Monatsarchiv: September 2015

Schnell-Training

Vergleich im Unteren Schloßgarten

Zweck: Ich möchte wissen, wie schnell ich sein kann über kürzere Entfernung und Zeit, völlig im Gegensatz zu den regelmäßigen Wanderungen, die auf moderate Art Kräftigung und Ausdauer bringen und erhalten können. Zwei solcher Versuche habe ich nun unternommen. Voraussetzung: Sämtliche Triebwerke voll aufdrehen!

5-P1000267Interessant ist eine Untersuchung über den Energieverbrauch bei unterschiedlichen Amputationshöhen. Vermutlich wurde dabei nicht an sportliche Unternehmungen oder an Tageswanderungen, sondern an übliche Tageserledigungen von Beinprothesenträgern gedacht. Dabei wurde speziell bei Oberschenkelamputationen ein Energieverbrauch von 1,5fach bis 2fach gegenüber „Zweibeinern“ festgestellt.

Bei ausdauernden Tageswanderungen oder bei Trainingsläufen rechne ich also etwa mit mehr oder weniger dem doppelten Energieaufwand und -bedarf, um das vorsorglich gezielt ausgleichen zu können.

Die aufgezeichneten Daten:

19.9.15
Runde Unterer Schloßgarten zwischen Springbrunnen und See-Umrundung. Rundenlänge 3,625 km.

• Runde 1 von 1
56 Minuten Laufzeit, km/h 3,88

Vergleich mit 18.6.2014
Identische Strecke zweimal

• Runde 1 von 2
63 min Laufzeit, km/h 3,45

• Runde 2 von 2
55 min Laufzeit, km/h 3,95

Einfach nur Blättern

 

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Highlight H8.1 bis H8.3 „Neckaraufwärts“
Stuttgart Ost bis Wernau

Was ich als Highlights bezeichne sind besondere Erlebnisse und Orte, die trotz Amputation, Koma und einigen Jahren über 70 möglich werden. Zum Beispiel die langen Wanderungen in Flusstälern.

2-P1210110Täler sind nicht nur lang. Sie komplett zu erleben erfordert Geduld. Gerade zwischen den Ortschaften zeigen sie ihre Schönheit. Diese Länge ist Anreiz für mich. „Welche Bilder öffnen sich nach der nächsten Biegung?“ Stuttgart liegt mitten drin im vom Neckar aufbereiteten „Programm“. Er selbst und seine Seitentäler wie Enz, Fils, Murr, Rems. Und die Berge, die dadurch geformt wurden. Ja, ich lebe in einem riesigen Bilderbuch, ich muss einfach nur blättern!

1-Bahn 01Einfach anfangen und der Reihe nach hoch oder runter. Früh morgens also per Bahn zum jeweiligen Startpunkt. Da gelange ich an Ecken, an denen zumeist nur vorbeigedüst wird. Viele Leute haben keine Ahnung, in welch wunderbarer Gegend sie leben, trotz Industrielandschaft und riesigen Kraftwerken.

Da stand ich dem Kernkraftwerk Neckarwestheim gegenüber; schön versteckt war es zwischen Bäumen. Auf meiner Seite des Neckars ein einsames Schutzgebiet in einer der großen Flußschleifen. Noch nirgends sonst entdeckte ich Schwäne beim Nestbau im Wald.

Gleich zu Beginn dieser Neckarabwärts-Tour wusste ich, du musst auch noch die Seitentäler dran nehmen. Das oberste Talstück der Enz im Nordschwarzwald ist schon lange einer meiner Wunschträume. Und wie kommste dort hin? Vielleicht ab Mündung? Aber systematisch! So erlebe ich den Zusammenhang.

Meine neuerlichen Trainingsläufe erfordern kürzere Strecken in der Nähe. Also ging es kürzlich auch neckaraufwärts los. Ab der Haustüre! Bald bin ich ja unten am Damm. So kam ich zuerst bis Obertürkheim. Dann bis Altbach, vorbei an Esslingen.

Kurz vorher stoppte ein Rentnerehepaar mit Fahrrädern. Eine ähnliche Idee wie ich hatten sie, vier Tage von Schwenningen bis Heilbronn. Extra aus der Kölner Gegend kamen sieins Neckartal.

