Plattes Land, Alster und Elbe

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3 Tage Hamburg, Januar  ’17
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Wie sieht es hier eigentlich aus, ich meine, mal weiter außerhalb Hamburgs, zu Fuß. Ich bin zwar die ebenen Landschaften um Leipzig gewöhnt, aber zumeist, in der letzten Zeit seit 1955, die abwechslungsreichen Hügel um Stuttgart.
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Schleswig-Holstein
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Ab Rellingen finde ich auf der Karte einen Weg, der sich eine Weile weit streckt, in gerader Linie nach Nordosten. Er ist
links begrenzt mit einer knorrigen, sehr alten Hecke. Der Weg und einige der Wegkreuzungen scheinen bereits seit langer Zeit zu existieren. Alles ist sehr ruhig hier, weit entfernt von den erbaulichen Nachrichtensendungen der letzten Tage, also auch erholsam.
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Sehr alte Bäume und dichter Bewuchs begrenzen den Weg. Begleitet von tiefen Gräben. Gebrochene Eisreste schmelzen langsam dahin. Dahinter halb verborgen Weideflächen, Äcker oder Brachland. Vereinzelte Waldstücke. Zwei Rehe im Dunst der feuchten Luft. Grasige Zufahrten mit schiefen Zäunen. Wenig Fernsicht. Alles sehr abwechslungsreich.
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Ein Waldpfad führt durch den Rest eines Moores. Linksseitig ist der Wald voller Wasser, teilweise noch gefroren. Der Weg glitscht etwas, Vorsicht, da möchte ich nicht hinein geraten, da mir das Handtuch fehlt. Wieder auf der schmalen Straße, wird von links her ein Hengst spazieren geführt, bedeckt mit einer wärmenden Decke. Er dreht sich neugierig zu mir um, bleibt stehen. „Das machen wohl die Stöcke“, meint die Frau. Das Spiel wiederholt sich nochmal. Will der, dass ich ihn reite? Ich gehe hin, er lässt sich streicheln. Im 1-img_2453nahen Pferdehof verschwinden sie. Und ich, irgendwo in Garstedt, bald danach im Bus. Und wäre der nicht so schnell gefahren, hätte ich noch eine Lesestunde genossen.
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Alster
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1-img_2456Ab der Haltestelle Alsterredder bin ich schnell unten im Tal. Neben dem Fluss gibt es Wasser-flächen, teils noch gefroren. Wie vorgestern ist der Himmel eine weiße Fläche; meine Handschuhe dürfen sich an mir wärmen.
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Unglaublich, hier sind Bänke, deren Sitzfläche derart geneigt ist, mindestens 30 Grad, dass man nach hinten sinkt und durch die 4-img_2459Schwerkraft fast durch die Lücke unter der Rückenlehne gezogen wird. Unvorstellbar, dass sich jemals der Bänkeaufsteller 2-img_2462selbst mal hinein begeben haben könnte!
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Die Talschleifen der Alster, ihre mehrfach verlagerten Altarme, steilen 5-img_2473Prallhänge und der wilde Bewuchs des Tales sind sehr interessant. Zweimal muss ich umkehren, als ich die Pfade dicht am Ufer benutze. Der eine Pfad ist sehr schräg geneigt. Überlagert von einem gestürzten Baum. Das wäre ja noch gegangen. Doch wie geht es in dieser Talschleife weiter? Die Umkehr ist wegen der Neigung bereits hier kaum ohne Abschmieren zu machen. Der andere Pfad wird plötzlich derart schmal, gerade nur zwei Fußbreit, und bietet gleich daneben den direkten vollautomatischen Zugang in die erkaltete Alstersuppe.
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Aber ich finde heute auch „missratene“ Bänke, auf denen man sich nicht abgelegt fühlt, wo ich sogar Dinge unabstürzbar ablegen kann. Außerdem finde ich mal einen sehr bequemen rundgeschliffenen Stein. Einen Sitzstein. Ich esse so vor mich hin, da schnüffelt es. Wie üblich haben Hunde bei Rastenden nur einen möglichen Gedanken. „…!…!…!“ Die freundliche Radfahrerin ruft ihn schnell zurück. Und dann kann ich wieder die dunkler werdende Aussicht genießen, unbeschnüffelt.
