Archiv der Kategorie: 2012 Berlin – München 1759 km

Tag 137, Freitag, 12.10.12, Isartor München bis Deutscher Sozialverband München – BMAB – B undesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation

Der letzte Tag einer 224 Tage andauernden Reise. Vier Jahreszeiten, siebeneinhalb Monate mit 137 Wandertagen, dabei auch knapp vier Wochen Krankheitsausfall bzw. zwei Ruhetage pro Woche. Durch den gesamten Osten Deutschlands gelangte ich von den Wellen bis zu den Bergen, von Berlin nach München, von der Spree bis zur Isar. So etwa 3.250 Wanderkilometer gingen dieser Aktion bereits voraus. Das alles trotz Oberschenkelprothese, erreicht heute, am 27.314. Lebenstag.

Heute ist wieder Alfons dabei. Mit seiner Geduld, seinem Einfühlungsvermögen, seiner Hilfsbereitschaft ist er ein lieber Freund und erfahrener Wanderer. Mit dem Müsli habe ich gerade erst begonnen, da kommt er schon durch die Tür. Bis ich soweit fertig bin, hat er mein Gepäck in sein Auto geschafft, sieben Gepäckstücke, zwei Stockwerke runter und rüber über den Hof.

Zuerst deponieren wir das Auto in der Nähe der Zweigstelle des Deutschen Sozialverbandes, nachdem Alfons das Gepäck dort zwischengelagert hat. Hier ist mein neuer Zielpunkt, weil der bisherige Partner der seit Februar fest vereinbarten Abschlussveranstaltung, genau vier Wochen vor dem Termin, etwas Wichtigeres vorhatte, die Veranstaltung nicht stemmen konnte oder wollte, und deshalb absagte.

Am Isartor beginnt unsere Stadtwanderung. Wo geht man in München hin? Wo findet man Trost, weil das Oktoberfest schon vorbei ist? Wo findet der Stadtwanderer die nahrhaftesten Getränke, wenn ihm nach einer Stadtrast zumute ist? Im Münchner Hofbräuhaus!

Damit das klar ist, ich trinke kein Bier beim Wandern! Heute werde ich bei den paar restlichen sechs km mich notfalls an Alfons klammern, weil – ein klitzekleines Bierchen will ich heute ausnahmsweise schon.

Alfons bestellt ein kleines Bier, das ist aber ein halber Liter. „Bitte noch ein leeres Glas dazu“. Das funktieniert! Alkoholbefreites ist gerade nicht zu haben. Er teilt es auf, wir genießen die derzeit noch ruhige Athmosphäre der großen Trink- und Schluckanstalt und gehen dann weiter zum Marktplatz.

Die Frauenkirche versteckt sich hinter dem Rathaus. Der eine der Türme ist zur Zeit baulich textil-verkleidet. Doch schon drängt die Zeit.

Eine lange Pappelallee einer Hauptverkehrsstraße. Halbrechts abgeschwenkt sind wir bald am Rande der eingestacheldrahteten Wiesn. Gegenüber steht Frau Bavaria auf hohem Sockel und winkt uns zu herüberzukommen. Doch man lässt uns nicht. Der Budenzauber wird gerade entzaubert. Die Routierhilfen der Spaß- und Jubelschausteller sind nur noch Ruinen. Diese sind wohl in Gefahr, wenn ich mit meinen agressiven Gehhilfen durchlaufe. Wir gehen halt links drumrum.

Kurz vor dem Sockel winken zwei Nordicwalkingstöcke. Hannelore aus der Landsberger Selbsthilfegruppe ist schon da. Wir setzen uns auf die kühlen Steinstufen mit Oktoberfestblick ohne Lärm. Da kommt auch schon Biene angeschlendert. Eine Bavariarast. Ich errechne schnitzelkauend meine Gesamtkilometer. 241 fehlen leider. Leichter Regen beginnt, verstärkt die Gemütlichkeit und begleitet uns auf den verbleibenden zwei Kilometern.

300 Meter vor dem Ziel wird ein Bäckerladen entdeckt. Biene will mir einen Mohnkuchen spendieren. Woher weiß sie von meinen Kuchenträumen? Es ist eine Mohnschnecke, viel Schnecke und weeeeenig Mohn. Aber ein gutes Prothesenwanderersymbol. Ich enteigne sie ihrer Existenz und denke daran, dass ich doch schon so manche Schnecke links und rechts überholt habe!

200 Meter vor dem Ziel. Jochen Metz kommt mir entgegen. Ich stelle mich in einen Hauseingang und tausche mein Wanderhemd gegen das Bundesverbandspoloshirt. Das Outfit ist jetzt ziel- und zweckentsprechend. Ein Ampu-Rucksack wird mir noch umgehangen. Jochens Schirm überm Kopf im Laufschritt weiter durch den Regen.

10 Meter vor dem Ziel. Um die letzte Hausecke nun ohne Schirm. Da sehe ich ein blaues Band, gehalten von Dieter Jüptner und Herrn Achim Seiler, dem 1.Vorsitzenden des Sozialverbandes München. Andere stehen daneben und im Hauseingang. Hier kommen wir, mein Berliner Bär und ich, nun wirklich nicht mehr weiter. Das Band sollen wir durchwandern. Es ist das letzte große und bedeutsame Hindernis der Tour, weil es sich nicht durchwandern lässt. Super Qualität! Herr Seiler hilft lächelnd mit einem Riss an der Oberkante nach. Ein neuer Anlauf des Bären, von mir schwungvoll unterstützt; er ist feucht und etwas strubbelig und ich bin an meinem insgesamt 5013. Prothesen- Wanderkilometer gesund im Ziel.

Soll 13 Ist 7

Soll 1713 Ist 1749

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Tag 136, Donnerstag, 11.10.12, Pullach bis Isartor München

Eigentlich sollte heute der letzte Wandertag sein. Die Vorträge, für morgen geplant, beginnen erst ab 14 Uhr. Da muss vorher noch eine zusätzliche Abschluss-Stadtwanderung her!

Alfons kommt heute und morgen mit. Er hat gestern mein Reservegepäck von Possenhofen geholt. Wir treffen uns an der Station Höllriegelskreuth. Steile Stufen am Isarhang, die Straßenbrücke und das rechtsseitige Ufer.

Dieser Uferpfad ist sehr schmal. Einmal überspült ihn die Isar. Dann ist er so schräg und rutschig, dass ich dort jede Sicherheit verlieren würde. Zum Baden fließt die Isar zu unangewärmt und zu schnell. Die Elektronik muss auch nicht gereinigt werden. Ich suche einen verwachsenen Ersatzpfad oberhalb. Ein umgestürzter Baum lässt uns klettern. Feuchte, rutschige Wurzeln zwingen uns zur Kraxelei den Hang hinauf zum breiten Uferweg.

Aber wir finden auch eine grasige Raststelle direkt am Ufer, gestern noch überschwemmt. Etwas feucht ist der Grasplatz, denn wir hatten ja bis gestern zwei reichhaltige Regentage.

Die Waldwege bringen uns zu einer Sandbank. Viele Schwäne halten sich dort auf. Furchtlos watschelt einer heran und schaut, wie er seine Ernährung aufwerten könnte.

Über das breite Wehr spannt sich schräg die Fußgängerbrücke. Die Isar hat sich in mehrere Arme aufgeteilt. Wir gehen bis zum Kanal, wieder durch Wald und nochmal über die Straßenbrücke auf die rechte Seite zurück.

Ein Windhund rast und rast hin und her und her und hin und genießt das Tempo offenbar. Für ihn ist völlig klar: Mehr Bewegung hilft und macht Spaß! Den Spaß hatte ich bisher auch, aber mit mehr Langsamkeit. Denn hier etwa habe ich gemütlich und mit Ausdauer und Prothese die seit Oktober 2007 zusammengewanderte Kilometersammlung von 5000 erreicht.

Wir treffen eine Elektrorollstuhl-Fahrerin. Darin sitzt Erika, amputiert. Mir geht durch den Kopf, was kann diese Frau alles nicht mehr tun und welchen Humor besitzt sie trotzdem noch! Was könnte sie erst für ein besseres Leben führen, wenn sie mit der Prothese richtig laufen könnte!

Ich selbst bin mit Prothese zu Fuß in München angekommen. Die Isar habe ich erreicht. Seit der Spree ist das eine lange, erlebnisreiche Tour geworden. Die physische Anstrengung habe ich nicht als Problem empfunden. Sogar ausgesprochen gut fühle ich mich. Für mich ist das die logische Folge, weil ich die Anstöße angenommen habe.

Mir liegt deshalb heute besonders daran zu verstehen, dass wir uns zumeist über zwei große Möglichkeiten nicht bewusst sind. Erstens: Mit der Prothese oder mit zwei mehr oder weniger gesunden Beinen besitzen wir zwei überaus wichtige „Werkzeuge“, die viele nicht effektiv genug einsetzen. Zweitens, soweit noch möglich: Wenn wir sie nicht nur zum Nötigsten benutzen, sondern regelmäßig zum Aufbau unserer körperlichen Leistungsfähigkeit, gewinnen wir mehr Widerstandskraft, Wohlbefinden und Lebensfreude. Mehr Chancen! Vielleicht den Rollstuhl und weitere Probleme leichter verhindern. Dann könnten wir also entscheidend mehr mit unserem Leben anfangen.

Das „Rezept“ für diese gesteigerte Gesundheitschance stellen wir uns selbst aus, nicht der Arzt!

Wie beginnst du? Mit dem ersten Schritt, der genau diesem Ziel dienen soll. Mit der Organisation regelmäßiger längerer Spaziergänge oder kurzer Wanderungen, die du langsam systematisch aufbaust, ohne jede Überforderung.

Mit der Selbsthilfegruppe, die in München gegründet werden soll, möchte Erika Kontakt aufnehmen.

Günter, der mich zwischen Benediktbereuern und Kochel begleitet hatte, kommt uns entgegen. Zu dritt wandern wir zum Deutschen Museum. Im Innenhof stehen drei riesige Turbinen. Aber ihre Beweglichkeit ist dahin.

Ab Isartor fährt jeder heim. Ich steuere die letzte Übernachtung an.

Km heute: Soll 12,5 Ist 17

Km gesamt: Soll 1700 Ist 1742

Die Isar habe ich erreicht

Kleine Aufgaben würzen den Wandertag

Rast am Ufer...

...gleich geht's weiter

Am Isarwehr

Prothesen-Begegnung

Alfons (links), Turbine (mitte) und Günter

Tag 135, Mittwoch, 10.10.12, Stockdorf bis Pullach

Zuerst muss ich den Ort durchqueren. Dann beginnen die beiden großen Wälder, durch die sich die Wege wie auf dem Karopapier ziehen.

Es gibt hier auch Wege zur Auswahl, die gekrümmt und schräg verlaufen. Im sog. Kastenwald suche ich mir zuerst die schmalen aus, nach dem Prinzip „Der beste Weg ist der Umweg!“

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Ich finde einen Baum, der mir wie mit einem bemoosten Knie einen beque-men Platz anbietet. Gerade bin ich fertig mit essen, da beginnt der Regen.

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Ganz leichter Regen. Regen – kein Grund zum Auf-regen. Die Stimmung ist eher entspannt. Der Schirm ist das auch, wenn’s mal nicht stärker regnet. Regelmäßig muss ich ihn aufspannen, damit die Nässe nicht nach innen dringt.

P1160261

Große Ereignisse gibt es heute nicht. Bei Neuried komme ich in den Fürstenrieder Wald. Die Salzburger Autobahn unterquere ich. Gleich danach beginnt der eingezäunte Wildbereich. Der Weg geht weiter schnurgerade. In Pullach finde ich die Juhe direkt am Isartal.

Km heute: Soll 12,5 Ist 14,5

Km gesamt: Soll 1687,5 Ist 1725

Tag 134, Dienstag, 9.10., Runde bei Possenhofen/Starnberg

Regnet es oder nicht? Zur Vorsicht ziehe ich die Regenhose an. Schon zu lange ist sie wie ausgetrocknet. Und weil ich mich heute zu spät aus der Umklammerung der anderen „wichtigen“ Erledigungen löse, kann ich vermutlich nicht mehr unbedingt die geplante S-Bahnstation für die Rückfahrt zur Juhe erreichen. Meine Tagestour beginne ich am Schloss von Sissi, der ehemaligen Nachbarin der Jugendherberge!

