Monatsarchiv: April 2016

Umweg nach oben

Wanderspirale S96 – 19. April 2016 S96–
Gsaidt bis Glems

Ich komme um die Ecke zur Bushaltestelle und die Sonne steht mir Aug‘ in Aug‘ gegenüber. Die wartenden Leute sind grell konturiert; es blendet, dass ich den Weg kaum sehe. Auch der Start des Tübinger Zuges ist von dieser Morgenstimmung durchzogen. So sollte jede Wanderung beginnen.

In Gsaidt steht jetzt der Berghang vor mir. Eine Wand aus Wald, der sich grün aufblättert, und aus Felsgestein, das mich aufhalten oder umlenken will. Oben nur zwo ka-em breit, und wieder runter geht’s! Der Umweg rechts rum wäre eine Abkürzung! Diese Höllenlöcher will ich sehen, auf dem Umweg nach oben

Kaum bin ich über das Gleis drüber, kommt mir ein Grüppchen entgegen: Pferd, Frau, Pony. Die beiden Vierbeiner kommen in die Koppel, da wartet schon ein anderer, der fleißig grast. Mit der Zweibeinerin lässt sich gut unterhalten, bis wir oben am Pferdehof sind; ich soll doch mal auf einen Kaffee vorbei kommen. Naja, bin ja öfters in Urach.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Anstieg geht gleich heftig los. Im Wald rechts rum. Nicht allzu steil. Rechts liegen als Einladung einige bequem hingelegte Baumstämme. Mit dem Brot und dem Gouda fang ich heute mal an. Dann weiter und weiter, Kehre für Kehre.

Steinbrocken liegen auf dem Weg. Kein Wunder, über mir stehen Felsen und lassen, wohl nach dem Zufallsprinzip, gelegentlich was fallen. Vielleicht auch je nachdem, wer hier hochsteigt. Man sieht es an den Brocken auf dem Weg. Immer näher und gewaltiger rücken die Kalkwände heran, hängen auch mal leicht über, schon direkt bis zum Wegrand.

Der Weg wird enger, ich steige in einen kurzen Cannon – die Höllenlöcher! Oben sieht man, da spaltet sich ein dickes Felsenband ab, um irgendwann abzupoltern und bildet hinter sich bereits ein weiteres Loch, einen finsteren Spalt in die Hölle.

Da vorn steht eine Hütte. An der Feuerstelle warten besonnte Bänke. Mein Nudeleintopf muss dran glauben. Der Weg geht plötzlich eben weiter, über vier Kilometer waren das bisher.

Am Waldrand ein weiter, beruhigender Anblick; was für ein Unterschied zu den Felsungetümen kurz vorher. Eine waldeingefasste Wiesenfläche, die zuerst recht eben wirkt. Auf einem Waldweg gehe ich an ihr entlang und merke, das ist ja eine Badewanne von zwei Kilometern Länge und vielleicht einem Zehntel davon an Breite. Nirgends ein Abfluss, jedoch Wasser ist noch nicht eingelassen.

Die benachbarte große Lichtung hat einen Flugplatz zu bieten. Die Segelflieger haben heute Ruhetag. Schöne Baumgruppen stehen markant verteilt auf der kurzhalmigen Wiesenfläche.

Da ist die andere Kante des Bergplateaus schon erreicht. Fast senkrecht versinkt die anschließende Landschaft, bläulich, leicht dunstig, hinter den grünen, besonnten Schimmern in den Wipfeln der knorrigen Bäume am Hang.

Eine Teerstraße, die Zufahrt zu dem Fluggelände. Dann taucht einmal unverdeckt durchs Gezweig die Achalm auf, nachdem ich vorhin, auf der Ostseite, den Hohenneuffen entdeckt hatte. Wie nah die Häuser von Glems dort unten sind! Doch es dauert noch eine Weile.

 

 

 

Neben der Haltestelle soll das Waldhorn stehen, erhalte ich Auskunft; ich fühle schon deutlich das Stück Kuchen, das ich mir verdient habe. Aber leider, was lese ich – Ruhetag!

Luftlinie von Gsaidt bis Glems beträgt knapp 4 km
kkKm heute: 11,5
Km Wanderspirals gesamt: 1237.0

Reizklima

Wanderspirale 95 – 2. April 2016
Erkenbrechtsweiler bis Gsaidt

Bevor ich nach Hülben gelange, müsste ich durch das Tor der Römischen Befestigungsanlage. Doch eine Weile schon gibt es diese nicht mehr; stattdessen erinnert eine Bildtafel an vergangene Zeiten. Bis hierher bin ich schon einige Zeit gewandert und bin froh, dass wenigstens ein Hauch von Wärme zu ahnen ist.

