Monatsarchiv: März 2015

Highlight H3.3 – Großingersheim bis Besigheim

01-P1060507Dritte Verschiebung der Wanderspirale. Heute Störungen im Betriebsablauf, 15 Minuten Verspätung. Busanschluß klappt nicht. Heute also wieder die Neckaralternative. S-Bahn auch 08-P1100202verspätet. Abmarsch 8 Uhr.

Inzwischen sitze ich schon wieder, weil sich der Liner wieder zu sehr von der Erdanziehungskraft beeindrucken lässt. Erst ein Km nach dem Start. Der „Sitz“ ist ein Betonblock neben einer Scheune unterhalb des Römerhofes. Auch ziehe ich hier die kurze Hose an wegen der linden Lüfte. Am Prothesenfuß ändere ich die Höhe am Vorfuß. Visitenkarten vorn in die Socke. Es hilft wenig, das Knie gibt weiter wenig Halt.

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03-P1060478Neckarabwärts, linksseitig. Unterhalb des Schlosses Kleiningersheim entlang, Wiesenwege am Wasser, rechtsseitig poltert das Schotterwerk vor sich hin und zu mir herüber, aber bald ist wieder Ruhe.

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Ein Pfad im Wald, gegenüber Mundelsheim. Zwei Frauen wandern mir entgegen, ich lass mal wieder ein Bild machen. Ein Ehepaar kommt ebenfalls daher, wandert auch regelmäßig. Wild geht’s hier zu. Unter Baumstämmen durchklettern, über die schlammige Nässe eines kleinen Baches klettern, die Kröten nicht erschrecken, vorbei an Cillablüten, Stützpunkte zum Absichern suchen, wo der schmale Weg fast zu schräg abgetreten ist, und die störrigen 07-P1060495Buschzweige mir in den Weg ragen. Denn vier Meter tiefer, aber nur ein bis zwei Meter weiter rechts, schaukeln schon die Uferwellen um harte Steinbrocken. Einmal muss ich mich an fingerdicken Stängeln festhalten, nur so zur Sicherheit. Ja, im Walde wachsen halt keine anderen Geländer!

Die schräge Prallhang-Wildnis des Naturschutzgebietes wird abgelöst, wie kann’s anders sein, von Weinbau. Der erste Zitronenfalter beflattert den warmen Uferweg. Auf einer blauen Bank am Schreyerhof gibt’s was Gutes und verdiente Pause. Ein Pfauenauge beobachtet mich beim Kauen. Ob er wohl Erdnüsse mag?

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Ich merke am Display, dass vorhin die Wegaufzeichnung ausgesetzt hatte. Doch das messe ich nachher genau nach an den eingetragenen Karten-Wanderrouten, genau so, wie auch an den eigenen Aufzeichnungen vorher und danach. Man sieht auf dem Kartenbild das Teilstück und seine Länge. Die roten Linien sind meine Wege.

 

Dort vorn wird eine flacher Ebene umflossen, hier noch nördlich, gleich wieder südlich, und wieder nach Norden und noch einmal. Als wolle der Neckar diese Gegend richtig auskosten. Eine der stillsten und schönsten Teile des mittleren Neckars zwischen Horb und Gundelsheim. Geradezu DAS Highlight, meine heutige Route!

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Ich umlaufe diesen Landfinger. Wer hat hier schon was verloren. Angler, Hundespazierer, Gärtlebesitzer, Landwirtschaftler, Wanderschaftler, Prothesenschaftler. Nichts für Leute, die abkürzen wollen. Ein schöner Umweg! Hier scheint sogar wieder die Erdanziehungskraft besonders zuzunehmen. Denn schon wieder gerät der Liner vertikal in Bewegung. Nicht sehr hilfreich! Nicht mehr Luxusliner!

Auf die andere Seite nüber, durch Hessigheim. Über die Radfahrerbrücke wieder rüber. Bei dem Anglerheim steht auf der zugänglichen Veranda ein 11-P1060516schmales Bänkle für mich bereit, ein Holztisch dahinter. Vor dem Neckar ist für die Angler noch ein See vorhanden. Auf dem Fahrweg ist inzwischen Betrieb. Viele Leute genießen jetzt diesen Nachmittag. Mich begeistern immer wieder die wie abgeschliffen wirkenden steilen Hänge mit den vielen Mauern des ruhig neben mir fließenden Landschaftsgestalters.

