Flocke an Flocke

 

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Vier Tage im Schnee
 
Was vielen missfällt ist mir manchmal gerade recht. So auch kühles Schneewetter, zum Beispiel auf weiten, zugigen Feldern. Die kühlen Tupfer im Gesicht. Die weiß umgemalten Landschaften. Das Beherrschen der Tricks der beschneiten Wege.
 
Doch ohne angepasste Vorbereitung an mein Ersatzteil klappt das nicht. Schon mit den Stiefeln und Hosenbeinen beginnt es. Ich mache Halbe-Halbe mit der Prothese. Sie beansprucht nicht nur jeweils die rechte Hälfte, sondern muss auch unbedingt damit beginnen.
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Gewürzter Tee wird vorgekocht, genügend Futterdosen gefüllt, Antizitterkleidung bereitgelegt und die beiden Sitzunterlagen sind auch dabei. Wieso zwei davon? Vielleicht setzt sich ja mal jemand neben mich auf den Baumstamm am Wege. Oder ich will’s mal dicker!
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1-img_2263Im Bopserwald,
4. Januar
So gegen Zwölf bin ich dann am Waldrand am Eulenrain. Auch andere Flockenfans sind längst unterwegs. Viel zu lange habe ich ausgeschlafen heute! Dicke kühle Flusen treiben mir entgegen, auch mal in den Nacken, was ich besonders mag. Der Weg hinauf zum Fernsehturm erfordert Geduld. Oben dann lagert rechts ein rund geformter Rastbalken, der bereits mit einem weißen Tischtuch bedeckt ist. Er gabelt sich am linken Ende und bietet mir dadurch einen besonders bequemen Platz.
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Waldwege gehe ich, alle kenne ich bereits. Für siebzehn Uhr melde ich mich noch zur Rast bei Rita in Sillenbuch an. Beinamputiert ist sie auch, über 80 und vermisst ihre Gehfähigkeit! Auf der Straße ein Sturz mit dem Rollator – und auch ihr Zutrauen ist wie wegamputiert. Einfach und schnell geht sowas! Besuche mag sie, einsam fühlt sie sich; ich soll mal reinschneien. Und Kaffeerast beim Schneewandern, das klingt gut. Eine volle Kanne und die Reste des Weihnachtskuchens stehen auf dem Tisch. „Das muss endlich alles weg!“ Selbst will sie garnichts. Was soll man da machen! Unterhaltungen zwischen Einbeinern, worum geht es da wohl? Naja, zum Schluss steht noch der leere Teller da und die Kanne mit Restfeuchtigkeit. Und auf meinem Programm der Rest meines Wanderweges zur U7, dunkel und völlig vereist.
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3-img_2266Am Katzenbacher See,
6. Januar
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Zwei Tage später dann bei Vaihingen. Feiertag, Spaziergängertag. Wolkenloses Frostwetter. Am Katzenbacher See führen die Wege weit in die westlichen Wälder hinein. An jeder Wegkreuzung denke ich, da und da und dort könnte ich auch gerne noch weiter gehen. Es geht nur eine Richtung! Und weil die Sonne schon wieder an den Baumwipfeln schleift, wähle ich den kürzesten Weg, lange bergauf. Neben der Steigarbeit ist heute jeder Tritt ein Eislauf oder eine Versenkung im Schnee daneben. Morgen suche ich mir ebenere Wege!
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Eichenhain, 8. Januar
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Neun Stunden Ausschlafen zur begeisterten Fortsetzung der Wege im Schnee. Die Luft ist wieder voller Flocken. Zumeist von der kleinen Sorte, kaum erkennenbar. Im Eichenhain bei Riedenberg stehen die imposantesten Eichen, dekorativ beschneit. Kinder sind unterwegs zur Rodelbahn. Die Eltern stehen dort fröstelnd dabei. Ich halte mit noch warmem Tee bequeme Rast auf einer der unberührten Schneebänke.
 