Es ist zur Zeit eingerüstet. Ein großer gut gestalteter Park breitet sich zwischen der Straße und dem Strand aus. Viele Möglichkeiten gibt es, direkt ans Ufer zu gelangen.

Das erste, das ins Auge fällt, ist die Alpenkette. Dort hängen tiefe

Am Ufer des Starnberger Sees
Wolken aber es kommt auch nur dort deutlich helles Licht durch, das

die tieferen Nebelstreifen weiß erscheinen lässt vor den dunklen Gebirgszacken. Östlich hängt eine graue Regenwand bis in die Ebene und versteckt dort sämtliche Berge. Das helle Licht lässt die Seefläche glitzern, während über dem Vorland eine graue Wolkendecke schwebt, die das nicht so wirkungsvoll hinbekommt.

Ich finde eine Unmenge von Bildmotiven für die Lumixcamera. Zweige des Ufers, dicke Äste, Schilf, Bootstege, sie bieten viele Varianten. Mit dem Zoom kann ich die Berge zu mir heranrücken. Berge, bzw. Alpen versetzen, so geht das!

Mit dem iPhone sehe ich sie nur als fortgeschobenen Gesteinsstreifen, das bringt nichts. Aber durch meine Knipserei verliere ich noch mehr Wanderzeit. Also los, ich brauche Bewegung! Noch eine Rast, weil da ja eine Bank steht. Schon der Beginn des Verhungerns fühlt sich nicht gut an. Direkt vor der Wasserrettung. DLRG steht dran. Retten die nun Leben oder unser Wasser? Das kommt nun endlich auch von oben und kürzt meine Kau-Bewegung wieder ab, aber ich bin ja erstmal gerettet. Regengeschützt verziehe ich mich in die Wälder jenseits der Straße nach Starnberg.

Noch ein Schauer kommt, sonst überwiegen nur die Nieselschäuerchen. Der ebene Weg im hohen Wald, mit nassen braunen Buchenblättern belegt, bringt mir das gewohnt gute Laufgefühl. Er führt mich zu den südlichen Wohnstraßen von Starnberg. Das sind tolle Grundstücke und Hütten! Links dann den Berg hinauf, über die Bahngleise, auf die Höhe am Waldrand und zu einer bereitstehenden und sogar abgetrockneten Bank. Nicht vom Verkehrsamt, sondern weil sie schräg im Westwind steht.

Hier erst treffe ich die entgültige Entscheidung zu einer Runde. An der B2 hätte es schon noch einen außerörtlichen Weg gegeben. Doch der schöne Waldweg bekommt den Vorzug. Im kaum gelegentlichen Tröpfeln geht es wieder südlich.

Ich bin wieder im Ort, da regnet es wieder ordentlich, sozusagen „normal“. Den letzten Wegteil zur Juhe wird es so heftig, dass im Nu an der Jacke Zuflüsse zum Starnberger See entstehen. Der brausende Bach nebenan wirkt regelrecht begeistert. Aber noch kleckert er nicht. Auf dem Herbergshof suchen die Rinnsale gerade das Gossenloch. Im Zimmer findet zuerst eine Entfeuchtungsaktion statt. Morgen soll’s ja weitergehen. Zum letzten Quartier der Reise.

Km heute: Soll 12,5 Ist 9,5

Km gesamt: Soll 1675 Ist 1710,5

Tag 133, Montag, 8.10.12, Bei Raisting bis Andechs

Herbstnebel. Franziska und Winfried fahren mit mir 3 km aus dem Ort. Zum einen bin ich spät dran, zum anderen wollen sie ein kurzes Wegstück mitlaufen. In der Nähe der Ammer verabschieden wir uns – bis später, denn am Nachmittag fährt Winfried mein Gepäck nach Possenhofen; evtl. werde ich aufgelesen.

Die Nebelstimmung an der Ammer entlang gefällt mir. Nicht weit von hier ist die Mündung in den Ammersee. Der Nebel hält lange, etwa bis zwölf. Schon habe ich etwas Höhe am Talhang gewonnen. Während der ersten Rast am Waldrand löst sich alles auf. Beim Weitergehen gibt es rückwärtsschauend einen Blick auf den Ammersee.

Ein handgeschriebener Wegweiser nach Andechs sagte mir vorhin, dass es da einen Weg geben muss. Andererseits ist nämlich auf dem Garmin ein Weg-Strich wieder einmal unterbrochen dargestellt. Ich gehe trotzdem weiter und es wird in Wahrheit ein sehr schöner Waldweg, der sich in Windungen das ansteigende Gelände hochzieht. Mehrmals führt er zu großen Lichtungen, mit hohen Bäumen an den Waldrändern. Die Herbstfärbung beginnt und nun sind die noch grünen und die bereits verfärbten Blätter von der Sonne durchleutet.

Ein Kinderwagen kommt mir entgegen. Kurze Unterhaltung. Einige Bilder werden verschossen. Der Mann freut sich, als er ein Bild bekommt mit seinem frischen Nachwuchs.

Das letzte Stück Berg, auf die Erlinger Höhe, im Ort einen schmalen Pfad, dann kommt das Kloster Andechs in Sicht. Während ich dort eine Runde drehe, erreiche ich den 1700. Tourkilometer.

Wilfried und Franziska holen mich an der Bushaltestelle ab. Noch ein kurzes Stück und ich quartiere mich für zwei Tage in der Jugendherberge Possenhofen ein. Das Zweibettzimmer ist noch leer. Dann kommt Jan herein. Wir kommen sofort in interessante Gespräche.

Km heute: Soll 12,5 Ist 11

Km gesamt: Soll 1662,5 Ist 1701

Zuerst bin ich kühl eingenebelt

dann werde ich wieder angewärmt

Begegnung im Wald

Gemalte Weghinweise nach Andechs

Am Kloster Andechs habe ich die 1700-Kilometer-Marke geknackt

Ruhetag in Diessen, Sonntag, 7.10.12, In Weilheim und bei Raisting – BMAB – Bundesverband für M enschen mit Arm- oder Beinamputation

Wie ursprünglich eingeteilt, ist der heutige Sonntag ein Ruhetag, da ich erst spät von Dresden zurückkomme.

Die Freitagabend-Veranstaltung. Eine gute 6-Mann-Band. Ein Tanzmeister. Über zwei Stunden jiddische Tänze mit Prothese. Kaum zum Mitkommen. Zuerst langsam, dann immer schneller. Kreistänze, die sich in wechselnde Figuren auflösen, die keiner kannte und jeder schnell begriff. Keiner von uns allen wusste vorher, was auf ihn zukommt, aber fast jeder machte bis zum Schluss mit. Dann hatte ich nur fünf Stunden Schlaf, denn zum Joggen um 7 Uhr wollte ich auch mit. Ich ging halt langsam meine Strecke. 10 Uhr kam dann mein Vortrag.

Im Zug hatte ich Schmerzen an der Hüfte, weil ich auf der Hinfahrt bei dem unterhaltsamen Geschaukel des Zuges auf die Armlehne des Sitzes gestoßen wurde, gerade als ich mich setzen wollte. Da es heute zu deutlich zu spüren ist, fahre ich jetzt per Zug nach Weilheim in die Ambulanz. Ein dicker Bluterguss, in Auflösung begriffen. Als ich auf dem Rückweg in Raisting aussteige, beginnt längerer heftiger Regen. Laufen? Warten? Weil es zugleich auch abkühlt, besuche ich die Gaststätte, deren Licht bereits einladend herüberblinkt.

Für eine Runde ist noch Zeit. Sogar die Sonne scheint bereits auf den Höhen bei Erling. Der Turm der Klosterkirche Andechs ist gut zu sehen. Bald sind auch die Felder des breiten Ammertales von der Sonne erreicht. Doch weitere dunkle Wolkenbänke hängen am westlichen Himmel.

Gerade steige ich das letzte steile Wegstück im Ort hinauf, als ein Auto neben mir hält. Franziska nimmt mich den Rest mit, sie hat mich im Ort gesucht. Doch das Laufen fällt ihr noch sehr schwer. Ihr Mann Wilfried und die beiden Töchter Laura und Lina sind auch da. Auf einer riesigen weichen, wabernden Luftmatratze mit Berg- und Tal-Topografie unter einer warmen Decke lässt sich dann ideal von Wanderungen im hellen Sommerlicht träumen.

Km heute: Soll 0 Ist 6,5

Km gesamt: Soll 1650 Ist 1690

Wanderung auf der Bühne

Nachmittag bei Raisting

Tag 132, Mittwoch, 3.10.12, Mundraching bis Landsberg

Klar, dass man in einem Himmelbett am Erfolgreichsten verpennen kann! Als ich endlich Verdacht schöpfe, ist es 8:09. Müsste bereits JETZT das Müsli genießen. Halb Zehn wollen wir losfahren! Was ich jetzt mache, ähnelt beschleunigten Blitzen. Den Muntermacher stürze ich nur so runter, dass es mehr rauscht als schmeckt. Katzenwäsche. Gepäckstücke füllen und verschließen. Zwischenrein dachte ich mal, jetzt müsste der Wecker gleich klingeln. Ein Freund der Träume, wenn er es seinlässt.

Biene bringt Mitwanderer mit. Nimmt mein Gepäck zu sich. Fährt uns zum errechneten Startpunkt. Organisiert den Treffpunkt mit weiteren Mitläufern. Bereitet den speziellen Vortrag für heute abend vor. Franziska nimmt mein Gepäck zu sich, wärend ich in Dresden bin. So der Plan.

Als sie eintreffen, Biene mit Auto, Heinz mit C-Leg und Angelika mit Ohne, sowie die zwei Hunde, die Namen habe ich vergessen, gibt es eine ungewöhnliche Überraschung: Der Wirt erlässt dem Bundesverband sämtliche Kosten! „Passt schon“, lautet seine Rechnung. Einmalig! Herzlichen Dank! Gleich machen wir ein Foto vor der Wirtschaft und wir starten per Auto nach Mundraching.

Am Startpunkt ist Maisernte. Die Traktoren und Erntewagen wuseln um uns und stauben uns ein. Biene fährt weiter, bis zum späteren Treffpunkt mit uns.

Bald sind wir auf einem schmalen Pfad über dem Lech. Wir klettern oberhalb eines Hangrutsches und genießen die Aussicht hier oben. Dann gibt es einen Wurzelweg vom Feinsten wieder abwärts.

Die Rast an der Staustufe findet auf der Wiese statt. Der Weg ist inzwischen breit und ab Pitzling geraten wir direkt an den Inn. Mehr noch zwischen Ausflügler. Biking, Jogging, Family Spaziering. Sie strömen hier zur Teufelsküche. Die Veranda ist voll besetzt. Ob Biene schon hier ist? Nur wenig später kommt sie vom Parkplatz, als wir auf zwei Baumstümpfen sitzen.

Der Weg in diesem Bereich ist weiterhin übervölkert. Hier fehlen die Schülerlotsen für die Regelung des Ausflugsverkehrs. Feiertag, gutes Wetter, laue Luft und als Ausflugshighlight das Lokal Teufelsküche, und dann der Wildpark Landsberg. Rotwild zum Streicheln, Schwarzwild eingezäunt; die Frischlinge kämpfen begeistert um eine Einkaufstüte.

Dann sind wir in Landsberg. Baustelle überall. Unmengen von Einheits- Feiertäglern versammeln sich am breiten Wehr und sitzen vereint vor den Strasencafés. Sie erholen sich sitzend, während wir das wandernd getan haben. Ein Mitglied der Selbsthilfegruppe „Prothesenbewegung“ ruft Biene an, wir treffen sie und sind bald am Bräustüberl. Eine Menge Mitglieder ist gekommen, das Essen wird bestellt und der Vortrag, bestückt mit 50 aktuellen Bildern zwischen Spree und Lech, kann beginnen.

