Der Götz war ausgeritten

Highlights H3.8 – von Heinsheim bis Neckarzimmern

1-P1070192Gut sieht das Wetter aus. Mit falschen Vermutungen fahre ich deshalb los. In Heinsheim ist die Sonne aber versteckt und auf der Straße nach Gundelsheim fallen kleine Tropfen. Am Beginn der Brücke an der Schleuse wimmelt es von Klassenwandertags-01-P1100202Schulkindern. Schnell die Regensachen an! Die Lehrerin schaut zum Himmel und zuckt die Schultern.

Der Schleusenchef meint zu meiner Prothese, das ginge ja schon ganz gut. „Ja, Bewegung ist wichtig!“ Und erzählt von seinen prägenden Erlebnissen mit Operateuren. Ihn hatte man mal vergessen seine Wunde am Bein zuzunähen und heimgeschickt, mit schlimmem Ergebnis. Kommt mir doch bekannt vor, diese Kompetenz! Wir sind uns einig, ein solides Handwerk wie Installateur, Zimmermann oder Metzger sollte doch lieber dem Studium unterstützend vorausgehen.

2-P10701953-P1070199Da werden uns ja doch noch zwei kleine Sonnenstrahlen geschenkt. Am Rande von Gundelsheim steht die nächste Schulklasse mit aufgespannten Regenschirmen, unter dichten Kastanien. Ich rufe nur „Schirme zu, die Sonne scheint!“ Die Reaktion des Lehrers: „Sie Optimist!“

4-P1070200Nur zwei Bildmotive finde ich hier. Das Schloß und die Hausecke einer Gasse, benutzerfreundlich. Ich spüre, hier bin ich noch in Götzens Reich, dem Land der einprägsamsten frommen Sprüche. Beim Anstieg zum Michaelsberg komme ich in absolute Einsamkeit. Ein nasser, steiler Waldweg, der Regen tut was seine Sache ist. Am Waldrand oben öffnen sich regenverschleierte Weideflächen. Mein Hunger nagt plötzlich bis in die Hydraulik.

5-P1070201Eine Landluft-Stehrast während Tröpfelei, schon mal gemacht? Ich lehne meinen kippfreundlichen Rucksack zu seiner Entspannung an einen Pfosten des Weidezaunes. Brauche Überbrückung. Wackelige Trinkprozedur, hastiger Kauvorgang. Blicke spüre ich. Sämtliche braunen und schwarzen Kühe stehen nahe am Zaun, schauen zu mir, voller Unverständnis, dass ich das saftigste Gras ablehne. Und was sie deshalb folgern, erscheint mir auch klar: „Rrrrindviech!“

Nach dem Hofgut und der Kapelle Michaelsberg geht eine schmale Straße hügelig dahin. Unter einem Baum finde ich eine nur schwach eingenässte Bank. Jetzt genieße ich, extrem langsam kauend, meinen Knusperriegel, die Trockenzone der Sitzunterlage und die Ruhe dieser Landschaft.

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Vor mir neigen sich die offenen Flächen zum bewaldeten Neckarhang hin. Einen Überblick gibt eine Tafel. Ganz in der Nähe fließt auch die Jagst vorbei, Berlichingen ist wirklich nicht weit. Dann steigt das Gelände noch lange weiter an, entlang der Waldränder, neben langgezogenen Wiesen. Leichter Regen, ohne mich durchzuweichen. Diesmal beobachtet mich ein Falke. In Wipfelhöhe kreist er viermal kurz vor mir, denn einmal genügt ihm nicht. Dann schwebt er, den Wind geschickt nutzend, weit hinüber zum anderen Waldrand. Bin unhandlich als Jagdopfer. Der Wegweiser „Hornburg“ ist verwittert. Von der Anhöhe zweigt hier der Wanderweg links ab und verläuft bald neben einer Schlucht.

Was für ein Geräusch mag das wohl gegeben haben, als der Sturm diese dicke Fichte knackte! Wie fest ist dieser Weg? Der Abgrund ist tief, der Hang enorm 6-P1070205steil. Von unten nicht erklimmbar, sicher voller Bruchholz. Wenn hier ein Erdrutsch passierte – doch da ist schon die Straße.

7-P1070208Unmittelbar nach dem Wald stehen die Festungs-mauern und der hohe Turm der Hornburg. Er hat schon früher sehr eindrucksvoll auf mich gewirkt. Für meine Lehrabschlussprüfung als Plakatmaler und Dekorateur in Leipzig durfte ich ein Schaufenster mit Koffern und Taschen gestalten. Mein Thema: „Reise“. Wie passend zur DDR! Ich wählte Motive auch aus westdeutschen Sehenswürdigkeiten aus, die ich als Scherenschnitte verarbeitete. Dabei auch die Götzenburg.

8-P1070207Ihr Hausherr, der Götz, ist nirgends zu entdecken zwischen den teuren Blechkarossen im Burghof. Offenbar mal wieder ausgeritten, mit einem kräftigen „Ihr könnt mich mal!“ Ich verziehe mich wieder, auf den Hangweg, schaue ins diesige Tal und erreiche die Station Neckarzimmern. Ein Reitersmann kam mir nicht entgegen.

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Km heute: 12,5
Km Highlights gesamt: 184,8

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2 Antworten zu “Der Götz war ausgeritten

  1. Grenzgänger

    Du hast einen spannenden Titel gewählt lieber Roland, der gefällt mir gut. Dass der Scherenschnitt deiner Lehrzeit, der echten Burg mal so nahe steht, hättest du damals bestimmt nicht erwartet. Wie lange hast du suchen müssen um dieses gelungene Werk zu finden. Einfach klasse. Einen lieben Gruß nach Stuttgart, Alfons

  2. Eine alte Schachtel im Wäscheschrank. Vieles hat meine Tante sichergestellt. Als ich nach Stuttgart kam, hatte ich nur Urlaubssachen dabei. Jetzt wären es bis Heidelberg nur noch 7 Touren und das Tal wird immer schöner. Danke für die Grüße, ebenso zurück, Roland

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