Archiv des Autors: Roland

Auf ins Jahr 11

10. und 12. Mai 2018

12. Mai. Ein dunkler und steiler Weg heute morgen, hoch zur Kreuzung am Birkenkopf, zuerst noch recht morgenkühl hier im Wald. Gut, denkt man, das Schwierigste gleich zuerst… Aber – das kann auch voreilig sein!

Kunst am Wanderweg

Und am 10. Mai,  also erst vorgestern, hatte ich ein bereits länger angestrebtes Ergebnis erreicht. Die erste Tour nach zehn schwierigen, erlebnisreichen und herrlichen Jahren Prothesenwanderhobby. Und endlich, seit Juli letzten Jahres, gelangen mir das erste mal wieder die geliebten 13 Kilometer hinter die Schuhsohlen zu schieben. Also, denkt man, so könnte das jetzt weitergehen! Bereits um 4:50 Uhr zog ich los, im Dämmerlicht. Eigentlich ein gelungener Blödsinn. Es soll aber sehr warm werden, der Schaft wird abwärts gleiten, das Bein streckt sich länger und länger… Die Lösung gegen den Schweiß – früh raus, Haustüre zu und ab durch den Park der Villa Berg, den unteren Schlossgarten, über den Neckar zur Cannstatter Seite, vorbei an den hochkreativen Sprühkunstwerken, die ich mehr bewundern kann als die neue Bahnbrückenbaustelle; mal sehen, ob da heute zehn Kilometer draus werden (möglichst dreizehn mag ich halt, und zwar gerne sechs bis achtmal im Monat). Alles wird dadurch einfacher, gesünder, mit einem entschieden besseren Gefühl anstatt als abgehangener Rentner mit ebensolchen Mundwinkeln vorm PC die Tage nur noch zu verglotzen.

Gegenbewegung

Einfach herrlich, diese Kühle, besonders oben an den Armen. Ich würde mir die Ärmel extra hochkrempeln, wenn sie nicht schon kurz genug wären! Shorts und lange Hemdsärmel, das geht doch nicht! Weiter den Neckar abwärts, wieder linksseitig am Hang der Weinberge entlang, wo die jetzt nicht mehr aktuellen Schilder der Besenwirtschaften auf die nächste Testsaison warten. Dann war meine Strecke also doch länger geworden, als ich an der Haltestelle Auwiesen ankam.

Und heute am 10. Mai, zwei Tage danach, will ich das wiederholen. Start am Westbahnhof. Neben dem Birkenkopf münde ich in die Bürgerallee, ein breiter Waldweg führt mich durch weite Wälder.  Jetzt glitzern auch einzelne helle Blätter von links herauf. Ein seitlich einmündender Weg ist grell durchstrahlt von der Morgensonne. Gute Stimmung, innen und außen!

Gutes Wetter bestellt, die Lieferung stimmt!

Gelegentlich sind Jogger unterwegs. Einer scheint es besonders eilig zu haben. „Schneller, das Frühstück wartet!“, kann ich mir nicht verkneifen. Irgendwas Zustimmendes höre ich, während er weiterstürmt. Ich hatte also recht. Gleich darauf durchwate ich rechts das restliche Herbstlaub des flachen Grabens, erklimme den Sitz einer Bank und nehme meinen zweiten Frühdrink. Meine unterschiedlich schönen Knie imitieren den Frühstückstisch. Diesen Eiligen vorhin, den hätte ich eigentlich zu einem Energieschub einladen können!

Am Pfaffensee plane ich die Runde um das östliche Ende ein. Denn hier kommt mir das Licht ein kurzes Stück entgegen und bietet mir gut durchleuchtete Motive. Einige der Uferbäume werden mit der Zeit sichtbar schlapp an der Wurzel, wenn das Erdreich bröckelt. Viele dünne Ärmchen stemmen sich im See gegen das Ersäufnis. Noch steht manchen das Wasser nicht bis zur Krone.

Heute erscheint mir das Wetter ungeeignet für nasse Füße!

Diese Uferwege sind ein vorzüglich geeigneter Parcours: An der Brücke überlege ich, soll ich gleich rüber zu den zwei Stück Kuchen, die mir quer in der Vorstellung schweben, noch ohne Gerüche zu verschwenden, mir aber die klare Sichtweise versperren? Doch jetzt bin ich immer noch zu früh dran, das Bärenschlössle erwartet den Ansturm des Bäckers und der Gäste erst etwas später.

Badewanne – das wär mal wieder was!

Knabberüsli ist immer dabei!

Bald nach der Staumauer bekomme ich Appetietsstau und biege links hinauf. Die Schattenallee in westlicher Richtung geht an der Grillstelle am Schattentor vorbei. Doch sie ist samt der Bänke eingegattert; der Graben an der Wegkreuzung bietet mir eine geeignete, nur halbbeschattete Sitzfläche an. So schmeckt es sich, weil gestaut, jedenfalls ebenfalls gleichfalls!

Schnurgerade ist jetzt der Weg. Da ein Querweg vor dichtem Wald. Ich denke, hier sollte es doch noch weitergehen? Aha, eine Trittspur beginnt kaum sichtbar. Sanft streichelt mich etwas am linken Knie. Eine halbwüchsige Brennnessel macht einen Beciercungsversuch. Doch gleich ruft mich ein Kratzer im Gesicht zur Ordnung; hier hängen dürre Äste tief zwischen einigen grünen Buchenzweigen, verhaken sich am Rucksack, sogar bis zu den Kniekehlen. Und die Unterholzmücken, bleiche Motten und noch weitere insektoide Flatterwesen entdecken ein frisches Opfer. In engen buckligen Schleifen windet sich der Pfad durch die Unterholzdämmerung. Jede Menge Spinnwebereien wehen mir um die Nasenflügel, bilden Kletterseile zwischen den Ohrschlappen, ohne mich aber deutlich auszubremsen. Viel dünnes Jungholz steht hier, dazwischen ein prächtiges Kontrastexemplar einer dicken Eiche. Gegenüber an einem halbdicken Stamm, halbverblichen, ein Wanderwegzeichen. Ich bin doch richtig hier! Nur paar matschige Gräben noch und es folgt der Hochwald, ein Stammstapel liegt quer, dort geht’s rechts unbemückt kiesig weiter auf der Kaufhausallee. Die junge Streichelnessel vorhin, die hatte doch nicht die richtige Dosis Brenn- bzw. Reizstoff geladen!

Diese Wege erkenne ich jetzt wieder, da bin ich doch schon 2014 auf der Spirale gelaufen. Als ich von Büsnau aus nach Weilimdorf zur S-Bahn wollte. Jetzt nochmal links ab in die Bärenseeallee. Schöne Wegnamen hier. Lange langsam ansteigend die Waldstraße und da steht schon die Schutzhütte, mit der Sitzgruppe davor, gerade recht, um den nächsten Hunger und Durst nicht zu vergessen.

Durst macht bei mir Durst auf mehr!

Der Pfad ins Krummbachtal krümmt sich fast um 180 Grad, schmal und steinig, mit abfälligem Erdanziehungsbeschleunigungsgefühl. Ohne die Stöcke würde ich hier zum Harzer Roller, und das fände ich Käse! Erst unten spüre ich entzündliche Stellen am Stumpfende. Das kommt sicher von der Bremskraftverstärkung eben. Unvermittelt kann ich kaum noch belasten. Vorhin war nie nichts dergleichen! Ich setze mich auf die schattige Böschung rechts des Fußweges neben der Talstraße. Eine letzte schluckbare Rucksackerleichterung zum verbesserten Nachdenken. Nein, die 13 sind’s heute nicht! Jetzt nur „flott“ zum Bus!

Das Schwierigste also zuletzt. Nicht so gut! Aber wer weiß am Morgen schon, was der Abend Schönes auf Lager hat? Also schiebe ich die restlichen Knöchelchen   l  a  n  g  s  a  m   Schritt für Schritt gleich das Tälchen weiter hinauf, obwohl ich doch eigentlich noch bis Gerlingen Ramtel wollte. Möglichst schweben sollte man! Autsch! Heftigkeit ist das Verbot! Heute und sicherlich die nächsten Tage!

Die Haltestelle in der Solitudestraße habe ich nicht zu spät erreicht, der Busfahrer hat sich nicht verfrüht. Und das elfte Jahr hat ja gerade erst angefangen!

Das mache ich nicht so oft

Samstag, 3. März 2018

Diesen Moment, die Marke von 10.000 Kilometern zu überwandern, möchte ich nicht allzu einsam erleben. Auf der Eisfläche eines Parkplatzes am südlichen Ortsrand von Musberg treffen wir uns. Meine „Mitwanderer“ Gundula und Helmut, Karl und Alfons nehmen mich in die Mitte des Bildes. Knappe zehn Kilometer schängelt und biegt sich unsere Route rund um den Ort. Es wird hügelig, aber zuerst wollen wir über den Eichberg hinunter zur Eselsmühle im oberen Siebenmühlental.

Allerdings, eigentlich wären wir acht Wanderer gewesen. Daniel hatte unverrückbare Familienpläne. Und Carola und Susan hatten Termine mit Grippeviren.

Die Landschaft ist bis auf die Sonnenhänge noch voller Schnee und eisiger Wegstellen. Helmut trägt ebenfalls eine Oberschenkelprothese, zur Abwechslung jedoch linksseitig. Auf einigen Wanderungen hat er mich schon begleitet. Regelmäßig läuft er „ums Haus“ und hält seine wertvolle Fitness aufrecht. Heute müssen wir beide besonders gut aufpassen, aber der Abstieg gelingt.

 

 

 

 

Eine Stelle, fast schon unten, ist besonders glatt.  Langsam und seitlich, da ergibt sich der sicherste Halt.

Dann ist es schon so weit. An der Eselsmühle ist der seit einiger Zeit angestrebte Punkt erreicht. Alfons zückt einen interessant gefüllten Riesenflachmann hervor, mit einer bayrisch-duftigen lecker-roten Flüssigkeit, und auch die Gläser hat er dabei. Zum Wohl, „auf die nächsten Zehntausend!“ – naja, angebrochen sind sie ja schon paar Meter!

Aber wir kehren hier nicht ein. Die Sonne strahlt uns freundlichst an und wir haben ja noch das meiste vor uns.

 

 

Die Esel wollen sich aus gegebenem Anlass gleich mit Gundula anfreunden, aber so artgerecht wäre diese Ernährung nicht. Gundula war hier in der Nähe auch schon zweimal mitgewandert.

 

 

 

Das Siebenmühlental im Süden Stuttgarts führt hinein in den Schönbuch zum Aichtal und ist eines der beliebtesten Ausflugsziele. Auch unsere Route ist sehr abwechslungsreich.

Bald erreichen wir den Viadukt,  anstatt mit Bahngleisen seit längerem mit einem Fahrrad- und Wanderweg versehen.

 

Nach dem ersten steilen Anstieg steht am Waldrand die erwartete Bank. Mit Aussicht auf Musberg. Alfons ist technisch immer bestens ausgerüstet, wie man sieht. Als Mitwanderer ist er mit mir schon seit 2011 unterwegs. Ab Coburg wollte er mal einen Tag mitkommen, es wurden viele daraus.

 

 

Karl wohnt ganz in meiner Nähe. Er wollte einfach mal mit. Er ist gut drauf, eine Kleinigkeit für ihn.

 

Der Schnee taut heute mächtig, das Eis platzt regelrecht auf. Darunter erscheint der Schmellbach, ein Zulauf zum Reichenbach.

 

 

 

Das Schmellbachtal hat hier nur einen Wanderpfad, wir steigen es hinauf. Bevor die Wege  im Wald wieder glatt und steiler werden, nutzen wir die nächste Bank. Etwas zu hoch geraten, dieser Sitz! 

Nach dem Wispelwald freie Sicht über die Filder. Am Südrand von Oberaichen geht es bequem in eine breite Senke und danach am Rande des Weilerwaldes zurück zu den Autos.  „Das machen wir jetzt jedes Jahr“, schlägt der andere Einbeiner vor.  Vorschlag allgemein angenommen!  Aber dann bitte ohne grippale Einschränkungen!? Und mit diesem roten Saft!!

10.000 Strapazenkilometer

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Highlights – Neckaraufwärts: 15. Februar 2017, Neckartenzlingen bis Oferdingen

Kürzlich erreichte ich den neuntausendsten Genusskilometer. Allesamt habe ich diese Entfernungen, selbst ziemlich wohlgemut, meinen drei Wanderprothesen zugemutet. Zwei überstanden es sehr gut; der dritten geht’s wie mir. Trotz vieler Einflüsse. Berge, Schlamm, Wetter, Schmarren, Empfindlichkeiten, Überalterung, „Strapazen“. Die nächsten img_1559spannenden Tausend liegen vor mir, ein Prozent davon auch heute.

Kopfmäßig bin ich wie darauf einjustiert. Und wenn was dazwischen kommt? Na und? Klar kann das sein. Klar ist das wohl auch ein Novum, ich meine, so mal mit Prothese, über zehn Jahre. Ein Versuch! Du kannst zu Hause bleiben bei langweiligen Serien und Faulenzia oder du gehst raus – unterhaltsam die Beine schwingen!
 
Meistens bin ich alleine unterwegs; ich besitze keinen Herdentrieb. Doch zu zweit, zu dritt, da ist die Herde noch winzig. Möchte die eine oder der andere mal (wieder) mitwandern? Ich würde mich freuen. Bin ja erreichbar.
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Meine Routen der „Highlights“ will ich mal weiterwandern. Ich finde, diese langen Täler sind einfach kurzweilig! Gleich zu Beginn eine Besonderheit. Der Talhang vor mir img_2372ist unbewaldet; neugierig genießen Felsen den Ausblick zum Neckar. Dieser Buntsandstein wurde nicht nur zu besonders guten Mühlrädern img_2378verarbeitet. Er hat auch dem Kölner Dom und dem Ulmer Münster als Baumaterial gedient.
 
Ganz anders die vorangegangene Route ab Nürtingen. Da lag einiges in der Luft. Schneeschauer, blaue Himmelserscheinungen und sogar kurze frühlingshafte Sonneneinbrüche.
 
Oft gelange ich auf Wiesenwegen oder Waldpfaden dicht ans Neckarufer. Doch das beste ist ja, wenn du an einem abzweigenden Waldpfad ein Schild siehst „Dieser Weg endet“, gehst also im tiefsten Inneren höchstgradig beruhigt den anderen und stehst nach einem Kilometer vor einem einfahrtbreiten verschlossenen Tor, flankiert mit hohen Zäunen. Ich meine, INNERHALB! Hinter mir war keine img_2696Sperre. In was für einen Frischlufttresor bin ich hier unbemerkt eingebrochen? Was mögen das für Leute sein, die vorne zurammeln und hinten noch das Geld für ein Schildchen zusammensparen?
 
Zurückwärts erkenne ich links unten einen alternativen Pfad. Unten am Bach sind trittsichere flache Steine eingelagert. Dazwischen bächelt es murmelnd. Eine vermutliche Rutschpartie gäbe das, denn bis dort unten hin ist der img_2700Boden zu steil und haltlos. Umspülte Prothesen und abgesoffene Handys mag ich nicht.
 
Alles doch wieder zurück, vollends. Und oben leider auf die Straße und vor die Außenansicht des Tores. Das „gesicherte“ Gelände entpuppt sich als der stinknormale „Häckselclub“ der Stadt Reutlingen! Also, hütet euch künftig vor Wegen mit ohne Schildern! Nochmal zurück will ich heute nicht! – Denkste!
 
Wieder am Neckar gerate ich auf einen Pfad, der sich langsam zu einem Pampeparcours entwickelt. Ganz am Rande geht es vielleicht doch?! Einfach mal wieder richtig genießen!? Paar Meter weiter hat sich unauffällig das Design meiner Schuhe auffällig verändert. Ringsum, etwa zwei Zentimeter breit, wölbt sich der Matsch das Leder empor. Beidseitig! Wer baut nur solche verweichlichten Spazierwege, hier, schon im Ort, direkt neben der Kirche, die links oben auf dem Hang thront?
 
Ich sag’s ja, vorne am Weg, da war vorhin kein Schildchen dran!
 
Als ich kaum noch die Füße aus dem Sog und Geschmatz rauskriegen kann, rufe ich lieber mal um Auskunft. Der Mann in seinem Gärtle meint einfach: „Der Weg isch doch ganz normal! Hat halt gregnet! Isch doch normal! Kehret se eifach om, weil, nach vorne zue, no mendeschtens zwoihondrt Metr, da wirds scho no e bissle rutschig.“
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Dieses vergleichbare Bild musste ich bei mir „ausleihen“. 2011, im Steigerwald. Einem Feldweg mit frisch gepflügten Äckern würde man solche Ergebnisse verzeihen, oder?
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Was für eine Gegend! Schlamm schabend und weit verbreitend gelange ich beim dritten Rückzug hinauf nach Oferdingen (sollte lieber Oferfluchtingen heißen!). Spuren hinterlassend in Bus und Bahn, gerate ich ländlich markiert zurück ins „saubere Ländle“ mit langweilig geputzten Schuhen.
 
Wirklich kurzweilig, diese Highlights der langen Täler!

Flocke an Flocke

 

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Vier Tage im Schnee
 
Was vielen missfällt ist mir manchmal gerade recht. So auch kühles Schneewetter, zum Beispiel auf weiten, zugigen Feldern. Die kühlen Tupfer im Gesicht. Die weiß umgemalten Landschaften. Das Beherrschen der Tricks der beschneiten Wege.
 