Km heute: Soll 12,5 Ist 13,5

Km gesamt: Soll 1650 Ist 1683,5

Wandertag mit der "Prothesen-Bewegung" Landsberg. Auch Heinz trägt ein C-Leg Der Lech vor einer der Staustufen Golden leuchten die Herbstblätter Heinz und Angelika bei der Baumstumpfrast Biene ist mit der Streifeneder-Prothese die letzten km auch dabei

Tag 131, Dienstag, 2.10.12, St. Leonhard bis Apfeldorf – BMAB – Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation

Von Forst aus geht es sogleich auf die Höhen. Immer so um die 700 bis 750 Höhenmeter. Schöne Aussichten auf die bereits entferntere Bergkette ergeben sich. Die schmale Straße verbindet einzeln liegende Höfe.

Der erste Gedanke an eine Rast macht mir bewusst, dass ich mich mit leeren Flaschen abschleppe. Am nächsten Hof bitte ich den Bauern um eine Abfüllung mit Wasser, zuerst mal nur die Flaschen. Wieder habe ich jemand vor mir, der nur knapp auf eine ärztlicherseits empfohlene Amputation „verzichten musste“. Ein weiterer befragter Professor behandelte ihn erfolgreicher. Nun fehlt zwar eine Ferse, doch er kann noch eingeschränkt das eigene Bein verwenden. Warum nur berichten mir so viele Leute, dass es Ihnen nach dem Besuch von Kliniken aufgrund von Diagnosen so grundlegend schlechter geht?

Der Weg hat jetzt nur Fahrspuren. Am gekrümmten Waldrand finde ich einen braunnadeligen Sitzplatz unter einem Hochstand. Die Sicht geht nach Süden. Der kühlere Wind ist durch die Bäume gut abgeschirmt. Die Sonne hat sich durchgesetzt. Im Tal vor mir steigt Holzrauch auf. Der Geruch würzt meine Mahlzeit. Geräusche von Waldarbeitern. Ein Traktor rattert hinter der Biegung heran. Ich ziehe die Füße ein. Ihn stolpern zu lassen wäre unfair. Die riesigen Räder sind im Nu vorbei.

Das vor mir liegende Hochtal wird immer flacher und breiter. Der Weg ist jetzt wiesiger. Die Gegend ist sehr einsam. Etwa zehn Kilometer liegen zwischen den beiden Autostraßen, die ich mit meinem Weg kreuze. Einem Reiterpaar begegne ich, das südlich abbiegt. Ich komme am Rohrmoos und Schwaigwaldmoos vorbei. Dann ist es wieder besiedelt. Die Maisernte kann ich hier gut beobachten. Nun ist Apfeldorf bald erreicht.

Noch eine Höhe überwinden. Der Hang des Lechtales führt mich hinunter, fast bis zum Lech, in den Goldenen Apfel. Meinen Rucksack lege ivh im Zimmer ab. Unten erwarte ich Besuch. Michaela Bienert, „Biene“, kommt, um Einzelheiten des morgigen Tages zu besprechen. Sie hat eine gute Idee: Beim Vortrag zeigen wir erstmalig Bilder der aktuellen Wanderung bis in die Gegenwart. Noch bis nach Mitternacht versende ich ihr eine spontane Auswahl.

Km heute: Soll 12,5 Ist 13

Km gesamt: Soll 1637,5 Ist 1670

Weg am Schwaigwaldmoos

Tag 130, Montag, 1.10.12, Oderding bis St. Leonhard in Forst

7:15 gehe ich hinaus in die frische Morgendämmerung. Nebel überlagert alles. Er prickelt im Gesicht. Mit der Prothese komme ich zuerst nicht zurecht. Sie bremst mich offenbar aus. Dreimal muss ich den richtigen Sitz probieren, bevor sie tadellos mitspielt.

Die gesamte Etappe 31 quert den Pfaffenwinkel. Dort stehen die Klöster so dicht, dass man sich durchzwängen muss. Das Gebiet dazwischen sieht parkähnlich aus, große Weideflächen, Baumgruppen oder Wälder. Natürliche Golfplätze. Östlich gehe ich am Peißenberg vorbei. Dann komme ich zum Südrand des Zellensees. Das Schilf überwuchert ihn, soweit ich sehe.

Ich entdecke den Hinweis „Eibenpfad“. Das interessiert mich. 1 km Runde durch den Eibenwald. Vorbildlich verhalten sich die Eiben, wenn sie umgestürzt sind. Sie geben nicht auf! Aus den vorhandenen Zweigen bilden sie neue Bäume aus.

Ab Paterzell geht es in einer steilen Klinge aufwärts. Ein Höhenzug, der offenbar mit dem Peißenberg zusammenhängt, muss bewältigt werden. Ein Weg geht am Hang in Richtung Schlitten in den Wald. Sehr schwül ist es hier. Seit drei Tagen schwitze ich das erstemal. Sogar die Weste ist zuviel.

Die Hänge kommen näher zusammen. Da sind Stufen mit Geländer, oben sind einige ausgebrochen. Manche sind extrem hoch für einen Schritt. Oder die Stützpfosten sind dahin. Haarscharf am Rand des Steilabbruchs sind die Geländerpfosten angebracht. Wenn die in die Tiefe gehen! Das sind etwa sieben Meter Kieshang bis zum Grund. Ich muss sehr konzentriert sein. Ich zähle die Stufen mit. Werden das Hundert? Zu überblicken ist der Anstieg nicht. Oben an Waldrand sind es dann 184.

Bei den Kühen steht eine 5-Minuten-Bank. Das iPhone im Blick schnauft es hinter mir. Schade, dass Kühe nicht reden können. Ihre Meinung würde mir viel bedeuten. Immer so friedfertig, freundlich und ausgeglichen! Wo findet man diese Wesensart in der Menschenwelt? Manche Leute gehörten eigentlich zu den Kühen – auf die Alm zum Antiagressionskurs.

Die Höhe weiter oben an der Straße ist unerwartet über 775 m. Am Eibenpfad unten waren es 630. Ein Stück jetzt noch an der Straße. In Forst an der Kreuzung suche ich die weiteren Meter meines Weges. Zwei andere Wanderer suchen ebenfalls ihren Weg. Sie wollen bis Bregenz kommen. Bevor ein Gespräch in Gang kommt, ruft es oberhalb. In der Tür des Wirtshauses, das im Navy wo anders angegeben ist, steht der Wirt. Er hat eine Fußamputation und ich bin gespannt auf die Unterhaltung.

Km heute: Soll 12.5 Ist 12,5

Km gesamt: Soll 1625 Ist 1657

Eine Stufe nach der anderen

Tag 129, Sonntag, 30.9.12, B2 bei Huglfing bis Oderding

Eilige Wolken ziehen mit einem auf 10 Grad Celsius angewärmten Wind von Osten herüber. Sie sind freundlichgrau und scheinen sich zu zerfetzen. Darüber liegt Hellgrau mit einem Schimmer einer vermutlichen Ahnung zu möglicherweise Blau.

Das Taxi mit dem Gepäck hat mich an der B2 ausgeladen und ich bin durch Huglfing in Richtung Polling unterwegs. Die öffentliche Straße ist von PKWs kaum genutzt. Jogger und Fußgänger ziehen öfter vorbei. Für mich eine Wanderautobahn.

Jetzt gibt es auch Wolkenstreifen, gelblich, wo Sonne durchdringen möchte. Halblinks vor mir eine breit ausgetreckte Erhebung bis in die Wolkenfasern hinein. Der Peißenberg. Nocheinmal schleift eine Tiefflieger-Wolkenbank über die Wälder im Osten und dringt durch die Bäume. Wie gefiltert schweben die Nebel zwischen den Stämmen heraus aufs freie Feld. Bei dieser Witterung gibt es heute keine aufdringlichen Flugstichlinge wie bei der kürzlichen Wanderung bei Kochel.

Als ich von dem Höhenzug abbiege, geht es im Wald sehr steil einen Hohlweg hinunter. Das ruhige Tal zieht sich nördlich und weitet sich. Zwei Banken brauche ich. Zum Hinsetzen und Abheben. Die zweite finde ich zuerst, in Polling. Am Beginn des Ammerdammes die erste, in Form eines bequemen Baumstumpfes. Etwas angewuchert ist er, mit Brennnesseln. Denen wird zuerst mit der Gehhilfe die Meinung gesagt

Vorhergesagt ist für heute Sonne mit Regen. Beides ist bisher nicht eingetroffen. Na, dann ist ja gut, dass für morgen Regen angesagt ist. – Für die Geschenke des Wettergottes muss man Verständnis haben. Noch mehr für die Vorhersagen. Eine erste Lücke mit blauem Himmel blieb auch die einzige.

Wundern würde es mich nicht, wenn die Ammer entlang des Ammerdamms in den Ammersee fließen würde. Aber der Ort da drüben heißt nicht Ammerding, sondern Oderding! Auf dem Oderdamm war ich ja auch. Wer hat sich da bei der Namensgebung vermasselt? Oder hieß die Ammer früher Oder?

Km heute: Soll 12,5 Ist 13

Km gesamt: Soll 1612,5 Ist 1644,5

Der Ammerdammweg

Tag 128, Samstag, 29.9.12, Schlehdorf bis Aidling

Die Etappe 31 beginnt. Über Niederau beginne ich die Berge zu verlassen. Hier im Quartier wäre ich gern noch geblieben. Doch die anderen Buchungen stehen fest.

Die Loisach kommt in großem Bogen von Großweil. Dort, hinter der Brücke und Kleinweil beginnt ein steiler Anstieg, zuerst nur bis zum Wald. Die Verschnaufbank ist da gerade richtig. Ein grandioser Blick zurück. Genau gegenüber der Berge, die ich bewandern konnte. Die ganze Kette, von der Benediktenwand bis zum Heimgarten überblickt man hier im Zusammenhang. Deutlich sehe ich das Kloster Schlehdorf. An den Berghängen schwebt Nebel. Nur die Autobahn nach Garmisch zerschneidet den Gesamteindruck.

Die Kühe auf der benachbarten Weide sehen nicht die Landschaft. Sie beobachten stattdessen angerührt, wie ich mir gerade meinen Energiedrink anrühre. Hinter mir geht es genau so steil im Wald weiter auf die Höhen der Steinbruchleiten. Kann mir nicht gut vorstellen, wie Kühe voller Energie und Tatendrang weiden und kauen.

Wasser rinnt mir entgegen. Die linke Fahrspur wird ausgespült, immer tiefer. Kies in allen Größen und kopfgroße Brocken liegen frei, garniert mit Holz und Laub. Weiter oben wird der Weg zum Bachbett. Hier muss man schon etwas aufpassen. Am Waldrand steige ich noch den direkten Steilhang über einen Wiesenpfad zur Straße bei Gröben.

Bei der Höhe 770 m geht es wieder allmählich abwärts. Immer neue Ausblicke auf die Bergkulisse ergeben sich. Immer mit Kühen im Vordergrund. Wie erwartet sehe ich dann auch die Wand des Wettersteinmassivs mit der Zugspitze über dem Einschnitt des oberen Loisachtales. Ich habe es tatsächlich geschafft, von der Waterkant zur Kante der Alpen zu kommen, auf EINER Wanderung. Mit knapp doppelter Entfernung. Wirklich ein Grund, die gute Wanderprothese mal kurz zu tätscheln.

Da steht ein Auto auf dem Weg. Ein Mann steigt ein. Durch die gekurbelte Scheibe bittet er mich, dann wieder zu schließen. Da sehe ich erst, dass er wegen eines Gatters halten musste. Die Kühe! Dass sie nicht raus können. Da hinten ist nochmal eines. Schnell ziehe ich hinter mir wieder zu, damit mir kein wieselflinkes Rindvieh flüchtend durchflutscht.

Zur zweiten Rast entdecke ich im Wald einen bemoosten Baumstumpf. Zwischen kleinsten Tännchen und über nachgiebigen Moosboden gelange ich hin. Ein sehr schöner Platz!

Doch dann beginnt der Niesel. Ein leichter Regen wechselt sich damit ab. Die tiefen Wolken begünstigen die frühe Dämmerung auf langen gewundenen Waldwegen. Über den weiten Weideflächen hinter den Baumgruppen liegt eine beruhigende Stimmung.