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10-P1060511Besigheim steht im Gegenlicht vor mir. Schneller als erwartet bin ich näher gekommen. Ich übersteige noch den Bergsporn, auf dem die alte Stadt steht. Auf der Neckarbrücke entdecke ich meinen rechten Fuß in der Abendsonne.

Km heute: 13,7     Km gesamt: 125,4     Km/h: 2,21

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Highlight H3.2 – Unteres Neckartal – Marbach bis Pleidelsheim

08-P1100202Ilsfeld ist samstagvormittags nur zu erreichen, wenn man schon freitags startet. Also wieder eine Spiralverschiebung.

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Die Neckarwege zwischen Marbach und Wendlingen habe ich bisher seit dem ersten Prothesenwandertag gelegentlich belaufen. Heute also ab Marbach abwärts. Wetter: Kühl, aber gut. Kaum geht es hinunter, spüre ich das Rutschen des Liners; die Prothese wird länger. Unter dem Steg ziehe ich Liner und Schaft neu an, trinke etwas und gehe dann am Uferweg weiter. In der Innenkurve beginnt ein Damm, bis zur Benninger Brücke. Von hier aus sehe ich am Hang gegenüber einen Weg durch den Weinberg ansteigen. Hinüber, hinauf.

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05-P1060423Es scheint, als sei die Hochnebeldecke am Schwächeln. Garantiert,unmittelbar an der Oberkante wird es himmelblau! Aber wozu brauche ich Sonne zum Fotografieren, wenn mir solche Motive geboten werden. Die Bewegung der Wellen. Weinstöcke in der Tanzschule und einen Baum, der einen Saurier imitiert. Und oben, als das gebrochene Licht bereits kräftiger durchdringt, eine Stimmung über den Gärten und Mäuerchen, über dem ganzen Tal, die es eben bei vollem Licht nicht geben kann.

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06-P1060429Kurz vor dem Wald will ich abbiegen, um ein Stück auf halber Höhe zu gehen. Da blinkt mich durch die Hecke ein weißer Gartenstuhl an, unbesetzt, neben einer Feuerstelle mit abgesägten Stammstücken zum Sitzen. Der Stuhl verwandelt sich beim Näherkommen in ein Gartensofa, allerdings noch ungepolstert. Aber ich bin jetzt nicht überzimperlich und drücke mal ein Auge zu und den Po in die weichen Kissen meiner Phantasie.

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Einige Scheinübungen der Sonne, ohne dabei zuviel Wärme zu verschwenden, sind als helle Flecken zu beobachten. Gut abgefüllt und mit leicht erleichtertem Rucksack wandert es sich nicht schwieriger. Auch geht’s von nun an bergab. Bis zur Freiberger Brücke heißt der Neckarweg „Krautlose“. Der Hochnebel ist inzwischen wieder eine dicke kühle Wolkenpampe.

Die lange, gebogene Insel gibt es wegen des Neckarkanals. Während der „Altneckar“ um zwei Ecken fließt, kürzt der höher liegende Kanal die Talschleife ab. Eine weite Fläche mit Feldwegen für die vielen Freiberger oder Gemmrigheimer Hundehalter. Die Jacke muss gut geschlossen bleiben. Der Ostwind konnte sich heute für nichts erwärmen. So wird meine Wiesenrast eine zugige Sache. Also flott weiter. Die Wettervorhersage gestern schien besser als die Sonne heute.

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Am alten Neckar wuchern riesige Brombeerheckengebirge, hoch, tief, breit, igelig. Nur an einer Stelle komme 1-P1060450ich zum Uferrand. Alles sieht wild aus und nach Hochwasserspuren. Weiter zum Baggersee im Naturschutzgebiet „Pleidelsheimer Wiesental“. Dort wurde etwas Wunderbares erreicht. Gegen die Pläne des Zuschüttens von See und Altneckar, gegen einen weiteren Kanal sowie gegen ein riesiges Brückenbauwerk.