Doch ohne angepasste Vorbereitung an mein Ersatzteil klappt das nicht. Schon mit den Stiefeln und Hosenbeinen beginnt es. Ich mache Halbe-Halbe mit der Prothese. Sie beansprucht nicht nur jeweils die rechte Hälfte, sondern muss auch unbedingt damit beginnen.
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Gewürzter Tee wird vorgekocht, genügend Futterdosen gefüllt, Antizitterkleidung bereitgelegt und die beiden Sitzunterlagen sind auch dabei. Wieso zwei davon? Vielleicht setzt sich ja mal jemand neben mich auf den Baumstamm am Wege. Oder ich will’s mal dicker!
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1-img_2263Im Bopserwald,
4. Januar
So gegen Zwölf bin ich dann am Waldrand am Eulenrain. Auch andere Flockenfans sind längst unterwegs. Viel zu lange habe ich ausgeschlafen heute! Dicke kühle Flusen treiben mir entgegen, auch mal in den Nacken, was ich besonders mag. Der Weg hinauf zum Fernsehturm erfordert Geduld. Oben dann lagert rechts ein rund geformter Rastbalken, der bereits mit einem weißen Tischtuch bedeckt ist. Er gabelt sich am linken Ende und bietet mir dadurch einen besonders bequemen Platz.
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Waldwege gehe ich, alle kenne ich bereits. Für siebzehn Uhr melde ich mich noch zur Rast bei Rita in Sillenbuch an. Beinamputiert ist sie auch, über 80 und vermisst ihre Gehfähigkeit! Auf der Straße ein Sturz mit dem Rollator – und auch ihr Zutrauen ist wie wegamputiert. Einfach und schnell geht sowas! Besuche mag sie, einsam fühlt sie sich; ich soll mal reinschneien. Und Kaffeerast beim Schneewandern, das klingt gut. Eine volle Kanne und die Reste des Weihnachtskuchens stehen auf dem Tisch. „Das muss endlich alles weg!“ Selbst will sie garnichts. Was soll man da machen! Unterhaltungen zwischen Einbeinern, worum geht es da wohl? Naja, zum Schluss steht noch der leere Teller da und die Kanne mit Restfeuchtigkeit. Und auf meinem Programm der Rest meines Wanderweges zur U7, dunkel und völlig vereist.
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3-img_2266Am Katzenbacher See,
6. Januar
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Zwei Tage später dann bei Vaihingen. Feiertag, Spaziergängertag. Wolkenloses Frostwetter. Am Katzenbacher See führen die Wege weit in die westlichen Wälder hinein. An jeder Wegkreuzung denke ich, da und da und dort könnte ich auch gerne noch weiter gehen. Es geht nur eine Richtung! Und weil die Sonne schon wieder an den Baumwipfeln schleift, wähle ich den kürzesten Weg, lange bergauf. Neben der Steigarbeit ist heute jeder Tritt ein Eislauf oder eine Versenkung im Schnee daneben. Morgen suche ich mir ebenere Wege!
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Eichenhain, 8. Januar
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Neun Stunden Ausschlafen zur begeisterten Fortsetzung der Wege im Schnee. Die Luft ist wieder voller Flocken. Zumeist von der kleinen Sorte, kaum erkennenbar. Im Eichenhain bei Riedenberg stehen die imposantesten Eichen, dekorativ beschneit. Kinder sind unterwegs zur Rodelbahn. Die Eltern stehen dort fröstelnd dabei. Ich halte mit noch warmem Tee bequeme Rast auf einer der unberührten Schneebänke.
 
Eine große weite Fläche bietet die andere Talseite. Der Schnee treibt sich um mich herum. Die Luft ist diesig, dicht gefüllt mit Miniflöckchen. Eine wunderbare Stimmung! Nur zu ahnen ist dort drüben die Stelle mit der vorhin verwendeten Bank hinter den grau verhangenen Eichen. Nicht weit vorn bei der Baumgruppe wartet bereits die nächste. Es ist wieder wie bei „Hase und Igel“ Die Sitzfläche in Sichtweite, scheint der Hunger dort bereits angekommen.
 
Nach der Domäne Kleinhohenheim geht’s durch den Wald und hinunter ins Ramsbachtal. Da erwarte ich jetzt nur noch leichte Steigung, entlang des Weidachbaches bis nach Möhringen. Mit der Zeit wird es jedoch langsam langsamer und schwieriger.
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Der Schnee verhält sich inzwischen anders als die Tage vorher. Er hat bereits erhöhte Temperatur; die schönen Kristallsterne werden instabile Pampe. Ein Schritt vor, ein halber zurück. Dazu dreht der Prothesenfuß wegen der Glätte oft nach rechts ab. Bald nimmt die Steigung weiter zu. Die Feldwege hinter der alten B27 werden zu Hindernisläufen. Oben im Ort ist das neue Glatteis inzwischen fertig, denn es wird dunkel. Mit gebremster Langsamkeit erreiche ich rutschend und schlingernd am Bahnhof Möhringen gerade noch die offene Türe der fahrbereiten Stadtbahn.
 
Doch kaum bewege ich mich nach der Busfahrt auf festem Boden, läuft die Prothese unter mir wie am Morgen, als sei sie frisch geschmiert,  gerade erst aufgestanden, heiß auf neue Muskelstrapazen!
Oberes Körschtal, 10. Januar
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Heute Schnee mit Eisregen! Morgen Regen! Also los und in die laue Winterluft, sofort! Ich verlasse den vereisten Bahnsteig in Rohr. Mit Sonne und Hunger. Ungefrühstückt, spontan ab Bettkante, kurz vor dreizehn Uhr, ziehe ich jetzt meinen Riegel heraus. Immer zwei Bissen im Mund zergehen lassend. Pfefferkuchen-Geschmack! Bis zum letzten Milligramm auskosten! Mal sehen, wo der Mittagshunger eintritt.
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Die ebenen Flächen der Filder wirken einsam bei den vereinzelten dunklen Punkten und Baumreihen im sonstigen Weiß. Die Joggerdichte erscheint noch dünn; einige Unentwegte versuchen sogar mich einzuholen. Nach dem Möhringer Freibad senkt sich der Einschnitt des Steinbaches, ein Zufluss zur Körsch. Wo bleibt nur der Eisregen?
 
Am Weidachwald überrascht mich endlich der Hunger. Diese Bank kenne ich noch. Die blaue Routenlinie zeigt mir 6,9 km,  nach fast drei Stunden Marsch. Da genügt also für heute eine Rast. Durch den Wald führt dieser Weg weiter nach Hohenheim.
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Doch vorher komme ich gezielt rechts vom Weg ab. Dessen festgefahrene Eisfladen reizen mich weniger. Dagegen genieße ich die Dämmerathmosphäre durch verschneite Wiesen. Ein Pfad, undeutliche Fußspuren, links die Erlenreihe am Bach, rechts Streuobstflächen. Ein anderer Schleeliebhaber stapft mir entgegen, lächelnd. Vorn an der Häuserkante leuchten bereits gelblich die Lampen am Wege. Wo bereits das Glatteis auf neue Opfer wartet.
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Plattes Land, Alster und Elbe

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3 Tage Hamburg, Januar  ’17
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Wie sieht es hier eigentlich aus, ich meine, mal weiter außerhalb Hamburgs, zu Fuß. Ich bin zwar die ebenen Landschaften um Leipzig gewöhnt, aber zumeist, in der letzten Zeit seit 1955, die abwechslungsreichen Hügel um Stuttgart.
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Schleswig-Holstein
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Ab Rellingen finde ich auf der Karte einen Weg, der sich eine Weile weit streckt, in gerader Linie nach Nordosten. Er ist
links begrenzt mit einer knorrigen, sehr alten Hecke. Der Weg und einige der Wegkreuzungen scheinen bereits seit langer Zeit zu existieren. Alles ist sehr ruhig hier, weit entfernt von den erbaulichen Nachrichtensendungen der letzten Tage, also auch erholsam.
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Sehr alte Bäume und dichter Bewuchs begrenzen den Weg. Begleitet von tiefen Gräben. Gebrochene Eisreste schmelzen langsam dahin. Dahinter halb verborgen Weideflächen, Äcker oder Brachland. Vereinzelte Waldstücke. Zwei Rehe im Dunst der feuchten Luft. Grasige Zufahrten mit schiefen Zäunen. Wenig Fernsicht. Alles sehr abwechslungsreich.
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Ein Waldpfad führt durch den Rest eines Moores. Linksseitig ist der Wald voller Wasser, teilweise noch gefroren. Der Weg glitscht etwas, Vorsicht, da möchte ich nicht hinein geraten, da mir das Handtuch fehlt. Wieder auf der schmalen Straße, wird von links her ein Hengst spazieren geführt, bedeckt mit einer wärmenden Decke. Er dreht sich neugierig zu mir um, bleibt stehen. „Das machen wohl die Stöcke“, meint die Frau. Das Spiel wiederholt sich nochmal. Will der, dass ich ihn reite? Ich gehe hin, er lässt sich streicheln. Im 1-img_2453nahen Pferdehof verschwinden sie. Und ich, irgendwo in Garstedt, bald danach im Bus. Und wäre der nicht so schnell gefahren, hätte ich noch eine Lesestunde genossen.
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Alster
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1-img_2456Ab der Haltestelle Alsterredder bin ich schnell unten im Tal. Neben dem Fluss gibt es Wasser-flächen, teils noch gefroren. Wie vorgestern ist der Himmel eine weiße Fläche; meine Handschuhe dürfen sich an mir wärmen.
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Unglaublich, hier sind Bänke, deren Sitzfläche derart geneigt ist, mindestens 30 Grad, dass man nach hinten sinkt und durch die 4-img_2459Schwerkraft fast durch die Lücke unter der Rückenlehne gezogen wird. Unvorstellbar, dass sich jemals der Bänkeaufsteller 2-img_2462selbst mal hinein begeben haben könnte!
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Die Talschleifen der Alster, ihre mehrfach verlagerten Altarme, steilen 5-img_2473Prallhänge und der wilde Bewuchs des Tales sind sehr interessant. Zweimal muss ich umkehren, als ich die Pfade dicht am Ufer benutze. Der eine Pfad ist sehr schräg geneigt. Überlagert von einem gestürzten Baum. Das wäre ja noch gegangen. Doch wie geht es in dieser Talschleife weiter? Die Umkehr ist wegen der Neigung bereits hier kaum ohne Abschmieren zu machen. Der andere Pfad wird plötzlich derart schmal, gerade nur zwei Fußbreit, und bietet gleich daneben den direkten vollautomatischen Zugang in die erkaltete Alstersuppe.
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Aber ich finde heute auch „missratene“ Bänke, auf denen man sich nicht abgelegt fühlt, wo ich sogar Dinge unabstürzbar ablegen kann. Außerdem finde ich mal einen sehr bequemen rundgeschliffenen Stein. Einen Sitzstein. Ich esse so vor mich hin, da schnüffelt es. Wie üblich haben Hunde bei Rastenden nur einen möglichen Gedanken. „…!…!…!“ Die freundliche Radfahrerin ruft ihn schnell zurück. Und dann kann ich wieder die dunkler werdende Aussicht genießen, unbeschnüffelt.
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Die von mir ungenau vorgeplante Bushaltestelle stellt sich als derzeit unbenutzbar heraus. Für Schüler eingerichtet, und auch nicht jetzt. Mehr als ein Kilometer zur B432 kommt also noch dazu, entlang einer Autostraße. Ich schalte auf Düsenbetrieb und schaffe den nächsten Bus.
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Elbe
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Das einzige alpine Gelände in Hamburg ist diese steile Stiege, die vier Meter neben meinem Bett steil in den tiefen Abgrund des Hauses führt. Sechzehn Stufen zum EG, der eigentliche Beginn jeder meiner Wanderungen hierzulande. Meine Familie schläft noch; vorsichtig taste ich mich abwärts und raus in die noch dunkelfrische Morgenluft. Heute mit Bus, U- und S-BAHN und nochmal Bus, durch verschneiten Wald nach Schnakenbek.
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Dort nur noch Schneereste, verharscht. Jetzt erst wird es hell. Doch im nahen Wald ist es nur dort noch weiß, wo die Kaltluft am ehesten hereinfällt, an Wegkreuzungen oder Rodungen. Der Geländehang beginnt und sehr allmählich senkt sich der breite Weg. Durch Bäume und Gebüsch sehe ich unten weite bläuliche Wasserflächen, zur Ferne hin undeutlich begrenzt. Sehr breit erscheint hier die Elbe.
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Weiter unten erkenne ich noch einen Pfad. Der Wanderweg zwischen Lauenburg und Geesthacht am „Hohen Elbufer“. Über eine Spur im braunen Laub bin ich schnell dort. Das südliche Ufer verschwindet fast im Dunst. In dieser Ruhezone ist die Natur unter sich. Wildromantisch, kaum beeinflusst. Zweimal erreiche ich den unmittelbaren Uferrand und fange herrliche Bilder ein.
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3-img_2504Doch dann stehen da Zäune. Der langgestreckte Campingplatz Tesperhude. Fast jeder Baum dieses Geländes wird derzeit gekappt und zurechtgepflegt. Im Vergleich zum beruhigenden Naturzustand von vorhin herrscht hier eine geradezu unästhetisch hässliche Ordnung. Rechte Winkel der Wege, Einfassungen, gestutzte Hecken, alles hat man „im Griff“.
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Und dann noch der Tesperhuder Strandweg, dann entlang der Elbuferstraße. Kein schöner Wanderweg mehr! Und zusätzlich thront rechts oberhalb ein hoher grober Klotz aus grauem Beton. Das Kernkraftwerk Krümmel. Aber Augen auf und nach vorn und durch! An einer Grillstation stoppt mich jedoch das Druckgefühl des Schaftes. Schnell eine Korrektur!
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Kaum gehe ich weiter, ist mir, als habe die Prothese Atomkraft getankt. Ich trete auf und werde sofort, ohne meine eigene Krafteinwirkung, nach vorne gedrückt. Auch dann, als es endlich den Berghang hinauf geht, weg von der lauten Straße, und auch später im Wald, an richtig heftigen Steigungen. Naja, eigentlich wie üblich.
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Das koste ich natürlich wieder genüsslich aus. Deshalb erreiche ich sogar den Busbahnhof Geesthacht, also etwas weiter als geplant. Und in der gleichen Minute starten wir schon nach Bergedorf. Aber ein Anhänger der Atomtechnik bin ich trotzdem nicht geworden!
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Auf Sand gebaut

Highlight 10 – 9. Juni 2016
Runde bei St. Peter-Ording

Ein Kiefernwald zuerst, dann der Damm, um weiter nördlich den Strand zu erreichen. Absperrung! Freundlich wird uns die fällige Kurtaxe abgenommen. Nun besitzen wir das Recht, uns heute auf diesen Sandkörnern zu bewegen.

Bald ist die Dünenpassage hinter uns und wir überblicken die Lage und einen kleinen Teil des riesigen Strandfladens. Wer sind WIR? Berndt, mein Neffe, Helen, meine Enkelin und bereits Mitwanderin, und ich als Anstifter. Anstelle von Sylt, was ich vorher geplant hatte, ist die Fahrt hierher spürbar näher.

Weit vor uns bewegt sich etwas Weißliches wie Wellenschwappen. Hölzerne, hohe Stelzenungetüme tragen Häuschen, Treppen hinauf sind erkennbar. Fahnen straffen sich im Wind. Der erste lockere Sand umfließt sofort meine Schuhe. Die Schritte gleiten gleichzeitig mit den Gehversuchen rückwärts. Jaja, das erinnert mich doch gleich an meine erste Strandberührung bei Warnemünde!

Okay, wenn jemand mal ’ne Sitzung hat, wird’s ungemütlich, falls er bei Flut zu tief sitzt. Clever sind die Nordfriesen! Da lohnt sich das vorherige Treppensteigen; Fahrstühle würden hier nur sandig Knirschen.

 

Doch vor unserer Hoch-WC-Nutzung erklettern wir eine Holzrampe, gegen den ersten Hunger. Der Wind treibt sich ebenfalls auf dem Strand herum, weht den Sand in die Strandkörbe, modelliert die Schuh- und Zehenabdrücke der Kurtaxenkundschaft und pustet ihn mir auf den Gouda. Macht nichts, verkrümelt sich. Aber spürbar kühl ist’s wieder, wenn der Sonnenschein verloren geht.

Wir ziehen uns zurück, so wie die einsetzende Flut die angeketteten Bojen erreicht und das Wasser hinter die äußere Strandlinie drückt. Schon müssen wir durch seichte Priele treten, in denen bereits das Wasser steigt.

Kinder spielen begeistert im Wasser einer Sandsenke, unter den Stützbalken einer weiteren Brettervilla. Schnell hole ich mir noch dieses Motiv, bevor wir hier geflutet werden. Dann erreichen wir eine fast völlig ebene Strandfläche aus hartem Sand, wie festgeklopft. Keine Leute mehr um uns. Weit weg, in Ufernähe, bewegen sie sich; die Dünen erscheinen ebenfalls klein vor dem Ort. Nein, so einen breiten Strand kenne ich noch nicht.

Von hinten flattert etwas an uns vorbei. Das sind die Strandsegler, klärt mich Berndt auf. Also Segeln für Wasserscheue, schließe ich daraus. Eigentlich sind Wasserfreuden sehr beliebt. Doch auch drüben an der Wasserkante nutzt niemand diesen herrlich brandigen Badespaß! Ein Schild sagt uns, Strandsegler seien „gefährlich“, niemand solle diese ebene Fläche überqueren. Kann nicht auf uns zutreffen! Den Strand, den gesamten, haben wir für heute gekauft. Die Segler stellen sich auf zum Training, zum Treibenlassen.