Soll 12,5 Ist 13,5

Soll 1600 Ist 1631,5

Blick zurück zum südlichsten Punkt meiner Tour

Füße heben, Kopf einziehen!

Bitte Türen schließen!

Ruhetag in Schlehdorf, Freitag, 28.9.12, Riedwanderung von Schlehdorf nach Kochel am See

Wieder ist es ein ideales Wanderwetter! Der Regen des gestrigen Ruhetages mit dem Vortrag im Sanitätshaus Streifeneder in Garmisch ist nachts vorbeigezogen. Wohin soll ich heute noch gehen, nach dem spitzenmäßigen Tag vorgestern? Ich müsste auch noch was einkaufen. Kochel! Also nach Kochel wandern. 5 km an der Straße? Die vor drei Tagen zugelegte Wanderkarte zeigt mir die rot markierten Wege, die nördlich ein Rechteck durch das Ried nach Kochel darstellen.

Ab dem Loisachzufluss benutze ich den Damm. Die Loisach kommt von Garmisch-Partenkirchen, macht einen Bogen und fließt südlich bei Schlehdorf zum Gebirge zurück. Da es dort nicht weitergeht, bildet sie eine größere Pfütze, genannt Kochelsee, und fließt bei Kochel nördlich wieder aus dem See davon.

Ich komme an einen Graben, den Triftkanal, der das Mondscheinfilz begrenzt, nördlich des Eichsees, und dem folge ich östlich.

Eine Frau an ihrem Auto bewundert mein Kniegelenk. „Was es nicht alles gibt heute…“. Ihr Mann kommt dazu und zeigt mir das Display seiner Handycamera. Ein Reh, ziemlich groß auf dem Bild. „Ich wollte noch ein Bild machen, leider kam ein anderer Fußgänger dazwischen, ohne zu bremsen!“

Die Riedlandschaft hat eine ganz eigene Ausstrahlung. Der Boden ist voller Wasser. Die Riedgräser bekommen jetzt eine schöne Herbstfärbung, die bis ins Orange geht. Einzeln oder in kleinen Gruppen stehen dünne Erlen und Birken dazwischen. Eine wohltuende Ruhe liegt über dem ganzen Gebiet. Im Hintergrund sehe ich den Höhenzug, der mir morgen zur Aufgabe wird. Mein jetziger Weg ist gut zu laufen. Einzelne Pfützen, ganz flach und sauber, zum Reinigen der Stiefelsohlen. Die Spuren des beginnenden Herbstes liegen als gelbe Blätter schon überall auf dem Boden.

Ich weiß nicht, ob ich den Bus zeitlich erreiche. Nur eine kurze Rast auf der feuchten Wiese kann ich mir gönnen. Nach 20 Minuten lasse ich die Hosentasche zum Aufstehen klingeln. Gegen 14 Uhr kontrolliere ich, ob ich die Hälfte der langen Runde geschafft habe, ja, sogar eine halbe Stunde Reservezeit könnte entstehen. Doch mein Marschtempo ist heute so leicht zu halten wie mit Düsenantrieb.

Als ich in südlicher Richtung bereits wieder über die Loisachbrücke gekommen bin, finde ich eine besonnte Bank zum Rasten. Diese Bank kenne ich schon von meiner Wanderung mit Günter. Doch diesmal ist sie halbseitig von einer Frau besetzt, die auch gerade Wanderpause macht. Sie macht ein gelungenes Bild von mir, bevor sie weitergeht.

Der restliche Weg geht zumeist direkt an der abfließenden Loisach entlang. Auch hier finde ich ausreichend Motivfutter für meine hungrigen Cameras. Die Zeit reicht für den geplanten Einkauf. Den Bus am Bahnhof Kochel bekomme ich bequem.

Km heute: Soll 0 Ist 13.5

Km gesamt: Soll 1587,5 Ist 1618

Das Wetter heute

Die Loisach strömt zu den Bergen

Riedstimmung

Mein Weg am Triftkanal

Ausgeruht beginnt der Rückweg

Tag 127, Mittwoch, 26.9.12, Urfeld bis Schlehdorf

Eine ganz besondere Wanderung! Sie steckte von Beginn an bis zum Schluss so voller Highliths, wie ich sie seit Beginn meiner Prothesentouren noch nicht erlebt habe. Was sowie die Anforderungen als auch die Landschaften betrifft. Es entstanden viele Bilder, die mehr sagen als Worte. Die besten möchte ich nicht vorenthalten.

Deshalb ist dieser Tagesbericht in mehrere kurze Abschnitte gegliedert, jeder so erlebnisreich und begeisternd, wie es oft an einem ganzen Tag nicht passiert.

Am Walchensee

Ich habe ihn schon umrundet. 30 Kilometer. 1956 mit zwei Leipziger Freunden. Unvergesslich! Baden bei 13 Grad Wassertemperatur. Auch privat und beruflich war ich hier. Heute gehe ich den Uferweg Richtung Jachenau ein Stückchen hinter und zurück. Andere sind auch schon unterwegs. Einer Joggerin empfehle ich drei Umrundungen …

Anstieg

… Zurück an der B11 gibt mir die Joggerin von vorhin wertvolle Tipps. Ich starte bei der Höhenmarke 800m. Die Wege haben verschiedenen Untergrund. Im ersten Teil benutze ich den Lovis-Corinth- Weg, benannt nach dem hervorragenden Maler, der hier in Urfeld lebte. Einmal kommen vor Steilheit die Schuhsohlen fast ins Rollen. Der richtige Einsatz der (neuen) Gehhilfen und die richtige Trittstellen helfen. Am Strommasten in 940m Höhe finde ich einen gemütlichen und verdienten Rastplatz am Rand des Weges …

Oberer Abstieg

… Ein Mountain Biker kommt den Weg hoch – geschoben! „Das schaffe ich doch sonst!“, ärgert er sich. Nun geht es für mich genau dort schon wieder runter. Im Zickzack unter der Hochspannungsleitung, seitlich die Felskanten hinabtastend. Jeder Schritt muss sitzen. Dann wird es leichter. Der Kochelsee schimmert durch die Bäume. Die Sonne setzt sich durch. Sehr steil ist später auch die Fahrstraße. Mein Kniegelenk bekommt Hitzewallungen. Als ich wieder die 800m-Höhenmarke erreicht habe, ist der See immer noch tief unter mir. Vor mir baut sich gewaltig der Jochberg auf. Begeisternde Eindrücke, wohin ich auch kucke …

Abstieg am Kesselbach

… Da geht links ein Pfad ab. Ein Bach mit tief ausgespülten Wannen zwischen bizarren Felsformen. Es wird schwierig. Mehrmals. Teilweise geht es nur rückwärts sicher. Festhalten am Hang, bei einer zu hohen Stufe. Die Grenze des Machbaren ist wieder erreicht. Immer tiefer dringt die Schlucht in den Berg ein. Zur Belohnung Ruhepausen vor den senkrechten und glattgeschliffenen Wasserrinnen und auf einer Rastbank …

Der Felsenweg

… „Der ist zu schwer für Sie“, die Meinung meiner Vermieterin. Er beginnt am Ufer des Kochelsees bei 610 Höhenmetern unterhalb der Röhren des Kraftwerkes. 20 Meter Höhe nur für den Anstieg, breit befahrbar. Dann nur noch Pfad. Der Bergblock stürzt senkrecht in den See. Kaum Platz für einen Weg. Entlang an den Wänden. Einige schwierige Stufen. Vor allem ist hier eine landschaftliche Schönheit mit ganz anderem Charakter als beim Walchensee zu erleben. Am Beginn der Wiesen vor Schlehdorf eine interessante Unterhaltung mit einer Anwohnerin des Ortes.

Zum Ausklang des Tages ein ebenerdiger Marsch in der Dämmerung mit grauen Abendwolken.

Km heute: Soll 12,5 Ist 12

Km gesamt: Soll 1587,5 Ist 1604,5

Tag 126, Dienstag, 25.9.12, In Murnau; Großweil bis Schlehdorf

Der defekte Stock blockiert mich. Ich muß den neuen haben, unbedingt heute. Nach einer Runde in Schlehdorf erreiche ich gegen Mittag telefonisch das Sanitätshaus in Murnau. Ich könnte das Paar Stöcke holen. Den Bus erreiche ich rechtzeitig, als schon die Schüler zur Heimfahrt einsteigen.

Die neuen Gehhilfen sind zwar anders geformt wie die alten, aber es wird schon gehen. Meine Runde in Murnau bringt aber erstmal einige Zweifel. Den Heimfahrtbus verlasse ich in Großweil, um direkt nach Schlehdorf durch die Wiesen zu wandern.

Km heute: Soll 12,5 Ist 6

Km gesamt: Soll 1575 Ist 1592,5

In dieser Schlehdorfer Straße mit Bauernhöfen liegt mein Quartier

Auf dem Heimweg

Tag 125, Montag, 24.9.12, Benedictbeuern bis Kochel am See

Günter, ein Bekannter einer Stuttgarter Familie aus München, trifft sich heute mit mir in Benedictbeuern zum Mitwandern. Mit dem Bus fahre ich zum Treffpunkt. Das Kloster liegt abseits des Hauptverkehrs am ruhigen Ortsrand und ist praktischerweise neben dem Bahnhof und dem Klosterstüberl errichtet worden.

Die Gaststätte hat zwei Parkplätze. Einer vor und einer hinter dem Klosterbau. Ich warte hinten, Günter parkt vorn. In der Mitte treffen wir uns. Seine fürsorgliche Frau hat sogar eine Überlebensmöglichkeit für mich ausgedacht und mir ein Brotzeitpaket mitgegeben.

An der Klostermauer entlang wandern wir zuerst südlich. Die Stimmung des Wetters ist leicht aufgelockert bis dunkelwolkig. Über den Bergen hinter dem Herzogsstand scheint es hell herüber. Vor den dunkel beakdeten Berghängen liegt das topfebene Ried. Deshalb haben wir zu Beginn ebene Wege, immer den Blick auf die nahen Berghänge. Günter kennt sich aus im Gebirge. Von vielen Bergtouren erzählt er, unerreichbar für Inhaber von Prothesen – wenn man mal von dem unglaublichen Bergabenteuer am Dachstein absieht, das Michaela Bienert gemeinsam mit anderen Menschen mit Handicap bewältigt hat.

Wir finden eine Bank zum Rasten. Von dieser Stelle an gehen wir wieder auf die Berge direkt zu in Richtung Ort. Der Ort „Ort“ besteht nur aus wenigen Häusern. Zuerst steigen wir über das Bahngleis. Heute ist Schienenersatzverkehr eingerichtet. An der B11 beginnt die Kohlleite, ein Weg, der in einem Bogen auf etwe 650 m steil ansteigt und nach Kochel wieder hinuntergeht.

Durch die Prothese, die heute ewig nicht richtig sitzt, bin ich für Günter sehr langsam und ich bin dankbar, dass er sich anpasst, was für ihn sicher nicht einfach ist. Die Steigung bringt keine Steigerung meines Tempos.

Günter entdeckt einen interessanten Pfad, der sich etwas unterhalb des Fahrweges parallel am Hang entlangschlängelt. Die eigentliche „Kohlleite“?

Die Kohlleite bietet uns abwechslungsreiche Erlebnisse. Zwei Baumstümpfe für unsere nächste Rast. Geduldiger Regen. Ein Hochmoor seitlich des Weges. Neugierige Kühe, die hier frei rumlaufen, bis sie zu den „Kuhbremsen“ kommen, die über Bachläufen angebracht sind. Das letzte dieser Gitter, in denen die Kühe steckenbleiben würden, überspannt unseren Heimweg. Offenbar bin ich nicht allzusehr konzentriert. Meine linke Gehhilfe rutscht auf der mittleren Strebe nach vorn, die rechte findet so schnell keine Strebe, denn da ist keine, nur Abgrund.