1-P1060455Jetzt leben und brüten dort, fern vom Lärm in relativer Einsamkeit, auf hohen Bäumen, einer schmalen Insel, z. B. Enten, Reiher und Kormorane (siehe auch Bilderkiste).

Km heute: 12,5
Km Highlights gesamt: 111,7

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Highlight H3.1 Neckarabwärts ab Marbach

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Hbf.: Bahnstart zur Spiralwanderung S7: „7:02 Osterburken Zug fällt heute aus“ Mein Umsteigen zum Bus wäre in Kirchheim/Neckar. Bahnauskunft: „Mit der S-Bahn 5 bis Bietigheim, die geht in fünf Minuten, dort kriegen Sie den Zug!“.

Doch dort ist er vor zwei Minuten abgefahren! Klasse, die Bahn! Ab jetzt wäre Ilsfeld erst mittags erreichbar. Was tun? Nur den halben Weg laufen und danach Taxi in die Pampa bestellen? Nun sitze ich halbbequem auf Bruchholz, 06-P1060354direkt am Ufer der Enz. Die Sonne wird inzwischen halbverschleiert, die Temperatur ist aber schon erträglich gegenüber der frostigen Hände, vorhin in den Morgenschatten.

08-P1100202Ich dachte mir, jetzt bin ich bereits am richtigen Ort für den Start eines halb geplanten, mehrteiligen Highlights. Einfach mal den Neckar runter bis… -Jetzt bin ich zwar bis Besigheim an der Enz, aber dorthin auch von Marbach aus zu kommen, kein Problem und besonders schön! Probieren!

05-P1060349Kurz entschlossen ist halb verdrossen! Doch noch fließen fast zehn Kilometer Enz vor mir her, bevor sie sich mit dem Neckar zusammentut. Zuerst durch die Parkanlage mit Blick auf Bissingen, ab dort ein Stück auf der Spirallinie 04-P1060348meiner fünften Runde in Bietigheim entlang, dann links ab auf diese große Talaue, zu Füßen der letzten Häuser und der Weinberge dort hinten, über nasse, kurzgestutzte Wiesen.

Aber vorhin, mein Start. Ein kurzer Abstieg zum Tal. Wie in eine Kühlkammer! Drüben, hinter der Enz, bestahlte die Sonne die Wiesen vor Bissingen. Hier ist links der kühle Fluss und rechts die schattigen senkrechten 02-P1060334Talwände. Ein kurzer geologischer Pfad über die Schichtstufenlandschaft Baden-Württembergs. Da sehe ich auf der Karte die Gründe, warum es an den Keuperhängen und unter dem Albtrauf so garantiert rutscht.

03-P1060342Und etwa hier, kurz vor dem imposanten Viadukt der Bahnlinie nach Karlsruhe, da konnte ich den nächsten Tausenderschritt meiner Wanderprothesen verbuchen in meiner Sammlung. Sieben solcher Schritte 07-P1060364sind getan, sind da auch zehn möglich? Probieren!

 

Jetzt weiter, der Bahnlinie und der Enz entlang, schön dazwischen. Wald und offene Flächen wechseln. Die steilen Weinbergterrassen haben gemeine Stufen, prothetisch gesehen. Noch ist nichts Grünes drin im Gelände. Die gekappten Weidenstümpfe am Ufer treiben längst mächtig lange, orangene Ruten nach oben und gehören zu 08-P1060383den ersten frühlingshaften Farbgestaltern der Landschaft. Aber dass es auch Weiden-Kindergärten gibt, wusste ich bisher noch nicht.

09-P1060372Besigheim ist bereits in Sicht. Eindrucksvoll, diese alte Stadtkulisse. Ebenso meine Schuhe seit vorhin. Da bin ich durch einen feinkrümeligen Maulwurfshügel auf dem Wiesenweg geschoben. Wandereroutfit! Die Mooskissenreinigung vorhin hatte wenig Erfolg. Die zweite Rast ist mittelunbequem. Die untersten Steinstufen so einer Weinberg-„Himmelsleiter“.

