gewinne.

In den Teichen des Schaichtales quakt es fleißig. Die schwimmenden Inseln der Seerosen gibt es reichlich, sie bilden zusammenhängende Flächen. Doch nach dem dritten Teich juckt es immer mehr, an den 08-P1000604Ellenbogen, am Bein. Ich taufe für mich das Schaichtal um in „Muckeschlucht“.

Radfahrer sind unterwegs. Eine entgegenfahrende Frau grüßt freundlich. Zwei Wanderrentner sind so in ihre Diskussion vertieft, dass sie meinen Gruß gar nicht mitbekommen. Ich finde ja, dass Wandern nun gar nichts mit problembeladenen Themen zu tun haben sollte. Ein Radler hält an, er kommt aus meiner Richtung. „Habetsie ne Frau vorhin g’seh?, die wollt no ebissle die Frösch b’obachte“. Nur die eine, mit dem Fahrrad, sag ich. „Na, denn ischse wohl verlore gange, Fraue verpasse ja oft die richtige Richtung!“ Nu hat er’s auch gemerkt! 09-P1000615

Die Sonne wird schwächer, auch eine unzureichende Tröpfelei setzt kurzfristig ein. Kein Grund für die Mücken, ihren Summ- und Stechdienst zu unserer Erbauung einzustellen. Einfach nicht drum kümmern! An was andres denken! Da, eine Bank! Hab‘ ich nicht zufällig Hunger? Kurze Innenprüfung. Ja, ich kann’s ja mal probieren, wenn ich mal schnell wo reinbeiße. Wie üblich habe ich mit mehr als einem Biss Erfolg damit und lass mir’s wie gewohnt schmecken. Und es nützt! Die Juckerei ist vergessen und gesättigt bin ich außerdem.

Noch ein Anstieg aus dem Tal. Zuletzt ein Waldpfad, so steil, dass ich schon rutsche, wenn ich nur hinkucke. Die bewährten Antirutschstützen helfen mir mal wieder, nicht nach Schlaitdorf zurück wandern zu müssen. Richtig ins Schwitzen kommt man hier. Der Pfad mündet in einem Dettenhausener Gartenweg, wo die Sonne neuerlich prallt. Über paar Straßen und Stufen bin ich wieder unten, direkt am Wartehäuschen der Buslinie Tübingen Leinfelden. „Hallo wie geht’s?“ Der Typ, der fragt, sitzt neben einer – Sprudelflasche, unglaublich! „Mal schauen, wann mein Bus geht“. „Da isch grad oiner weggfahre“, und er zeigt entgegen der Tübinger Richtung. „Na klasse, da geh‘ ich halt zum Zug!“

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Dettenhausen besitzt nämlich das Privileg, direkt am Ende der Schönbuchbahn erbaut worden zu sein. Jede halbe Stunde Anschluss zur weiten Welt! Zwei Minuten nach dem Hinsetzen im vordersten Wagenabteil geht’s schon los, nach Böblingen.

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Heute: Geplant 11,5 km   Ist 13,0
Gesamt: Geplant 431 km   Ist 453,9

Wanderspirale W32, Oberboihingen bis Schlaitdorf, 31. Mai 2014

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Es ist schon toll, da gehst du raus und hast einen frischen, klaren, uniblauen Himmel über dir. Einen langen Sonnentag vor dir. Viele schlafen sich noch unter der uniblauen Bettdecke an diesem Frischluft-Morgengenuss vorbei. Und wenn dann später Wölkchen und Wolken heran spazieren, wird dir noch etwas Schatten geliefert, nachher, auf dem Höhenweg, wenn die Bäume fehlen, wird das ganz sinnvoll sein.

Also, kurz gesagt, ich fühle mich mal wieder sauwohl! – Heute ist der Neckar meine Leitlinie. Zuerst fließt er rechts. Eine Brücke in Nürtingen wird überquert. Dann erreiche ich einen besonders schönen Höhenweg am Talrand. Nürtingen ist der Ort, wo wir uns monatlich treffen, unsere Selbsthilfegruppe Mittlerer Neckar, um uns auszutauschen und viel zu unternehmen. Schaut doch mal auf neckarampu.de .

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Da stand es vorhin sogar groß über alle Scheiben eines Busses zu lesen, beim Umsteigen in Nürtingen: „Ab in den Bus zum Genuss“! Jetzt hab ich’s schriftlich!

03-P1000396Gleich bin ich am Ortsrand und erreiche eine riesige Talwiese. Ein Grasweg schlängelt sich hinüber zum Neckar, der sich aber hinter dichten Büschen 02-P1000410und Uferbäumen verdeckt hält. Zwischen Blättern und dunklem Holz blinzelt er blau herauf. Weiße 04-P1000425Dolden ordnen sich kontrastreich vor dem dunklen Blättersaum an. Noch vorgestern war von Holunder die Rede, heute steht die passende Erläuterung am Wegrand. So komme ich auch durch das kleine Stück 05-P1000428Auwald, was auf der anderen Schrifttafel beschrieben ist.