So schnell wie üblich bin ich unten, diesmal mit der linken Hüfte auf unnachgiebige Stahlstreben, daß alle Gitter der Gegend ringsum vibrieren. Vor meinen inneren Auge erscheint das Bild meiner Haut, die aussieht wie ein auf dem Rost gegrilltes Schnitzel.

Eine Gehhilfe macht einen eindeutig geknickten Eindruck, der sich auch nicht mehr glätten lässt. Kein Hammer, keine Zange, kein Bügeleisen würde das jammervolle Teil davon abhalten, innerlich zu zerbrechen.

In der Polizeistation erkundigen wir uns nach Möglichkeiten. Fahrradgeschäft? Das hat geschlossen. Am Bahnhof Kochel verabschieden wir uns. „Zu Hause“ fährt mich meine Vermieterin sofort zur Arztpraxis. Es gibt kein Problem. Kaum Schmerz. Nix Schnitzel!

Km heute: Soll: 12,5 Ist 13

Km gesamt: Soll 1562,5 Ist 1586,5

Die Klosterkirche Benedictbeuern

Günter auf dem Baumstumpf...

...und als Portraitfotograf

Geknickt ist noch nicht gebrochen!

Tag 124, Sonntag, 23.9.12, Überbrückungsfahrt Einöd bis Schlehdorf

Im gesamten Bereich zwischen Holzkirchen und dem Kochelsee haben wir wegen der Buchungen anlässlich des Münchener Oktoberfestes nur zwei freie Zimmer finden können. Hier in Einöd, was abseits der geplanten Route liegt. Dann erst wieder in Schlehdorf. Die Wanderroute würde etwa 45 km betragen, also 3-4 Wandertage. Dafür sind in Schlehdorf sechs Übernachtungen gebucht. Fünf besonders reizvolle Touren und ein Vortrag in Garmisch-Partenkirchen stehen mir in dieser drittletzten Etappe bevor.

Die Überbrückung geschieht mit dem Bus. Das Reservegepäck wird aus acht in sechs Stück verwandelt mit Hilfe von zwei Seesäcken. Vor dem Gasthof Beham ist eine Bushaltestelle, 14 Uhr 53 geht die Fahrt ab. In Bad Tölz und in Kochel am See muss ich umsteigen.

Bis dahin beginne ich doch noch eine Runde zu drehen. Ich will das Garmin einstellen. Ist schon verpackt. Die Straße entlang erstmal? Dichter Sonntagsverkehr. Runter zum Fluss. Das ist ja die Isar! Bisher habe ich das gar nicht beachtet. Einen Uferweg suche ich vergeblich. Die Wanderlust wird so dünn wie Isarwasser. Auf einem hochgelegten Stamm beginne ich mit dem Bericht. In der Hoffnung, der Hunger treibt mich zum Rückzug und zu weiteren Entscheidungen. Wanderstrecke bisher 200 Meter. Dabei bleibt es heute auch.

Der erste Busfahrer bekommt sofort Unterstützung beim Gepäckeinladen durch zwei Fahrgäste. In Bad Tölz schafft mir der eine Mitfahrer die sechs Teile sogar noch zum richtigen Bussteig.

Zwei Stunden Warten, kein Problem vor einem Kiosk mit Sitzbänken. Der Duschhocker ist mein Exclusivplatz. Richtig bequem, das Gepäck als Rücken-und Armlehnen. Ausreichend Typen zum Unterhalten und als Einladehilfe.

Der zweite Busfahrer gibt dem dritten voraus Bescheid, damit er wartet. Das klappt also auch. In Kochel steht schon mein Vermieter an der Haltestelle. Alles in Butter!

Km heute: Soll 12,5 Ist 0

Km gesamt: Soll 1550 Ist 1573,5

Tag 123, Samstag, 22.9.12, Holzkirchen bis Dietramszell-Gastwies

Ich höre es beim Munterwerden. Leises Rauschen und Tröpfeln. Es setzt sich fort, als ich die Pension verlasse. Ich gehe erstmal zum nächsten Laden. Zum Wandern in einsamer Gegend regnet es zu stark. Ich muss verhindern, dass bei einem dringenden Schaftwechsel dieser oder der Liner nass werden. Das Anziehen würde etwas problematisch. Mit Mail- Hilfe von Kerstin versuche ich im Buswartehäuschen eine Fahrtverbindung nach Dietramszell zu finden. Kurz bevor der Bus kommt wird es unvermutet hell und der Regen hat aufgehört.

Am westlichen Rande von Holzkirchen ist ein schmaler Weg gut beschildert. Zum Hackensee. Da will ich doch hin! Sputen muss ich mich, denn das Gepäcktaxi ist im Nu teurer, wenn der Samstagnachmittag zu spät wird. 7 Uhr wollte ich gehen. 10 Uhr Start für etwa zwölf km, das dürfte trotzdem reichen. 16 Uhr soll ich dort anrufen.

Der Weg ist gut, die Sonne findet ihre Lücken, ich komme flott voran. Da bietet mir ein Baum sein Knie zum Sitzen an. Diese Wurzel hat Stuhlhöhe und ist moosgepolstert. Also Rast. Nur kurz zwei Drinks, ein Weltmeisterbrötchen. Weiter den Waldweg leicht ansteigend. Da hinten taucht schon Kleinhartpenning auf.

Zum Hackensee geht es tief runter. Nur kurz sehe ich ihn blinken, denn ich biege rechts ab. Dann bleibt er mir unsichtbar. Ein Schaftwechsel wird nötig. Ein Kiefernstamm dient mir als Stütze und als Lehne für den ausgezogenen Schaft.

Mensch, wird das dunkel auf einmal! Ich bin nach zwei Anzieh-Versuchen gerade fertig und gehe zwischen den Stämmen zum Weg zurück, da kommt ein dichter Regenvorhang durch die Wipfel gezogen. Unter Fichtenzweigen versuche ich alles dicht zu machen. Ich bleibe stehen. Sehr stark, wie ein Wolkenbruch. Es trommelt richtig auf die Schultern. Schnell nochmal den Rucksack runter, der Schirm in der Seitentasche! Bin gespannt ob der sich endlich aufspannt! Das war sinnvoll, denn es kommt noch heftiger. Die Wolke dort oben wird richtig ausgeschüttet. Stehen und Warten!

Die Unterhaltung von heute früh fällt mir wieder ein: Der Gast, der sich amüsierte, dass ich auch gern im Regen laufe. Er erzählte von einem Freund, der ihm riet: Drei Dinge musst du täglich tun um gesund zu bleiben. Gesundes Essen, damit du die richigen Vitamine hast. Genügend Bewegung. Und drittens einmal am Tag freue dich von Herzen über etwas – und wenn’s ein Regentag ist – das wird dich gesund erhalten.

Das muss ich nun erstmal abwarten, wenn ich nachher durch bin, wie’s dann aussieht. Aber froh bin ich massiv darüber, dass ich sowas überhaupt machen kann. Regen hat bei den Leuten einfach einen zu schlechten Ruf. Man hat ein Aber gegen das Feuchte, das Kühle, das Unangenehme. Deshalb kann man den Erlebnischarakter gar nicht erst wahrnehmen. Schon schwächt der Regen etwas ab, die Steigung wird flacher, die Prothese läuft wieder klasse, da muss ich jetzt wieder etwas Zeit aufholen.

Dieser Waldweg ist nicht ganz einfach. Arg aufpassen muss ich. Große runde Steine ragen heraus. Es hat trotzdem noch nicht begonnen aufzuhören. Nach ein/zwei Stunden vermute ich, dass es sich eingeregnet hat. Mal langsamer, mal schauerlicher. Alle Blätter bekommen ihre Portion Tropfen ab. Sie nicken durch die Last des Wassers und geben es nach unten weiter. Dort rieselt es unsichtbar, kleine Miniflüsse rinnen den Weg entlang, bis sie den Abfluss seitlich finden. Alles glitzert, die Farben sind extrem intensiv, überall kleine Himmelsreflexe auf den Steinen.

Eine Waldhütte. Ich habe erst wenige Minuten gerastet und bin bald am Ziel. An der Hausseite ist mit Stützen ein Plastikdach angebracht, darunter ein trockener Metalltisch. Stehparty in der Regenlaube. Es trommelt gewaltig über mir. Aber es ist auch die letzte Gelegenheit, wenigstens kurz etwas zu knabbern und zu schlürfen.

Beim Weitergehen spüre ich feucht die Lücken in der Kleidung. Der letzte km vor dem Treffpunkt. 16 Uhr, ich rufe nochmal den Taxifahrer an. Alles klar. Bei der Bushaltestelle am Kloster Dietramszell-Gastwies steige ich ein zu meinem Gepäck. Noch sechs km zum Gasthof und einem trockenen Bett.

Km heute : Soll 12,5 Ist 13

Km gesamt Soll 1537,5 Ist 1573,5

Ruhetag, Freitag, 21.9.12, Wanderung Westerham bis Holzkirchen

Kaum bin ich fertig mit Schlucken, darf ich schon per Bäckerauto nach Bruckmühl zum Bahnhof mitfahren. Alles steht gepackt im Zimmer, damit die Schwiegertochter die gratis Gepäckfahrt nach Holzkirchen zu beliebiger Zeit machen kann.

Im Bruckmühler Bahnhof fährt mir der Zug in Richtung Holzkirchen vor der Nase weg. 30 Minuten warten, etwas am Text formieren. Die Fahrt ist kurz. In Westerham steige ich aus. Zuerst zur Brücke. Der Mangfall kommt von rechts. Sein Flussbett ist sehr breit und zumeist sehr flach, es scheint, dass bei einem hineingelegten Papier oben die Buchstaben noch rausschauen würden.

Der bewaldete Hang des Mangfalltales ist steil und steinig. Man braucht schon Geduld. Für Unterhaltung sorgt wie immer die Navigation. iPhone sagt, rechts! Garmin zeigt mir, dass ich rechts vom rechten Weg abkomme (manchmal sind sie sich auch einig!). Sonst ist es aber eindeutig, nur einmal passe ich nicht auf und muss ein Stück zurück. Am Ende des Anstieges steht eine Bank und ich nutze sie für 15 Minuten.

Außerhalb des Waldes ist es recht almig. Grüne buckelige Sonnenweiden, eingezäunte mahlende Kühe darauf, vorschriftsmäßig bimmelnde Kuhglocken, flache braune Bayerngiebel und geblümte Balkonbrüstungen schauen durch die Baumgruppen, blaue Bergkuppen im Hintergrund. Ich bin wie im Urlaubsprospekt. Also laufe ich darin einfach mal weiter.

Neben dem Hof fragt mich ein kleiner Junge etwas, unverständlich, die Augen aber auf das rechte Knie geheftet. Was ich antworte ist Nichtbayrisch für ihn, also Fremdsprache.

Dann sehe ich den Wegweiser nach Valley. Die schmale Straße geht wieder tief runter, mit 20% Gefälle. Stark wird das C-Leg belastet. Das Tal ist schluchtartig, oben war ein Wegweiser zum Teufelsgrund, oder so ähnlich. Diesmal kommt der Mangfall von links, etwas nördlicher fließt er dann um das Mangfallknie herum und zurück.

Genau so steil geht es nun durch die ersten Häuser von Valley wieder hinauf. Garmin schlägt an einem abzweigenden Weg nach rechts vor, diese Strichlinie seines Displays zu nutzen. Wegen vorhin bin ich ihm mal relativ wohlgesonnen. Naja, wenn’s so angegeben ist, der Pfad führt später ja wieder auf die Straße. Fünf Minuten später, da steht quer ein Haus, links eine Felswand, rechts ist alles verwildert. Der Weg hört nicht nur auf, es gibt ihn gar nicht mehr!

Zurück am Eingang des Weges entdecke ich Moosboden. Ich mache gleich hier Rast, denn der Ort Valley da oben ist nicht geeignet. Ein Auto stoppt, fährt etwas rückwärts. „Ist alles ok?“ Das sieht wohl gefährlich aus wie ich da sitze. Ich beruhige die aufmerksame Frau, aufmunternd kauend. Das wirkt, und sie fährt weiter ins Tal.

