Monatsarchiv: Mai 2015

H3.6 – Sontheim bis Obereisesheim Freibad

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„Lieber gemütliche Bequemlichkeit als anstrengende Gesundheit…“  So handeln wir oft. Erst ein böses Handicap und eine deutliche Meinungsäußerung waren erforderlich, dass ich nach zwölf Monaten endlich aufwachte.

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Mein drittes Ersatzbein ist fällig! Gemeint ist die neue Beinprothese, die mir in paar Tagen angeschraubt wird, an einen ebenfalls neuen Schaft. Da ist für mich als Einbeiner wieder jede Menge Training, Testlaufen und Geduld nötig.

08-P1100202Was ist der wichtigste Unterschied zwischen einem Zweibeiner und einem Einbeiner? Der Einbeiner lernt mindestens 2x Laufen!

05-P1060911Heute bin ich schnell am Neckarweg. Eine schmale Japanerin stöckelt flott mit ihren dünnen Walkingstäbchen an mir vorbei. „Sie sind natürlich viel schneller als ich“, rufe ich ihr zu. Sie dreht sich halb um, deutet zur Prothese: „Fast ganz wie natürlich!“ Na also! Die Leute sehen nicht, wie waggelig ich mich manchmal selbst fühle.

Als Prothesenfrischling tut man wieder das, was ein Kleinkind automatisch tut. Immer wieder „aufstehen“, immer neue Versuche, nie aufgeben, so viel Bewegung als möglich. Laufen lehrt man sich selbst, auch beim zweiten Mal.

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Auch schwierigere und weitere Wege. Ganz besonders die anstrengenden Bewegungen helfen uns weiter. Würde ich das aus Bequemlichkeit nicht tun, könnte ich dem Orthopädietechniker keine zutreffenden Rückmeldungen geben können wo’s drückt. Welches Produkt bekomme ich dann von ihm vermutlich? Ein Marterinstrument!

Deshalb habe ich mich auch heute wieder eine Dosis Tageswanderung verordnet. An der nächsten Brücke gehe ich rüber zur Westseite, um glatt an Heilbronn vorbei zu kommen. Da, eine Bootsanlegestelle für die Kanuten mit einem sonnigen Frühstücksmäuerchen zum entspannten Sitzen. Ich wollte mir Pumpernickel mitbringen, fand im Laden aber nur Hefezopf. Jetzt esse ich ihn halt als „Hefenickel“! Plötzlich Schwapp! Die erste Bugwelle eines Polizeibootes spült über den Beton um mich einzunässen. Nur Schuhsohlensäuberung, danke!

Der Weg zieht sich fast schnurgerade am linken Neckarufer entlang. Neben mir rauschen die Autos vorbei. Viele Radfahrer sind unterwegs. Diese Route hier ist etwas anders als sich windende einsame Pfade durch die stillen Fluren. Neben Neckargartach gehen Stufen runter zum Wasser, nur halb sichtbar, denn Kehrwoche gibts hier nicht. Relativ abgeschirmt kann ich hier meine geplante Riegelmahlzeit genießen.

03-P1060860Gleich nach dieser bisher hässlichsten Raststelle rutscht der Schaft. Dreimal muss ich ihn neu ansetzen. Nützt wenig! Das ging die letzten Tage besser. Bin derzeit oft raus gegangen und fühle wieder angenehm die neue Kräftigung.
Besonders interessant der Testlauf mit dem provisorischen Schaft, aus hellblau transparentem Material geformt. Sechs Km problemlos und schnell gelaufen, ab Werkstatt. Das motiviert!

06-P1060918Der Radweg geht im weitem Neckarbogen unter der langen Talbrücke der A6 weiter. Hier verschenken die Angler ihre wertvolle Lebenszeit an die atemlosen Augenblicke, in denen die Spannung bis zum Anbeißen unaufhörlich steigt. Ich bezeichne meine Touren ja nicht als Sport, aber die Angler sagen „Angelsport“, was sich deutlich durch schweißtreibende Ruhe, Nervenanspannung und hohe Bequemlichkeitsanforderungen zeigt.