 

Wieder ein Hochstelzenrestaurant, Arche Noah heißt es. „Helen, hier bekommst du nichts Veganes, bestimmt nicht!“ Wahrscheinlich nicht mal Strandhaferflocken! Tiere der Arche auf der Speisekarte, ja, vielleicht Giraffenhalssteak. Vorher Krokodilschwanzsuppe? Zum Dessert noch frischen Quallenpudding mit Seeanemonenblättern? So niedlich, wie die vorhin von der Flut gestrandeten? Denn von Obst, Gemüse und vegan war bei der Arche nicht die Rede.

Nachher holen wir uns aber ein Eis, denke ich mir. Ein neuer Rasthunger und ein kräftiger Rückenwind, treiben uns nun auf die Dünen zu. Wir lehnen uns in den hochgradig rieselfähigen Sand, sehr kontaktfreudig, beinahe so fein wie Puder und genießen das, was ohne Sandkörnchen zwischen die Zähne kommt. Bisher knirscht es nicht in der Prothese.

Der Strand an der Nordsee ist völlig auf Sand gebaut, aber vom Feinsten!

Nun Richtung Parkplatz. Entlang der Strandhaferflocken-plantage. Zur Seebrücke, eine kleine Stiege hilft uns hinauf, zu den Scharen der menschlichen Strandläufer, hinein nach St. Peter-Bad.

Die „Eiszeit“ verschieben wir noch bis Meldorf. Helen findet hier tatsächlich Eis aus deftig veganen Himbeeren, in vielleicht ebensolcher Waffeltüte. Wir zwei noch Unveganisierten vertiefen uns in anderen unterkühlten Genüssen. Straßencafé, windgeschützt, ohne Sand zwischen den Zähnen!

Highlight 10
Km heute: 10,1

Testtage

Testtage mit Ausdauerschaft 4
Tag 1 in Gschwend
Runde Gschwend – Hagkling – Oppenland

Der neue Prothesenschaft muss getestet werden. Wird er mir passen, eine gesamte Tageslänge ohne Ärgernisse durchhalten können? Das Dumme daran ist nur, mein Orthopädietechniker kann mir das nicht abnehmen.

 

 

 

 

Nein! Das Dumme daran ist das Gute daran! Das Vergnügen liegt bei mir! Also bin ich heute halt selbst wieder am Wandern. Konrad, der alte Freund aus der Albvereinsjugendgruppe von 1957 macht mit bei dem ersten Wanderversuch mit dem neuen Schaft. Ab seinem Haus in Gschwend marschieren wir los. Der Schwäbische Wald war schon letztes Jahr von uns heimgesucht worden. Wichtig sind unsere Erlebnisse. Wir entdecken ein Hundertwasser-Haus, beobachten Falken in einer Falknerei, entdecken ein Insektenhotel, rasten neben einer Waldwiese beim Ferienhaus Oppenland und freuen uns an der beschwingten Landschaft. Die erste Herausforderung ist besonders interessant, die Überquerung eines Baches. Das Rüberkommen geht ja noch, aber die restliche Höhe muss ich auf den Knien hochkraxeln. „Können wir Ihnen helfen“, tönt es vom Waldrand; drei Mädchen vom Ferienhaus.

Nun geht es darum, die heutigen Schafterkenntnisse aus 3 Stunden Beinbewegung auf unterschiedlichen Gründen festzuhalten. Kommen morgen die gleichen oder wird alles anders? – 4,8 km.

Tag 2 in Gschwend
Runde ab Wildgarten zum Bergsee

Spät aufgestanden, ums so besser gefrühstückt. Mittagessen wird verschoben, Wandern geht nun mal vor.

Dieser schmale Bach hat es in sich. Er frisst den Hang an, er spült ganze Wagenladungen des steilen Berghanges ab. Das schmale Tal ist noch kühl, aber wärmere Luft strömt uns entgegen. Junge Wedel des Schachtelhalms haben sich erhoben, alte Baumbruch-Knorzel stehen wie Mahnmale im Gegenlicht.

Später, nach steilem Anstieg, Baumstapelrast und Bergpfad-abstieg erreichen wir den Bergsee. Er glitzert vor sich hin, ist weitgehend belagert von alten Blättern. Auch andere Leute sind spaziergängernd zu ihm auf dem Weg, als wir zum Auto hinauf steigen.

Der Schaft? Keine schlechten Nachrichten! Heute keine verdrehte Stimmung bei ihm. Aha, das liegt also am Anziehen! Nur eine Entzündung, durch irgendeinen permanenten Druck beim Auftreten. – 5,8 km.

Tag 3 in Gschwend
Konrads Lieblingstal

Es regnet zwar, doch wozu haben wir Jacken, die auch mal trocknen können? Beim Mühläckerle bleibt das Auto stehen. Hier, etwas mehr rechts, hatte ich 2008 eine Tusche/Kreidezeichnung für Müllers gemalt.

Im Wald spazieren wir durch den Märchengarten, am Steinkreuz vorbei in ein ebenso schmales Tal wie gestern. Selbst die Schirme sind ganz gespannt, wie sich der Regen so entwickelt. Doch er lässt langsam nach, wie manchmal die Anspannung meines Regenschirms. Die triefende Nässe lässt die vielen frischen Grüntöne kräftig leuchten. Dem Feuersalamander ist das Wetter gerade recht. Pünktlich kehren wir zum Küchentermin um.

Konrad klettert über den Graben zu einem Hochstand und nimmt Platz. „Extra niedrig für dich!“ Also ein Tiefst-stand! Doch mir fehlt die Lust dazu, denn ich möchte eine leichte Entzündung versorgen. Heute 4,6 km.


Tag 4 in Gschwend

Runde ab Wildgarten über Rauhenzainbach und Neumühle

Feucht und kühl beginnt der Tag. Erst
kurz vor Zwei gehen wir los. Es ist immer wieder wunderbar, in welcher Fülle sich der Wald durch die Täler und Schluchten und über die steilen Hänge ausbreitet. Wald, den ganzen Tag, frisch und triefend und tausend Grüns und würzige Düfte, Bächemurmelei, Baumkulissen, eine nach der anderen.

Zuerst hinunter zum Rauhenzainbach, Nähe des gleichnamigen Ortes und dann denselben hinauf. Hunger bremst mich aus. Waldboden, leicht geneigt, Kissen und Jacke drauf, Platz nehmen! Brötle, Würschtle, Karöttle, Frischluftkost, Hmmm!

Als es weiter geht, läuft’s wie von alleine. Wie schön doch so ein Anstieg sein kann, denke ich. Vorne, an der Neumühle, begrüßt uns ein Mann. „Wollt ihr ’n Bier?“ Na klar, wieso nicht? So gibt’s mal wieder eine sehr nette Unterhaltung und gute Hinweise, hier mal wieder aufzutauchen.

Kurz vor dem Auto entdecken wir links im Wald Moos, eine große ununterbrochene Moosmatratze bis hinüber zum Niedrigwald. Kleinste Fichtenschößlinge schießen daraus hervor, moosüberzogene Stümpfe dazwischen warten auf Zerfall. Wir federn begeistert darüber, um dieses Gefühl auszukosten, das du woanders nicht bekommst. So muss es sich anfühlen über Wattebäuschchen zu hüpfen.

Der angesagte Regen ab 17 Uhr bleibt aus. Wir müssen das verkraften! Worauf kann man sich noch verlassen? Die Enttäuschung verschlucken wir mit der Planung eines Pfannenkuchenprojekts. Eins steht fest: Heute 7,4 km, keine Entzündung, keine Druckstellen, keine Beschwerdebriefe!

Tag 5 in Gschwend
Runde ab Steinhöfle

Auf Karten suchen wir das Osterbachtal. Es ist ebenso tief eingekerbt und versteckt in den nordöstlichen Wäldern, wie die anderen zuletzt kennengelernten Täler. Einen der Zuflüsse umgehen wir. Viele Wellingtonien wachsen hier. „Wie Brotrinde, die Baumrinden“, meint der Bäckermeister neben mir. Nur nicht so knusprig, denke ich. Steil geht jetzt der Weg runter und schneller als gefühlt sind wir bei den Talwiesen. Musikalisch begrüßt von einigen Schafen.

Der Wiesenhang als Rastplatz ist sehr angenehm. Dann beginnt der Rückweg sehr zeitkontrolliert, denn rechtzeitig sollten wir beim Essen sein. Ich nutze diesen Weg als erste Gelegenheit, mal den Aufwärtsschwung zu messen, den die neue Prothese samt neuem Schaft hinbekommt!

Bissle bin ich schon überrascht, denn bei über 3 km Anstieg war diese Zügigkeit noch nicht möglich. Es scheint sich da ein gutes Team gefunden zu haben. Zwei Drittel einer Tageswanderung auf Berghängen haben wir mit 8,5 km problemlos geschafft. 

Tag 6 in Gschwend
Minirunde südlich Gschwend

Heute 3,6 km. Nach sechs kleinen Touren mit dem neuen Schaft über knapp 35 km entstanden nur wenige Probleme. Diese können bald behoben sein. Es waren unterhaltsame und vergnügliche Test- und Fest-Tage, dank Konrads unermüdlichem Mitwanderns, Hannelores „Fünfsterne“-Kochkünsten und beider großer Gastfreundschaft!

 

Umweg nach oben

Wanderspirale S96 – 19. April 2016 S96–
Gsaidt bis Glems

Ich komme um die Ecke zur Bushaltestelle und die Sonne steht mir Aug‘ in Aug‘ gegenüber. Die wartenden Leute sind grell konturiert; es blendet, dass ich den Weg kaum sehe. Auch der Start des Tübinger Zuges ist von dieser Morgenstimmung durchzogen. So sollte jede Wanderung beginnen.

In Gsaidt steht jetzt der Berghang vor mir. Eine Wand aus Wald, der sich grün aufblättert, und aus Felsgestein, das mich aufhalten oder umlenken will. Oben nur zwo ka-em breit, und wieder runter geht’s! Der Umweg rechts rum wäre eine Abkürzung! Diese Höllenlöcher will ich sehen, auf dem Umweg nach oben

Kaum bin ich über das Gleis drüber, kommt mir ein Grüppchen entgegen: Pferd, Frau, Pony. Die beiden Vierbeiner kommen in die Koppel, da wartet schon ein anderer, der fleißig grast. Mit der Zweibeinerin lässt sich gut unterhalten, bis wir oben am Pferdehof sind; ich soll doch mal auf einen Kaffee vorbei kommen. Naja, bin ja öfters in Urach.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Anstieg geht gleich heftig los. Im Wald rechts rum. Nicht allzu steil. Rechts liegen als Einladung einige bequem hingelegte Baumstämme. Mit dem Brot und dem Gouda fang ich heute mal an. Dann weiter und weiter, Kehre für Kehre.

Steinbrocken liegen auf dem Weg. Kein Wunder, über mir stehen Felsen und lassen, wohl nach dem Zufallsprinzip, gelegentlich was fallen. Vielleicht auch je nachdem, wer hier hochsteigt. Man sieht es an den Brocken auf dem Weg. Immer näher und gewaltiger rücken die Kalkwände heran, hängen auch mal leicht über, schon direkt bis zum Wegrand.

Der Weg wird enger, ich steige in einen kurzen Cannon – die Höllenlöcher! Oben sieht man, da spaltet sich ein dickes Felsenband ab, um irgendwann abzupoltern und bildet hinter sich bereits ein weiteres Loch, einen finsteren Spalt in die Hölle.

Da vorn steht eine Hütte. An der Feuerstelle warten besonnte Bänke. Mein Nudeleintopf muss dran glauben. Der Weg geht plötzlich eben weiter, über vier Kilometer waren das bisher.

Am Waldrand ein weiter, beruhigender Anblick; was für ein Unterschied zu den Felsungetümen kurz vorher. Eine waldeingefasste Wiesenfläche, die zuerst recht eben wirkt. Auf einem Waldweg gehe ich an ihr entlang und merke, das ist ja eine Badewanne von zwei Kilometern Länge und vielleicht einem Zehntel davon an Breite. Nirgends ein Abfluss, jedoch Wasser ist noch nicht eingelassen.

Die benachbarte große Lichtung hat einen Flugplatz zu bieten. Die Segelflieger haben heute Ruhetag. Schöne Baumgruppen stehen markant verteilt auf der kurzhalmigen Wiesenfläche.

Da ist die andere Kante des Bergplateaus schon erreicht. Fast senkrecht versinkt die anschließende Landschaft, bläulich, leicht dunstig, hinter den grünen, besonnten Schimmern in den Wipfeln der knorrigen Bäume am Hang.

Eine Teerstraße, die Zufahrt zu dem Fluggelände. Dann taucht einmal unverdeckt durchs Gezweig die Achalm auf, nachdem ich vorhin, auf der Ostseite, den Hohenneuffen entdeckt hatte. Wie nah die Häuser von Glems dort unten sind! Doch es dauert noch eine Weile.

 

 

 

Neben der Haltestelle soll das Waldhorn stehen, erhalte ich Auskunft; ich fühle schon deutlich das Stück Kuchen, das ich mir verdient habe. Aber leider, was lese ich – Ruhetag!

Luftlinie von Gsaidt bis Glems beträgt knapp 4 km
kkKm heute: 11,5
Km Wanderspirals gesamt: 1237.0

Reizklima

Wanderspirale 95 – 2. April 2016
Erkenbrechtsweiler bis Gsaidt

Bevor ich nach Hülben gelange, müsste ich durch das Tor der Römischen Befestigungsanlage. Doch eine Weile schon gibt es diese nicht mehr; stattdessen erinnert eine Bildtafel an vergangene Zeiten. Bis hierher bin ich schon einige Zeit gewandert und bin froh, dass wenigstens ein Hauch von Wärme zu ahnen ist.

Sofort nach dem Start merkte ich, dass meine Kleidung den 8 Wärmegraden nicht angepasst ist. Mein „Dickes Fell“ wärmt mich auch nicht! Trotzdem sagte ich mir: Bewegung der Beine hilft besser als Warten auf mehr Frieren. Und zwischen 10 und 11 soll ja die Sonne ihren Durchbruch bekommen.

Zudem kam der Wind kalt und zugig. Beim Steinbruch drüben steht Wald; er könnte vorübergehend Schutz bieten. Und der Anstieg dorthin feuerte den inneren Ofen an. Den Steinbruch umging ich. Der buschbestandene Damm schützte etwas vor den Ostwinden. Als ich zurück zur Straße gelangte, zeigten sich helle Flecken und Scheinversuche in der Wolkendecke.

Eine Menge Zwei- mit Vierbeinern sowie einige hundlose Morgenspaziergänger waren auch schon unterwegs und es gab nette Unterhaltungen. Ein älterer Mann bereitet für die Naturfreunde eine Runde zum Hohenneuffen vor. Ganz ähnlich ein Wandersmann, der danach zum Auto zurück will. Eine freundliche Frau meinte mich schon mal getroffen zu haben. Spontan schlug ich vor, sie könne ja mal mitgehen.

Jetzt, 12Uhr30, setze ich mich zur Rast am Ortsrand Hülbens; der Riegel kurz nach dem Start hat sein Versprechen, eine Mahlzeit ersetzen zu können, gehalten.  Immer noch reizt die Luft mit kühler Temperatur, denn die Wolken reagieren noch wenig auf Bestrahlung. Mit gegenüber scheint es, als schlürfe der Talgraben die Hänge der Albhochfläche in sich hinein, ein steiler bewaldeter Stich, in dem mein Weg eintaucht.

Sofort merke ich, für diese Steilheit ist die Prothese nicht ideal angezogen. Es gibt hier nirgends einen Halt, um das ändern zu können. Lieber gehe ich erstmal seitwärts, im Laub und aufgeworfenem Erdbrei einer Reifenspur; das kostet Zeit.

An Felsen vorbei komme ich in die Region der treibenden Kräuter und Waldblumen. Auf einem Baumstamm unterbreche ich diesen unbequemen Abstieg, Mahlzeit (schon wieder!) und Wald genießend. Noch sieht man tief hinein zwischen den Stämmen; bald grünt das Unterholz und verschließt die Sicht. Der Bärlauch beherrscht den Walsboden. Unten, am Waldrand, drückt mir unvermutet Wärme entgegen.

Inzwischen ist klar, dass sich ein weiterer Anstieg heute nicht mehr machen lässt. An der Bahnstation Gsaidt ist der Zug schon durch. Gegenüber, über dem nächsten Berg und den Höllenlöchern, scheint die Sonne noch recht fad durch die widerspenstigen Hochnebel.

Km heute: 11,2
Wanderspirale gesamt: 1225,5

Wege für Genießer

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28. März 2016
Laufenmühle und Klingenmühle

Eindrucksvoll gibt der Viadukt über der Schlucht für das Gleis nach Welzheim stabile Überbrückungshilfe. Darunter spült wirbelnd die Wieslauf um große Felsblöcke. Und welchen Weg nehmen wir?

Eindeutig zu finden ist die Route zur Kesselgrotte und weiter hinauf zur Hochebene. Feuchte Kühle, leicht hallende Akustik, ein dünnes Getröpfel von der Grottenkante. Unmöglich zu Begehen der weitere Pfad ab hier; Gundula prüft dessen Matschbeschaffenheit und Rutschfähigkeit bei einem Grottenrundgang – los, gehen wir zurück zum festeren Weg!

Wie haben das nur früher die Flößer gemacht? Das bissle Wasser und die Mengen an Felsbrocken? Aber diese kunstfertige Holzbearbeitung zeigt doch, es muss ihnen sehr viel Vergnügen bereitet haben!

Erst steil und dann weich, allerbeste Matschqualität, zubereitet in kühler Regensuppe, Fahrspuren, versunken und versoffen, das ist halt die Nutzungsbedingung für Wanderer. Nirgends Fahrt- oder Wanderverbotsschilder. Seitlich taste ich mich begeistert durch die lustvolle Nachgiebigkeit des Bodens, hebe die Füße über dicke Stöcke und stütze die Fersen auf beruhigend langsam einsinkende Wurzeln. Genüsslich schnalzt der Morast ein Lied dazu – der zurück gelassene Arbeitsplatz der Holzabfuhr.

