Wege für Genießer

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28. März 2016
Laufenmühle und Klingenmühle

Eindrucksvoll gibt der Viadukt über der Schlucht für das Gleis nach Welzheim stabile Überbrückungshilfe. Darunter spült wirbelnd die Wieslauf um große Felsblöcke. Und welchen Weg nehmen wir?

Eindeutig zu finden ist die Route zur Kesselgrotte und weiter hinauf zur Hochebene. Feuchte Kühle, leicht hallende Akustik, ein dünnes Getröpfel von der Grottenkante. Unmöglich zu Begehen der weitere Pfad ab hier; Gundula prüft dessen Matschbeschaffenheit und Rutschfähigkeit bei einem Grottenrundgang – los, gehen wir zurück zum festeren Weg!

Wie haben das nur früher die Flößer gemacht? Das bissle Wasser und die Mengen an Felsbrocken? Aber diese kunstfertige Holzbearbeitung zeigt doch, es muss ihnen sehr viel Vergnügen bereitet haben!

Erst steil und dann weich, allerbeste Matschqualität, zubereitet in kühler Regensuppe, Fahrspuren, versunken und versoffen, das ist halt die Nutzungsbedingung für Wanderer. Nirgends Fahrt- oder Wanderverbotsschilder. Seitlich taste ich mich begeistert durch die lustvolle Nachgiebigkeit des Bodens, hebe die Füße über dicke Stöcke und stütze die Fersen auf beruhigend langsam einsinkende Wurzeln. Genüsslich schnalzt der Morast ein Lied dazu – der zurück gelassene Arbeitsplatz der Holzabfuhr.

In den Ortschaften ringsum Schwäbische Kehrwoche, in den Wäldern dazwischen immer wieder Waldwegechaos mit gehobenen Wanderfreuden. Man fällt stets besonders weich!

Auf der Höhe kommen wir durch Lettenstich. Hier schützt uns eine Hecke hinter einer Bank vor kühlem und unnötigem Luftgehauche. Hmmm! Gundula hat gutes Brot dabei und leckeren Käse! Schleck! Drüben hinter der Talkerbe sind einige Häuser von Welzheim zu erkennen. Die Sonne begleitet noch unsere Rast.

Recht plötzlich weht es zugig und das Blau ist im Nu grauen Vorhängen gewichen. Die angesagte Schönwetterstörung! Doch sie funktioniert nicht recht. Wenige Tropfen nur, kein Gewittersturm. Der Waldweg ist diesmal breit und sauber und senkt sich leicht hinab zum Hanstobelbach. Überall gehen hier tiefe Klingen hinab, hinauf, steile Abbrüche, wild umhergestürzte Bäume. Ein Baum, einäugig, beobachtet uns still, mit blindem Blick.

P1070773Und wieder schlagartig, reißen jetzt die Wolken auseinander und verzaubern die Stimmung dieses ruhigen Tales.  Grüppchen von Huflattich blinzeln noch müde, wirken verschlafen, mit noch halb geschlossenen Blütenaugen.

P1070776Wir finden einen breiten Baumstumpf, setzen uns nebeneinander und genießen die unvermutete Himmelsentwölkung.
Dann gibt’s wieder große Mengen von Huflattich, diesmal zufrieden und hellwach breit geöffnet und so groß und strahlend wie nirgendwo bisher entdeckt. „Die freuen sich richtig und kucken alle zurück zur Sonne“, meint Gundula treffend. Und diese dünnen Blätter, unzählig fast, man versucht es garnicht erst; ist diese Zahl so genau festgelegt wie bei den benachbarten Buschwindröschen mit ihren zuverlässig sechs Blättern?

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Der Geländeeinbruch zur Schlucht von vorhin ist wieder erreicht. Bald schon werden wir am Ausgangspunkt sein. Da steigt ein schmaler Weg von unten herauf. „Der kommt doch von der Klingenmühle, wo ebenfalls der Bus hält“. Kurz entschlossen schwenken wir hinab.

Dünnes Getröpfel rinnt von links herab und schliert den Pfad ein. Langsam und schön seitlich halten! Denn es ist ja alles schräg hier; Leute lassen wir lieber vorbei. Dann stufenähnliche Trittflächen, zugeblättert mit altem Laub. Schräg und leicht rutschig ist der Boden dazwischen. An einem Baum wird’s eng, Gundula muss mich sogar abstützen, genau da kommen Kinder von unten, zwängen sich durch, ich warte konzentriert und zweifelnd, doch gleich darauf kommen sie wieder zurück.

Die Gehhilfen sichern mich gut ab. Wichtig, denn gleich neben uns geht’s gratis hinein in den Bach. Dann erreiche ich das wacklige Geländer, an dem oben gespart wurde, halte es auch etwas fest, damit es selbst nicht in die benachbarte schmale Klinge stürzt, und halb rückwärts taste ich mich irgendwie vollends hinunter. Der Schwäbische Wald zeigt seinen schrägen Charakter, wie er besser nicht sein kann!

Nach diesem kontrollierten Absturz – danke Gundula! – beschert uns die Mühle den Rest! Heidelbeer-Sahnetorte, weich wie vorhin die Wege, Eierlikör soll eine Rolle spielen (aha, Ostermontag!) – zwei extrabreite Stücke je 120 Prozent an Masse, so gut wie der Camembert heute früh. Freundliche, familiäre Stimmung. 400 Jahre altes schwarzes Gebälk mit Knarzpotenzial. Hey, sollen wir? – jetzt noch? – bis Klaffenbach weiter??? Der Pfad am Bach wäre wieder sooo verheißungsvoll!!! Das verlangt doch eine genüsssliche Fortsetzung!

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Jetzt ist es zu spät. Trauerspuren in unseren Minen. Oben die Haltestelle. Nach zwei Minuten kommt der Bus, als hätte er es geahnt. Eine gute Stimmigkeit mit unserer Ahnung und Hoffnung.

Fotos: Gundula Bild 1, 5, 7 bis 12; Roland Bild 2, 3, 4, 6
Km heute: 8,3

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Eine Antwort zu “Wege für Genießer

  1. Grenzgänger

    Eine wunderbare Beschreibung für deine Genusswanderung. Da komme ich richtig auf den Geschmack. Liebe Grüße Alfons

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