Dann biegt der Weg nach Obereisesheim ab. Ich biege mit, bevor der Schaft mich schafft. Als ich an der Bushaltestelle am Freibad ankomme, stelle ich fest, dass die Wegaufzeichnung beider Apps unterbrochen ist. Abends biegen wir das, Alfons und ich am PC, wieder zurecht.

07-P1060915Km heute: 10,7
Km der Highlights gesamt: 159,4

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C-Leg: Sehnsucht nach Sooneck

C-Leg: Sehnsucht nach Sooneck

01-P1060854Während ich unnötigerweise neugierig zur Abbrucharbeit eines hässlichen Wohnblocks hinaufschaue, den rechten Gehstock links quer genommen, bleibt die rechte Fußspitze hängen. Der Gehstock fehlt genau in diesem Moment.

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Die Zeit dieses Kniegelenks ist bald vorbei! Deshalb hier ein Rückblick.
Trotzdem: Wir beide haben uns nochmal neue Schmarren zugezogen. Ellenbogen ganz leicht, das Restknie kaum. Aber das C-Leg! Eine ganze Platte der Metallbeschichtung halbmondig abgesplittert. Kann mir nicht passieren! 03-D2_45127Nun sind es mindestens 20 Geländeabdrücke zwischen Zingst auf dem Darß und Urfeld am Walchensee, aber woher genau, weiß ich auch nicht mehr.


Wir beide haben viel erlebt seit Februar 2010. Ich suche gern die verrücktesten 04-P1090819Wege heraus und Freund C-Leg macht es einfach mit, mit einer Eeeeeselsgeduld! Zuerst im Eichsfeld und an der Werra. Dann ab Leipzig zum Rennsteig, mit Alfons durch Franken, das erste Mal über die Alb zum Neckar nach Tübingen. Wenn Talschleifen fehlten, suchten wir zwei begeistert nach Umwegen. Wir beide – das heißt auch immer, mitsamt dem Prothesenschaft – wir sind eine Einheit. Diese beiden Teile werden bald ersetzt mit einer neuen Prothese samt neuem 05-P1120201Schaft und ich –  nur gelegentlich repariert.

 

Mir scheint, die Elektronik des C-Leg hat ein gut Teil meiner Wanderleidenschaft übernommen und gespeichert. Derzeit teilen wir das Stuttgarter Umland in Spiralrouten auf. Gleichzeitig entdecken wir sehr attraktive Kurven des Neckars vielleicht auch des Rheines, möglichst auch mal nicht alleine.


Besonders schön waren die gemeinsamen Touren, zum Beispiel mit Carola, Gundula, Rüdiger, Helmut, Alfons. Einige mehr wollten auch gelegentlich mitwandern, doch Krankheit oder Aufgaben verhinderten es. Daniel, mein Schaftbastler, Dieter, unser BMAB-Chef. Katrin, die Bloggerin „Schönbuche“, Alfons, der Grenzgänger, und auch Jessica, die Journalistin von der Wortwalz und nun Burgenblogger auf Sooneck im Mittelrheintal.


Gerade Jessica entfesselt zur Zeit auf allen Medienkanälen Bewusstseinsebenen für Landschaftswerte, Kulturerbe und die überrollten Bedürfnisse der Menschen dort. Für ein ganz besonderes, magnetisches Tal, das für „mein Knie“ und mich noch unerwandert ist.