Der Ort zieht sich bis auf die Ebene hinauf. Danach steht mir Straße bevor, denn die A8 ist zu unterqueren, auch der Bahnübergang des Gleises nach Holzkirchen ist noch im Weg. Das Gepäck steht schon im Zimmer. Für morgen vereinbare ich eine Regelung mit dem Taxi. Meine Vermieterin ist zu einer Hochzeit eingeladen. Das zukünftige Quartier hat ebenfalls Personalmangel.

Km heute: Soll 0 Ist 14,5

Km gesamt: Soll 1525 Ist 1560,5

Tag 122, Donnerstag, 20.9.12, Högling

Vieles hat sich angesammelt, das dringend zu erledigen ist. Das Wetter ist regnerisch. Also werde ich lieber morgen laufen.
Aber was treibt man so beim Nichtwandern? Ausschlafen? Kaum oder gar nicht. Mit den Wanderberichten ist man ständig hinterher. Belege müssen an die Geschäftsstelle versendet werden. Mails nacharbeiten, Telefonate, Fahrten- und Transportplanung, Einkäufe. Wenn dann noch Zeit übrig ist, würde ich ja gern noch Bilder bearbeiten. Doch meistens reicht’s dazu nicht oder ich fühle mich so angestrengt wie nach einem Tagesmarsch. Und wenn mal nicht so viel zu tun ist, laufe ich gern zusätzlich. Km heute:
Soll 12,5 Ist 0
Km gesamt: Soll 1525 Ist 1532,5

Tag 121, Dienstag, 18.9.12, Högling, Runde nach Heudorf

Eigentlich wäre ich erst heute abend hier eingetroffen. Durch eine zeitliche Verschiebung in den beiden letzten Quartieren entsteht heute schon die Möglichkeit eines Einkaufes.
Ich gehe deshalb die Wege über die ebenen Felder nach Heudorf. Wichtigste Aufgabe ist das Aufspüren einer Bank. In der Nähe derselben sehe ich den Supermarkt. Es ist wichtig, neben der Nahrungsergänzung als Lückenfüller auf Vitamin- und Mineralienebene auch für die preiswerte und trotzdem gesunde Sättigung während der Wald- und Wiesenmahlzeiten zu sorgen. Durch beide Komponenten kann ich Zeit- und Geldverlust bei Einkehr tagsüber in Gasthäusern weitgehend verhindern.
Auf dem Rückweg auf anderer Route ist der Rucksack jetzt erstmal schwerer. Wichtig ist, dass ich morgen, am Ruhetag, nicht noch mal deswegen weg muss. Aber so heiß wie vor dem Supermarkt ist es plötzlich nicht mehr. Der Himmel zieht sich mit Schleiern immer mehr zu. Soll 12,5 Ist 10
Soll 1512,5 Ist 1532,5

Tag 120, Montag, 17.9.12, Südl. Tattenhausen bis Seebruck-Högling

Passt alles rein? Die Heckklappe des Audi lässt sich noch zudrücken. Die Gehhilfen dürfen mit mir nach vorne. Eine geeignete Stelle zum Tagesstart habe ich südlich von Tattenhausen gefunden.

Von den Anhöhen aus habe ich einen breiten Rundblick auf die Berge. Für die Leute, die hier wohnen und auf den Feldern arbeiten ist das der tägliche Anblick, der wohl nicht mehr in gleichem Maße registriert wird, wie das bei Flachlandtirolern ist.

Schnell ist wieder die Wärme spürbar. Bald bin ich im Wald. Kurz vor der Waldgaststätte Fitzenklas entdecke ich einen Naturlehrpfad. Eine Sitzbank schimmert durch die Bäume. Der Boden federt. Ich sitze auf einem Moor.

Die Wegtafeln bei meiner lehrreichen Runde auf dem wippenden Pfad weisen mich auf Heidelbeeren und Preiselbeeren hin, die ich sofort probiere. Aber auch auf ein Moorloch und Stapel gestochenen Torfes. So wie Briketts. Da ist zu lesen, daß 1 Meter Torfdicke in 1000 Jahren bzw 1mm in 1 Jahr wächst. Also 1 Briketthöhe braucht dann nur runde 50 Jahre. Oder: der Rosenheimer See, so groß wie der Bodensee war der mal, durch den Inngletscher entstanden, bei Wasserburg gestaut, bis dort ein Durchbruch entstand. Und die Badesaison der Urahnen in dieser Gegend war dahin.

Ich bewege mich gerade durch Schmidhausen, da tönen Schritte hinter mir her. Drei Wanderer holen mich ein. Drei auf einmal, eine Rarität! Natürlich tauschen wir uns vor der nächsten Kreuzung stehend erstmal aus. Woher, wohin, warum… Sie sind Jakobswegwanderer, die das mal von ihrer Haustüre aus in Angriff nehmen wollen, in Abschnitten. Sie gehen weiter, biegen in meine Richtung. „Machen wir noch ein Bild?“, rufe ich hinterher. Danach wandern wir zusammen.

Die Kirche da vorne sei eine Jakobskiche, der Ort heißt Jakobsberg. „Wir gehen da mal rein. Wir holen dich gleich wieder ein!“ So ist es, die Unterhaltung geht weiter. Bis wir an dem Golfplatz Schloss Maxlrain sind. Da steht eine Bank in der Sonne, richtig für mich. „Da vorn ist eine Brauerei, vielleicht…“

Das Schloss Maxlrain ist ein Schmuckstück. Ein Ehepaar erzählt mir von einem Unwetter, das vor einigen Jahren alle Gebäude hier abgedeckt hatte.

Aus dem Brauereibiergarten wird mir schon zugewunken. „Gezahlt ist schon, wir kommen gleich nach!“ Doch keiner kommt. Wer gezahlt hat, ist ja nicht verpflichtet, auch zu verschwinden. Man könnte ja auch bei einer kreativen weiteren Runde die Wanderstrategie Richtung Santiago verfeinern.

Mein neues Quartier bekommt auf Anhieb zehn Pluspunkte. Eine Bäckerei. Meine Vermieterin hinter der Ladentheke. Aus dem linken Augenwinkel bemerke ich wohlwollend den Zwetschgendatschi. Das eine Stück kann ich die Treppe hoch auch noch problemlos tragen, ohne ein Übergewichtsopfer des Rucksackes zu werden. Ein nochmaliger Ausgang kann nun entfallen.

Km heute: Soll 12,5 Ist 12,5

Km gesamt: Soll 1500 Ist 1522,5

Tag 119, Sonntag 16.9.12, Rott am Inn bis Schechen

Viel zu spät wache ich auf. Ich habe geträumt, ich hörte den Wecker und meinte, es sei Ruhetag, und der Wecker sei unnötig, und wer weiß, ob ich überhaupt damit gemeint sei? – Was soll man da machen!

Das Gepäck wird zum nächsten Quartier abgeholt. Ich gehe etwa gleichzeitig los. Der erste Kilometer über die 1500 geht als Wiesenweg zum Wald und dort steil den Hang hinunter zu den Höfen auf der Talsohle. Schechen ist nicht weit und ich baue deshab einige Schleifen in die Strecke ein. Ein Stück unten entlang, dann wieder hinauf nach und sogleich links über die Ebene, wo es nach 500 Metern wieder runter geht. Das sind halt alles günstig zu laufende Wege, die ausreichende „Wunschkurven“ vollführen. „Der Umweg ist das Ziel!“ Zuerst geht ein kühler Wind von hinten, der sich danach erwärmt und mir verdreht entgegenkommt.

Nach der Unterlaufung des Bahngleises bleibe ich in der Niederung und gehe südlich einen geradlinigen Wiesenweg weiter. Zwei Reiterinnen und ein Radfahrer treffen sich gleichzeitig mit mir. Es wird plötzlich richtig eng. Vier Personen auf nur zwei Spuren zwischen den Maiskolben. Wer regelt jetzt den Verkehr? „Die haben mehr PS als wir!“ Das meint der Radfahrer, als er mit Übersicht die Pferde vorbei lässt, die auch gewohnheitsmäßig nicken. Aber er erkennt offenbar die volle Wahrheit nicht. Ich habe ebenfalls 1 PS unter mir: 1 Prothesenstärke!

Inzwischen ist es sehr warm und schwül. Einen Wiesenrand mit nur angedeuteter Abneigung muss für eine Rast genügen; ich überspiele es mit Essen, die beste Methode, um beim Rasten die Zeit totzuschlagen.

Die Bahnlinie leitet mich nach Schechen und zu der freundlichen Unterkunft. Hier kommt man mir gleich doppelt entgegen: Beide Fahrten, heute und morgen, werden dem Verband gesponsort. Der Biergarten lässt sich hier als geeigneter Verhandlungsort nicht umgehen.

Km heute: Soll 12,5 Ist 10

Km gesamt: Soll 1487,5 Ist 1510

Ein sonniger Tag beginnt mit dem 1501. Kilometer meiner Reise

Blick zurück nach Rott am Inn

Herbstblüten für die Falter und Bienen

Tag 118, Samstag 15.9.12

Der Inn bestimmt die heutige Wanderroute, obwohl er hier noch zwölf Kilometer entfernt ist. Eine direktere Möglichkeit als die Autostraßenbrücke gibt es nicht, um nach Rott zu gelangen. Die Staustufe Feldkirchen überbrückt den breiten Fluß zwar auch, ist aber für Fußgänger leider nicht benutzbar.

Heute vor 60 Jahren begann meine Lehrzeit in Leipzig als „Gebrauchswerber“ als Kombination von Plakatmaler und Dekorateur. Eine direkte Ausbildung zum Grafiker gab es noch lange nicht. Aber ich bekam theoretisch und praktisch mit, was es mit Farben, Formen, Verhältnissen und Schriften auf sich hat. Dazu noch die Schaufensterdekoration.

Das Gepäck eilt mir voraus, auch heute wieder gratis. Die Regenhose ist heute angezogen. Der Himmel hält sich bedeckt. Von Beginn an gibt es nur die reichlich benutzte Autostraße, leider immer ohne Radweg daneben.

Eine Bushaltestelle kommt in Sicht. Die Bank darin nützt mir zu einer Zwischenmahlzeit. Es tröpfelt leicht. Da beginnt seitlich ein Weg, eine Chance, von der Straße wegzukommen. Doch außerhalb des Weilers ist er nicht vorhanden. Zurück, und weiter auf der Straße!

So geht das eine Weile. Dann erreicht mich ein kräftiger Regenschauer. Doch als ich meine Rast mache, scheint wieder die Sonne. Am Talhang der Murn steht mir neben einer Kapelle ein Wiesenplatz zur Verfügung. Aber nicht lange, da braut sich hinter meinem Rücken ein weiteres finstres Gewölk zusammen. Schnell alles eingepackt, die Regenjacke an und weiter.

Bei Griesstätt kommt dem Schaft mal wieder die Idee, dass er mehr beachtet werden möchte und drückt. Das geht immer ganz plötzlich, nachdem er vorher ohne Launen mitgewandert ist. Aber bis ich weitgehend unbeobachtet die Sache regeln kann, schleppe ich mich erst noch durch den Ort bis zu einer geeigneten Wegunterführung.

Nun geht es wieder angenehm, hinunter ins Inntal. Es ist aber, als würden sich meine Geruchsnerven räuspern. Ein würziger Geruch hängt in der Luft, als hätte man das Unkraut gleich mitgedüngt. Aber ohne diesen übersinnlichen Duft würde der Gegend hier sicher was fehlen.

Unter der Innbrücke fährt ein Kanu abwärts. Nur ganz leicht müssen die beiden Insassen steuern, denn die Strömung ist stark. Mit einer Gruppe von vier Radtouristen komme ich ins Gespräch. In einer Brückennische suchen sie ihren Tourenweg. Einer ist ebenfalls aus der Stuttgarter Gegend.

Auf dem Inndamm suche zum Sitzen einen Hang, der ausreichend Abneigung für mich hat, damit die Füße tiefer sind als die Beine. Wenn der Hang aber zuviel Zuneigung hat, sind die Füße höher als der Kopf – unangenehm!