 

Und heute besteht ein Problem. Bis Plochingen gibt es keinen Fahrrad- oder Wanderweg, außer direkt neben der Straße. Meine Suche im Galileoprogramm bringt die Lösung. Am Hang entlang, auf halber Höhe, gibt es einen schönen Waldweg. Mein Highlight des Tages ist eine dunkle Wolke.

Bald strömt ein leichter Regen. Die Luft ist warm. Runter das Shirt, da bleibt es trocken! Oh je! Unten mein braunes Knie und oben mein frühlingsbleiches Hühnerbrüstchen! Kein Brathendldesign auf der Haut! Es läuft sich so sehr angenehm; die Tröpfchen auf der Haut und die warme Luft tun gut. Muss ich wieder mal machen.

Nicht so bei Wolke zwei, die mich am Neckarsteg herausfordert. Dunkler und größer. Kühler wird’s auch. Viele schnelle, große, schwere Tropfen. In einer Minute wäre ich durch! Meine Schlußmahlzeit verläuft lieber stehend, und mit Jacke, in der Nische einer Haustüre.

Aber eine wichtigere Lektion als Gewitterregen erhielt ich vier Tage vorher. Bei Esslingen auf dem Uferradweg. Alles glatter Asphalt. Einfacher geht’s nicht. Bin schwungvoll unterwegs. Doch die rechte Fußspitze bleibt hängen; eine verborgene Wurzel des Baumes, der schon fünf Meter links hinter mir ist, wölbt sich unbemerkt auf. Ich bin schon kurz auf dem Weg zum heftigen Bodenkontakt. Aber ich reagiere sofort, habe ja meine „Sturzbremsen“ dabei.

Täglich helfen sie mir. Ich kuck‘ mir halt manchmal auch die Landschaft an! Ich finde halt manchmal auch unmögliche Naturwege! Plötzlich drückt es vielleicht irgendwo schmerzhaft am Schaft, mitten in der Einsamkeit. Bald acht Jahre ohne unsinnige Klinikaufenthalte sind das Resultat der anwesenden Unterarmstützen, die unmittelbarste und kostenloseste Versicherung, die ich je hatte.

4-P1000410Km W8.1: 8,0
Km W8.2: 12,2
Km W8.3: 7,7
Km Highlights gesamt 269,5

Spiralzacken


Wanderspirale S10

Oberbrüden bis Althütte

„Das ist mir zu steil! PAUSE!“ Das ist eine Ausrede! Ja, wirklich! Was nicht dem Schwarzwald, dem Thüringer Wald, der Schwäbischen Alb oder wenigstens den norddeutschen Endmoränenhügelchen gelungen ist, der Schwäbische Wald schafft es, mich wegen dieses schwäbischen Keuperhaufens steigfaul zu machen!

11-P1210896Erst an einem Querweg steht linker Hand eine Hütte im Waldschatten. Auch ein verwitternder Tisch mit zwei Bänken; die dekorative Tischdecke aus Moos, Nadeln und braunem Buchenlaub. Hier vorbeizugehen, dafür gibt es keine entschuldbare Ausrede!

Die schmale Waldstraße wurde erst kürzlich mit frischem Rollsplitt neu umgestaltet. Die Sohlen haften ungenügend bei dieser übertriebenen Steigung, denn der Split rollt noch. Zusätzlich begann der Schaft hässlich zu drücken, wenn ich richtig belastete. Erst hier am Tischrand bekomme ich den Halt, alles neu zu richten. Wichtig, denn gleich steigt es weiter derartig an und nachher sind keine weiten und leichteren Ebenen zu erwarten.

Die ansässigen Kleinflugkörper machen es mir gleich, sie lassen es sich bei mir schmecken, als wäre es Top-Qualitäts-Bio-Tomatensaft. Sie wissen genau, wo oben ein Hemdkragen aufhört, wo ungeschützte Unterarme herumfuchteln, in welcher Flughöhe die Kniekehlen-Landeplätze zu finden sind. Auch einfach durch den Strumpf werde ich angemückt. Während ich doch unwackelbar stillhalten muss, für die Aufnahmen dieses Stilllebens, schlürfen sie mich aus als willkommene Nahrungsergänzung des ansonstigen Rotwild-, Mäuse- oder Wildschweinblutes.