In den Ortschaften ringsum Schwäbische Kehrwoche, in den Wäldern dazwischen immer wieder Waldwegechaos mit gehobenen Wanderfreuden. Man fällt stets besonders weich!

Auf der Höhe kommen wir durch Lettenstich. Hier schützt uns eine Hecke hinter einer Bank vor kühlem und unnötigem Luftgehauche. Hmmm! Gundula hat gutes Brot dabei und leckeren Käse! Schleck! Drüben hinter der Talkerbe sind einige Häuser von Welzheim zu erkennen. Die Sonne begleitet noch unsere Rast.

Recht plötzlich weht es zugig und das Blau ist im Nu grauen Vorhängen gewichen. Die angesagte Schönwetterstörung! Doch sie funktioniert nicht recht. Wenige Tropfen nur, kein Gewittersturm. Der Waldweg ist diesmal breit und sauber und senkt sich leicht hinab zum Hanstobelbach. Überall gehen hier tiefe Klingen hinab, hinauf, steile Abbrüche, wild umhergestürzte Bäume. Ein Baum, einäugig, beobachtet uns still, mit blindem Blick.

P1070773Und wieder schlagartig, reißen jetzt die Wolken auseinander und verzaubern die Stimmung dieses ruhigen Tales.  Grüppchen von Huflattich blinzeln noch müde, wirken verschlafen, mit noch halb geschlossenen Blütenaugen.

P1070776Wir finden einen breiten Baumstumpf, setzen uns nebeneinander und genießen die unvermutete Himmelsentwölkung.
Dann gibt’s wieder große Mengen von Huflattich, diesmal zufrieden und hellwach breit geöffnet und so groß und strahlend wie nirgendwo bisher entdeckt. „Die freuen sich richtig und kucken alle zurück zur Sonne“, meint Gundula treffend. Und diese dünnen Blätter, unzählig fast, man versucht es garnicht erst; ist diese Zahl so genau festgelegt wie bei den benachbarten Buschwindröschen mit ihren zuverlässig sechs Blättern?

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Der Geländeeinbruch zur Schlucht von vorhin ist wieder erreicht. Bald schon werden wir am Ausgangspunkt sein. Da steigt ein schmaler Weg von unten herauf. „Der kommt doch von der Klingenmühle, wo ebenfalls der Bus hält“. Kurz entschlossen schwenken wir hinab.

Dünnes Getröpfel rinnt von links herab und schliert den Pfad ein. Langsam und schön seitlich halten! Denn es ist ja alles schräg hier; Leute lassen wir lieber vorbei. Dann stufenähnliche Trittflächen, zugeblättert mit altem Laub. Schräg und leicht rutschig ist der Boden dazwischen. An einem Baum wird’s eng, Gundula muss mich sogar abstützen, genau da kommen Kinder von unten, zwängen sich durch, ich warte konzentriert und zweifelnd, doch gleich darauf kommen sie wieder zurück.

Die Gehhilfen sichern mich gut ab. Wichtig, denn gleich neben uns geht’s gratis hinein in den Bach. Dann erreiche ich das wacklige Geländer, an dem oben gespart wurde, halte es auch etwas fest, damit es selbst nicht in die benachbarte schmale Klinge stürzt, und halb rückwärts taste ich mich irgendwie vollends hinunter. Der Schwäbische Wald zeigt seinen schrägen Charakter, wie er besser nicht sein kann!

Nach diesem kontrollierten Absturz – danke Gundula! – beschert uns die Mühle den Rest! Heidelbeer-Sahnetorte, weich wie vorhin die Wege, Eierlikör soll eine Rolle spielen (aha, Ostermontag!) – zwei extrabreite Stücke je 120 Prozent an Masse, so gut wie der Camembert heute früh. Freundliche, familiäre Stimmung. 400 Jahre altes schwarzes Gebälk mit Knarzpotenzial. Hey, sollen wir? – jetzt noch? – bis Klaffenbach weiter??? Der Pfad am Bach wäre wieder sooo verheißungsvoll!!! Das verlangt doch eine genüsssliche Fortsetzung!

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Jetzt ist es zu spät. Trauerspuren in unseren Minen. Oben die Haltestelle. Nach zwei Minuten kommt der Bus, als hätte er es geahnt. Eine gute Stimmigkeit mit unserer Ahnung und Hoffnung.

Fotos: Gundula Bild 1, 5, 7 bis 12; Roland Bild 2, 3, 4, 6
Km heute: 8,3

Um-, Quer- und Hohlwege

 

Wanderspirale 94 – 26.3.16
Bissingen an der Teck bis Erkenbrechtsweiler

 

 

 

 

            Kleine Wellen hat der Bissinger See und noch genügend Platz zum Spiegeln der umstehenden Häuser samt der Burg Teck. Heute werden hier Krebse herausgeholt, vier rostrote Prachtexemplare krabbeln schon in einer schwarzen Wanne.

Vor mir die Lücke des Sattelbogens, der Durchgang zum Lenninger Tal. Also, gleich mal mächtig steigen, zur Gewöhnung an den späteren vollständigen Anstieg. Am Weg sind einige rotbraune Objekte installiert. Kunst aus Rost, aus alten landwirtschaftlichen Werkzeugen. Mit Humor und Bezug zur Landschaft.

Bei der Großen Scheune besetze ich einen weich bemoosten Holzstumpf, ein baumamputierter Bestandteil dieser alten Allee, deren Zweck ich bisher nicht erfahren konnte. Aber die kühl überlaufende Badewanne, nebenbei im Bachbett, nutze ich heute nicht. Bereits 2011 wanderte ich diesen Weg in Richtung Tübingen und fühle mich beim Abstieg nach dem Sattel zurückversetzt in damalige Erlebnisse.

Durch Unterlenningen, vorbei am Sulzburghof, hinauf in den Wald und zu einem Querweg. Ab dort gäbe es auch einen kurzen direkten Weg, vielleicht nur einen Kilometer lang, um die Hochfläche zu erreichen. Doch vom gestrigen Regen ist der Steilhang nicht zu begehen. Als Ersatz gibt es den Eichenbergweg, in halber Höhe nördlich und westlich herum um den Brucker Fels.

Die Sonne im Rücken beginne ich. Es geht sehr flott im Vergleich zur ersten Steigung vorhin. Der Weg krümmt sich langsam in den Schatten. Hoch steht links der dicke Berg über mir. Rechter Hand liegt Brucken im Tal, weiter vorn Owen, in der Ferne Kirchheim.

Ein geeigneter Rastplatz, zwei Bänke. Kurz was knabbern; immer rechtzeitig will ich das entsprechende Getränk nehmen. Unter mir liegen der Spitzberg und der Engelberg – und bereits Beuren, so nah, dass ich sagen könnte, mir reicht’s jetzt! Tatsächlich ist sogar noch näher eine Bushaltestelle erreichbar. Doch als ich vorhin den Wald verließ und sah, wie hoch noch die Sonne steht, spürte, wie warm hier die Luft weht, überfiel mich spontan der Entschluss, das machst du fertig und genießt diesen lang ersehnten schönen Tag! Basta, keine Widerrede, ich will da hoch!

Die große Runde meines Umweges endet auf dem Rasen eines Sportplatzes. Daneben die Straße. Dahinter unterhalb ein risikoreicher Pfad. Immer noch besser als das Risiko zwischen Motorradrasern auf zu schmaler Fahrbahn. Danach erst muss ich noch weiter hinunter ins Tobelbachtal, nun wieder südwestlich.

Erst 17:06 Uhr beginnt mein Hauptanstieg auf dem Blauer-Rank-Weg. Dieser Talweg steigt und steigt, steinig und immer steiler. Die trockenen Buchenblätter und die weißen Kalksteine des Weges machen gleichmäßige Raschel-Knirsch-Musik, während ich versuche die Kraft einzuteilen. Der Talstich wird immer dunkler und enger, der Weg windet sich, mein sich verengender Horizont nähert sich mir ringsum auf nur etwa 100 Meter, sodass mir die Sonne gleich mehrmals untergeht, obwohl es noch zu früh dafür ist.

Mein Anstieg braucht 40 Minuten bis zum ebenen Querweg. Dort stoppe ich für eine Trinkpause im Stehen. Ich nehme vorsorglich meinen „Anti-Krampf-Drink“ (weil ich seit Herbst 2014 nach langen Touren einen „Wadenkrampf im linken Oberschenkel“ eingefangen habe, nach einigen Versuchen mit der Dosierung aber die Methode der Verhinderung raushatte).

Bin heute wieder sehr zufrieden mit der Möglichkeit, den Auswirkungen langer Herausforderungen etwas entgegen setzen zu können. Es gibt also auch heute wieder kein Energie-Problem über die gesamte Distanz in neun Stunden Wanderzeit und keinerlei Müdigkeit. Obwohl ich mich jetzt so gegen 18 Uhr eigentlich schon zu Hause entstiefle.

Der Restanstieg entspricht zuletzt wieder dem vorherigen Teil. Jetzt tritt auch schnell die Abenddämmerung ein; geheimnisvoll erscheinen die dunklen Bäume des Steilhanges, die auf einmal zu bizarren und schemenhaft harrenden und kriechenden Wesen einer Märchenwelt verwandelt erscheinen. Aber mit dem ersten Zentimeter des ebenen Asphalts im Ort endet der Hohlweg und diese Phantasie wie abgeschnitten.

Ich kann sagen, bis zuletzt machte das alles heute wieder einen Riesenspass – unabhängig von allen Umständen.

Manchmal fragt mich einer, gehst du immer alleine? Meine Antwort, klar macht das Spaß, aber auch zu zweit. Also, komm mal mit!

Km heute: 15,3
Höhenmeter heute: 692
Start bis Ziel: 10:42

Pickel im Frühling

Spiralwanderung 93 – 18.3.2016
Weilheim/Teck bis Bissingen an der Teck

Die weißen Blüten leuchten vor dem noch schattigen Berghang. Hier beginnt der Weg steil anzusteigen, hinauf zum Pickelplateau. Zuerst befestigt, schlängelnd durch Wiesenhänge, bis er ab einem Querweg unbekümmert in die noch steileren Wiesen führt.

Schräg fällt das Licht der Morgensonne auf die Grasbüschel. Sehr gut, dass sie hier deutlich büscheln, denn die Steilheit nimmt weiter zu; jeder Schritt ist gut vorzuprüfen. Sie geben den Schuhsohlen Halt, obwohl die „Rutschgrenze“ erreicht ist.

Kurz vor dem nächsten Wegsockel aber finde ich nur noch nachgebenden Erdboden vor, durchmischt mit Blatt- und Holzkrümeln.  Mit Hangeln an griffigen Gehölzstangen ziehe ich mich hoch.

Hier beginnt die Grasnarbe des Magerrasens, durchzogen mit serpentinigen Pfaden. Quer nochmal ebene Graswege. Einmal öffnet sich ein malerischer Blick zur Teck. Dann geduldig weiter auf dem restlichen schmal ausgetretenen Zickzackpfad.

Oben finde ich die mir aus 2009 bekannt Bank vor. Die kleinen Häuser dort unten! Die eigentümlichen Verläufe der Wege in den umliegenden Hangflächen durchziehen farbige Muster. Die Ferne ist diesig; schmutziges Grau schwebt unter dem Blau.

Auf einmal steht ein Mann vor mir und beobachtet prüfend meinen Appetit. Seit vielen Jahren steigt er hier hinauf, täglich! Ich finde das glaubhaft. Das ist der Riesenvorteil, den nur Weilheimer Rentner besitzen, sofern sie den Sinn erkannt haben. Er macht noch ein Beweisfoto meiner Anwesenheit und verschwindet schnell wieder, denn sicher habe ich ihn angeregt.

Zickzack auch bergab. Weit zurück, bis zur Bissinger Straße, um über den Federbach zu kommen. Ansteigendes Gelände, schräg auf die Alb zu. Der Breitenstein direkt vor mir. Als der Weg rechts abknickt, erreiche ich den Punkt meines achttausendsten Wanderkilometers mit der Prothese. Mit dem Breitenstein im Hintergrund mache ich ein Erinnerungsbild.

 

Helmut ruft an. Ich bin von ihm und Bruni zum Abschluss dieser Tour zum Kaffee eingeladen. Helmut trägt ebenfalls eine Oberschenkelprothese und holt mich ab, in Bissingen, zu ihrem schönen Häuschen im Nebenort Nabern. Schon im letzten Jahr hatte ich die beiden besucht.

Spiralen mit eingerollter Marmelade! Was kann das sein? Bruni hat für mich „Pfannekuche“ zubereitet. Ein Lob der Köchin! Spiralfladenrast zum Abschluss, besser geht’s nicht!

Km heute: 9,3
Km Spirale gesamt: 1214,3
Km aller Prothesenwanderungen: 8001,0

Hallo Alb!

Spiralwanderung 92  – 1. Februar 2016
Sparwiesen bis Weilheim/Teck

Der Weg senkt sich steil hinunter zum Butzbach. Als ich nach links abgabeln will, bremst mich von rechts ein Radfahrer aus. Ein älterer Mann, wettergegerbt, etwas neugierig. „Haben Sie meine Gänse fliegen sehen?“ Da habe ich sicher wieder zu streng den Abstieg beobachtet, leider nein.

Er betreut hier Gänse und einige andere Tiere und lebt als Einundsiebzigjähriger freiwillig als Einsiedler, in einer Hütte im Wald. Ohne Strom, ohne Wasser. Erstaunlich! Der Butzbach ist noch lange kein Strom, aber Wasser hat er. Bestimmt gibt’s des öfteren Gänsebraten!

Manchmal schon entdeckte ich auf meinen Touren Spiral-Motive. Gemalt, als Pflastersteine, auf meinem Steingutteller, sogar aus Hartweizengries oder KÄSE! Spiralgeschmack krümmt sich also auf der Zunge! Vorhin, am Rathaus in Hattenhofen, metallisch glänzend, das bisher schönste unschmeckbare Beispiel. Und das auch nur, weil mein Zug sieben Minuten Verspätung hatte und ich zwei Busse bemühen und deshalb hier umsteigen musste. Deshalb entstand dieses Zufallsbild.

Hattenhofen ist an der dünnsten Stelle schnell durchquert. Ein Seitental steigt langsam auf die umliegenden Höhen. Was läuft sich nur so schwer heute? Liegt es nur an dem bisschen Sturm oder am Anstieg? Als ich oben beim Wald bin, kann ich das an der Prothese nachprüfen. Falsch angezogen! Tisch und Bänke bieten mir Platz für eine Rast im Windschatten.

Sofort geht es viel besser weiter. Schon scheint der Aichelberg zum Greifen nah. Hier stoße ich auf meine Wanderroute von 2011, die ich von Salach heraufkam. Später habe ich es umgezeichnet.  Hallo Alb! Ich hab‘ dich endlich erreicht! Schon im Oktober wollte ich hier sein, um Herbstfärbung die erhofften Bilder mitnehmen zu können. Und jetzt? Sogar der Schnee fehlt!

                                                                     

Oft stellen sich Umwege als besonders schön oder erlebnisreich heraus. Nach einer weiteren Rast an einer Hütte ist noch viel Zeit und Weilheim bereits viel zu nah‘. Der erste Berghang der Alb, nun direkt vor meiner Nase, reizt mich spontan etwas mehr als das Industriegebiet am Stadtrand. So steige ich schräg über holprige Wiesen, steile Fahrspuren, umgehe eine tiefe Rinne und gewinne nahe dem Waldrand einen schönen Blick in Richtung Kirchheim und Teckberg. Weiter vorn stehen unter dicken Eichen alte Holzbänke. Doch die heftigen Windböen machen es nicht ratsam sich unter die krummen morschen Äste zu setzen. Mein Holzkopp ist nicht aus Eiche!

Ganz zuletzt wird der Schluss noch spannend. Wenn man sich der Bushaltestelle nähert, entsteht immer das Gefühl, „hoffentlich verpasse ich ihn nicht!“ Von links nähert sich was Bussiges, sicherlich der Falsche! Über die Brunnenstraße, zur vermeintlichen Haltestelle. Die junge Frau dort: „Noi, Sie müsset wiedr schräg nübr, gucketse, der hält scho!“ Ich spurte, dass die Stopper glühen und der Asphalt Blasen wirft, hinter dem „falschen“ Bus her; einem Mann an seiner geöffneten Heckklappe rufe ich zu, er solle doch bitte den Bus irgendwie abstoppen. Schon schwätzt er vorne mit dem Fahrer, ich klettere hinten hinein, rufe Danke und winke zurück.

So sieht perfekte Wanderplanung aus und so hilfsbereit sind die Weilheimer Bube und Mädle!

Km heute: 12,0
Km Spirale gesamt: 1205,0

Flockenparade

Taltraining 15. Januar 2016
Von Dettenhausen bis Neuenhaus

Der erste Schnee des Winters. Angenehme 1-2 Grad Januarwärme! Dichtes Schneetreiben, morgens in Stuttgart. Aber beim Losmarschieren, hinein ins Schaichtal, tanzen sitzplatzsuchend nur noch wenige und kleine Flocken um mich herum.

Richtig hell wird es nicht, dämmrig und diesig bleibt es. Das Waldtal verläuft über zehn Kilometer bis zur Aich, nicht sehr breit. Immer wieder gibt es Wiesenflächen. Die dunklen bewaldeten Hänge ziehen sich etwa hundert Meter hinauf. Keine Straße stört. Nur einige Forstwege queren kurvig den Bach. Ein Gebiet voller kühler Ruhe! Bis auf mein Knirschen im Schnee und dreimal die Schritte anderer Winterwetterfans.