11-P1060391Besigheim, malerisch und intelligent zwischen Enz und Neckar aufgebaut.
Die Bebauung ist schräg und steil über die beiden Hänge gezogen. Die Front des Rathauses geht über in eine ungewöhnlich hohe Mauer. So wird der steile Enzhang in voller Höhe genutzt. Die obere Brüstung und die Stufen an dieser Wand vermitteln interessante Ausblicke. Schade, dass im Moment die Sonne zugedeckt ist. Einige Bilder von Besigheim stelle ich in die neue Seite Bilderkiste: Wenn sich gute Bildmotive eines Ortes zu sehr „drängeln“, sind sie ein Fall für die Bilderkiste. Dann belasten sie nicht den Bericht.

12-P1060398Bei der 6. Spiralrunden-Querung bin ich bei der Enzmündung. Deutlich erkennt man das unterschiedliche Wasser. Hinter Walheim, finde ich endlich eine hochurgemütliche Rastgelegenheit. Gleich darauf kann ich rechts unter 13-P1060400den Gleisen durch. Von meiner Bank aus bemerke ich eine Gestalt, die unbeweglich den Wegeweiser spielt. „Da geht’s lang!“. Der Himmel ist längst zugegraut, die Lüfte angekühlt, der Weg aber schon weit abgewandert.

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Ein Tag mit Änderungen. Zuerst fiel der Zug nach Kirchheim aus, dann fuhr er mir als Zugabe weg, na, dann lauf‘ ich eben hin, nach Kirchheim! Und die Entfernung hat ja auch gepasst. Die dadurch ebenfalls verpasste Spiraltour ist das nächstemal sicher unverpasst – fahrplanmäßig!

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Km H3.1 heute: 14,1/Km/h 2,29
Km Highlights gesamt: 99,2

Spirale S6 – Fortsetzung – Bönnigheim bis Ilsfeld

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Noch ist es morgens beim Start gut, die Jacke zu schließen. Nachher wird sie mir zu viel sein, bei ungewohnten 13 Grad. Wetter vom Zug aus: super!

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      Bönnigheim, Haltestelle Burgermühle, die Fortsetzung des verkorksten Versuches am 20. Februar, als mich die Entzündung wieder zurück zwang. Inzwischen ist alles wieder ok. Der Weg geht weiter nach Osten. Eine alte Allee, mit dicken Stämmen begrenzt, führt auf der Höhe neben dem Wiesental direkt zum Schloss Hohenstein. Sieht gut aus, wenn man von hier herankommt. Doch von unten sieht man die massigen Neubauten, direkt daneben. Meine Diagnose: Geschmacksverkümmerung!

Noch vor Kirchheim/Neckar mache ich kurze Rast. Mühsam kommt ein alter Mann näher. Er lehnt sich an die Rückseite der Bank. 91 Jahre alt ist er und leidet unter Makuladegeneration. Aber er möchte trotzdem noch lange nicht auf die kurzen Ausflüge verzichten. Er sagt, nicht mal die Gesichter der Gesprächspartner könne er mehr erkennen.

4-P1060302Nach der Neckarbrücke biege ich ab in die nördlichen Weinbergwege. Die Wärme setzt ein. Meine erste Entkleidungsübung des Jahres wird erprobt. Die äußere Jacke.

5-P1060307Ich finde einen Weg hinunter zur nächsten Neckarschleife, um den Uferpfad zu verfolgen. Ein sehr steiler Waldpfad, abbrechende Holzstützen einfacher Stufen. Überall sprießen kräftige Blätter durch das welke Vorjahreslaub. Unten am 6-P1060311Neckar nur ein Trampelpfad. Die Anlagen des Kraftwerkes Neckarwestheim sind bis an das Ufer gebaut. Dicke Betonpfeiler sind in den Wanderweg gerammt. Eine Sprechanlage. Also. ich möchte hier nicht klingeln, sonst verlangen die noch Autobahnmaut von mir. Den steilen Hang lerne ich nun auch aufwärts noch einmal kennen.