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Die von mir ungenau vorgeplante Bushaltestelle stellt sich als derzeit unbenutzbar heraus. Für Schüler eingerichtet, und auch nicht jetzt. Mehr als ein Kilometer zur B432 kommt also noch dazu, entlang einer Autostraße. Ich schalte auf Düsenbetrieb und schaffe den nächsten Bus.
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Elbe
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Das einzige alpine Gelände in Hamburg ist diese steile Stiege, die vier Meter neben meinem Bett steil in den tiefen Abgrund des Hauses führt. Sechzehn Stufen zum EG, der eigentliche Beginn jeder meiner Wanderungen hierzulande. Meine Familie schläft noch; vorsichtig taste ich mich abwärts und raus in die noch dunkelfrische Morgenluft. Heute mit Bus, U- und S-BAHN und nochmal Bus, durch verschneiten Wald nach Schnakenbek.
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Dort nur noch Schneereste, verharscht. Jetzt erst wird es hell. Doch im nahen Wald ist es nur dort noch weiß, wo die Kaltluft am ehesten hereinfällt, an Wegkreuzungen oder Rodungen. Der Geländehang beginnt und sehr allmählich senkt sich der breite Weg. Durch Bäume und Gebüsch sehe ich unten weite bläuliche Wasserflächen, zur Ferne hin undeutlich begrenzt. Sehr breit erscheint hier die Elbe.
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Weiter unten erkenne ich noch einen Pfad. Der Wanderweg zwischen Lauenburg und Geesthacht am „Hohen Elbufer“. Über eine Spur im braunen Laub bin ich schnell dort. Das südliche Ufer verschwindet fast im Dunst. In dieser Ruhezone ist die Natur unter sich. Wildromantisch, kaum beeinflusst. Zweimal erreiche ich den unmittelbaren Uferrand und fange herrliche Bilder ein.
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3-img_2504Doch dann stehen da Zäune. Der langgestreckte Campingplatz Tesperhude. Fast jeder Baum dieses Geländes wird derzeit gekappt und zurechtgepflegt. Im Vergleich zum beruhigenden Naturzustand von vorhin herrscht hier eine geradezu unästhetisch hässliche Ordnung. Rechte Winkel der Wege, Einfassungen, gestutzte Hecken, alles hat man „im Griff“.
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Und dann noch der Tesperhuder Strandweg, dann entlang der Elbuferstraße. Kein schöner Wanderweg mehr! Und zusätzlich thront rechts oberhalb ein hoher grober Klotz aus grauem Beton. Das Kernkraftwerk Krümmel. Aber Augen auf und nach vorn und durch! An einer Grillstation stoppt mich jedoch das Druckgefühl des Schaftes. Schnell eine Korrektur!
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Kaum gehe ich weiter, ist mir, als habe die Prothese Atomkraft getankt. Ich trete auf und werde sofort, ohne meine eigene Krafteinwirkung, nach vorne gedrückt. Auch dann, als es endlich den Berghang hinauf geht, weg von der lauten Straße, und auch später im Wald, an richtig heftigen Steigungen. Naja, eigentlich wie üblich.
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Das koste ich natürlich wieder genüsslich aus. Deshalb erreiche ich sogar den Busbahnhof Geesthacht, also etwas weiter als geplant. Und in der gleichen Minute starten wir schon nach Bergedorf. Aber ein Anhänger der Atomtechnik bin ich trotzdem nicht geworden!
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2 Antworten zu “Plattes Land, Alster und Elbe

  1. Herrlich, wunderbar, endlich wieder etwas von deinen Wanderungen zu lesen. Toll gemacht. Liebe Grüße Alfons

  2. Lieber Alfons, danke für den „Balsam“! Aber ich schreibe doch nur über diese leicht zugänglichen Erlebnisse für Körper und Psyche, die den meisten ebenfalls entscheidende Lebensqualität zuführen könnten – anstelle in relativ absehbarer Zeit ihre Probleme zu vergrößern. Verhältnismäßig Wenigen fehlt die erforderliche Bewegungsfähigkeit, die Beine in Schwingung zu bringen.
    Fitness durch Wandern macht richtig Spaß und öffnet zusätzlich ungeahnte oder vergessene Türen!
    Fitte Grüße, Roland

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