Und dann auch die Froschteiche. Derzeit quakt hier nichts. Nur zu Knurren beginnt es einiges unterhalb meiner Ohren. Aber die Konzerte Hunderter Breitmaul-Solisten im Sommer sind hörenswert! Und kostenlos! Jetzt schwimmen weiße Inseln auf der gefrierenden Fläche. Ein Graureiher überschwebt in Wipfelhöhe den See unhörbar mit Inspektionsrunden. Für ihn gibt es nur noch wenige Quadratmeter freien Wassers.

Den Sinn des Knurrens habe ich schnell begriffen. Wo ist die angepeilte Bank verblieben? Ein vereinzelter Baumstamm bietet sich an. Schneebedeckt. Jeder Untergrund ist mir recht. Da sind auch schon meine eng aufrollbare Isomatte als Nässeschutz und für den Sitzkomfort ein folienumspanntes Schaumstoffteil bereitgelegt.

Spiralnudeln, gelbe Erbsen, braune Kichererbsen, indisch gewürzt, den zweiten Teil meines Morgenkraftfutters habe ich mir in einem Marmeladeglas mitgebracht. Löffel diesmal nicht vergessen. Eine Mandarine zum Nachtisch. Ein Frischluftgenuss, der die Stimmung weiter anhebt. Und währenddessen beginnen die Flocken wieder dichter herabzuschweben. Mal von links, mal von recht, dann gibt es Wirbel, und es scheint, als strebten sie gezielt die Rucksacköffnung an. Dieses Treiben beende ich. Das Tauwetter im Rucksack unterbinde ich und ziehe diesem schnell „den Hals zu“.

Die Westseiten der Stämme sind weiß. Schwarze Rillen ziehen sich holzschnittartig durch den Belag. Nur in der Nähe werden wenige Farbtöne deutlicher erkennbar. Einige Efeuranken, ebenfalls weiß bestreut, bringen kleine dunkle Grüns in diese Schwarz-Weiß-Welt. Manchmal als Wegmarkierung ein verwaschener Gelbtupfer, rote Punkte auf den Sägeflächen der Holzstapel. Die schwebenden Flocken hüllen fast alles ein, verdichten sich in der Tiefe des Waldes zu grauen, wehenden Schleiern.

Von rechts krümmt sich der Weg von Häslach den Hang herab. Mit ihm meine „Spiralrunde“; das war Anfang Juni 2014. Hier stehen Bänke, eine Feuerstelle, ein Tisch, heute wieder dankend angenommen. Blütenweiße Tischdecke, zwei Zentimeter dick. Damals blühte es bunt, als ich das Tal weiter hinauf ging.

Die Schaich windet sich, wie es sich gehört für einen Bachlauf. Oft in engen Krümmungen zwischen dichten Bäumen. Manche überbrücken sie, Wurzelarme ragen in die Höhe. Einmal arbeitet sie an einem neuen Durchbruch. Das Wasser
dreht sich wegen des Widerstandes zurück. Irgendwann entsteht hier eine Abkürzung und ein weiterer Stamm macht sich’s bequem.

Wege abkürzen kann niemand in diesem Tal. Das letzte Drittel steigt die Route rechtsseitig etwas über der Talsohle an. Dann die Wiesen vor dem Ort. Das Licht wird bläulich, es ist schon nach 16 Uhr.

Gleich neben der spitzturmigen Kirche erscheint nach wenigen Minuten mein Bus nach Bernhausen. Flocken taumeln an den Fenstern vorbei.

Auszeit

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11-P1210896Wanderspirale S13
von Plüderhausen bis Wangen


Endlich weht mir wieder die frische Luft um die Ohren! 11. Dezember, die Finger werden langsam klamm. Die Handschuhe wärmen sich zu Hause aneinander. Sie verhielten sich vorhin recht still, als ich 2-IMG_0186noch überlegte, was ich nicht vergessen sollte. Die Wiesen des Remstales liegen noch im Schatten der Hänge. Sie erinnern mich an die Oberfläche – einer Dresdner Christstolle! 

Ich selbst hatte mich etwa drei Wochen lang  zu Hause „liegen gelassen“. Genauer gesagt, mir Hausarrest verordnet. Seit der Wanderung in Bamberg war am Beinstumpf eine hochempfindliche Entzündung entstanden, die auch nicht mit Gutzureden und gewieften Versprechungen auf die sonst erfolgreiche Behandlung reagieren wollte. Also wurde auch ich konsequent stur. Und ignorierte volle 20 Tage meine 56 Stufen, vom DG hinunter in die Welt der Erlebnisse.

Vorsichtshalber brachte mir mein Orthopädietechniker nochmal den alten Schaft. Damit überstand ich dann am 18. Tag 15 Minuten Hoffnungstraining in der Wohnung. Danach die doppelte Zeit. Kurze Einkaufstour, Schloßgartenparcours, kleine Wanderungen in der Nähe. Sehr systematisch, wegen der Anpassung. Meine Auszeit hatte zwei Aufgaben: Die Entzündung muss weg und danach muss mit kürzeren Touren die Kondition zurück kommen. Alles ging gut, meine Stimmung stieg. Ein paar bildliche Eindrücke davon zeige ich hier. Auch dabei gab es eine Menge zu entdecken.

3-IMG_7607Schlossgarten:
Neben dem Hauptbahnhof wird die Brücke zur Cannstatter Straße abgerissen, etwas später dann endlich Ruhe zwischen den Platanen – 4-IMG_7457Romantik verschiedener Art

 

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Ludwigsburg bis Marbach:
Auf die Hunde gekommen, aber keiner will mit mir

 

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Körschtal bei Plieningen:
Die unbeflockte Pracht der Bäume im Winter 2015/16. Eindrücke wie im Vorfrühling!

 

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Die Prothesentour 500:
Kunst, Architektur und Fauna in Stuttgart Nord:

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Rosensteinpark:
Begegnung mit der Vergangenheit; kein geeigneter Wanderfreund!

 

 

Nur die beiden ersten und das letzte Bild dieses Kombi-Berichtes stammen von der heutigen Tour.

Es ist gut, wenn der Anstieg gleich morgens bevorsteht. Auf den Schurwald hinauf, schon der siebente Anstieg innerhald meiner Spiralrunden. Lange, schattig, sehr steil manchmal. Oben am Waldrand bemerke ich das gute Wetter bewusster als im Wald. Bei Breech sehe ich links den Hohenstaufen, diesen gleichmäßigen Muschelkalkkegel. Da bin ich bereits im zweiten Teil meiner Tour. Zur Fils hin senkt sich das Gelände leicht. Hier oben ist nicht viel Platz für Ebenen.

Bereits beim nächsten Hof gelange ich wieder in ein schmales Tal, das ich schon bald wieder in Richtung Wangen verlassen muss. Ein weich bemooster Baumstamm ist die Gelegenheit neue Energieportionen zu sammeln. Da geht’s schon wieder kräftig hoch. Feucht-glitschige Wiesenwege, frische Höhenlüftchen, Anspannung meiner Flachlandmuskulatur. Noch vor den 9-IMG_7637ersten Häusern von Oberwälden bekomme ich endlich einen besseren Blick zum Kaiserberg. Auf den schon seit anno Dazumal eine klitzekleine Spirale hinauf klettert. Doch was heute viel wichtiger ist: Meine große windet sich wieder, den Albhängen entgegen und auf Tübingen zu!

In Wangen freut es mich, dass diese charaktervolle Katze mit mir gemeinsam auf den Bus nach Göppingen wartet. Doch rechtzeitig verschwindet sie auf weichen Tatzen zu anderen Zielen.

Km heute: 13,1
Spiralkilometer 2015 gesamt: 181,0

Regen an der Regnitz

Highlight H9
Bamberg

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Nebel und Dunst bereits auf der Bahnfahrt. Innerhalb Bambergs ist es klarer. Der rechte Regnitzarm aufwärts ist ein ruhiger Radweg, an der Regnitz, dem linken „Arm“, will ich dann zurück, 01-P1100202eine Runde durch die Altstadt, vielleicht ein Café aufsuchen, das ist mein Plan. Um bis etwa 19 Uhr im Hotel zu sein.

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Morgen dann soll ich mit meinem neuen Bein beim FOT-Kongress präsent sein. „Wie läuft’s denn so mit der neuen Prothese?“ Bereits bei meiner 1000-Kilometer-Prothesenwanderung 2011 gehörte Bamberg zu meinen nahezu 80 Quartierorten. Deshalb startete ich rechtzeitig, um dieses Städte-Highlight für einen genüsslichen Trainingsmarsch zu nutzen.

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Mit einem Schirm wollte ich mich nicht belasten. Neben dem Münchner Ring wechsle ich die Arme des Flusses; schön dass es trocken bleibt. Drüben muss ich kurz steil hinauf, bevor ich den bewaldeten Uferweg erreichen kann. Oben konnte die vorher nasse unbekannt7Bank gut abtrocknen, weil sie schräg steht. Meine Kopfkappe darf Unterlage spielen. Zeit für ein paar Bissen.

Die regennassen gelben Blätter liegen so dicht auf dem Waldweg, dass dieser völlig verdeckt ist. Dämmrig führt mich jetzt der Weg zwischen Waldhang undimg 0045 Fluss zur Stadt zurück.

 

Noch früher hätte ich starten sollen! Hier gibt’s so viel zu entdecken! Zudem wird’s immer dämmriger. Auf den rundkopfigen Pflastersteinen erscheinen kleine dunklere Punkte. Da entdecke ich das erhoffte Café. Während ich mir zwei Kuchenstücke einverleibe,img 0048 verschafft sich der Himmel mit einem heftigen Regenschauer Erleichterung. Gerade richtig, denn mit zuerst wenigen Tropfen geht’s dann weiter.

Die  Tröpfle werden beständiger. Mir ist es gleichgültig. Diese Stimmung mag ich. Auch unbekannt1die Dämmerung beginnt. Dazu noch dieser einmalige Ort, „Klein-Venedig“. Um dieses Motiv im Bild festzuhalten reicht noch das Licht. Hundehalter wissen, wie schön und unschädlich ein leichter Abendregen sein kann. Ich behaupte, das liegt nicht nur am Hundchen! Am Hotel laufe ich gezielt und mutwillig vorbei, wende nochmal an der Spinnerei und gehe zur anderen Seite. Die Tropfen zaubern viele Ringe auf das Wasser.  Jetzt füllen sich die Pfützen.

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Km heute: 12,3
Km Highlights gesamt: 281,8

Quer durch den Farbkasten

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Wanderspirale S12
Von Eselshalden bis Plüderhausen

Meine Finger werden klamm. Die Luft weht wie im November. In der ersten Stunde ist meine Jacke zu dünn. Doch das vergeht alles. Die Depotstraße und der Eibenhofweg führen mich mit weiten Schlaufen hinunter ins enge Bärenbachtal.

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Zumeist kommt mir das Licht entgegen. Die herbstlichen Blätter strahlen wie Tausende kleiner Leuchtpunkte. An Farbe wird heute kaum gespart. Hunderte Farbtöne sind bereits zu entdecken.

 

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Der feuchte Weg ist mit kleinem Schotter frisch belegt. Er verhält sich wie Sand, oder besser, wie steiniger Schlamm; stets sinke ich beim Fersenauftritt etwas ein. Das kostet mir unnötig Zeit und Kraft.

 

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Die Bank steht fast im Schatten. Die Natur beginnt sie zu erobern. Daneben eine Quelle, die leise aus den Fugen grob gemauerter Steinbrocken rieselt. Schnell wird es mir kalt beim Sitzen und ich ziehe weiter.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin Tag ohne Abenteuer. Hat dieser Weg  immer nur Schotter zu bieten? Als ich die Furt erreiche, wird es besser. Nach der schmalen Brücke gelangen bei der Mittagsrast endlich warme Strahlen an meinen Rücken, der erst heute früh linksseitig eine neue Muskelzerrung eingesammelt hatte.

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Ein besonders wichtiger Punkt ist wohl die Bank mit dem allseits bekannten Thema, schön deutlich lesbar und bequem zum Anlehnen.

 

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Naja, und wenn ich außer der ruhigen Tallandschaft mit vielfältigen Farbtupfern kein Abenteuer erlebe, macht die Bahn mir eins zurecht. Ich gehe zuerst zu Gleis 1, da fährt mein Wackelzug aus Aalen auf Gleis 2 ein und mir davon.

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Die Farben meiner Fotos haben noch ein Abenteuer zu bestehen. Ich rätsle, wie sie sich auf der Speicherkarte und beim Kabeltransport ab Kamera zum PC zusammenquetschen müssen, ohne sich dabei zu vermischen, nicht so, wie z. B. im Aquarellkasten. Und nach der für sie sehr engen Röhre fidel und wie echt auf dieser Seite ihre prachtvolle Wirkung zurück erhalten. 

OLYMPUS DIGITAL CAMERAKm heute: 11,9
Km Wanderspirale 2015 gesamt: 153,4

Lauter tolle Angebote

Wanderspirale S11
Von Althütte bis Eselshalden

03-P1060817Der Pfad zum Bach zweigt nach links ab. Er windet sich den Steilhang hinunter, fast senkrecht, verwurzelt und feucht. Eine Rutschpartie will ich nicht. Ein ungeeignetes Angebot. Aber ich habe ja hier den breiten Igelsweg; ich komme schon noch ins Tal.

Leider bekam ich ein Problem an der Kamera. Um den Bericht trotzdem aufzulockern, bieten sich Motive der Jubiläums-Wanderung am 3. Oktober mit Gundula an. Bereits acht Jahre bin ich mit Prothesen unterwegs, gekräftigt durch ausdauerndes Schwingen der Beine, begeistert über die einmaligen und wunderbaren Erlebnisse. Mit den Bildern fasse ich heute also zwei Berichte zusammen.

Weiter vorne geht es spitz nach links unten zurück, einfacher als vermutet. Am Waldrand überblicke ich im Frühdunst das obere Wieslauftal und sehe Klaffenbach vor mir. Unten am Bach ein überdachter Steg. Auf der Sonnenseite verdunstet vom Moos der Dachziegel die Nachtfeuchtigkeit und weht als Nebel davon. In den Winkeln der dicken Balken schmücken große Spinnennetze den Ausgang. Gleich nebenan eine Furt. Ein großer Schritt genügt. Da wird mir auch schon am Hang einer sonnenbetupften Wiese ein 1A Rastplatz angeboten. Drei Steintische mit Kunststoffbänken; eine genügt mir.

Ursprünglich war die Wanderung ab Althütte bereits am Samstag geplant, mit Gundula. Wegen der Feiertags-Busverbindungen hinter Backnang war das nicht möglich. Statt dessen benutzten wir einfach die Stadtbahn und wanderten in den Stuttgarter Wäldern. „Vom Pfostenwäldle zum Schattengrund“. Das gemütlich ansteigende Lindenbachtal, zum Schloß Solitude mit der 600 Jahre alten Eberesche, zum Bärenschlössle. Dort an der Lokaltheke „stachen“ mir 04-P1060837leckerweiche Kuchenangebote ins Auge, mit einer unüberwindlichen und überzeugenden Ausstrahlung. Dann passierte mir also ein Apfelkuchen in Tortenformat. Wenn ich wieder hier bin, gehe ich wohl nicht ohne Rundum-Kuchentest wieder weiter.

Herbstliche Angebote können auch sehr unvermutet sein. Wieso wirft man hier nach mir? Der Klang dieses Geschosses auf der Straße ist hölzern-hohl. Walnüsse 06-P1060889lösen sich heute freiwillig aus ihrer Hülle in Richtung Erdmittelpunkt, griffbereit zu Füßen abgebremst! Schnell sind zwei Hosentaschen gefüllt. Und als der Wiesenweg zum Waldrand ansteigt, leuchten mir knallrote Äpfel vom Weg und aus dem Gras herauf. Zum Anbeißen lecker! Gesagt – gebissen!

Einfach grade rauf den Steilhang! Serpentinen sind eingespart. Das ist mein Weg, einer von der
schlimm-schönsten Sorte! In der 
Mitte glatt geschliffene, festgestampfte Erde. Seitlich davon haften noch braune Nadeln, Stöckchen aller Größen, Baumsamen, Kleinstkrümel. Gelegentlich schaut der runde Kopf eines Steines heraus und bietet sich als willkommener Halt; einige Grashalme sind noch ungeknickt. Die Hauptaufgabe eines Steilhanges ist ja, dass er möglichst steil herunterhängt. Paarmal denke ich, geht das hier überhaupt weiter? Sollte ich die Kralltechnik anwenden, Hände voran?Wie weit würde ich rollen? Danach müsste man meinen Namen mit zwei „L“ schreiben! Schließlich rette ich mich seitlich auf das weiche Laub des Waldbodens. Aber es gibt bösartige Wurzeln, Ranken wie Drahtseile und krakelige Stöcke. Man versucht meine Füße im Geäst einzuklemmen. Liegendes Altholz, wirr durcheinander, drängt mich zurück zum Pfad.

Ab hier ist jetzt die Steilheit geringer, nur noch fast zu steil. Vor der erhofften Waldstraße steigt eine künstlich befestigte Böschung wie eine Mauer hinauf. Doch ein Stapel alter Stämme ist bereits tief in den krümeligen Lößböden eingesunken. Was noch herausschaut kann man übersteigen oder als Stufe verwenden. Puh! Gemeines Bergtraining war das – aber schön! Später bietet mir der Wald, wohl zur Besänftigung, sauber geschälte Fichtenstämme zum Rasten an, in der Ideal-Pohöhe.