An einem Kartoffelhof finde ich drei gestapelte Autoreifen. Ein unterhaltsamer Wackelsitz. Wackeln beeinflusst nicht den Geschmack oder wäre hungerreduzierend. Es gibt wieder mal Sardinen. Vom Öl gieße ich etwas raus, für die Bodenbakterchen. Ein grau-schwarz melierter Hund schleicht erwartungsvoll, aber in vorsichtigem Abstand, vor mir herum. Ich weiß, er hat gewisse wurstförmige Gedanken. Dann schleckt er eben das Öl auf. Pfui Appetiet!

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Neckarwestheim liegt am Hang. Endlich bin ich durch und oben. An der Wegkreuzung öffnet sich der Blick zu den nächsten Höhen. Eine Frau mit Hund bestätigt mir den Bewegungsvorteil durch den Vierbeiner. Auch dass sie diese Aktivität künftig ohne ihn weitermachen würde.

Nebenbei steht Tisch und Bank. Das Müsli will ich nicht wieder zurück transportieren. Mit Aussicht schmeckts zwar nicht besser als es dies schon tut, aber man kann es sich ja genusssteigernd einbilden. Jetzt dürften’s noch vier Kilometer sein, bis Ilsfeld. Etwas kühl weht mir hier oben der Wind in den Rücken und die dünne Wolkenschicht lässt nur noch wenig Sonnenstrahlung durch.

9-P10603268-P1060321Eine malerische Senke, ganz hinten kuckt die Kuppe des Wunnensteins recht neugierig über den Wald. Hohe Pappeln stehen am Bachlauf, ein Reiter genießt die Landschaft ebenso wie ich, mal trippelnd, mal Galopp, nur mit einem enorm größeren Radius. Wenig später sehe ich ihn schon ganz hinten am Waldrand. Der blaue Himmel im Osten ist jetzt hier und es wird mir nochmal richtig eingeheizt, mit Unterstützung der letzten Steigung.

 

Nach dieser Höhe gehe ich hinunter zum Bus. Der11-P1210896 nach Kirchheim fährt heute nicht. Mit Glück erreiche ich den einzigen, der mich hier noch entführen kann. Nach Heilbronn, die Gegenrichtung! Doch egal, alle Züge fahren nach Stuttgart!

Km des Versuches am 29.2.15: 1,00
Km heute: 15,2
Km S6 gesamt: 16,2
Km Spirale 15 gesamt: 81,7
Km Prothesenwanderungen seit 3.10.2007 gesamt: 6998,1

H2.2 – Vom Osten nach Marbach

08-P1100202Heute, am 25.2.15, bin ich unterwegs für Ausdauer und flüssiges Laufen auf ebenen Wegen am Neckar entlang, wirklich flüssig wie der Neckar selbst. Wichtig dafür finde ich das sehr gute Abrollen des Prothesenfußes. Wäre ich schneller, könnte ich den Tag anders planen!

Dieser Marsch ist der letzte der Testläufe mit dem LiNX System. Am Freitag werden die Prothesen wieder getauscht. Eine erhöhte Schnelligkeit hat sich während der vergangenen Touren schon angedeutet. Heute will ich es genauer wissen, nicht nur auf kurzen Strecken, sondern auch über eine gesamte Tageslänge.

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Zu Hause, hier im Osten Stuttgarts, ist noch alles dunkel. Verhaltenes Schnarchen hinter den schwarzen Scheiben. 5:54 Uhr beginnt ein langer Tag. Wo muss ich heute abbrechen? Wenn nicht, erreiche ich mein vielleicht zu hoch gestecktes Ziel, den Marbacher Bahnhof.

Nicht leicht ist es im Park der Villa Berg. Dunkle Wege, die Schritte tasten nach unten zu den Berger Bädern. Im leichten Dämmern noch den Rosensteinhügel überlaufen. Bei der Wilhelma wird es langsam hell.

Alles habe ich genau geplant. Essen, Pausen, Extrastopps zum Trinken, aber nicht das Drehen der Prothese. Siebenmal muss ich das heute richten.