Am Neckarsteg neben dem Steinenberg wechsle ich hinüber. Am Rande des Freibades und der Bebauung, schon im Grünen, steht mal wieder die ideale Bank. Schaftwechsel- und Appetietbedürfnis nach 2,5 Stunden. Noch ist’s mir beim Sitzen kühl im Rücken, unter den Bäumen. Bald aber erwarte ich den Anstieg zum Galgenberg.

Die erwarteten Wölkchen sind schon am Segeln. Zwei davon beobachten, wie sich unter ihnen schlanke Pappeln wie im Reihentanz wiegen mit angedeuteten Verneigungen. Aber dass mir Wolkenschatten geliefert wird, wo ich ja noch unterm Baum sitze, ist stark übertriebener Service.

Ist gar nicht so schlimm, der Galgenberg. Erstens ist der Galgen längst verschrottet, zweitens steigt er nur kurz steil, dann länger recht bequem unsteil. An einer Gabelung stehen und sitzen acht Jugendliche, reichhaltig mit Einzelflaschen und Sechserpacks ausgerüstet, mitten auf dem Weg. Flaschen fest umgriffen! „Habt ihr nur Tee oder auch was Richtiges?“, frage ich (ohne meinen Tee zu erwähnen). Der eine hat gleich kapiert: „Wolln Sie eins?“ Ich grinse zurück. „Danke, bin sehr gut ausgerüstet“.

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Lang ziehen sich die Wege dahin. Abwechslung gibt es genug. Rotlilapink blüht es am Feldrand. Erdbeerfelder, eine Prüfung bestätigt das. Spargelgebirge, die hatten aber sehr lange Lineale für diese Furchen. Und Roggenfelder, oder ist es Gerste? Konnte ich noch nie auseinanderhalten. Sagen wir halt Roggengerste, dann ist schon was Richtiges dabei. Aber die Grannen, das habe ich mir gemerkt!

Links unten das Neckartal, und dahinter die blaue Mauer der Alb. Ich wandere hier wie auf einer Aussichtsplattform. Von den Kaiserbergen bis hinter die Achalm, alles deutlich zu sehen. Das Gebiet davor ist stark gegliedert in Wälder, Orte, Felder in vielen Farbtönen, mal von breiten Wolken schattiert, mal freundlich besonnt.

06-P10004881979 schrieb der Zweckverband Filderwasser-versorgung anlässlich seines 75-jährigen Bestehens einen Wettbewerb zur Gestaltung einer Jubiläumsbroschüre aus. Gemeinsam mit
Grafikerkollegen für Illustration und Fotografie gestalteten wir einen Entwurf. Naja, wir 2-P1000522bekamen den Zuschlag. Ich habe hier mal einen kleinen Ausschnitt einer 07-P1000494Grafik dieses Vorganges. Von meinem Weg aus sehe ich die Gebäude im Neckartal. Links das Brunnenhaus, rechts das Wasserwerk (kleines Bild, oben). Ab hier wird Neckarwasser hinauf in die Fildergemeinden und nach Stuttgart in die Wasserhähne geschoben.

1-P1000527Eine Bank mit Hohenneuffen-Blick. Ich wechsle danach auf einen ungeteerten Parallelweg, der oberhalb Neckartailfingens westlich weiter geht. Die Kirche mit ihrem schiefen Turm sehe ich hier sehr gut, habe sie früher mal skizziert, mit Bleistift. Und weiter vorn, an der Lutherlinde, sieht man, dass auch viele andere diese Wege hier oben gern genießen.

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09-P1000497Nach der Brücke über die B312
benutze ich den Weg neben der Straße mit dem (vergeblichen) Versuch, den Bus 17Uhr04 zu bekommen. Mit einer Runde am Südrand von Schlaitdorf kürze ich die Zeit bis zum letzten Bus 18Uhr46 ab. In Rathausnähe, noch in den Wiesen und Gärten, steht ein  11-P1000511irgendwie bequemer Holzstoß neben Beerensträuchern, Rosenbüschen und Rhabarberstauden. Kurze Abschlußrast mit Blaubeerkuchen und einen ganzen Tag Vorfreude!

Der letzte von drei heutigen Bussen bringt mich zur S-Bahn nach Bernhausen. Ein langer durchgeschwitzter Tag, Sonne bis zuletzt, gut ausgenutzt. Erst 20Uhr40 bin ich zu Hause.

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Heute: Geplant 13,5 km   Ist 15,2
Gesamt: Geplant 419,5 km   Ist 440,9

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