Eine Gabelung der Waldstraße. Links steigt es, Autoverkehr, zu kurz!
Rechts sinkt es. Dort gibt es schmalere feste Waldwege mit vielen Windungen, aber es ist weiter. Ich steige also in eine untere Etage, lege mich in die Kurven, sinke in ein weiteres Seitental, um danach wieder aufzusteigen. Ein schöner Weg, voller Ruhe, bis die Straße auf der Höhe erreicht ist.

Neben der Straße, am Waldrand, sehe ich im Schatten einer Jagdhütte eine schmale Bank. Doch die Rückfront bietet mir mehr! Aussicht bis zur Alb mit der prägnanten Silhouette der Teck und einen Tisch mit Bänken. Wie gemütlich! Sofort drängt sich mir das Bild eines vollgepackten Kuchentellers auf. Dabei entdeckt mich der Jäger. „Was haben Sie denn da gemacht“, mit Blick zur Prothese. Kurzer Plausch. Erklärte mir seine humane Rehkillmethode. He, es ist ja erst kurz nach Vier! Da könnte ich doch…!

Schwupps, packe ich alles zusammen. Nur bitte noch’n Bissen und ’nen Schluck! Flott läuft sich’s weiter. Gar nicht weit. Die paar Häuser hier in Eselshalden. Nirgends Esel!

Trotz allem Gekurve bekomme ich nun sogar ganz easy den ersten der angebotenen Busse nach Schorndorf. Und zu Hause mache ich noch schnell, also authentisch, das Früchtebild, das mitgebrachte Angebot von Klaffenbach.

1-P1080122Km heute: 14,0
Km Wanderspirale 2015 bisher: 141,5
Höhenmeter Anstieg: 390
Höhenmeter Abstieg: 412

Schnell-Training

Vergleich im Unteren Schloßgarten

Zweck: Ich möchte wissen, wie schnell ich sein kann über kürzere Entfernung und Zeit, völlig im Gegensatz zu den regelmäßigen Wanderungen, die auf moderate Art Kräftigung und Ausdauer bringen und erhalten können. Zwei solcher Versuche habe ich nun unternommen. Voraussetzung: Sämtliche Triebwerke voll aufdrehen!

5-P1000267Interessant ist eine Untersuchung über den Energieverbrauch bei unterschiedlichen Amputationshöhen. Vermutlich wurde dabei nicht an sportliche Unternehmungen oder an Tageswanderungen, sondern an übliche Tageserledigungen von Beinprothesenträgern gedacht. Dabei wurde speziell bei Oberschenkelamputationen ein Energieverbrauch von 1,5fach bis 2fach gegenüber „Zweibeinern“ festgestellt.

Bei ausdauernden Tageswanderungen oder bei Trainingsläufen rechne ich also etwa mit mehr oder weniger dem doppelten Energieaufwand und -bedarf, um das vorsorglich gezielt ausgleichen zu können.

Die aufgezeichneten Daten:

19.9.15
Runde Unterer Schloßgarten zwischen Springbrunnen und See-Umrundung. Rundenlänge 3,625 km.

• Runde 1 von 1
56 Minuten Laufzeit, km/h 3,88

Vergleich mit 18.6.2014
Identische Strecke zweimal

• Runde 1 von 2
63 min Laufzeit, km/h 3,45

• Runde 2 von 2
55 min Laufzeit, km/h 3,95

Einfach nur Blättern

 

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Highlight H8.1 bis H8.3 „Neckaraufwärts“
Stuttgart Ost bis Wernau

Was ich als Highlights bezeichne sind besondere Erlebnisse und Orte, die trotz Amputation, Koma und einigen Jahren über 70 möglich werden. Zum Beispiel die langen Wanderungen in Flusstälern.

2-P1210110Täler sind nicht nur lang. Sie komplett zu erleben erfordert Geduld. Gerade zwischen den Ortschaften zeigen sie ihre Schönheit. Diese Länge ist Anreiz für mich. „Welche Bilder öffnen sich nach der nächsten Biegung?“ Stuttgart liegt mitten drin im vom Neckar aufbereiteten „Programm“. Er selbst und seine Seitentäler wie Enz, Fils, Murr, Rems. Und die Berge, die dadurch geformt wurden. Ja, ich lebe in einem riesigen Bilderbuch, ich muss einfach nur blättern!

1-Bahn 01Einfach anfangen und der Reihe nach hoch oder runter. Früh morgens also per Bahn zum jeweiligen Startpunkt. Da gelange ich an Ecken, an denen zumeist nur vorbeigedüst wird. Viele Leute haben keine Ahnung, in welch wunderbarer Gegend sie leben, trotz Industrielandschaft und riesigen Kraftwerken.

Da stand ich dem Kernkraftwerk Neckarwestheim gegenüber; schön versteckt war es zwischen Bäumen. Auf meiner Seite des Neckars ein einsames Schutzgebiet in einer der großen Flußschleifen. Noch nirgends sonst entdeckte ich Schwäne beim Nestbau im Wald.

Gleich zu Beginn dieser Neckarabwärts-Tour wusste ich, du musst auch noch die Seitentäler dran nehmen. Das oberste Talstück der Enz im Nordschwarzwald ist schon lange einer meiner Wunschträume. Und wie kommste dort hin? Vielleicht ab Mündung? Aber systematisch! So erlebe ich den Zusammenhang.

Meine neuerlichen Trainingsläufe erfordern kürzere Strecken in der Nähe. Also ging es kürzlich auch neckaraufwärts los. Ab der Haustüre! Bald bin ich ja unten am Damm. So kam ich zuerst bis Obertürkheim. Dann bis Altbach, vorbei an Esslingen.

Kurz vorher stoppte ein Rentnerehepaar mit Fahrrädern. Eine ähnliche Idee wie ich hatten sie, vier Tage von Schwenningen bis Heilbronn. Extra aus der Kölner Gegend kamen sieins Neckartal.

 

Und heute besteht ein Problem. Bis Plochingen gibt es keinen Fahrrad- oder Wanderweg, außer direkt neben der Straße. Meine Suche im Galileoprogramm bringt die Lösung. Am Hang entlang, auf halber Höhe, gibt es einen schönen Waldweg. Mein Highlight des Tages ist eine dunkle Wolke.

Bald strömt ein leichter Regen. Die Luft ist warm. Runter das Shirt, da bleibt es trocken! Oh je! Unten mein braunes Knie und oben mein frühlingsbleiches Hühnerbrüstchen! Kein Brathendldesign auf der Haut! Es läuft sich so sehr angenehm; die Tröpfchen auf der Haut und die warme Luft tun gut. Muss ich wieder mal machen.

Nicht so bei Wolke zwei, die mich am Neckarsteg herausfordert. Dunkler und größer. Kühler wird’s auch. Viele schnelle, große, schwere Tropfen. In einer Minute wäre ich durch! Meine Schlußmahlzeit verläuft lieber stehend, und mit Jacke, in der Nische einer Haustüre.

Aber eine wichtigere Lektion als Gewitterregen erhielt ich vier Tage vorher. Bei Esslingen auf dem Uferradweg. Alles glatter Asphalt. Einfacher geht’s nicht. Bin schwungvoll unterwegs. Doch die rechte Fußspitze bleibt hängen; eine verborgene Wurzel des Baumes, der schon fünf Meter links hinter mir ist, wölbt sich unbemerkt auf. Ich bin schon kurz auf dem Weg zum heftigen Bodenkontakt. Aber ich reagiere sofort, habe ja meine „Sturzbremsen“ dabei.

Täglich helfen sie mir. Ich kuck‘ mir halt manchmal auch die Landschaft an! Ich finde halt manchmal auch unmögliche Naturwege! Plötzlich drückt es vielleicht irgendwo schmerzhaft am Schaft, mitten in der Einsamkeit. Bald acht Jahre ohne unsinnige Klinikaufenthalte sind das Resultat der anwesenden Unterarmstützen, die unmittelbarste und kostenloseste Versicherung, die ich je hatte.

4-P1000410Km W8.1: 8,0
Km W8.2: 12,2
Km W8.3: 7,7
Km Highlights gesamt 269,5

Spiralzacken


Wanderspirale S10

Oberbrüden bis Althütte

„Das ist mir zu steil! PAUSE!“ Das ist eine Ausrede! Ja, wirklich! Was nicht dem Schwarzwald, dem Thüringer Wald, der Schwäbischen Alb oder wenigstens den norddeutschen Endmoränenhügelchen gelungen ist, der Schwäbische Wald schafft es, mich wegen dieses schwäbischen Keuperhaufens steigfaul zu machen!

11-P1210896Erst an einem Querweg steht linker Hand eine Hütte im Waldschatten. Auch ein verwitternder Tisch mit zwei Bänken; die dekorative Tischdecke aus Moos, Nadeln und braunem Buchenlaub. Hier vorbeizugehen, dafür gibt es keine entschuldbare Ausrede!

Die schmale Waldstraße wurde erst kürzlich mit frischem Rollsplitt neu umgestaltet. Die Sohlen haften ungenügend bei dieser übertriebenen Steigung, denn der Split rollt noch. Zusätzlich begann der Schaft hässlich zu drücken, wenn ich richtig belastete. Erst hier am Tischrand bekomme ich den Halt, alles neu zu richten. Wichtig, denn gleich steigt es weiter derartig an und nachher sind keine weiten und leichteren Ebenen zu erwarten.

Die ansässigen Kleinflugkörper machen es mir gleich, sie lassen es sich bei mir schmecken, als wäre es Top-Qualitäts-Bio-Tomatensaft. Sie wissen genau, wo oben ein Hemdkragen aufhört, wo ungeschützte Unterarme herumfuchteln, in welcher Flughöhe die Kniekehlen-Landeplätze zu finden sind. Auch einfach durch den Strumpf werde ich angemückt. Während ich doch unwackelbar stillhalten muss, für die Aufnahmen dieses Stilllebens, schlürfen sie mich aus als willkommene Nahrungsergänzung des ansonstigen Rotwild-, Mäuse- oder Wildschweinblutes.

Am Wegrand nach dem Wald nicken mir die Farne zu im noch kühlen Südwestwind. Das Sommerwetter ist heute nochmal perfekt und heizt mir schnell ein. Immer noch steigt der Weg an. An einer Scheune in Rottmannsberg muss ich gleich dreimal hintereinander den Schaftsitz korrigieren. Etwas von der Richtung abgebracht hat mich die Schaftunsicherheit, denn einfacher läuft sich’s auf der Straße nach Sechselberg, anstatt rechterhand weiter unten im Gelände. Im Ort entdecke ich, dass man sich hier beginnt „einzuspinnen“. „Kunst am Stall“ – mal ’ne gute Idee!

Dieser mickrige Bach ist dran schuld, dass ich wieder sooo weit runter muss, obwohl Althütte dort drüben oben liegt. So unbedeutend er auch aussieht, er hat hier mit seiner Gerieselkraft eine der kerbigen Schluchten geschaffen, welche selten erlebbare Ruhe ausstrahlen. Völlig lärmlos ist es hier. Nur einige Stimmen tönen rüber vom Gegenhang; eine Ziege meckert noch dazwischen. Die Steilhänge sind nur nutzbar für Gärten mit Obst, Hüttchen und Häuschen. Und viel Wald.

Und warum mache ich nicht nochmal den Umweg, oben drumrum? Naja, ich habe mir doch diese Spirallinie geplant, auch um zu wissen, was passiert auf so verrückt-vernünftiger mutwilliger Route, wenn ich sie so annähernd als möglich verfolge. Nun geht es deshalb eben mal hier lang, die Richtung korrigierend. Jetzt spüre ich die Geländewirkung deutlich, als Intensivtraining.

Etwas knieangeweicht bereits vor Beginn des zweiten Anstieges? Jedenfalls, die Suche nach einem bequemen Sessel beginnt. An einer Waldweggabelung entdecke ich eine Art Moosminiebene, befriedigend pobackenkompatibel. Das erfordert einige Meter hochzukraxeln. Zapfen aufräumen, störrige Äste abknaxen, Abstellplatz für Trinkbecher suchen, umsturzsicher. Noch die Sitzunterlage und Platz nehmen! Ok, es ist bequem! Hier erst bin ich so richtig in Mutter Natur angekommen.

Der Waldhüter entdeckt mich beim Müsligenießen, stoppt seinen Jeep, wundert sich. Entdeckt das im Grünen unpassend leuchtende Blau meiner Stöcke. Ich wische mir die Kefirspuren von den Lippen und deute noch auf mein unauffällig schwarzes Ersatzteil. „Wo kommet Sie denn her – und wo wollet Sie denn damit noch hin? – Ich nehme Sie gern noch ein Stückle mit nuff!“ Halb verständnislos, viertels mitleidig, viertels zweifelnd, fährt er weiter, nachdem ich ihm erklärt habe, wieso und warum ich das schon selbst machen will. Und danke auch noch für die Wegtipps! Den hätt‘ ich obenrum nicht kennengelernt. Solche Begegnungen und Unterhaltungen sind doch was Wichtiges. Ob im tiefen Wald oder bei der erforderlichen Bahnfahrt.

Oben angekommen kippt mein geplanter Weg bereits wieder über die andere Straßenkante hinab in die nächste Schlucht! Neiiiiin! Nicht nochmal heute, ich kenne das doch jetzt! Und mein Bus um Achzehnuhrsieben? Ich nehme auch deshalb den erst vorhin empfohlenen weiteren Umweg, der diese Senke samt Zuflüsschen umgeht. Auch dieser Weg verzichtet auf horizontale Stellen. Auf und Ab, Hin und Her windet er sich am Hang entlang. Ich nähere mich, kurz vor Althütte, wieder dem steilen Anstieg, den ich ansonsten benutzt hätte.

Ein ungewöhnlicher Tag mit Zick und Zack in Höhe und Breite, und eine Zusatz-Menge Muskelarbeit. Immerhin waren es heute die meisten Höhenmeter der bisherigen Wanderspirale: 496. Ach ja, und die ersten frischen Falläpfel im Rucksack!

Km heute: 12,4
Km Spirale 2015 bisher: 127,5

Der Leu am Leuchtturm

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Lindau

Der Job dieses Löwen ist recht ungewöhnlich: Die Schiffe begrüßen und verabschieden und die Hafeneinfahrt bewachen. Er macht aber such deutlich, es gibt nicht nur afrikanische, sondern auch bayrische Löwen! Doch wohin schaut er so sehnsüchtig? Hinüber zur Schweiz. Ist er wohl Käse- oder gar Schokoladenliebhaber?

Vom Leuchtturm aus gehe ich die Kieswege am Ufer entlang. Die Berge sind nah, trotz des Dunstes deutlich zu erkennen. Schiffe und Boote aller Art schaukeln im Gegenlicht. An einigen Strandstelle ist Kies, über Treppen erreichbar. Einige Leute baden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt hier so viele Bildfmotive, dass der Bericht deshalb vorwiegend aus Bildern besteht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Art der alten Stadt erinnert mich stark an Regensburg oder Rothenburg ob der Tauber. Alles Sehenswerte steht hier sehr dicht zusammen auf weniger als einem Quadratkilometer. Der Pulverturm,  der Mangturm, das alte Rathaus, der Diebsturm usw. Das Kaffeegäßchen ist so schmal, dass man kaum den Turm des Münsters ins Bild bekommt.

 

 

 

 

Die Gastronomie und die Andenkenläden leben hier gut. Alte und extrem enge Gassen, buckelige Pflastersteine. Mittelalterromantik, flanierwütige Besucherströme. Eingeborene? Kaum auszumachen. Bei dem geköpften Mammutbaum finde ich ein Café; die Prothese sitzt nicht mehr richtig. Der Streuselmohnkuchen überredet mich wortlos zur Rast.

Kreuz und quer geht mein Weg. Der See ist überall nebenan. Aber die historischen Bauten, die Hitze und der Trubel rund um mich erzeugen eine wanderunübliche Stimmung.

Meine Rückfahrt (mit zwei Stunden Wartezeit in Ulm) geht etwa so lange wie meine heutige Stadtwanderung. Die Züge sind heiß und gestopft voll. Die meisten Leute waren auch am See und fahren bis ins Stuttgarter Gebiet zurück. Die Bahn sollte kühles Bier spendieren – jetzt hab‘ ich’s: Der Löwe wartet auf das Schiff mit Löwenbräu!

Km heute: 6,0
Km Highlights gesamt: 240,2

Widerstände

Spirale S10
Oppenweiler bis Oberbrüden

Zuerst ist alles ok. Schnelle Bahnverbindung, warmes Sommerwetter, kühle Luft. Bald nach dem Bahnhof beginnt’s hinten zu drücken.

’s wird schon gehen. Das Frühlicht reizt meine Kamera. Eine kronenamputierte Apfelbaumruine steht einarmig am Bahngleis und trägt tapfer seine schwerer und schwerer werdenden Früchte. Sonnenreflexe auf schmalen Blattfingern. In Zell steht ein prächtig-gleichmäßig gewachsener Kastanienbaum und fängt schon mal an Herbst zu spielen. 

Dieser dooofe Druck! Da, eine Scheunenwand. Prothese runter! Beginnende Entzündung? Pflaster drauf, Tropfen Öl gleich dazu. Weiter! 

Fünf Minuten später. Jetzt drückt’s links. Eine Bank steht in Sichtweite. Prothese wieder völlig neu anziehen! Wie oft denn noch? Weiter!

Sofort danach. Das ist ja verdammt locker. Ich muss schon wieder reklamieren, denn der Schaft schlenkert anstatt zu wandern. Ich will keine „Schlenkerung“ machen! Ein PKW-Anhänger als „Anlehne“ gibt mir den nötigen Halt. Fertig, jetzt aber flott weiter!