01-P1060281Bei Münster die erste Rast. Weiter auf dem westlichen Neckardamm. Dann die erste große Flußschleife. Die Steilhänge unterhalb von Mönchberg. Die zweite Rast bei der Landungsbrücke Fellbach. 12 km bisher. Kaum dort gestartet beginnt die Entzündung mit den ersten Andeutungen von Unmut.

03-P1060283Den Schaft ziehe ich hier so an, das die Kante irgendwie daran vorbeidrückt. Nach 100 Metern spüre ich nix mehr. Mal sehen. Bei der Endstation Remseck der U14 ist die Hälfte erreicht, 15,7 km. Kaum weiter, fängt der Druck wieder an. Irgendwie drücke und drehe ich es wieder zurecht. Nach der Rast 3 bei Hochberg beginnt ein langes Teilstück, etwa 7 km, doch sehr schön ist der Weg im nächsten Neckarbogen. Das streckt sich jetzt schon ordentlich. Trotzdem, meine Rastpausen bleiben alle unter 20 und die Trinkstopps unter 10 Minuten.

Was kann passieren bei ungewohnten Entfernungen oder Anstrengungen. Die Muskeln von Radprofis oder Marathonisten, das hört man, werden übersäuert, ein Krampf kann in das Bein fahren. Aus ist’s! Mineralienverluste!

04-P1060284Mann, was habe ich heute früh schon geschwitzt beim Einlaufen! Irgendwann ist auch mal die Energie verbraucht oder die Gelenke fressen sich fest – nee, das glaub‘ ich wieder nich! Aber die gewohnten Sportlerprodukte habe ich dabei. Der Kopf bleibt damit frei, um auch die gefräßige Arbeit des Neckars zu bewundern, der mit einer unendlichen Geduld Berghänge angefressen, weggespült oder gegenüber wieder verkrümelt hat.

05-P1060286Rast 4 bei Neckarweihingen. Noch strahlt die Sonne schräg auf den Ort, der sich hinter dem Fluss breitmacht. Nochmal über 6 km werden gefordert, wenn ich bei der S-Bahn Anhalter spielen möchte. Es abenddämmert. Langsam merke ich die Beine. Beim Kraftwerk liegt ein schmales Baumstämmchen an der Hangböschung. Ein Sitz! Er wackelt beim Belasten. Bitte nur kurz was trinken. Den Rest der Mineralien halbiere ich für hier und nochmal da vorne. Weiter! Es wird dunkel!

Nochmal drei km, oder vier? Die Lichter drüben beobachte ich. Der zuerst gerade Weg krümmt sich nach links. Die Marbacher Schleuse, die Altstadt. Der Halbmond wirft mir meinen Schatten vor die Füße. Im Dunkeln schemenhaft die Lehne einer Bank vor den schaukelnden Reflexen. Der Rest von allem Trinkbaren ist jetzt dran. So langsam entsteht ein deutliches Bahnhofsbedürfnis.

Inzwischen versuche ich jetzt nur noch zu schauen, was erkenne ich als nächstes. Also mein Restinteresse heute. Quer taucht die Bahnbrücke auf. Kurz vor dem Neckarsteg schaue ich auf’s MapOut. Genau 30,0.

06-P1060287Noch zur Stadt rüber, die steile Brücke, der Trampelpfad zur Fußgängerampel, der Anstieg, die Gleise des Bahndammes in Kopfhöhe. 20Uhr10 die Treppe zur Unterführung. Zufriedener Start zum Bett.

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Das Highlight 2 ist abgeschlossen. Es hat mir interessante Erkenntnisse gebracht, auch Geduld erfordert, doch gute, nachweisbare Ergebnisse trotz der Ausfallzeiten. Geholfen haben dabei die MapOut-Aufzeichnungen der Laufzeiten, Routen und Entfernungen. Im letzten Jahr ergab sich die Zahl von 2,27 km/h für meinen Durchschnitt der reinen Laufzeiten von 78 Tagestouren. Und die Tests mit LiNX ergeben Laufzeiten, in der Spitze deutlich über 3,00 km/h. Mein aktueller LiNX-Schnitt durch die drei Testwanderungen mit verbesserter Einstellung beträgt 2,77 km/h. Mal rechnen: Das sind 22 Prozent! Alleine dieser 10,5-Stunden-Lauf nach Marbach ergab den Schnitt von 2,94.