Sofort nach dem Start merkte ich, dass meine Kleidung den 8 Wärmegraden nicht angepasst ist. Mein „Dickes Fell“ wärmt mich auch nicht! Trotzdem sagte ich mir: Bewegung der Beine hilft besser als Warten auf mehr Frieren. Und zwischen 10 und 11 soll ja die Sonne ihren Durchbruch bekommen.

Zudem kam der Wind kalt und zugig. Beim Steinbruch drüben steht Wald; er könnte vorübergehend Schutz bieten. Und der Anstieg dorthin feuerte den inneren Ofen an. Den Steinbruch umging ich. Der buschbestandene Damm schützte etwas vor den Ostwinden. Als ich zurück zur Straße gelangte, zeigten sich helle Flecken und Scheinversuche in der Wolkendecke.

Eine Menge Zwei- mit Vierbeinern sowie einige hundlose Morgenspaziergänger waren auch schon unterwegs und es gab nette Unterhaltungen. Ein älterer Mann bereitet für die Naturfreunde eine Runde zum Hohenneuffen vor. Ganz ähnlich ein Wandersmann, der danach zum Auto zurück will. Eine freundliche Frau meinte mich schon mal getroffen zu haben. Spontan schlug ich vor, sie könne ja mal mitgehen.

Jetzt, 12Uhr30, setze ich mich zur Rast am Ortsrand Hülbens; der Riegel kurz nach dem Start hat sein Versprechen, eine Mahlzeit ersetzen zu können, gehalten.  Immer noch reizt die Luft mit kühler Temperatur, denn die Wolken reagieren noch wenig auf Bestrahlung. Mit gegenüber scheint es, als schlürfe der Talgraben die Hänge der Albhochfläche in sich hinein, ein steiler bewaldeter Stich, in dem mein Weg eintaucht.

Sofort merke ich, für diese Steilheit ist die Prothese nicht ideal angezogen. Es gibt hier nirgends einen Halt, um das ändern zu können. Lieber gehe ich erstmal seitwärts, im Laub und aufgeworfenem Erdbrei einer Reifenspur; das kostet Zeit.

An Felsen vorbei komme ich in die Region der treibenden Kräuter und Waldblumen. Auf einem Baumstamm unterbreche ich diesen unbequemen Abstieg, Mahlzeit (schon wieder!) und Wald genießend. Noch sieht man tief hinein zwischen den Stämmen; bald grünt das Unterholz und verschließt die Sicht. Der Bärlauch beherrscht den Walsboden. Unten, am Waldrand, drückt mir unvermutet Wärme entgegen.

Inzwischen ist klar, dass sich ein weiterer Anstieg heute nicht mehr machen lässt. An der Bahnstation Gsaidt ist der Zug schon durch. Gegenüber, über dem nächsten Berg und den Höllenlöchern, scheint die Sonne noch recht fad durch die widerspenstigen Hochnebel.

Km heute: 11,2
Wanderspirale gesamt: 1225,5

Wege für Genießer

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28. März 2016
Laufenmühle und Klingenmühle

Eindrucksvoll gibt der Viadukt über der Schlucht für das Gleis nach Welzheim stabile Überbrückungshilfe. Darunter spült wirbelnd die Wieslauf um große Felsblöcke. Und welchen Weg nehmen wir?

Eindeutig zu finden ist die Route zur Kesselgrotte und weiter hinauf zur Hochebene. Feuchte Kühle, leicht hallende Akustik, ein dünnes Getröpfel von der Grottenkante. Unmöglich zu Begehen der weitere Pfad ab hier; Gundula prüft dessen Matschbeschaffenheit und Rutschfähigkeit bei einem Grottenrundgang – los, gehen wir zurück zum festeren Weg!

Wie haben das nur früher die Flößer gemacht? Das bissle Wasser und die Mengen an Felsbrocken? Aber diese kunstfertige Holzbearbeitung zeigt doch, es muss ihnen sehr viel Vergnügen bereitet haben!

Erst steil und dann weich, allerbeste Matschqualität, zubereitet in kühler Regensuppe, Fahrspuren, versunken und versoffen, das ist halt die Nutzungsbedingung für Wanderer. Nirgends Fahrt- oder Wanderverbotsschilder. Seitlich taste ich mich begeistert durch die lustvolle Nachgiebigkeit des Bodens, hebe die Füße über dicke Stöcke und stütze die Fersen auf beruhigend langsam einsinkende Wurzeln. Genüsslich schnalzt der Morast ein Lied dazu – der zurück gelassene Arbeitsplatz der Holzabfuhr.