Zu den bisherigen Bildern:
Kopfmotiv: Die Spuren der Jahre (Mai 2015) – fotorojo
Juli 2010: Die ersten Wanderungen um Stuttgart mit C-Leg – Rast auf der Limpurg bei Weilheim/Teck – Foto: Unbekannt
24. August 2010: Testwanderung 3 Wochen im Eichsfeld und an der Werra – Verabschiedung bei ottobock durch Roger Rost – Foto: Unbekannt
Februar 2011: Daniel Vette übergibt dem C-Leg den neuen Ausdauerschaft – fotorojo
16. April 2011: Aktion Bewegung hilft – Prothesenwandertag bei Duderstadt – Foto Unbekannt
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Juni 2012: Aktion Bewegung hilft – mit Alfons im Harz bei Braunlage – Foto: Alfons
11. August 2012: Auf dem Isarkies, kurz vor dem Ziel in München – Foto: Alfons

Dabei durften wir gemeinsam herrliche Unmöglichkeiten wahr machen. So bedeutende Flüsse wie Elbe, Saale, Donau, Pleiße und Nesenbach haben wir, Rhein und Weser fehlen. Zum Beispiel, besonders die Aktion Bewegung hilft. Den Strand der Ostsee verbanden wir mit der Felsenkante der äußeren Alpenhänge! Leipzig, 08-Bh12Seiler-813Tübingen, Berlin und München – diese landschaftlichen Rahmen drücken wenig aus. Die Wurzel bei Gschwend etwas direkter und heftiger. Sie war versteckt unter Laub, glitschig, mit Gefühl verbunden, wir machten uns rückwärts lang auf dem Pfad. Oder der Morastweg bei Oppenweiler, der uns die beste Färbung des Jahres verpasste, zuerst 09-Foto 1bebbig und dann bröckelig; aus der Rückenlage kuckten wir dutzig in die Wipfel und dachten, gehen wir noch? Wir beide unkenntlich verschlammt; „es“ machte trotz der geschluckten Brösel einfach weiter mit. Ohne zu motzen!


Nicht nur gestolpert sind wir, auch lange 10-P1040892ebene Täler ganz normal geduldig gewandert. Über den Staffelstein, den Großen Inselsberg, den Breitenstein, gestiegen und geklettert, abwärts gerutscht und geyieldet, über Bächle und Bikerspuren und um Pfützenseen geschwankt. Grober Schotter war uns nie so recht, um so mehr die Horizontalbäume. Heiß geworden ist ihm beim Abstieg vom Thüringer Wald, die Finger verbrannt hat es mir. Ihr merkt hier schon, richtig viel war das alles!


2011 bekam es von Daniel den jetzigen Ausdauerschaft aufgesetzt. Apothekentütchen bekam es umdekoriert, als die Wolkenbänke heranzogen, keinen Tropfen darf es zutscheln! Mein Schirm reicht nicht gut für Zwei. Also, zum vierten Geburtstag bekam es deshalb von mir einen schicken glänzigen Regenschild gebastelt und gestilt, mit echtem Tesafilm doppelt festgezurrt, doch es hat diesen Schutz einfach zerrupft!

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Nun aber ist seine Zeit bald vorbei, nach knapp 5800 Gelenk-Kilometern, jetzt im Mai oder Juni 2015. Eine vierte TÜV-Kur bekommt es nicht. Wie viele Schritte sind das wohl gewesen? Sozusagen auf Goodwill ist es jetzt noch bei mir. Macht es noch paar Touren mit? Bissle knickrig in der Hydraulik seit dem Herbst, wir müssen halt aufpassen. Na ja, aber es scharrt noch ungeduldig, wenn es meint, ich kuck‘ nicht. Danke für diese Zeit, für diese Geduld mit mir, Partner!

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Die weiteren Bilder:

12. August 2012:
Aktion Bewegung hilft, Begrüßung in München durch Herrn Joachim Seiler, 1. Vorsitzender Sozialverband München, und Dieter Jüptner, Präsident Bundesverband für Menschen mit Arm- und Beinamputation (BMAB) – Foto: Unbekannt
Mai 2013: Unfreiwillige Rastbei Oppenweiler/Murr – fotorojo
Oktober 2014: Stuttgarter Wanderspirale W67, im Windbruch bei Schorndorf/Rems – Foto: Gundula
Juli 2014: …oder einfach unvergessliche Bilder und Momente
Fußmotiv: Rast auf dem Grünen Band (Juni 2012) – Foto: Alfons
(Bei allen Bildern namentlich unbekannter Personen bestehen Genehmigungen zur Veröffentlichung)