Highlight-km heute: 31,2 (Galileo 30,5)
Highlight-km gesamt: 85,1

H2.1 – Ein Innovationstest mit dem LiNX System – Februar 2015

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Eine neue Prothesen-entwicklung soll uns Oberschenkel-amputierten die Bewegung erleichtern helfen. „LiNX“ System – Einheit von Knie und Fuß. Weltweit in dieser Form das erste. Ende Januar 2015 ruft mich mein Orthopädie-Techniker an mit dem Angebot der Firma Endolite, dieses System als Erster unter den Stumpf zu schnallen und zu testen. Ein echtes Highlight, oder nicht?

Sofort sage ich zu, denn eine Knie-Neubeantragung ist fällig. Das Testen verschiedener Modelle ist eh geplant. Und dann bin ich auch schon, am 7. Februar, im Werkstattgang und -hof am wackligen Probieren.

07-P1060244Danach schauen wir, Frau U., Herr B., Herr M. und ich wie es sich im Gelände läuft. Der mir bekannte Pfad steigt leicht an, das braune Laub schaut kaum noch unter der Schneedecke hervor. Es geht mir ums Spüren, läuft diese Prothese anders mit mir? Spontan müssen meine Gehstöcke in horizontale Ruhestellung. Ein ungewohntes Gefühl kommt vom Boden herauf, so als wäre meine Fußsohle breiter, die Fußspitze gab sicheren Halt, irgendwie sehr zuverlässig.

Die Widerstände gleich vorweg: Eine zweiwöchige, grippale Erkältungszeit begann am Tag nach der Übernahme; wiederkehrende Entzündungen an meiner Sitzfläche lösten das ab. Das Ergebnis waren anfangs kurze und generell auch seltene Tests.

09-P1060263Am nächsten Tag beginne ich neugierigst die Übungen. Bald geht’s steil hinauf. Oben beginnt der Wald. Auf dem belaubten, mit Stöcken, Zweigen und Löchern ausgestatteten Weg ins nächste Tal ist wieder dieses angenehme Auftrittsgefühl. Doch was stimmt hier trotzdem nicht? Ich verliere mein erforderliches Zutrauen, kehre um, lege mich gleich ins Bett und beginne lange Schlafzeiten. Erst am vierten Tag, bereits knickrig im Bein, erwacht mein Widerstand gegen diese falsche Entwicklung.

Raus jetzt! Was einkaufen! Dann zurück ins Bett. Nächster Tag: Kein Durchhalten zu spüren, beim Aufbautraining im Schloßgarten, also zurück ins Bett. So geht’s aber nicht weiter!

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Erst zwischen dem 12. und dem 16. Februar führte ich eine Mischung aus Matratzen- und Waldluft-Therapie durch. Das heißt, viermal ausschlafen, raus in die Wälder, auf und ab über Treppen, Laub und Asphalt. Zwischen zwei und sieben Km. Immer sofort zurück ins Bett. Das hat gewirkt!

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Bei diesen kurzen Ausflüchten lernte ich auch die Tücken einer provisorischen Einstellung kennen. Aufwärts ging’s noch am besten. Ebene Wege, da dauerte es eine Ewigkeit, bis endlich das „Bein“ nach vorne kam. Und abwärts war das Anstrengendste. Der Fuß bremste mich ab. So geht das nicht. Ich kam mir vor wie Schnecke mit Bremsklotz. Nur gut, dass am 18.2. eine Einstellungskorrektur angesetzt wurde.

Soweit mein Rückblick in die erste Hälfte der Testzeit.

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Grundaufmotiviert laufe ich fest frischverschraubt wieder zur S-Bahn. Verrückt! Keine Eile habe ich, bin aber schneller als sonst! Über 3,5 km/h! Na gut, dann steige ich eben bei der Uni schon aus und laufe noch neugieriger einfach bis zum Dunkelwerden. Im Rot- und Schwarzwildpark, am Bärenschlössle belagern noch halb angetaute Schnee- und Eisreste die Schattenpartien der Wege. Der Abstieg geht nach Botnang. Bergab, da muss ich noch üben. Bei diesem Wandertest bin ich deutlich schneller als der gewohnte Durchschnitt.