Rötliche Ameisen beschäftigen sich mit meinen ausgebreiteten Sachen. Da sie dabei nicht rascheln oder schmatzen, merke ich erst nach einiger Zeit, dass sie im leeren Trinkbecher, im Rucksack und in der Cameratasche nach neuen Möglichkeiten suchen. Noch später merke ich, dass einige hinter meinem Rücken damit begonnen haben, mich in einen neuen Ameisenhaufen einzubauen. Die Sechsbeiner loszuwerden ist nicht leicht. Da ich eh weiter will, ergreife ich gleichzeitig langsam die Flucht.

Wer mal mit Prothese nach Rott am Inn kommt, sollte unbedingt den Voglberg hochlaufen. Ein schmaler Weg zwischen Häusern von der Bahnstation zur Ortsmitte. Steil, aber gute Aussicht aufs Inntal und eine gute Trainingsaufgabe.

Km heute: Soll 12,5 Ist 16

Km gesamt: Soll 1475 Ist 1500

Straßenromantik bei Regen

Auf der Innbrücke

Tag 117, Freitag 14.9.12, Südl. Eggstädt bis Halfing

Die Sonne kuckt bereits über den Horizont, durch die tiefhängenden Zweige der Hoflinde, und strahlt durch die Butzengläser ins Frühstückszimmer. Ich stehe darin und das Frühstück wird mir gerade rucksackgerecht zurechtgewickelt und -getütet. Der Hofbauer ist noch in seine Semmel vertieft und spannt danach statt der Pferde den Daimler an.

Wieder eine Gratisgepäckfahrt, bei der ich zuerst mitfahre, um den Rest zum Zielbett wandern zu können. Ich fahre mit, fast bis Eggstädt. Dort geht der Römerweg bis zum Südende des Hartsees. Ein Morgen im Nebel. Die Schwaden sind bereits dünn und in Bewegung. Bläulich schimmert es schon durch und in wenigen Minuten verschwinden die geisterhaften Vorhänge. Im Wald ist alles klar. Zwei Reiterinnen beugen sich zu etwas auf der Waldböschung hinunter. Da steht doch ein säuberlich mit dem Pilzmesser abgeschnittenes Pilzexemplar auf dem Moos. Wie vom Fachmann aussortiert. „…is der au gut?“. Ich sehe, es ist einer der Röhrlinge, aber die rötliche Färbung erinnert mich an den teuflischen „Satanspilz“, der als hoch giftig für den Menschen samt seiner Eingeweide beschrieben wurde. Ich schlage den beiden vor, es lieber zu lassen und sich heute auf Ungiftigere zu beschränken.

Ich hoffe, dass der Uferweg gut bewanderbar ist. Gleich am Beginn steht mein Frühstückstisch mit einer Bank. Noch feucht vom Regentag, aber er bleibt nicht ungedeckt. Einige Joggerinnen kommen hier mit recht neidischen Blicken vorbei. Der Weg am Rande des Hochmoorsees aus der letzten Eiszeit ist durchstrahlt von der Sonne und führt mich in Wellen zur Straße ins offene Gelände.

Auf der letzten Uferbank erhalte ich eine wichtige Nachricht. Alfons hat Kerstin und mich entlasten wollen. Er hat die letzten Quartierbuchungen und Umbuchungen dieser Tour erledigt. Es war nicht einfach, das zu erträglichen Preisen zu erreichen, denn es ist zu diesem Zeitpunkt Oktoberfest und die Leute schlafen halt nicht alle auf der Wiesn ihren Rausch aus

Die wellige Landschaft des Chiemgaues ist sehr reizvoll. Südlich ist die Alpenkette im leichten Dunst zu sehen. Aber näher komme ich die folgenden zwei Tage nicht heran, denn die Route geht zunächst westlich weiter. Spielzeugwölkchen schieben sich langsam dahin, später folgen dickere, nachmittags sind sie dann alle wieder entschwebt.

Hinter dem Weiler Dieming existiert in der Fortsetzung der schmalen Straße ein Wiesenweg. Das wird wohl bis Sonnering durchgehen. Da vorn sieht es aus wie ein Graben oder eine Rinne, vielleicht unpassierbar? Dahinter ginge mein Weg über eine Wiese hoch zum Stallgebäude. Ich biege lieber rechts ab. Hier ist frisch gemäht, so erreiche ich die Straße ebenfalls. Ein Geräusch lässt mich nach links blicken. Ein Güllewagen beginnt soeben, seine Ladung auf der Wiese und meinem geplanten Weg gerecht zu verteilen. Wie die Schallwellen langsamer als Lichtwellen sind, so rollen Geruchswellen noch später heran, aber intensiv!

Nur noch Straße für den Rest. Der beabsichtigte Waldweg führt zuert an einem Schild vorbei: „Warnung vor den 4 Hunden“. Ich denke, der soll mal lieber selber vorsichtig sein. Doch die Hunde sind entweder Schoßhündchen oder haben sich gegenseitig selber gefressen. Nur Federvieh gackert vor dem mit einem Gatter versperrten Weg. Das Schild sollte lieber sagen „Warnung vor den fünf Hühnern“. Ich kehre also um zum Rest der Straße bis hinein nach Halfing.

Km heute: Soll 12,5 Ist13,5

Km gesamt: Soll 1462,5 Ist 1484

Tag 116, Mittwoch 12.9.12, Heiming bis Traunreut und Seebruck bis Burgham

Der Regen von gestern abend ist längst vorbei. Bis auf Wetterleuchten und einen Donner.

Jetzt ist es noch dunkel, ruhiger und bedeckter Himmel. Das beruhigt mich auch. Ich beginne die Dinge für den Transport und die Wanderung zu ordnen, zum Beispiel die Kleidung bei kühlerem Wetter. Da ich 7 Uhr gehen will, war der Wecker auf 4 Uhr 30 gestellt. Eine ruhige Stunde habe ich damit für die Tagesberichte reserviert.

7 Uhr. Alles fertig. Noch das vorgelieferte Brotpaket aus dem Frühstücksraum in den Rucksack. Das Gepäck wird nachher gratis gefahren. Danke! Draußen ist es erst halbhell. Und recht frisch. Ganz kleine Tropfen fallen gelegentlich. Das ist trotz allem ein Genuss, in den Tag hineinzuwandern. Die Landschaft bis zu den Bergen breitet sich wie mit dunklen Grün- und Blaufarben gemalt vor mir aus. Den deutlichen Einschnitt des Inntales habe ich vor mir. Über einigen Gipfeln der Vorberge hängen hellgraue Fetzen. Im Westen ist der Himmel einheitsgrau, das ist nicht das beste Vorzeichen.

Als ich aus dem Wald vor Traunwalchen komme, setzt der vorhin optisch angekündigte Regen ein. Jetzt wird mir der Fehler bewusst. Die Regenhose und die Stiefel sind warm und trocken verpackt.

Ich entscheide mich zum Bahnhof Matzing. In Traunwalchen ist eine lange Straßenbaustelle. Ich gehe mittendurch. Im Regen sind Umwege Quatsch. Eine Fußgängerbrücke über die Traun mit dem Blick auf ein Schloss, ein steiler Anstieg, die Bahnhofstraße, vorbei am Stehcafe, die Bahnstation. Irgendwie – Endlich!

Das ist ein Witz! Ein zu kurz geratenes Dach, eine breite Wartebank darunter, falls schönes Wetter ist, ein Tisch davor, alles beregnet. Fast. An einer Ecke ist es noch etwas geschützt. Nur wenige dunkle Tropfen an der Vorderkante. Den Tisch ziehe ich übers Knie, das Frösteln ziehe ich mit dem Jackenreißverschluss zu.

Essen verkürzt Warten. Telefonate und Notizen helfen auch, aber im iPhone sind nur noch etwa 40% Reserve. Ich kuck nochmal an den Fahrplan. Dann mache ich noch einen Fehler. Ich verwechsle die Namen Traunwalchen, Traunstein und Traunreut. Statt -stein bin ich auf -reut gepolt, um dort einen Busanschluss nach Seebruck zu bekommen. Das Internet ist nicht zu haben derzeit. Als der Zug nach Traunreut pfeift, nehme ich den Rucksack hoch, gehe vor zum Gleis und erlebe das erhebende Gefühl, wie der Zug durchfährt!

Nochmal 45 Minuten Regenwarterei? Da vorne war doch der Bäcker. Die Frau ist so nett, mit mitzuteilen, dass auch noch ein Bus fährt. Zur rechten Zeit steige ich ein und erfahre in Traunreut von Kerstin, dass der Bus in Traunstein abfährt.

Wartezeit in Traunreut im Café, Zug- und Busfahrt. Unterwegs gibt mir Alfons einen Tip bezüglich Internet. Nun kann ich in Seebruck abwarten, ob der Regen noch aufhört. Vor allem brauche ich Zeit, noch Quartiere zu recherchieren, die zum Monatswechsel gebraucht werden. In einem weiteren Café kann dafür das iPhone aufgeladen werden.

Zwei Stunden später ist mir der Regen egal! Feucht bin ich ja noch genug dafür. Die Schuhe haben ja unter den Knöcheln einen Überlauf. Wenn ich nass bin, werde ich nicht noch feuchter. Um noch ein Bild liefern zu können von der feucht-fröhlichen Wetterstimmung gehe ich erst noch zum Hafen. Einsam schaukeln dort die Jachten auf dem großen See vor den verhangenen Bergen im Süden.

Der restliche Weg auf die nördliche Anhöhe nach Burgham ist von starkem Regen begleitet. Der Strumpf wird immer nasser. Doch der Hof nähert sich rasch. Dort gibt man mir als erstes Zeitungspapier für die Schuhe. Ausgießen muss ich nicht.

km heute: Soll 12,5 Ist 7,5

Km gesamt: Soll 1450 Ist 1470,5

Auf der Traunbrücke

Regen am Chiemsee

Tag 108, Sonntag 2.9.12, Obergessenbach bis Exing

Siebenuhrnochwas. Garmin neu einstellen! Da ist noch was in der Hosentasche – der Zimmerschlüssel! Flugs nochmal zurück, der Wirt steht schon in der Tür. Er lacht bloß. Das ist hier die pure Freundlichkeit und tolles Entgegenkommen. Marschverpflegung und Gepäcktransport gratis!

Die schmale Teerstraße nach Haunpolding und Glucking steigt leicht an. Ich erhalte einen weiten Blick über das ebene Donauland. Halbrechts ist Osterhofen zu erkennen. Alles ist leicht dunstig, über dem Fluß weit im Norden liegt in der gesamten erkennbaren Länge ein dickes Nebelband. Dahinter steigen in breiter Front die Höhenzüge des Bayrischen Waldes an. Noch ist der Himmel scheckig bedeckt mit hellen Andeutungen.

Dort vorn, an dem einzelnen Haus, ist die Gabelung, an der ich nach links in den Wald steigen werde. Zwei Hunde geben sich kläffend alle Mühe, ihre Halter auch am Sonntag zu wecken. Ich frage mich, warum man sich Köter anschafft, die sich nur unflätig äußern können. Ich springe nicht über ihren Zaun, ich kläffe nicht und ich habe keine Katze bei mir – oh, vielleicht erbost sie nur mein Berliner Bär, der am Rucksack schaukelt?

Bei der Ansiedlung oben im Wald ist Ende, den Pfad gibt’s nicht mehr. Weil ich nun außenherum gehen muss, finde ich einen Holzstapel, der am Waldrand einen geeigneten Rastplatz bietet.

Verschiedene weitere Hindernisse ergeben sich. Ein zuwachsender Weg; ich kann parallel weiter. Weiter vorn eine Autostraße; ich umgehe sie großzügig. Ein nicht existierender Weg; durch den dichten Fichtenwald geht es besser als gedacht.

Dann komme ich hinunter ins Vilstal nach Wochenweis und habe außerhalb des Ortes die Rast diesmal bei den Kohl-statt Kartoffelfeldern. Sonst hätte ich Kartoffelpuffer gewünscht. Kohlpuffer gibt’s ja (noch) nicht! Und wie war’s mit Kohlrouladen? Mit Erdbeermarmelade gefüllt?