11-P1210896Nun habe ich bereits vierzig Minuten verloren. Hier beginnt auch der Anstieg, von wegen flott! Er ist lang, bewaldet, mit gleichmäßiger Steigung, ein weiterer Zeitfresser. Bin jetzt schon dankbar für den Schatten. Nach einer Stunde steht eine Sitzgruppe neben einer Weggabelung bereit. Guten Appetiet!

Bis hierher ist wieder alles erträglich. Eine Frau fragt nach dem Weg, um ihr Hündchen fertig auszuführen. Zum Eschelhof? Ja, hier vorn links gleich rechts hoch. Um nach Althütte zu kommen, biege ich hier sofort rechts ab. Schön eben zuerst. Dann wellig, dann leichtes Gefälle. Der Druck von vorhin meldet sich zunehmend zurück.

Dann wird es kurzzeitig normal-steil. Mehr Körpergewicht kommt auf die Schaftrückseite. Jetzt wird der Druck heftig. Bis Oberbrüden lässt er nicht mehr nach. Am Kirchplatz wird die Haltestelle zur Abbruchstelle.

Spirale S9: 6,7
Spirale 15 gesamt: 115,1

Mutmacher!

Wanderspirale S9
Gronau bis Oppenweiler

Mein Weg zum Bus: Auch heute beobachte ich die zarten Blättchen, die sich mehr und mehr durch meinen Gehweg bohren, tiefe Spalten bildend. Mit den gleichen enormen Kräften aus dem Erdboden, die auch wir – gelegentlich optimal – nutzen! Unermüdlich, ausdauernd! Was für ein Mutmacher!

11-P1210896Das wird heute wohl ein weiterer Gewöhnungsmarsch: Nachdem die neue Prothese vorgestern im Neckartal Kletterei bekam, stelle ich dem LiNX-System heute die Wanderspirale vor. Um uns beide nicht zu überanstrengen, teilte ich gedanklich die geplante Etappe, denn das Klettern wird heute höher hinauf.

Gronau, an der Kante des Schwäbischen Waldes, Ortsteil von Oberstenfeld, ist etwa 22 Kilometer von Stuttgart City entfernt. Über Marbach fahre ich flotte 94 Umweg-Minuten dorthin.

Mein Zutrauen hängt hinterher: Ich denke „das schaffe ich nur bis Allensbach am Weinberg!“ Aber als ich die Höhe erreicht habe stellt es sich anders dar.

Der Anstieg wird Geduld erfordern. Gleich neben der Kirche gehts schon mal hoch. Zwischenrein ist der Weg im Bottwar-Seitental, an der Kurzach entlang, ebener bis hügelig. „Na, Sie sind aber mutig…“ So etwa spricht mich ein älterer Herr an, der fleißig seine Beweglichkeit pflegt, gut gelaunt und fit wirkt. Als ich erfahre, dass er 1921er sei, wird er für mich zum nächsten Mutmacher! Wenn ich in siebeneinhalb Jahren 7000 km geschafft habe – weitere sieben Jahre, da bin ich ja erst 85!

Ab einem kleinen umwachsenen Talsee steigt es kontinuierlich. Der Bach glitzert, die Sonne scheint wohltemperiert, die Stimmung ist hoch angereichert. Es ist Sonntag, immer wieder sind Leute unterwegs. Ich gehe langsam, pfeife tonlose Melodien in mich hinein, den jeweiligen gleichmäßigen Laufrhythmus damit unterstützend. Will ja nicht dauernd stehenbleiben! Das hilft phantastisch für gute Laune, hohe Berge und weite Strecken, und für Ausdauer!

Mit einer Frau komme ich ins Gespräch; ihr geht es wie vielen. Man kann es zuerst kaum glauben, dass man mit Prothese so fern eines Ortes den Berg hinauf steigt oder überhaupt wandert. Auch sie wünscht mir Mut und „Weiter so!“

Bevor ich ganz oben bin, wird es ganz steil. So steil, dass der ursprüngliche Beton des Weges zumeist schon weggespült ist. Noch vorher, nach der Überquerung einer Wasserrinne, finde ich einen Waldbodensockel. Ideale Sitzhöhe, ebener Abstellfläche, für meine breite Auswahl an Verfütterungsmaterial.

Ich bin oben. Über sechs Kilometer waren das bisher. Und dann erlebe ich wieder, wie man sich selbst Mut machen kann. Jetzt, um 13:30 Uhr, bin ich schon zu weit für die gekürzte Planung. Leicht schaffe ich es bis ins ursprüngliche Ziel. Was für ein schöner langer Tag!

Die Hohe Straße. Neben dem Parkplatz eine Hütte. Ich biege um den Eckpfosten, dort sitzen sechs weitere Mutmacher, hier eingeflogen mit Auto und Fahrrad. Ich setze mich dazu. Die üblichen Fragen und Antworten: Warum, woher, wohin. Sie haben sich hier auch erst kennengelernt. Der Mann neben mir: „…und ich wohne in Oppenweiler, ich lad Sie gern ein, wenn Sie nachher kurz vorbeikomme wolle…“ Da ist meine Entscheidung für den längeren Weg wie zementiert.

Mal steil runter, mal wieder nuff, mal langweilig eben, so kurven die Waldwege auf halber Höhe weiter. Der letzte Abstieg ist holprig; ich kenne ihn hautnah, und wie! Doch davon gleich weiter unten im Text.

Wolkenverdickungen verdecken den Blauhimmel. Nahe am Waldrand die wenigen Häuser von Rohrbach. Im Süden scheint der Regen schon am Fallen zu sein. Ja, wirklich, dort, wo Stuttgart liegen müsste, hängen schräge Streifen über dem Land. Punkt 18:00 Uhr erreichen mich Warntropfen. Aber da ist schon das Ortsschild. Und paar Minuten später klingle ich uneingenässt an der beschriebenen Haustüre.

Auf der Veranda während des leichten Regens, im Anblick der Burg Reichenberg, mit Bierchen und Veschper – ein einmaliger Wanderabschluss, bevor ich zum Zug gefahren werde. Und bevor ich zum Dank die Story aus meinen Notizen vorlese, auf der ich 2013 hier am Bahnhof begann und auf dem Abstiegsweg von vorhin im Matsch zwischenlandete…

…Plötzlich rollt der Weg unter meinem Tritt nach oben vorn, das heißt, der linke Schuh gleitet einen halben Meter zurück, und bevor die Prothese das nachmachen kann, drückt sich meine linke Schulter schon tief in den weichen wässrigen Schlamm… Die Beine sind höher als der Kopf… Wie dreht man sich im Schlamm um?… Halb oben, da entsteht ein Wadenkrampf, da gibt es wieder kein Halten, da schlingert es mich hinterrücks nochmal genussverlängernd weiter nach unten… Meine Hände sinken tief hinein, sie fühlen sich an wie die einer Kuchenbäckerin im Teig. Rückwärts sitzend drücke ich mich genüsslich hoch auf…  (Mai 2013)

Inzwischen ist dieser Weg kaum wiederzuerkennen. Gut rekultiviert! Heute zu trocken zum Wiederholen der Situation!

Km heute: 14,3
Km Wanderspirale 2015 gesamt: 108,4
Km Wanderspirale ab 2014 gesamt: 1088,9

Knöchelelektronik

Highlight-Wanderung H3.9 – Neckarabwärts
Von Neckarzimmern bis Neckarelz.

Zwei Monate Testläufe. Nicht nur das elektronische Kniegelenk ist neu. Auch das Knöchelgelenk, eine Neuheit auf dem Markt, ist nun elektronisiert. Eine neue Beinprothese, nach fünf Jahren weiter Strecken, das erfordert Anpassungen im Laufverhalten, besonders bei längerem Auf und Ab in der Natur. Heute möchte ich versuchen den Testgedanken aus dem Kopf wieder herauszudrängen.

Das bedeutet aber, dass vor allem der Prothesenschaft, der meinen Beinstumpf aufzubewahren hat, meine Haut selbst bei Tagesmärschen nicht ärgern darf, ebenso der weiche, hautschützende „Liner“. Tun sie anfangs aber nicht! Drücken, Zwicken, Kneifen sind ihre Eigenschaften vor der erforderlichen handwerklichen „Umerziehung ihres schlechten Benehmens“.

Angefüllt mit Ungeduld hoffe ich, es sei Schluss mit der aufgezwungenen Passivität. Eine vermorgennebelte Bahnfahrt (mit dem Bonus eines Schienenersatzverkehrs),  ein sonniger Tag wird sicher sein.

Gleich nach dem Steg der Schleuse steigt die schmale Straße an; am Neckar fehlt hier der Platz. Wenn ich zurückschaue, steht die Hornburg noch im Dunst; einige Nebel kämpfen mit verborgenen Strahlen. Dann senkt sich der Weg wieder und der erwartete Sieg der Sonne ist perfekt.

Hochhausen, ein kleiner Ort, eingepasst in die seitlichen Hügel. Unabsichtlich verfolge ich hier den Neckarsteig. Na, das ist ja die

reinste Berg- und Talbahn. Nett sind die Leute, freundlich und offen. Zwei interessante Gespräche ergeben sich, und bei steil ansteigenden Wegen ist das zum Verschnaufen doppelt willkommen.

Dann ein Waldweg, wieder oben im Talhang. Rast auf den spärlichen Halmen des Wegbodens zwischen sehr großen Ameisen, die wegen mir ihre wichtigen Geschäfte aber nicht unterbrechen. Ihre Straßen verlaufen seitlich und vor mir. Ob ich direkt auf einer ihrer Straßenkreuzungen sitze, kann ich momentan nicht feststellen. Nichts bewegt sich auf meiner Haut. Von rechts brummt es. Ein großer Käfer im Landeanflug auf benachbarte Gräser. Grün funkeln seine Flügel im Gegenlicht.

Ein anderer Test läuft heute. Meine Schwester gab mir mal ihre Wechseloptik-Kamera zum Probieren mit. Eine größere Tasche ist dabei, die sehr einfaches Handling ermöglicht. Aber fotografische Perfektion ist beim Wandern mit Prothese nicht angebracht. Mir geht es lediglich um die Ästhetik der Landschafts- und Naturerlebnisse, um spezielle Ereignisse. Das zu zeigen, was trotz Prothese, mit mehr Bewegung, als Gewinn entstehen kann: Nicht daheim vergammeln, sondern interessante Wege und den Wechsel von Landschaft, Wetter und Jahreszeit hautnah erleben!

Brennnesselverhangen und doldendurchwuchert führt die eine Spur des Waldweges weiter. Zu wenig Wanderer sind hier unterwegs. Naturkontakte für mein nackig-knackiges Bein. Schon sieht es so aus, als müsste ich umkehren, doch die Spur durchdringt die beginnende Wildnis. Eine Kerbe im Hang, die zuwächst. Äste und Stämme hängen waghalsig über. Kräftige Kräuter beanspruchen den Pfad energisch für sich. Später, von der festen Waldstraße aus, sieht der Weg rückblickend fast unbegehbar aus. Jetzt aber nehme ich den Lärm des Talgrundes deutlicher wahr. Die Kreuzung mehrerer Bundesstraßen. Nicht weit entfernt liegt Mosbach in einem Seitental.

„Verlaufen?!“ Ein kleiner Transporter, die rechte Türscheibe wird runter gekurbelt. „Wollen Sie zum Goldfisch?“ Ist mir unbekannt! „Ich will einfach nach Heidelberg – aber nicht heute!“ Sie biegen grinsend rechts ab, auf einem „nicht existierenden Fahrweg“, zu einem Werkgelände im Wald. Auf beiden Apps ist er nicht in ihren Karten eingetragen!

Jetzt kapiere ich. Die Bergstollen „Brasse“ und „Goldfisch“ gehörten zu einem früheren Arbeitslager, raffiniert im Wald versteckt. An den dunklen Eingängen komme ich vorbei. Inzwischen wurde ein Geschichts-Lehrpfad angelegt. Unglaubliches aus heutiger Erkenntnis ist hier geschehen; das sollte man sich am PC mal ansehen.

Das wird nichts mit der geplanten Station Binau. Die Zeit läuft mir davon! Die Topografie fordert einiges, wenn man nicht regelmäßig auf Tagestour ist. Auch Aufenthalte wegen Druckstellen am Bein. Für eine ersehnte zweite Rast finde ich am Sportplatz Obrigheim eine Bank am Neckarufer.

1-P1100202Wie ein Hochhaus aus älteren Tagen steht das Schloß Obrigheim schräg hinter mir. Ruhig ist es hier in der Sonne. Der Angler dort gegenüber genießt seinen Tag auf andere Weise. Das wäre nichts für mich, Angel-„Sport“ bis zur Unbeweglichkeit. Übrigens gut zu kombinieren mit Schach-„Sport“! Drüben finde ich auch die Station Neckarelz. Das reicht, denn die Heimfahrt dauert auch noch eine Weile.

„Fern der Heimat“ bin ich hier. Die nächsten Touren bekommen immer längere Fahrtzeiten. Die Tagesstrecken werden eingezwängt bei etwa 10 km.

War das heute nun kein Test mehr? So sicher bin ich mir da nicht! Denn für so ein kurzes Wegstückchen merke ich die Muskulatur zu stark. Ich hatte seit März doch zu oft zu kurze und zu einfache Wege!

Km heute: 10,5
Km Highlights gesamt: 234,2

 

Alstergewimmel

Besuch in Hamburg
Highlight H6.2 – Mundsburg bis Rotherbaum

Ich werde etwas probieren. Zum Testen gab mir Angelika ihre Kamera mit. Etwas schwerer wie meine, aber mit einer bequemen Tasche, die einfaches Handling ermöglicht. Naja, nicht zu vergessen, die noch andauernde Entzündungsanfälligkeit am Oberschenkel, auch ein Testprogramm!

Am Ufer angekommen drehe ich nach Norden ab. Ich will bis zur Alsterbrücke, um danach vielleicht noch weiter zum Jungfernstieg zu gehen. Aber die Bilder, die gehen heute vor!

Von der Brücke über den Rondeelkanal sehe ich dichtes Gewimmel auf dem Wasser. Jetzt fehle nur noch ich; die Brücke wäre das beste Ufer für ein Erfrischungsbad. Dreiecke schieben sich langsam dahin; man bewegt sich auf viele Arten, sitzend, stehend, in Barkassen. Vorhin, auf der Anlegestelle eines Ruderclubs hüpfte, sprang und warf man sich quiekend hinein.

 

 

Die Busse mit Oberstübchen der vielen Stadtrundfahrten sind für die 01-P1100202bequemen Leute unterwegs, unermüdlich. Aber die Uferwege sind ebenfalls beliebt und ideal für die Jogger und Radfahrer. Immer wieder wechseln die Vordergründe am Ufer, Schilf, Dolden, Zweige, vor der im Dunst liegenden Stadtkulisse, die sich ständig verschiebt. Schöne Parkanlagen reizen mich für Runden auf dem Gras.

7-P1010829Im Süden zieht eine dunkle Wand heran, kaum beachtet. Schnell geht das. Fast erreiche ich den Aussichtspunkt, an dem ich 2008 ein interessantes Motiv fand. Das hängt, nun umgesetzt in ein Tuschebild, bei Angelika an der Wand.

Schnell die Technik einpacken, rüber zum Bus. Obwohl, einige schwere Regentropfen würden mir bei dieser Hitze gefallen. An der Haltestelle beginnt es leicht. Beim Umsteigen am Gänsemarkt geht mein Wunsch in Erfüllung.

Km heute: 7,0
Km H6.2: 10,0
Km Highlights 2015 gesamt: 223,7

Langhälse, Langbeiner und Langweiler

Besuch in Hamburg
Highlight-Wanderung H6.1 – Hagenbeck

01-P1100202„…machen wir doch mal Hagenbeck, war ich lang nicht dort!“ Vorschlag meiner jüngsten Schwester. Nur eine Spazier-Wanderung kann das werden. Diese „Tour“ kringelt sich durch das Tierparkgelände. Der ehemalige Haupteingang, das fantasievolle Jugendstil-Tor, ist jetzt im Gelände integriert.

So attraktiv wie das Tor ist der gesamte Zoobereich gestaltet. Die Gärtner und Landschaftsarchitekten haben hier einen Wohlfühlpark geschaffen. Nicht nur für die sehr vielen Besucher. Weite offene Flächen, hohe Bäume, Seen und Teiche. 

05-P1070426Eine riesiges Reich besitzen jetzt die Kegelrobben, Südamerikanischen Seebären, Pazifischen Walrosse, Antarktischen Pinguine. Ein dunkler Rundgang führt hinab in den künst-lichen Berg zu dicken Glasfenstern der  Unterwasser-Wohnstuben.

2-DSCN1241Auf eine weitere bunte Reihe Insassen, Giraffen und Kraniche, Kamtschatka-bären, Löwen und Kaninchen, Bisons und Riesenschildkröten, treffen wir auf unserer Wegschleife.

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Zum großen Teil sind diese Tiere längst echte Raritäten. Trophäenjagd, Ausrottung, Klimawandel und mehr. Die Millionen abgeschossener Bisonsoder die Dezimierung der träge und langweilig wirkenden Schildkröten sprechen für sich. Unser Verhalten zeigt, der Mensch steht nicht über dem Tier.

Die Sonne sticht, uns rinnt der Schweiß. Geht es den Tigern und Elefanten genauso? Sie sind zum Lunch in ihren Appartements verschwunden. Wir 1-1-DSCN1279kürzen ab für den Heimweg.

Meine erste Wackel-Hängebrücke schenkt mir ein neues Laufgefühl. Da spürt man, wie die Welt sich dreht. Dahinter eine großartige Anlage für einige unserer nächsten Verwandten. Klettern, fast bis in den Himmel, Seile, Netze, was das Affenherz so braucht.