In den Ortschaften ringsum Schwäbische Kehrwoche, in den Wäldern dazwischen immer wieder Waldwegechaos mit gehobenen Wanderfreuden. Man fällt stets besonders weich!

Auf der Höhe kommen wir durch Lettenstich. Hier schützt uns eine Hecke hinter einer Bank vor kühlem und unnötigem Luftgehauche. Hmmm! Gundula hat gutes Brot dabei und leckeren Käse! Schleck! Drüben hinter der Talkerbe sind einige Häuser von Welzheim zu erkennen. Die Sonne begleitet noch unsere Rast.

Recht plötzlich weht es zugig und das Blau ist im Nu grauen Vorhängen gewichen. Die angesagte Schönwetterstörung! Doch sie funktioniert nicht recht. Wenige Tropfen nur, kein Gewittersturm. Der Waldweg ist diesmal breit und sauber und senkt sich leicht hinab zum Hanstobelbach. Überall gehen hier tiefe Klingen hinab, hinauf, steile Abbrüche, wild umhergestürzte Bäume. Ein Baum, einäugig, beobachtet uns still, mit blindem Blick.

P1070773Und wieder schlagartig, reißen jetzt die Wolken auseinander und verzaubern die Stimmung dieses ruhigen Tales.  Grüppchen von Huflattich blinzeln noch müde, wirken verschlafen, mit noch halb geschlossenen Blütenaugen.

P1070776Wir finden einen breiten Baumstumpf, setzen uns nebeneinander und genießen die unvermutete Himmelsentwölkung.
Dann gibt’s wieder große Mengen von Huflattich, diesmal zufrieden und hellwach breit geöffnet und so groß und strahlend wie nirgendwo bisher entdeckt. „Die freuen sich richtig und kucken alle zurück zur Sonne“, meint Gundula treffend. Und diese dünnen Blätter, unzählig fast, man versucht es garnicht erst; ist diese Zahl so genau festgelegt wie bei den benachbarten Buschwindröschen mit ihren zuverlässig sechs Blättern?

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Der Geländeeinbruch zur Schlucht von vorhin ist wieder erreicht. Bald schon werden wir am Ausgangspunkt sein. Da steigt ein schmaler Weg von unten herauf. „Der kommt doch von der Klingenmühle, wo ebenfalls der Bus hält“. Kurz entschlossen schwenken wir hinab.

Dünnes Getröpfel rinnt von links herab und schliert den Pfad ein. Langsam und schön seitlich halten! Denn es ist ja alles schräg hier; Leute lassen wir lieber vorbei. Dann stufenähnliche Trittflächen, zugeblättert mit altem Laub. Schräg und leicht rutschig ist der Boden dazwischen. An einem Baum wird’s eng, Gundula muss mich sogar abstützen, genau da kommen Kinder von unten, zwängen sich durch, ich warte konzentriert und zweifelnd, doch gleich darauf kommen sie wieder zurück.

Die Gehhilfen sichern mich gut ab. Wichtig, denn gleich neben uns geht’s gratis hinein in den Bach. Dann erreiche ich das wacklige Geländer, an dem oben gespart wurde, halte es auch etwas fest, damit es selbst nicht in die benachbarte schmale Klinge stürzt, und halb rückwärts taste ich mich irgendwie vollends hinunter. Der Schwäbische Wald zeigt seinen schrägen Charakter, wie er besser nicht sein kann!

Nach diesem kontrollierten Absturz – danke Gundula! – beschert uns die Mühle den Rest! Heidelbeer-Sahnetorte, weich wie vorhin die Wege, Eierlikör soll eine Rolle spielen (aha, Ostermontag!) – zwei extrabreite Stücke je 120 Prozent an Masse, so gut wie der Camembert heute früh. Freundliche, familiäre Stimmung. 400 Jahre altes schwarzes Gebälk mit Knarzpotenzial. Hey, sollen wir? – jetzt noch? – bis Klaffenbach weiter??? Der Pfad am Bach wäre wieder sooo verheißungsvoll!!! Das verlangt doch eine genüsssliche Fortsetzung!

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Jetzt ist es zu spät. Trauerspuren in unseren Minen. Oben die Haltestelle. Nach zwei Minuten kommt der Bus, als hätte er es geahnt. Eine gute Stimmigkeit mit unserer Ahnung und Hoffnung.

Fotos: Gundula Bild 1, 5, 7 bis 12; Roland Bild 2, 3, 4, 6
Km heute: 8,3