Jetzt kommt mir zugute, dass mich immer interessiert, was ich kann oder nicht kann. Ich besitze deshalb viele Notizen zu meinen Leistungen. Nun kann ich diese vergleichen.

Schön wär’s! Denn am nächsten Morgen entdecke ich, mal wieder zu spät, eine empfindliche Entzündung. Das heißt Stumpfruhe! Aber ich müsste doch nochmal zur Werkstatt, um den Fuß besser drehen zu lassen. Dieser wichtige Versuch entfällt vorerst schmerzbedingt. Zwar versuche ich am 20.2. die Wanderspirale, bin schon in Bönnigheim, doch die Entzündung wehrt sich dagegen. Abbruch! Das Wochenende kommt dazwischen. Am Sonntag, dem 22.2., riskiere ich eine Tageswanderung.

07-P1060279Ab Fernsehturm steige ich runter zum Schloßplatz. Problem: der Fuß dreht immer nach links. Das gute Abrollen wird dadurch wieder zerstört. Das Neuanziehen, dreimal heute, bringt nichts, denn es dreht sich wieder. Dann hinauf zur Doggenburg, zum Botnanger Sattel, hinauf auf den Birkenkopf. Steil hinunter zum Südheimer Platz. Über 13 km, gefühlsmäßig langsam. Doch die Aufzeichnung zeigt, dass ich schneller bin als sonst. Wie das?

Das Richten des Fußes am 23.2. ist schon wieder zu viel für die restliche Empfindlichkeit. Noch ein Tag Zwangspause! Alles will ich am 25.2. riskieren. Mein Traum seit Oktober ist, die 30-km-Marke zu knacken. Das ist zwar erst etwas später geplant, aber warum nicht jetzt? Entweder ich breche wieder ab oder es klappt. Doch dieses Abenteuer wird ein Bericht extra.

Wichtig hier sind aber auch einige verschiedene Eigenschaften dieser Prothese.

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Gern bin ich auf Waldwegen unterwegs. Das braune Laub ist nass durchtränkt, gibt nach, weist Senken und Rinnen auf, ist mit Hölzern belegt. Das alles ist gleichgültig! Der Fuß passt sich jeder Situation und Schräge an, das Rohr zu mir hinauf behält stur seine Senkrechte. Das gleiche Sicherheitsgefühl bestätigt sich später auf einer Schotteraufschüttung. Steine locker liegend, so etwa 4 cm Größe. Es spielt keine Rolle, du läufst einfach drüber.
Meine Gehstöcke, auf schlimmen Pfaden oft die Rettung, stören hier nur. Sturzangst? Hier nicht!

Der Fuß kann während seiner ständigen Unterhaltung mit dem Knie noch mehr. Eine Schwelle, ein hochstehender Gossendeckel, eine Wurzel oder so etwas, einfach drauf mit dem Vorfuß! Du schiebst das Knie butterweich „durch“, und oben, in dir selbst, da holpert nichts!

Steigungen. Man bekommst viel mit von der Fußspitze. Das Gefühl einer Energiespende. Am Berg bin ich tatsächlich etwas schneller und leichter als gewohnt hinaufgekommen, nicht immer, aber unerwartet.

Diese Testphase ist völlig anders verlaufen als gedacht. Statt vieler langer, herrlicher Tagestouren auf der Spiralroute drehte ich im Bett umher von links nach rechts, ebenfalls im Uhrzeigersinn. Die wenigen Unternehmungen, was sagen sie mir?

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Leichter, schneller, sicherer, das trifft auf zentrale Punkte zu. Echte Vorteile für Wanderungen und den Alltag! Das bisherige Kniegelenk ist bewährt und brachte mich gesund über mehrere Tausend Kilometer, in jeder Situation. Bald sollte ich mich entscheiden.

Km der bisherigen Tests Highlight 2: 44,2
Km der Highlights gesamt: 53,9

Bilder 1, 2 und 7: Roger Maisel