Es ist offensichtlich, diesen Sumatra-Orang-Utans, wie allen anderen Tieren hier, geht es gut. Überall spürt man, sie sind optimal versorgt, sie werden beachtet, dank eines tierisch guten Sozialsystems.

Das besonders Tolle an diesem Tierpark finde ich, die machen das so gut, dass man sogar auf solche Gedanken kommt:

Es geht den lieben Viechern besser als manchem unserer eigenen Spezies in unserem noch reichen Land! Leute, die zukunftslos unter Brücken schlafen und ihre Hände aufhalten müssen! Uns erscheinen sie nutzlos bis lästig. Also geht oft nichts voran, denn träger als die Schildkröten sind manche etwas menschlicheren Entscheidungen für unsere eigene Gattung. Gebt ihnen doch wenigstens einen Winkel im Hagenbeck, mit gleichwertiger, aber artgerechter Kost!

Aber hier im Tierpark, im Affenhaus, das ist Kultur, da ist die Welt in Ordnung!

Km heute: 3,0

 

Verwunschen, verwachsen und verwunderlich

Von Neustadt-Hohenacker bis Stuttgart-Mühlhausen

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Verwunschen, verwachsen und verwunderlich, so erscheint uns das untere Remstal. Gleich auf der ersten Wiese, noch oben auf der Höhe, beginnt es. Da stehen Zäune, drei kurze Segmente, 02-P1070253Zaunattrappen. Geht es hier um die Zwischenräume? Sind es Symbole für überflüssige Abgrenzung? Wir können nur rätseln.

Heute ist Carola, meine Tochter, dabei. Schon lange war das geplant. „Aber bitte nicht zu weit“, war ihr Wunsch. „So acht bis zehn Ka-Em?“ Das war ok. Heute ist sie der Fotograf.

03-P1070267Steil geht der Weg ins Tal. Die untere Rems hat die untersten Gesteinsschichten auf etwa Neckarniveau durchnagt. Eine Tafel zeigt uns die extreme Krümmbarkeit dieser Talform. Träge fließt das Wasser. Kaum bewegen sich die schwimmenden 04-P1070276Blätter. Doch ich war schon hier nach Starkregen. Da strömt es gewaltig, reißt Böschungen ab, unterspült Bäume und durchnässt Wiesen, Wege und Schuhe. Und hinterlässt viele zerrupfte Foliengeister. Dort drüben sehen wir gewaltsam frei gelegte Wurzelarme, die 05-P1070278gierig das Wasser schlürfen. Oder sind es irgendwelche durstige Schlangenwesen?

„Kuck, da drüben, ein Gespenst!“ Das ist doch Otfrieds Schöpfung! Es scheint ihm nicht sonderlich zu gehen. Offensichtlich ist es seit der letzten Flut an Zweigen verhakt. Unser Mitleid hat nur die Rems als Grenze. Entgeisterte Blicke sind das. Muss schlimm sein, nicht frei geisternd schweben zu können!

07-P107028206-P1070279Die Remsmühle kommt in Sicht. Wir gehen gänsemarschig durch hohes Gras zu einem gemähten Wiesenstreifen am Waldrand. Der hier umflossene Talbogen ist hell gegenüber der dunklen, geheimnisvollen Stimmung auf den Wegen am Steilhang. Hier ist der Boden bequem geneigt zum Rasten. Die Luft ist warm. Alles ist still. Unsere Mitbringsel teilen wir auf und genießen quer.

08-P1070302In der nächsten Talschleife entdecken wir die alten Weinbergmauern in der Düsternis hoher Waldbäume. Gelegentlich existieren noch Gittertüren. Bemooste, zugewachsene Wackelstufen ziehen sich den Hang hinauf in die Eidechsenwelt. Und gegenüber, direkt am 09-P1070311Fluss, entdeckt Carola einen freundlichen Uferbaum. Eine Wurzel hat er zum Knie ausgebildet, um uns einen bequemen Sitz anbieten zu können. Oben am Nachbarbaum ein Schild: „Privatgrundstück Müllerbeach“. Naja, aber wo bitte stehen die Strandkörbe?

11-P1070332Überhaupt, hier wohnt wohl ein Witzbold in der Nähe. Nagelt er doch eine Steinschlagwarnung an einen Uferbaum über der Wasserkante. Und das Verwunderliche daran: Der Baum nimmt es als Appetithappen, 12-P1070335bildete sich eine Oberlippe, umstülpt es damit und hat zu fressen begonnen. Mampf! Nicht weit davon zutschelt ein anderer Stamm ein puddinggelbes Schild genießerisch in sich hinein. Bäume mit Langzeitappetiet! Also, lehnt euch hier nirgends zu lange an Bäume! Die Natur setzt hier ungebremster als anderswo ihre Interessen durch. Die Bahn, 10-P1070326weit oben auf dem Viadukt. Der Fahrweg aus Hegnach führt nur hinab zur Mühle. Zwölf Kilometer Einsamkeit für die restlichen Bewohner, Pflanzen, Tiere und die Müllersleut.

Die zweite Rast am Waldrand. Ein Baum, hangelt kopfüber mit s1-Z23einen Ästen auf die Wiese, als wolle er diese vor allzu fremden Zugriffen in Schutz nehmen. Erst recht legen wir dort die Decke aus und tanken nach. Wir leihen ihn uns aus, als Bildmotiv.

Verwachsen sind die alten Steinbrüche. Rückzugsgebiet für 1-P1070346schützenswerte Zwerge und andere Märchenfiguren. Früher war es hier sehr werkelig, Maschinen, Sprengungen, Elkawes. Ein sehr großes und für uns unzugängliches Biotop ist entstanden.

13-P1070352Aber die Spitze der Verwachsen- und Verwunschenheit ist offensichtlich das Hexenhaus, dieser Ziegelstein-„Palast“, am Rande von Neckarrems. Die Hexe hat sich wohl längst verbessert, ist vielleicht nur noch mit Tablet auf Düsenbesen im Außendienst. Carola meint, das wäre mal eine Herausforderung, das Häuschen wieder hinzubiegen, als kleines Ausflugscafe oder so was. Aber bitte ohne das preisverdächtige Außendesign zu beschädigen!

Nach etwa neun Kilometern könnten wir nach Hause fahren. Oder auch nicht. Zwei Mandeleis zum Überlegen. „Ich brauche eine größere Entfernung als bisher, um den neuen Prothesenschaft auf Ausdauer beurteilen zu können“. „Einverstanden, bist ja nicht schnell.“ Noch vier Kilometer hängen wir an. Werden muskulär noch durchgewalkter. Gemütlich, aber langsam. Nirgends mehr Geister. Neckar aufwärts am bewaldeten Uferweg, auch ’ne Rast muss noch sein, und schlurf, bis nach Mühlhausen.

14-P1070367Km heute: 13,5

Der Götz war ausgeritten

Highlights H3.8 – von Heinsheim bis Neckarzimmern

1-P1070192Gut sieht das Wetter aus. Mit falschen Vermutungen fahre ich deshalb los. In Heinsheim ist die Sonne aber versteckt und auf der Straße nach Gundelsheim fallen kleine Tropfen. Am Beginn der Brücke an der Schleuse wimmelt es von Klassenwandertags-01-P1100202Schulkindern. Schnell die Regensachen an! Die Lehrerin schaut zum Himmel und zuckt die Schultern.

Der Schleusenchef meint zu meiner Prothese, das ginge ja schon ganz gut. „Ja, Bewegung ist wichtig!“ Und erzählt von seinen prägenden Erlebnissen mit Operateuren. Ihn hatte man mal vergessen seine Wunde am Bein zuzunähen und heimgeschickt, mit schlimmem Ergebnis. Kommt mir doch bekannt vor, diese Kompetenz! Wir sind uns einig, ein solides Handwerk wie Installateur, Zimmermann oder Metzger sollte doch lieber dem Studium unterstützend vorausgehen.

2-P10701953-P1070199Da werden uns ja doch noch zwei kleine Sonnenstrahlen geschenkt. Am Rande von Gundelsheim steht die nächste Schulklasse mit aufgespannten Regenschirmen, unter dichten Kastanien. Ich rufe nur „Schirme zu, die Sonne scheint!“ Die Reaktion des Lehrers: „Sie Optimist!“

4-P1070200Nur zwei Bildmotive finde ich hier. Das Schloß und die Hausecke einer Gasse, benutzerfreundlich. Ich spüre, hier bin ich noch in Götzens Reich, dem Land der einprägsamsten frommen Sprüche. Beim Anstieg zum Michaelsberg komme ich in absolute Einsamkeit. Ein nasser, steiler Waldweg, der Regen tut was seine Sache ist. Am Waldrand oben öffnen sich regenverschleierte Weideflächen. Mein Hunger nagt plötzlich bis in die Hydraulik.

5-P1070201Eine Landluft-Stehrast während Tröpfelei, schon mal gemacht? Ich lehne meinen kippfreundlichen Rucksack zu seiner Entspannung an einen Pfosten des Weidezaunes. Brauche Überbrückung. Wackelige Trinkprozedur, hastiger Kauvorgang. Blicke spüre ich. Sämtliche braunen und schwarzen Kühe stehen nahe am Zaun, schauen zu mir, voller Unverständnis, dass ich das saftigste Gras ablehne. Und was sie deshalb folgern, erscheint mir auch klar: „Rrrrindviech!“

Nach dem Hofgut und der Kapelle Michaelsberg geht eine schmale Straße hügelig dahin. Unter einem Baum finde ich eine nur schwach eingenässte Bank. Jetzt genieße ich, extrem langsam kauend, meinen Knusperriegel, die Trockenzone der Sitzunterlage und die Ruhe dieser Landschaft.

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Vor mir neigen sich die offenen Flächen zum bewaldeten Neckarhang hin. Einen Überblick gibt eine Tafel. Ganz in der Nähe fließt auch die Jagst vorbei, Berlichingen ist wirklich nicht weit. Dann steigt das Gelände noch lange weiter an, entlang der Waldränder, neben langgezogenen Wiesen. Leichter Regen, ohne mich durchzuweichen. Diesmal beobachtet mich ein Falke. In Wipfelhöhe kreist er viermal kurz vor mir, denn einmal genügt ihm nicht. Dann schwebt er, den Wind geschickt nutzend, weit hinüber zum anderen Waldrand. Bin unhandlich als Jagdopfer. Der Wegweiser „Hornburg“ ist verwittert. Von der Anhöhe zweigt hier der Wanderweg links ab und verläuft bald neben einer Schlucht.

Was für ein Geräusch mag das wohl gegeben haben, als der Sturm diese dicke Fichte knackte! Wie fest ist dieser Weg? Der Abgrund ist tief, der Hang enorm 6-P1070205steil. Von unten nicht erklimmbar, sicher voller Bruchholz. Wenn hier ein Erdrutsch passierte – doch da ist schon die Straße.

7-P1070208Unmittelbar nach dem Wald stehen die Festungs-mauern und der hohe Turm der Hornburg. Er hat schon früher sehr eindrucksvoll auf mich gewirkt. Für meine Lehrabschlussprüfung als Plakatmaler und Dekorateur in Leipzig durfte ich ein Schaufenster mit Koffern und Taschen gestalten. Mein Thema: „Reise“. Wie passend zur DDR! Ich wählte Motive auch aus westdeutschen Sehenswürdigkeiten aus, die ich als Scherenschnitte verarbeitete. Dabei auch die Götzenburg.

8-P1070207Ihr Hausherr, der Götz, ist nirgends zu entdecken zwischen den teuren Blechkarossen im Burghof. Offenbar mal wieder ausgeritten, mit einem kräftigen „Ihr könnt mich mal!“ Ich verziehe mich wieder, auf den Hangweg, schaue ins diesige Tal und erreiche die Station Neckarzimmern. Ein Reitersmann kam mir nicht entgegen.

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Km heute: 12,5
Km Highlights gesamt: 184,8

Naherholung für die Muskeln

Highlight H3.7 neckarabwärts – von Obereisesheim bis Heinsheim

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Den Neckar zu begleiten ist einfach. So wie ich heute. Neckarabwärts, nördlich von Heilbronn. Man hat hier den Radweg, schön geebnet und schlaglochlos, hindernisbefreit, muskelschonend. Aber nchts für mich! Die Gelenke brauchen Erde unter sich, die Muskeln mehr Arbeit, Futter für die Fitness. 01-P1100202Tallagen sind die bequemste Topografie. Aber direkt neben dem Neckar, da wächst eine Menge Gras. Man hat die Wahl: Stein oder Erde.

03-P1070149Gleich ab Haltestelle Schwimmbad überquere ich die Wiese! Das Gras ist gekürzt. Ein Asphaltweg führt mich weiter zum Neckar. Dann bleibe ich möglichst immer am Ufer und kann den Boden erleben. Zuerst kleinschottrig bestreut, zumeist aber als Wiesenwege mit schmalen Radspuren, kitzelhalmig eingefasst.

04-P1070152Es wird zu eng zum Fahren zwischen dicht bewachsenem Hang und Flussböschung. Es bleibt ein dunkler Pfad. Einige Blicke durch Büsche und Bäume zum Wasser. Übermannshohe Kräuter. Weiße Dolden, ich muss hinaufschauen wie zu den Wolken, um sie zu sehen. Brombeerblüten auf hohen dichten Hecken. Einige Ranken und Brennnesseln biegen sich mir in den Weg. Wie praktisch doch die Gehstöcke sind, sie schaffen energisch Beinfreiheit.

05-P1070168Dorfbild von Untereisesheim vom Ufer aus. Der Ort streckt sich auf niedrigem Geländesockel. Der Fahrradweg nimmt mir den Pfad weg. Bei der Friesinger Mühle wird ein Frachtkahn beladen, Kipper lassen Sand oder Kies hinausrutschen, etwas, das ausreichend gut staubt. Ich lasse zwei Entladungen mit weißen Puderwolken vorbei gehen.

Rast kurz darauf, schattig unter jungen dichten Linden, gleich hinter der Bahnlinie. Der rote Zug nach Heidelberg und Mannheim fährt dröhnend über die Eisenbrücke. Wieder beginnt hier der Ufergrasweg. Es sind ja nicht nur die Büschel aus Halmen, es gibt Wellen in den Fahrrinnen, Löcher, frisches Heu. Es ist eben uneben. Alles Kleinigkeiten. Doch mit der Zeit spürst du diese fortwährende Einwirkung unspürbarer einzelner Hindernisse. Das Tal ist so schön und eben, und doch eigentlich wie die Geländewellen überall. Das ganze „Ländle“ –  ein Parcours!

06-P1070171Aber Wimpfen am Berg mussten sie unbedingt unbequem obendrauf stellen, auf dem Kraichgauhang. Statt unten zu 07-P1070177bleiben in Wimpfen im Tal, 08-P1070182dessen Stiftskirche über die alte Dorfmauer lugt. Ein Weg erklimmt die Höhe durch Wald, Stufen hinauf und durch die Stadt-mauer. Ein Berggrat, nur paar Meter breit, schon wieder senkt es sich. Ein dicker eckiger Turm macht den Anfang der alten 09-P1070178Stadt. Einst Stauferpfalz, dann Freie 11-P1070188Reichs-stadt. Das „Steinhaus“, der hohe „Blaue Turm“, die Salzgasse. Eindrücke wie aus dem Mittelalter-Bilderbuch. Ich düse eigentlich nur durch, bei allem, was man hier sehen könnte! Picke nur paar Motive in die Kamera.
10-P1070186Wenn ich Kulturreisender wäre, dürfte ich dabei nicht wandern. Zeit haben für eins, zwei Ziele. Ich suche die Bewegung, die Ausdauer, den Genuss daran weiterzugehen. Auch ich hätte mich nur mal hinsetzen können, ein Eis löffeln, die Athmosphäre auf mich wirken lassen, eine Unterhaltung. „Nur mal“ ’ne halbe Stunde. Lohnt sich dann noch der Rest? Nein! Ich bin ungeduldig genug, will schon wieder raus, weg von den Häusern, weiter, hinunter in die Wiesen!

Zunächst finde ich wieder einen Pfad, diesmal einfacher begehbar. Erhöht im Waldhang über dem Radweg und dem Neckar. Danach erreiche ich wieder den wiesigen Weg am baumbestandenen Ufer. Weite Blicke. Vor mir am Hang die Kirche von Heinsheim, daneben eine Burgruine. Hinter mir noch der hohe gezinnte Turm als Silhouette. Diese Talaue ist wohl die letzte vor Heidelberg. Denn etwas später versenkt sich der Neckar sich windend in den Gesteinen des Odenwaldes. Das Tal wird enger.

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Grasholpern bringt auch Ermüdung. Rast am Wiesenweg, das Ziel in Sicht, unter Zweigen, die Sonne brennt mir auf den echten Unterschenkel. Ein schwarzes Insekt ersäuft sich im gelben Becher beim Teenaschen. Ich rette es ins Gras. Ein blauer Falter flattert flott um meine Anwesenheit und alle Klamotten und Fressalien, wissensdurstig, zumindest neugierig. Hinter mir schwappen Wellen, wenn ein Schiff vorbeituckert. Ich sitze, kucke, kaue und genieße. Mehrfach!

Am Sportplatz vorbei hinauf zum Lindenplatz. Die kurzen Unterhaltungen am Wartehäuschen können nur wenig klären. Was mich umtreibt unterwegs bleibt zumeist unverständlich. Der nächste Bus bringt mich nach Bad Rappenau.

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Aber eine Route war das, deren Einfachheit und Einsamkeit es angenehm und, trotz der Ebene, spürbar gut in sich hatte! Naherholung? Na ja!

 

Km heute: 12,9
Km Highlights gesamt: 172,3

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