Monatsarchiv: Juli 2015

Verwunschen, verwachsen und verwunderlich

Von Neustadt-Hohenacker bis Stuttgart-Mühlhausen

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Verwunschen, verwachsen und verwunderlich, so erscheint uns das untere Remstal. Gleich auf der ersten Wiese, noch oben auf der Höhe, beginnt es. Da stehen Zäune, drei kurze Segmente, 02-P1070253Zaunattrappen. Geht es hier um die Zwischenräume? Sind es Symbole für überflüssige Abgrenzung? Wir können nur rätseln.

Heute ist Carola, meine Tochter, dabei. Schon lange war das geplant. „Aber bitte nicht zu weit“, war ihr Wunsch. „So acht bis zehn Ka-Em?“ Das war ok. Heute ist sie der Fotograf.

03-P1070267Steil geht der Weg ins Tal. Die untere Rems hat die untersten Gesteinsschichten auf etwa Neckarniveau durchnagt. Eine Tafel zeigt uns die extreme Krümmbarkeit dieser Talform. Träge fließt das Wasser. Kaum bewegen sich die schwimmenden 04-P1070276Blätter. Doch ich war schon hier nach Starkregen. Da strömt es gewaltig, reißt Böschungen ab, unterspült Bäume und durchnässt Wiesen, Wege und Schuhe. Und hinterlässt viele zerrupfte Foliengeister. Dort drüben sehen wir gewaltsam frei gelegte Wurzelarme, die 05-P1070278gierig das Wasser schlürfen. Oder sind es irgendwelche durstige Schlangenwesen?

„Kuck, da drüben, ein Gespenst!“ Das ist doch Otfrieds Schöpfung! Es scheint ihm nicht sonderlich zu gehen. Offensichtlich ist es seit der letzten Flut an Zweigen verhakt. Unser Mitleid hat nur die Rems als Grenze. Entgeisterte Blicke sind das. Muss schlimm sein, nicht frei geisternd schweben zu können!

07-P107028206-P1070279Die Remsmühle kommt in Sicht. Wir gehen gänsemarschig durch hohes Gras zu einem gemähten Wiesenstreifen am Waldrand. Der hier umflossene Talbogen ist hell gegenüber der dunklen, geheimnisvollen Stimmung auf den Wegen am Steilhang. Hier ist der Boden bequem geneigt zum Rasten. Die Luft ist warm. Alles ist still. Unsere Mitbringsel teilen wir auf und genießen quer.

08-P1070302In der nächsten Talschleife entdecken wir die alten Weinbergmauern in der Düsternis hoher Waldbäume. Gelegentlich existieren noch Gittertüren. Bemooste, zugewachsene Wackelstufen ziehen sich den Hang hinauf in die Eidechsenwelt. Und gegenüber, direkt am 09-P1070311Fluss, entdeckt Carola einen freundlichen Uferbaum. Eine Wurzel hat er zum Knie ausgebildet, um uns einen bequemen Sitz anbieten zu können. Oben am Nachbarbaum ein Schild: „Privatgrundstück Müllerbeach“. Naja, aber wo bitte stehen die Strandkörbe?

11-P1070332Überhaupt, hier wohnt wohl ein Witzbold in der Nähe. Nagelt er doch eine Steinschlagwarnung an einen Uferbaum über der Wasserkante. Und das Verwunderliche daran: Der Baum nimmt es als Appetithappen, 12-P1070335bildete sich eine Oberlippe, umstülpt es damit und hat zu fressen begonnen. Mampf! Nicht weit davon zutschelt ein anderer Stamm ein puddinggelbes Schild genießerisch in sich hinein. Bäume mit Langzeitappetiet! Also, lehnt euch hier nirgends zu lange an Bäume! Die Natur setzt hier ungebremster als anderswo ihre Interessen durch. Die Bahn, 10-P1070326weit oben auf dem Viadukt. Der Fahrweg aus Hegnach führt nur hinab zur Mühle. Zwölf Kilometer Einsamkeit für die restlichen Bewohner, Pflanzen, Tiere und die Müllersleut.

Die zweite Rast am Waldrand. Ein Baum, hangelt kopfüber mit s1-Z23einen Ästen auf die Wiese, als wolle er diese vor allzu fremden Zugriffen in Schutz nehmen. Erst recht legen wir dort die Decke aus und tanken nach. Wir leihen ihn uns aus, als Bildmotiv.

Verwachsen sind die alten Steinbrüche. Rückzugsgebiet für 1-P1070346schützenswerte Zwerge und andere Märchenfiguren. Früher war es hier sehr werkelig, Maschinen, Sprengungen, Elkawes. Ein sehr großes und für uns unzugängliches Biotop ist entstanden.

13-P1070352Aber die Spitze der Verwachsen- und Verwunschenheit ist offensichtlich das Hexenhaus, dieser Ziegelstein-„Palast“, am Rande von Neckarrems. Die Hexe hat sich wohl längst verbessert, ist vielleicht nur noch mit Tablet auf Düsenbesen im Außendienst. Carola meint, das wäre mal eine Herausforderung, das Häuschen wieder hinzubiegen, als kleines Ausflugscafe oder so was. Aber bitte ohne das preisverdächtige Außendesign zu beschädigen!

Nach etwa neun Kilometern könnten wir nach Hause fahren. Oder auch nicht. Zwei Mandeleis zum Überlegen. „Ich brauche eine größere Entfernung als bisher, um den neuen Prothesenschaft auf Ausdauer beurteilen zu können“. „Einverstanden, bist ja nicht schnell.“ Noch vier Kilometer hängen wir an. Werden muskulär noch durchgewalkter. Gemütlich, aber langsam. Nirgends mehr Geister. Neckar aufwärts am bewaldeten Uferweg, auch ’ne Rast muss noch sein, und schlurf, bis nach Mühlhausen.

14-P1070367Km heute: 13,5

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