Am Wegrand nach dem Wald nicken mir die Farne zu im noch kühlen Südwestwind. Das Sommerwetter ist heute nochmal perfekt und heizt mir schnell ein. Immer noch steigt der Weg an. An einer Scheune in Rottmannsberg muss ich gleich dreimal hintereinander den Schaftsitz korrigieren. Etwas von der Richtung abgebracht hat mich die Schaftunsicherheit, denn einfacher läuft sich’s auf der Straße nach Sechselberg, anstatt rechterhand weiter unten im Gelände. Im Ort entdecke ich, dass man sich hier beginnt „einzuspinnen“. „Kunst am Stall“ – mal ’ne gute Idee!

Dieser mickrige Bach ist dran schuld, dass ich wieder sooo weit runter muss, obwohl Althütte dort drüben oben liegt. So unbedeutend er auch aussieht, er hat hier mit seiner Gerieselkraft eine der kerbigen Schluchten geschaffen, welche selten erlebbare Ruhe ausstrahlen. Völlig lärmlos ist es hier. Nur einige Stimmen tönen rüber vom Gegenhang; eine Ziege meckert noch dazwischen. Die Steilhänge sind nur nutzbar für Gärten mit Obst, Hüttchen und Häuschen. Und viel Wald.

Und warum mache ich nicht nochmal den Umweg, oben drumrum? Naja, ich habe mir doch diese Spirallinie geplant, auch um zu wissen, was passiert auf so verrückt-vernünftiger mutwilliger Route, wenn ich sie so annähernd als möglich verfolge. Nun geht es deshalb eben mal hier lang, die Richtung korrigierend. Jetzt spüre ich die Geländewirkung deutlich, als Intensivtraining.

Etwas knieangeweicht bereits vor Beginn des zweiten Anstieges? Jedenfalls, die Suche nach einem bequemen Sessel beginnt. An einer Waldweggabelung entdecke ich eine Art Moosminiebene, befriedigend pobackenkompatibel. Das erfordert einige Meter hochzukraxeln. Zapfen aufräumen, störrige Äste abknaxen, Abstellplatz für Trinkbecher suchen, umsturzsicher. Noch die Sitzunterlage und Platz nehmen! Ok, es ist bequem! Hier erst bin ich so richtig in Mutter Natur angekommen.

Der Waldhüter entdeckt mich beim Müsligenießen, stoppt seinen Jeep, wundert sich. Entdeckt das im Grünen unpassend leuchtende Blau meiner Stöcke. Ich wische mir die Kefirspuren von den Lippen und deute noch auf mein unauffällig schwarzes Ersatzteil. „Wo kommet Sie denn her – und wo wollet Sie denn damit noch hin? – Ich nehme Sie gern noch ein Stückle mit nuff!“ Halb verständnislos, viertels mitleidig, viertels zweifelnd, fährt er weiter, nachdem ich ihm erklärt habe, wieso und warum ich das schon selbst machen will. Und danke auch noch für die Wegtipps! Den hätt‘ ich obenrum nicht kennengelernt. Solche Begegnungen und Unterhaltungen sind doch was Wichtiges. Ob im tiefen Wald oder bei der erforderlichen Bahnfahrt.

Oben angekommen kippt mein geplanter Weg bereits wieder über die andere Straßenkante hinab in die nächste Schlucht! Neiiiiin! Nicht nochmal heute, ich kenne das doch jetzt! Und mein Bus um Achzehnuhrsieben? Ich nehme auch deshalb den erst vorhin empfohlenen weiteren Umweg, der diese Senke samt Zuflüsschen umgeht. Auch dieser Weg verzichtet auf horizontale Stellen. Auf und Ab, Hin und Her windet er sich am Hang entlang. Ich nähere mich, kurz vor Althütte, wieder dem steilen Anstieg, den ich ansonsten benutzt hätte.

Ein ungewöhnlicher Tag mit Zick und Zack in Höhe und Breite, und eine Zusatz-Menge Muskelarbeit. Immerhin waren es heute die meisten Höhenmeter der bisherigen Wanderspirale: 496. Ach ja, und die ersten frischen Falläpfel im Rucksack!

Km heute: 12,4
Km Spirale 2015 bisher: 127,5