Das Filstal hat auch eine weite Ebene, alles landwirtschaftlich genutzt. Keine durchgehenden Wege. So ergeben sich sieben Kilometer Landstraße. Das hat etwas anmürbendes an sich. Geduld ist erforderlich. Auf der Straße liegt nicht der Sinn einer Wanderung. Ich komme zwar schnell voran, doch der Erlebnisgehalt sinkt. Die Sonne heizt ein, zusätzlich zu der Wärme der gleichmäßigen Bewegung. Das Trägershirt wechsle ich wieder gegen ein Kurzarmhemd aus, Sonnenbrand will ich nicht rumschleppen.

Das Auto des netten Vermieters hält neben mir, er ist mit seinem Vater auf der Gratis-Gepäckfahrt nach Exing. Ob ich nicht doch mitfahren will? Ich danke und schüttle den Kopf quer. Ich bin auf einer Wanderung! Erst bei Wannersdorf kann ich links durch den Ort in anderes Gelände abschwenken.

Wenn ich nicht weiß, ob und wie es weitergeht, wird es endlich wieder interessant. Dieser Wiesenweg rüber zur Fils, hört der auf hinter der Biegung? Manche eingetragenen Wege sind nur Vielleichtwege! Probieren geht über Sinnieren! So erreiche ich also doch den Filsweg aus Gras. Zugewachsene alte Fahrspuren, mit Kiesresten darunter. Kaum daß hier mal einer langkommt! Der Fluß rauscht mir sehr lebendig entgegen, hoch und braun von den Regengüssen. Ein Baum steht noch krampfhaft mittendrin in der Vilssuppe. Rechterhand dehnen sich die wechselnden flachen Felder. Dünner wird das Gras zwischen den Spuren, dicker die Erdklumpen. Welche Eindrücke hätte ich verschenkt, wenn ich vorhin eingestiegen wäre!

Nach einigen Häusern mit dem unabdingbaren Hundegekläff fülle ich mir noch die letzten Getränke der dreieinhalb Liter ein, bevor ich in die gastlichen Räume des Alten Brauhauses eintrete. Das war ein weiter Weg heute! Drei Spiegeleier und ein „simples Finstres“ bitte!

Km heute: Soll 12,5 Ist 19

Km gesamt: Soll 1350 Ist 1368,5

Abmarsch in Obergessenbach

Ungewissheit im Wald

Der Parasolpilz, schon zu alt für die Pfanne

Die Vils

Mein heutiges Quartier.

Tag 107, Samstag 1.9.12, Osterhofen bis Obergessenbach über Kirchdorf

Eigentlich hätte ich heute nur 6-7 km zum ersten Quartier der Etappe 27 zu gehen. Deshalb suche ich mir einen geeigneten Umweg über Wisselsing, Kirchdorf, Raffelsdorf und den halben Weg bis Untergessenbach, um etwa auf das Doppelte zu kommen.

Die beiden Ruhetage in Osterhofen, in der einzigen deutschen spezialisierten Klinik für Amputierte, waren hochinteressant. Als Gast bekam ich ein Zimmer im Altbau mit „Krankenbett“! Zum Vortrag wimmelte es von Amputierten mit und ohne Rollstuhl.

Gestern hat es nur einmal geregnet, von früh bis nachts. Heute ist der Himmel bedeckt, doch Regen ist angekündigt. Die Beine habe ich deshab in die fast vergessenen wasserdichten Hosenröhren gesteckt. Seit Pasewalk hatte ich diese Hose nicht mehr gebraucht. Selbst an dem durchnässten Regentag bei Halberstadt hatte ich sie nicht an. Man kann aber nicht wissen…

Nach einer Runde im Park gehe ich auf Wisselsing zu. Meist sind es noch hochstehende Maisfelder, die mit reifen Kolben an den Feldwegen und Straßen stehen.

In Kirchdorf beginnt es zu tröpfeln, gerade richtig, denn mein Hunger dringt schon seit länger ins Bewusstsein. Hier steht neben der Kirche eine teilweise überdachte Holzbank. Die Wege werden nicht viel nässer als feucht. Nach meiner Kauarbeit trocknet es schon wieder.

Ab hier biege ich im Zickzack der Wege südlich und östlich ab und sehe die Hügelkette immer näher kommen. Wahrscheinlich ist es die Begrenzung der Donausenke. Es folgen ruhige, schmale Teerwege und Feldwege, deren Spuren mit hellem Kies aufgefüllt oder festgefahren sind. Nur an den Wendestellen der Traktoren liegen einige Erdklumpen, sonst sind die Wege sehr sauber.

Noch eine Rast wäre nicht übel. Der Mittelstreifen des Weges ist mit dichtem Gras bewachsen und etwas höher als die Fahrspuren. Ich sitze vor den künftigen, noch ungeschälten Bratkartoffeln, die bereits neugierig aus den Erdfurchen lugen zwischen verwelkten Blättern und Stengeln und freue mich auf ihre Kollegen, die ich heute abend bestellen werde.

Km heute: Soll 12,5 Ist 14,5

Km gesamt: Soll 1337,7 Ist 1349,5

Zu bewegungsunfähig, um mitzuwandern

Hier wird noch an meinem Wanderweg gebastelt, generationenübergreifend

Erstaunlich viele Portionen Bratkartoffeln warten auf Abholung

Tag 106, Donnerstag 29.8.12, Niederwinkling bis Eng

2. Wandertag

8:42 Uhr am Grünen Band bei Ecklingerode. Noch heftiger, kühler Wind,  der mich die Platten hochschiebt. Die Morgensonne kommt noch recht schräg. Diese Tageszeit mag ich am liebsten beim Wandern.

Ein Holzbau weiter oben kommt in Sicht. Schon von hier aus immer wieder schöne Ausblicke nach Ecklingerode hinunter. Die Sielmann-Hütte. Eine steile, schmale Holztreppe. Die sehr frische Luft bläst hier ungehindert durch.

Kaum die Höhe erreicht, schon geht’s wieder runter. Eine Weggabelung. Grünes Band – wo bist du? Ah ja, rechts geht ja der Plattenweg, links nicht, vorne undurchdringlich. Die Karte ignoriere ich mal. Was ich nicht wusste: Auch weitere Zufahrtswege in Thüringen wurden teils mit Platten ausgebaut. Ich gerate eine Weile auf den nicht bezeichneten Wanderweg nach Wehnde. Ein Traktorist meint, also wenn Sie da durch wollen, die Wege sieht man kaum… Schließlich drehe ich doch um, Zeitverlust, neue Planung.

Der Sielmann-Weg. Nach einer Weile steiler. Dann extrem steiler. Dann extremistisch steiler. Etwa 300 Meter Weg wie eine Wand. Bei Feuchtigkeit unbegehbar. Aber unvergesslich!

Oben, ein Ehepaar. „Ah, Sie sind doch der von dem Zeitungsartikel heute früh?!“ Ich natürlich keine Ahnung, aber Vermutung. Ein paar Fotos, tschüss, später treffe ich sie wieder.

Eine Gabelung. Rechts Fuhrbach, links Gut Herbigshagen. Durch den Zeitverlust schwenke ich links ab und komme erstmal zum Harzblick.
Nach zwischenzeitlichem Getröpfel ziehen in kurzen Abständen helle Lichtzonen über die weiträumige Landschaft mit den rötlichen, grünen und kornfarbenen Gliederungen, und ganz im Hintergrund hoch aufsteigend der blaue Harz. Ich bekomme eine ungewöhnliche Bildserie in die Lumix.

Gut Herbigshagen und Heinz-Sielmann-Stiftung. Die gestrige Vereinbarung mit Herrn Bürgermeister Nolte spreche ich mit Herrn Spielmann und Frau Schaaf durch, mit positivem Ergebnis. Worum es geht? Aus der geplanten 1000-km-Wanderung 2011 wird ein Segment von 130 km herausgelöst. Diese 130 km liegen als Grünes Band unter der Aufsicht der Sielmann-Stiftung zwischen Bad Sachsa und Wanfried. Dorthin werden sie verlegt.

Der restliche Weg führte noch zurück nach Duderstadt.

Übrigens, das waren heute mindestens 14 Wanderkilometer.

R.

Tag 100, Dienstag, 21.8.12, Regensburg bis Baggersee und zurück

Wie wäre es mit einer Donaurundwanderung bis zu diesem See? Er liegt 5 km westlich neben der Donau. Möglichst 10 km will ich heute schaffen, das müsste also passen!

Schräg gegenüber meines Frühstücks-Tisches ist eine Sitznische; an der Wand hängen acht Bilder, die den Papst zeigen. Es wirkt, als ob er hier gewesen ist.

Hinter der nördlichen Brücke geht neben der Schleuse ein Radweg donauaufwärts in Richtung Ulm. Zuerst drückt der Schaft so, dass ich am Zaun der Schleuse die Prothese neu anziehen muss. Danach geht’s etwas besser, denn die Gewöhnung macht’s.

Neben der Autobahn-Donaubrücke steht eine dreiteilige Fußgängerbrücke über den dreifach geteilten Fluß. Hier verläuft der Naabradweg, drüben der Donauradweg. Naab, das kenne ich noch von der Schule: „Iller, Lech, Isar, Inn fließ’n zu der Donau hin, Altmühl, Naab und Räsch’n fließen ihr entgesch’n! Völlig richtig geschrieben, ich war ja in Sachsen in der Schule.

Auf diesem Weg wandere ich in einem großen Bogen zum Baggersee. Ein Radfahrer steigt ab. Er spricht mich wegen des gestrigen Artikels in der mittelbayrischen Zeitung an. Es geht wieder um die Themen Bewegung und speziell Radfahren. Er erzählt aber auch, dass er den Papst schon lange kenne. Ja, in der besagten Sitzecke sei er schon gewesen.

Nach sechseinhalb km beginne ich die Runde um den Baggersee. Auch hier, wie in der Donau, gibt es vereinzelte Schwimmer. Das Wasser sieht auch recht sauber aus, die paar Leutchen vermindern die Qualität nicht übermäßig. Nebendran ist ein Freibad mit entsprechender Gräuschkulisse und gechlorten Badegästen. Erinnert mich an meinen Biergarten, nur auf andere Art feucht-fröhlich!

Ich steuere wieder auf die lange Brücke für Fußgänger zu. Dort mache ich eine Schleife durch den Inselpark Obere Wöhrd. Das war mal eine Halbinsel, bis im 14. Jahrhundert ein Hochwasser einiges Land wegschwemmte.

Ein Fußballplatz. Eine Rasenbesprengungsanlage tackert im Kreis und nässt die kurzen Halme ein. Sie übt eine geheimnisvolle Anziehungskraft aus. Zumindest bleibe ich stehen. Die stoßweise herausgeschleuderten Tropfen glitzern enorm feucht. Ein dünner Schleier entsteht auf der entgegengesetzten Seite. Meine Haut fühlt sich an wie nach zehn km Sahara. Unwillkürlich dichte ich die Lumixcamera mit dem T-Shirt ab und meine Schritte kommen von der vorgedachten Linie ab. Dann habe ich den Sprühregen über mir. Wunderbar! Warum gibt es nur so wenige dieser Anlagen?

Bevor ich über die Brücke die nächste Insel erreiche, mache ich meine dritte Rast. Wegen der Wärme habe ich mein heutiges Trinkpensum sehr genau eingeteilt. Zwischen den halbstündlichen Rastzeiten nehme ich zusätzlich immer nochmal einen isotonischen Fitness-Mineraldrink. Das ständige Schwitzen verlangt den Ausgleich des Mineralienverlustes. Aber auch die B-Vitamine als Energielieferanten gleiche ich regelmäßig aus. Insgesamt habe ich morgens incl. Frühstück 1,5 Liter und unterwegs 3,5 Liter getrunken.

So langsam merke ich zwar die Kilometer im Schaft, die mit glühenden Schuhsohlen und mit ungeplanten Schlenkern dazugelaufen wurden, aber ansonsten lief es doch unverhofft problemlos. Es ist schon fast 18:30, als ich nach über neun Stunden mit etwa 30 Grad Wärme ohne Ventilator am Quartier zurück bin.

Km heute: Soll 12,5 Ist 14

Km gesamt: Soll 1250 Ist 1250