Eine große weite Fläche bietet die andere Talseite. Der Schnee treibt sich um mich herum. Die Luft ist diesig, dicht gefüllt mit Miniflöckchen. Eine wunderbare Stimmung! Nur zu ahnen ist dort drüben die Stelle mit der vorhin verwendeten Bank hinter den grau verhangenen Eichen. Nicht weit vorn bei der Baumgruppe wartet bereits die nächste. Es ist wieder wie bei „Hase und Igel“ Die Sitzfläche in Sichtweite, scheint der Hunger dort bereits angekommen.
 
Nach der Domäne Kleinhohenheim geht’s durch den Wald und hinunter ins Ramsbachtal. Da erwarte ich jetzt nur noch leichte Steigung, entlang des Weidachbaches bis nach Möhringen. Mit der Zeit wird es jedoch langsam langsamer und schwieriger.
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Der Schnee verhält sich inzwischen anders als die Tage vorher. Er hat bereits erhöhte Temperatur; die schönen Kristallsterne werden instabile Pampe. Ein Schritt vor, ein halber zurück. Dazu dreht der Prothesenfuß wegen der Glätte oft nach rechts ab. Bald nimmt die Steigung weiter zu. Die Feldwege hinter der alten B27 werden zu Hindernisläufen. Oben im Ort ist das neue Glatteis inzwischen fertig, denn es wird dunkel. Mit gebremster Langsamkeit erreiche ich rutschend und schlingernd am Bahnhof Möhringen gerade noch die offene Türe der fahrbereiten Stadtbahn.
 
Doch kaum bewege ich mich nach der Busfahrt auf festem Boden, läuft die Prothese unter mir wie am Morgen, als sei sie frisch geschmiert,  gerade erst aufgestanden, heiß auf neue Muskelstrapazen!
Oberes Körschtal, 10. Januar
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Heute Schnee mit Eisregen! Morgen Regen! Also los und in die laue Winterluft, sofort! Ich verlasse den vereisten Bahnsteig in Rohr. Mit Sonne und Hunger. Ungefrühstückt, spontan ab Bettkante, kurz vor dreizehn Uhr, ziehe ich jetzt meinen Riegel heraus. Immer zwei Bissen im Mund zergehen lassend. Pfefferkuchen-Geschmack! Bis zum letzten Milligramm auskosten! Mal sehen, wo der Mittagshunger eintritt.
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Die ebenen Flächen der Filder wirken einsam bei den vereinzelten dunklen Punkten und Baumreihen im sonstigen Weiß. Die Joggerdichte erscheint noch dünn; einige Unentwegte versuchen sogar mich einzuholen. Nach dem Möhringer Freibad senkt sich der Einschnitt des Steinbaches, ein Zufluss zur Körsch. Wo bleibt nur der Eisregen?
 
Am Weidachwald überrascht mich endlich der Hunger. Diese Bank kenne ich noch. Die blaue Routenlinie zeigt mir 6,9 km,  nach fast drei Stunden Marsch. Da genügt also für heute eine Rast. Durch den Wald führt dieser Weg weiter nach Hohenheim.
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Doch vorher komme ich gezielt rechts vom Weg ab. Dessen festgefahrene Eisfladen reizen mich weniger. Dagegen genieße ich die Dämmerathmosphäre durch verschneite Wiesen. Ein Pfad, undeutliche Fußspuren, links die Erlenreihe am Bach, rechts Streuobstflächen. Ein anderer Schleeliebhaber stapft mir entgegen, lächelnd. Vorn an der Häuserkante leuchten bereits gelblich die Lampen am Wege. Wo bereits das Glatteis auf neue Opfer wartet.
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2 Antworten zu “Flocke an Flocke

  1. Super, das Bild mit der Eichenkrone gefällt mir am besten. LG Alfons

  2. Danke, Freut mich, schönen Sonntag! LG Roland

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